Das Gender-Paradoxon


Mann und Frau als evolvierte Menschentypen

„Das Gender-Paradoxon“ von Ulrich Kutschera, Lit Verlag[1] 2016, ISBN 978-3-643-13297-0; das Buch ist Teil der Reihe „Naturwissenschaft und Glaube“, als deren Herausgeber Prof. Dr. Ulrich Kutschera und Prof. Dr. Uwe Hoßfeld fungieren. 


Eine Buchbesprechung von Mathias Holweg

Ulrich Kutschera,[2] Evolutionsbiologe am Institut für Biologie in Kassel, legt in diesem im Februar 2016 veröffentlichten Buch im Zusammenhang mit der Darstellung humanbiologischer Fakten seine Kritik an der Gender-„Ideologie“ ausführlich dar. Im April dieses Jahres führte Kutscheras Haltung zur Genderforschung dazu, dass ein geplanter Vortrag an der Philipps-Universität Marburg über die Grundlagen der Evolutionsbiologie für die Veranstaltungsreihe „Studium generale“ nicht zustande kam. Auf Veranlassung der Frauenbeauftragten der Universität hatte sich deren Präsidentin für eine Ausladung Kutscheras ausgesprochen. Kutschera kam der Ausladung durch eine Absage zuvor, da er im Vorfeld erfahren hatte, dass Studentenvertreter beabsichtigten, die Veranstaltung zu stören. Der Fachbereichsrat der Marburger Biologie kritisierte die Begründung der empfohlenen Ausladung und äußerte seine Besorgnis darüber, dass die Universität Marburg „in der Öffentlichkeit unter den Verdacht der Zensur kritischer Positionen geraten“ sei. Im September 2016 fasste Kutschera seine im Gender-Paradoxon dargelegte Position zusammen und zog die Schlussfolgerung, dass „eine Humanwissenschaft ohne biologische Grundlage unsinnig“ sei.

Kreationismus und Gender-Ideologie können als zwei Facetten des Dogmenunwesens gesehen werden, bei dem naturgesetzlich feststellbare Fakten verdreht bzw. entstellt werden und in gesellschaftliche Sackgassen leiten. Die Bücher der Schriftenreihe des LIT-Verlages behandeln dieses Geistesphänomen, das die westliche Wertewelt in Geiselhaft zu nehmen trachtet.

Das gegenständliche Buch zeigt die Entstehung der Gender-Ideologie (allgemeinsprachlich als Gender-Mainstreaming kodiert) beginnend im 19. Jahrhundert mit dem Darwinschen Feminismus, dem Plattmachen der Unterschiede der Geschlechter in der DDR im Sinne einer Gleichheit aller Menschen und der vom Erziehungswissenschaftler John Mooney (1921–2006) aus einer Zwitter-Studie abgeleiteten Gender-Theorie. 

Deren Kernaussage (Dogma): Menschen würden als geschlechtsneutrale Unisex-Wesen geboren und erst danach durch erzieherische Prägung in männlich und weiblich getrennt. Starker Tobak, sollte man meinen, aber diese Phantasien nehmen ihren Weg in den Alltag und finden fette Subventionen auf EU-Ebene bis hinunter in die Klassenzimmer der Pflichtschulen. 

Dieser Meinungsmache stellt Kutschera handfeste naturwissenschaftliche Erkenntnisse gegenüber, wie sie seit dem 18. Jahrhundert erarbeitet wurden und wiederholgleich bestätigt zu praxistauglichen Kenntnissen führen. So hat die Genetik bis 2005 die Erkenntnis gebracht, dass sich Mann und Frau genetisch zu 1,5 Prozent voneinander unterscheiden; Männer untereinander, wie auch Frauen untereinander, zu weniger als 0,15 Prozent! Der Unterschied von 1,5 Prozent soll etwa gleich groß sein wie der zu unseren nahen Verwandten, den Schimpansen. 

Diese genetisch gewonnenen Erkenntnisse bestätigen die Erfahrung, dass Medikation und Therapie bei Mann/Frau unterschiedlich greifen, was zur Etablierung geschlechtsspezifischer Medizin – der Gender-Medizin – geführt hat.

Kutschera beschreibt einzelne Auswüchse des Gender-Mainstreamings speziell in unserer Gegenwart. Auch interessant ist die exakte Deutung der Begriffsinhalte der Wörter Sex und Geschlecht (engl. Gender) aus biologischer Sicht, und wie diese Begriffsinhalte in Soziologie und Psychologie umgedeutet werden und so eine gute Basis für Irrtümer und Verwechslungen darstellen, mit denen es sich grenzenlos dialektisch schwadronieren lässt.

Der eloquente Stil des Autors und die Bezüge zu aktuellen Polemiken in unserer medialen Öffentlichkeit und ihrer politischen Umsetzung machen das Lesen spannend und leicht. Eine gelungene Einführung in die Gegensätze von Naturwissen und Glaubenslehren.

Anmerkungen

[1] Der 1980 von Dr. Wilhelm Hopf gegründete „LIT Verlag Berlin Münster Wien Zürich London“ (http://www.lit-verlag.de) ist einer der führenden deutschsprachigen Wissenschaftsverlage mit interdisziplinärer internationaler Ausrichtung. Bisher sind fast 15.000 Titel erschienen, davon fast 1900 englischsprachige Titel. Jährlich erscheinen an die 1.000 Titel inkl. 150 Neuauflagen. Der Verlag gehört zu den wenigen noch vom Inhaber geführten Wissenschaftsverlagen. Daran soll sich laut Verleger – gegen den Trend – auch in Zukunft nichts ändern. Auch die Lektoren Veit-Dietrich Hopf (Berlin) sowie Dr. Michael Rainer, Guido Bellmann und Martin W. Richter (Münster) sorgen seit vielen Jahren für Kontinuität.

[2] Ulrich Kutschera, Jahrgang 1955, ist ein deutscher Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe. Er ist Professor am Institut für Biologie der Universität Kassel und arbeitet seit 2007 zusätzlich als Visiting Scientist in Stanford, Kalifornien, USA. Interviews, Fachbücher und Medienauftritte sowie Aussagen zu wissenschaftstheoretischen Themen machten ihn auch außerhalb seiner akademischen Tätigkeit bekannt. Kutschera studierte Biologie und Chemie in Freiburg. 1985 wurde er mit einer pflanzenphysiologischen Dissertation mit dem Gesamturteil „Summa cum laude“ promoviert, für die er 1986 den Goedecke-Forschungspreis erhielt. Von 1985 bis 1988 war er zu einem Forschungsaufenthalt als Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in den USA, an der Stanford University in Kalifornien (Department of Biological Sciences; Carnegie Institution) und an der Michigan State University (MSU-DOE Plant Research Laboratory). Während der beiden ersten Jahre arbeitete er als US-Postdoctoral Fellow und danach als Research Associate (mit Lehrauftrag). Ab 1988 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Botanischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. 1990 erfolgte seine Habilitation. 1992 wurde er auf die C4-Professur für Pflanzenphysiologie an die Universität Kassel berufen. 2001 wurde ihm zusätzlich das Lehrgebiet Evolutionsbiologie übertragen. Kutschera war bis 2016 Mitglied im Beirat der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus und ist Autor zahlreicher Lehrbücher. Er arbeitet aktiv als ehemaliger Vizepräsident des Verbandes Deutscher Biologen und Vorsitzender des Arbeitskreises.

Bearbeitungsstand: Freitag, 25. November 2016
 
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