Syrien – wie es wirklich war und ist


Karin Leukefeld: „Syrien zwischen Schatten und Licht“ – Menschen erzählen von ihrem zerrissenen Land, Rotpunkt Verlag, Zürich 2016

 

Eine Buchbesprechung von Peter Toplack

In ihrem im Rotpunktverlag in der Schweiz erschienenen Buch über Syrien beschreibt die Autorin Karin Leukefeld die Geschichte Syriens von 1916 bis 2016 unter Einbeziehung der Erlebnisse und Berichte von Personen, die diese Zeitspanne indirekt bzw. direkt erlebt haben. Karin Leukefeld hat familiäre Beziehungen zu Syrien, aus denen sich vielfältige freundschaftliche Kontakte ergaben, die sich bis heute gehalten haben. Sie ist schon lange Zeit als Korrespondentin über Vorgänge im Nahen Osten tätig und besitzt auch eine Akkreditierung als Journalistin in Syrien. 

Es gibt nur wenige Journalisten, die offiziell aus der Republik Syrien – wie der Staat auch heute noch offiziell genannt wird – berichten; für deutschsprachige Journalisten braucht man zur Aufzählung nicht viele Finger. Viele der Journalisten, die vorgeben, aus Syrien zu berichten, betreten das Land illegal über die Türkei, seltener über den Libanon, und bewegen sich nur im Bereich, der von Kämpfern gegen die Regierung in Damaskus besetzt ist. Im Gegensatz dazu ist Frau Leukefeld sehr häufig im Jahr in Damaskus und reist, so es die Umstände erlauben, auch in andere Regionen wie etwa Aleppo, Homs oder Palmyra.

Die Autorin war nach ihren Studien der Arabistik und Politologie in verschiedenen Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland tätig, darunter auch bei den Grünen oder als Hilfe eines Abgeordneten der PDS. Sie veröffentlicht ihre Berichte meist bei Zeitungen, die aus DDR-Medien hervorgegangen sind (Neues Deutschland oder Tagesspiegel), häufig in Form von Interviews über die russischen Medien RT-Deutsch oder Sputnik, aber auch in Zeitungen der Schweiz oder im Regionalfernsehen. Dass sie mit ihren Berichten Interesse erweckt, zeigt auch ihre vielfältige Vortragstätigkeit auf Einladung von Organisationen, die nicht dem linken politischen Spektrum angehören. Dass ihre Kommentare vorwiegend nur in linkslastigen Presse-Medien auftauchen, liegt daran, dass sich diese kaum mit Auffassungen im Sinne der „politischen Korrektheit“ decken.

Karin Leukefeld versucht in diesem Buch ähnlich wie auch in ihren vielen Interviews und Artikeln in ruhiger Erzählweise ohne Aufregung und einseitiger Schuldzuweisung die Entwicklung der Lage im heutigen Syrien darzustellen. Dazu gelingt es ihr hervorragend, Menschen aller Altersgruppen und der verschiedensten religiös-ethnischen Herkunft zur Sprache kommen zu lassen. Der Rezensent des vorliegenden Buches ist ganz sicher nicht der Linken oder ähnlichen Strömungen zuzurechnen, war selbst häufig in Syrien und beschäftigt sich mit diesem Land und seinem Schicksal seit 27 Jahren. Die Autorin beschreibt die Menschen – speziell jene, die im Buch geschildert werden – in einer Form, wie auch der Rezensent den großen Teil der syrischen Menschen bis in den Beginn dieser fürchterlichen Prüfung hinein erlebt hat. 

Schon die Einleitung, die ein Geburtstagstreffen in Beirut beschreibt, zeigt, welch vielfältiger Herkunft Menschen in dieser Region sein können und welche Attraktivität das restliche Gebiet des alten Großsyriens (ungefähr heutiges Syrien, Libanon, Palästina samt Israel, Teile von Jordanien und der Südtürkei) auch auf Personen ausübt, die nicht hier geboren sind. Diese Einleitung ist ein sehr guter Einstieg in den Hauptteil des Buches, den die Autorin in sieben Abschnitte einteilt. Alle Abschnitte sind jeweils einer bestimmten Zeitspanne zugeordnet, in denen zusammen die historische Entwicklung Syriens von 1916 bis 2016 beschrieben wird.

Dazu wird in jedem dieser Abschnitte das Leben und Wirken von Personen beschrieben, die die entsprechende Zeitspanne erlebt oder mitgestaltet haben. Das Leben von Personen, die bereits verstorben sind, wird von deren Ehefrauen oder Kindern überliefert. Personen die heute noch leben, erzählen selbst über ihr Leben. Ausnahmen sind Hafiz al-Assad (Präsident von 1974 bis 2000) und sein Sohn Bashar al-Assad (Präsident seit 2000), deren Leben und Wirken die Autorin versucht, weitgehend neutral zu übermitteln. 

Besonders interessant sind im fünften Abschnitt drei Berichte, die sich mit den Händlern auf der Geraden Straße in Damaskus, mit den Kunsthandwerkern von Damaskus und mit einem Frauenprojekt beschäftigen. Alle zur Sprache kommenden Händler und Produzenten geben ihre Sorgen über die Einkommensverluste durch den versiegenden Absatz und die geringen Zukunftshoffnungen wieder. Sehr interessant ist der Bericht über einen Glasbläser, den der Rezensent auch kennt, dessen Betrieb über mehrere Generationen ganze Familien ernährt hat. Der Ofen für die Glasschmelze ist während dieser Zeit nie ausgegangen, musste aber in der letzten Zeit stillgelegt werden. Man kann nur hoffen, dass – umgelegt auf die Umgangssprache – Syrien und den syrischen Menschen nicht auch „der Ofen ausgeht“.

Der siebente Abschnitt ist der Zeit seit 2011 und der durch den „Arabischen Frühling“ induzierten Katastrophe gewidmet. Die Autorin lässt hier auch Jugendliche, die sie über Jahre immer wieder getroffen hat, mit ihrer Vorstellung über die politischen Zustände im Land und die unsichere Zukunft zu Wort kommen.

Abschließend wird dem Leser auf 23 Seiten eine sehr gute Zusammenfassung der historischen Entwicklung Syriens in den letzten 100 Jahren angeboten, danach auf weiteren sieben Seiten eine ausführliche Begriffserklärung.

Aus allen Berichten kann der Leser ersehen, wie sehr die über das Land seit 2011 hereingebrochene Katastrophe das Leben auch jener syrischen Menschen verändert hat, die nur am Rand mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zu tun haben. Alle eint aber trotz ihrer verschiedenen Ansichten, trotz ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellung und trotz ihrer unterschiedlichen religiösen Zugehörigkeit die Hoffnung, dass Syrien nicht zerfällt und eine tolerante Gesellschaft, wie sie bis 2011 weitgehend das Leben in diesem Land beherrscht hat, wieder hergestellt werden kann.

Das Buch bietet dem Leser eine weitgehend neutrale Darstellung ohne Wertungen, was man im Vergleich mit der heutigen einseitigen und zu einem großen Teil aggressiven Berichterstattung über Syrien ja eigentlich schon als eine „politisch nicht korrekte und daher nicht tolerierbare Wertung“ sehen kann. Hier berichtet jemand, der das Land kennt, auf die Menschen zugeht und sie auch zu verstehen sucht – nicht nur sprachlich, sondern auch in ihrer Verschiedenheit der Ansichten und der religiösen Identitäten.

Bearbeitungsstand: Freitag, 25. November 2016
 
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