Ein Konzept für die Welt


National + Liberal + Global

 

Von Gerulf Stix

Ein Konzept für die ganze Welt? Allein der Versuch, für alles und jedes einen Plan, gar ein Regelwerk aufzustellen, wäre mehr als vermessen. Zu komplex ist die Welt, in der wir leben. Allein schon der Teilbereich POLITIK für sich genommen übersteigt an Komplexität das menschliche Denk- und Vorstellungsvermögen. Hinzu kommt, dass dieser Teilbereich mit vielen, vielen anderen Teilbereichen dermaßen verflochten ist, dass eine genaue Abgrenzung schier unmöglich ist. Abgrenzungen bleiben da immer Kompromisse; Arbeitsbehelfe, über die mehr oder weniger Einvernehmen herrscht.

Und dennoch braucht der Mensch Orientierungshilfen. Ohne solche wird er zum hilflosen Treibgut im Mahlstrom unüberschaubarer Geschehnisse. Da liegt es nahe, einen Vergleich mit Kompass und verschiedenen Landkarten zu Hilfe zu nehmen. Um durch unwirtliche Gegenden mit unbekannten Schluchten, Wasserläufen und Bergen oder Wüsten einen Weg zu einem angestrebten Ziel zu gehen, benötigt man eine taugliche Landkarte. Aber wie findet man die richtige Richtung in vernebelter Landschaft oder auf unbekanntem Meer? Womöglich gibt es auch gar keine brauchbaren Land- oder Seekarten? Wenn Geokarten nicht verfügbar oder unbrauchbar sind, hilft nur mehr der Kompass, um wenigstens die Richtung zu finden. 

Ähnlich ergeht es uns angesichts der Komplexität der Welt. Wir brauchen einen Kompass, damit wir halbwegs eine Richtung finden können. Hier nun wird der Versuch unternommen, einen Kompass, eine Orientierungshilfe für einen Teilbereich der Welt, nämlich für die Welt der Politik zu erstellen. Es geht also nur darum, eine Richtung zu weisen. Der Weg oder, besser gesagt, die vielen möglichen Wege bleiben trotz guter Orientierungshilfe eine unendlich schwierige Passage. 

These – Antithese – Synthese

Um sich überhaupt verständigen zu können, muss an altbekannte Begriffe angeknüpft werden. NATIONAL ist ein solcher, auch LIBERAL. Ein neuerer Begriff ist GLOBALISIERUNG, doch kürzer und zugleich auch älter ist das Wort GLOBAL. Gewiss gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Begriffe, an die angeknüpft werden könnte. Einigen werden wir auch hier noch begegnen. Aber mein Eindruck ist, dass sich gerade angesichts der uns umgebenden Komplexität als gut zu handhabender Kompass der Dreiklang aus NATIONAL + LIBERAL + GLOBAL anbietet. Das wird hier noch zu beweisen sein. Zugegeben, diese so aneinander gereihten drei Begriffe erscheinen teilweise als widersprüchlich, ja vielleicht sogar als paradox. Aber ist nicht unser ganzes Leben von scheinbaren Widersprüchlichkeiten durchzogen, mitunter also paradox? Kennen wir nicht etwa Liebe und Hass als Gegensätze und wissen doch zugleich auch, dass es so etwas wie Hassliebe gibt? Nehmen wir also anscheinende Widersprüche einmal hin und schauen wir uns an, ob sich dafür eine Auflösung findet. Nehmen wir den Stier bei den Hörnern und beginnen wir – in umgekehrter Reihenfolge – mit der Globalisierung. 

Global

Das Stichwort „Globalisierung“ regt die Gemüter auf. Doch ist der Streit, ob man dafür oder dagegen ist, schlichtweg müßig. Die Globalisierung ist ein Faktum, sie findet statt. 

Allein darüber ließe sich mühelos ein dickes Buch schreiben. Viel schwieriger ist es da, das Faktum mit wenigen Worten zu beschreiben. Noch vor wenigen 100 Jahren gab es unentdeckte Kontinente. Der Raum schien riesig und unbegrenzt zu sein. Heute? Weltumspannende Verkehrsnetze, dichter Flugverkehr, Massentourismus, Staus auf Autobahnen und Städte, die an einer nie dagewesenen Mobilität ersticken. Der Raum ist geschrumpft. Alle wissen, dass wir auf einem kleinen, kugelartigen Planeten mit dünner Luftschicht und überbeanspruchten Ressourcen leben. Jahrtausende glaubte man, die Erde sei eine Scheibe. In der Raumfahrt – etwas total Neues! – gibt es eine hochtechnisch organisierte Zusammenarbeit zwischen Großmächten, die politisch sogar verfeindet sind. Ein Widerspruch? Oder ein reales Paradoxon?

Nicht bloß der Raum ist geschrumpft, mit ihm auch die Zeit. Fernurlaube sind für Millionen von Menschen an der Tagesordnung. Von Wien nach Australien zu fliegen, ist eine Angelegenheit von weniger als 40 Stunden, keine monatelange Weltreise wie anno dazumal. Vom Auto als einem – psychologisch so empfundenen – technischen Körperteil zwecks Mobilität in früher kaum erreichbarem Umkreis gar nicht zu reden. 

Zugleich träumt der verstädterte, GPS-geleitete Autofahrer auf verstopften Straßen und auf dem Weg zum entlegenen Arbeitsplatz vom „einsamen Leben in unberührter Landschaft“. Das nächste Paradoxon!

Auch die Kommunikation ist längst global. Stichworte: Internet und iPhone. Jeder ist jederzeit nahezu überall zu erreichen – und das prompt. Entfernungen? Zeitbedarf? Ganz im Gegenteil weckt die totale Erreichbarkeit überall und immer bereits wieder umgekehrt den Wunsch nach Ruhe und Unerreichbarkeit. Wieder so ein Paradoxon!

Zur globalen Kommunikation gehört genau so, dass wir über Fernsehen oder Social-Media sofort erfahren, wenn etwas Aufregendes in irgendeinem Winkel der Welt passiert. Ob das für uns wichtig oder unwichtig ist, werden wir gar nicht gefragt. Wir werden mit Informationen zugemüllt – und auch manipuliert.

Zuletzt seien in dieser absichtlich nur stichwortartigen Aufzählung einige Bemerkungen zur WIRTSCHAFT gemacht. Sie ist längst nicht bloß international, sondern buchstäblich global. Die „Transnationalität der Probleme“ gehört zum Tagesgeschäft. Ein KMU in den Alpen – von Konzernen ganz zu schweigen – bezieht Rohstoffe aus Asien und Südamerika, Knowhow aus Indien und verkauft seine Produkte in die Nachbarländer, nach Übersee und nach Russland. Das ist nur ein Beispiel für tausende ähnlicher Fälle. Mit der Bernstein- und der Seidenstraße begann es und mit der Globalisierung hat diese Entwicklung (vorerst) ihren Höhepunkt erreicht. Ein Faktum. 

Die Schlussfolgerung aus dieser Gesamtentwicklung führt zu einer ganz einfachen These: Wir müssen uns der Globalisierung stellen, weil wir mit ihr leben müssen. Die Sicherung unserer eigenen Existenz erfordert zwingend, global auf die realen Gegebenheiten Bedacht zu nehmen. Allerdings: eben nicht bloß allein auf die globalen Verhältnisse – wie noch zu zeigen sein wird!

Liberal

Nur wenige Begriffe werden in einer derartigen Bandbreite verwendet wie das Wort LIBERAL. Sie reicht von der persönlichen Freiheit des Einzelmenschen, seinem Recht auf Selbstbestimmung, bis hin zum utopischen Anarcho-Liberalismus. Beispielsweise bedeutet der heute oft strapazierte „Neo-Liberalismus“ für seine Anhänger, möglichst alles ohne Regelwerke beliebig tun zu dürfen. Seine zumeist konservativen Gegner hingegen stilisieren den Neo-Liberalismus zum Feindbild schlechthin hoch. Für uns hier steht Liberalismus in seinem ursprünglichen Sinn für Selbstbestimmung, also für persönliche Freiheit im Rahmen einer sie schützenden Ordnung. Nicht von ungefähr sind die alten Liberalen stolz auf die Beseitigung von Sklavenwirtschaft und Leibeigenschaft! Dem berühmten Paracelsus verdanken wir die Erkenntnis, dass allein die Dosis darüber entscheidet, ob ein Stoff zu Gift oder zur Arznei wird. Die Freiheit ist so ein Stoff. Als klassischer Liberaler bekenne ich mich zur Freiheit als Arznei. 

In der globalisierten Welt kommt es darauf an, den schmalen Grat zwischen Freiheiten, einer dafür nötigen Ordnung und ungezählten Sachzwängen zu finden und zu gehen. Ein Balanceakt für alle Menschen, die das wollen! Und sie sind ständig vom Absturz bedroht, sei es durch Unwissen, durch Irrtum, aus Schwäche oder auch infolge eines verblendeten Fundamentalismus. Gerade eine liberale Grundhaltung benötigt einen ausgeprägten Sinn für das jeweils Mögliche. Es gilt, zwischen Grundsatztreue einerseits und sturem Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen andererseits abzuwägen. 

Fundamentalismus beispielsweise ist da selten hilfreich. Wer etwa in jeder Ordnung und jeder Ordnungsmacht, die eine Freiheitsordnung mit Augenmaß schützt, einfach „Feinde der Freiheit“ erblickt, ist kein Liberaler, auch wenn er sich selbst so sehen möchte, sondern in Wahrheit ein aggressiver Fundamentalist und somit ein potenzieller Diktator. Das sei, um ein Beispiel herauszugreifen, den Leuten vom „Schwarzen Block“ ins Stammbuch geschrieben. 

Ein Feind der Freiheit ist auch die unbegrenzte Gleichmacherei. Daran ändert auch nichts der Spruch aus der Französischen Revolution von 1789: Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit. Damals zielte diese Forderung nach Gleichheit bloß auf die Beseitigung der unerträglich gewordenen Privilegien einer sich als absolut verstehenden Adelsklasse. Die Epigonen dieser historischen Forderung freilich legten GLEICHHEIT völlig anders aus: Jede Ungleichheit sollte abgeschafft und absolut alles für alle gleichgemacht werden. Das gipfelte in der Forderung nach absolut gültigen, universellen Menschenrechten für alle Menschen auf dieser Welt. Mit den inneren sowie den realpolitischen Widersprüchen dieser utopischen Ideologie hat sich Jan Mahnert gründlich auseinander gesetzt.[1] Hier genügt deswegen der Hinweis darauf, dass eine fundamentalistische Ausweitung der Menschenrechte die Abschaffung der Demokratie und letztlich aller Staaten bewirken würde. Unbegrenzte Freiheit für jedes Individuum überall auf unserem kleinen Planeten als „Menschenrecht“ im Sinne von totaler Gleichheit aller würde jede auch noch so vernünftig gebotene Ordnung unmöglich machen. Daher werden auch alle Versuche in diese Richtung zuerst in chaotischen Situationen und in weiterer Folge in blutigen (Bürger-)Kämpfen „aller gegen alle“ enden. 

Gerade eine betont freiheitlich ausgerichtete Politik darf es nicht dazu kommen lassen. Um Paracelsus abzuwandeln: Die Dosis entscheidet, ob eine Ideologie zum Gift oder zur Arznei wird …

National

Das Gegenteil von Individualismus ist Kollektivismus. Er ist das Markenzeichen schlechthin für alle Spielarten des Sozialismus. Stichwort: Stalinismus. Doch sozialistische Ideologien besitzen da keinen Alleinanspruch! In der jüngeren Geschichte haben alle faschistischen Regime mit der Idee vom Kollektiv operiert. Die Beweggründe oder die Zeitumstände dafür mögen unterschiedlich gewesen sein, das jeweilige Endergebnis hieß: Gleichschaltung. Unbeschadet ihrer unterschiedlichen politischen Einfärbung waren und sind der schwarze, braune und rote Faschismus durch eine Ideologie des Kollektivismus einander sehr ähnlich. In unserer Zeit steht der islamistische Faschismus im Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Seine konfessionelle Triebfeder schließt Kollektivismus keineswegs aus. Sie bildet in geradezu erklärter Weise das Fundament für einen ganz offen höchst grausamen Kollektivismus. 

In diesem weitgespannten Bogen zwischen purem Individualismus am einen Ende und purem Kollektivismus an seinem anderen steht NATIONAL in der Mitte. Nach klassischem nationalem Verständnis besitzt der Mensch eine Doppelnatur. Er ist Einzelperson, Individuum und will sich bzw. sollte sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln. Zugleich ist er aber auch Teil verschiedener Kollektive, sprich: Gemeinschaften. Deren Spannweite reicht von Familie und Nachbarschaft über Klassen- und Religionsgemeinschaften sowie Vereinigungen aller Art bis hin zum Kollektiv der Staatsbürger. Ein Kollektiv überragt alle, nämlich die Abstammung. Die meisten Kollektive kann man sich (mehr oder weniger) aussuchen, häufig sogar wechseln. Allein Abstammung und Herkunft vermag niemand zu wechseln. Das trifft auch für gemischte Elternschaft zu, was nicht selten zu Problemen führt. Sogar von der Muttersprache – meist Teil der Abstammung – kann man in eine andere Sprachgemeinschaft wechseln. Ebenso können sich Aufenthaltsorte und schließlich sogar Heimaten verändern. Ja, Aufenthaltsorte und Gemeinschaften, zu denen man sich bekennt, lassen sich ändern – die Abstammung hingegen nie! Man mag sie bejahen oder verleugnen, vielleicht sogar verfluchen: Abstammung bleibt Abstammung. Mit dieser Doppelnatur muss der Mensch leben. Dass dieses Faktum unausweichlich auch in der Politik seinen Niederschlag findet und dieser auf möglichst verträgliche Weise vonstatten gehen soll, ist die Grundüberzeugung aller „national“ denkenden Menschen. 

Im Laufe der Geschichte hat der Begriff NATION (lateinisch heißt natio = Geburt) selbst eine Doppelbedeutung erfahren. Ursprünglich an die Abstammung, also an das Volk gebunden, wird im heute medial herrschenden Sprachgebrauch der Aufenthaltsort, also das „zuständige“ Staatsgebiet betont. Wurden früher die Völker durch Staatenbildung zu Nationen, so machen sich die heutigen Staatsgebilde sozusagen ihre Nationen selbst (Etatismus). Die Juristen ordnen dem Staat die Staatsgewalt, das Staatsvolk (d. i. die Summe aller Staatsbürger) und das Staatsgebiet als „sein“ Territorium zu. Die geschichtlich machtpolitisch entstandenen Staaten erklären dann einfach die Summe ihrer Staatsbürger zur kollektiven Nation. Auf dem Papier ist das bestechend einfach. In der Lebenswirklichkeit hingegen lässt sich der natürliche Faktor der völkischen Abstammung nicht so einfach ignorieren. Er verlangt energisch seine Beachtung und sein Recht, beispielsweise im Minderheitenschutz. Wir alle, unser Staat, Europa und die ganze Welt stehen inmitten dieser vielschichtigen Machtkämpfe zwischen den Lebenskräften einerseits und den papierenen Konstruktionen andererseits. Die Auswirkungen der modernen Völkerwanderung und Flüchtlingsströme führen das tagtäglich vor Augen. 

National und Liberal 

In der Geschichte Mitteleuropas, insbesondere in den deutschen Landen hat es erst vor rund 250 Jahren eine Zeit gegeben, in der sich nationales Wollen und liberale Bestrebungen verbündet hatten. Die studentischen Verbindungen sind heute noch stolz auf ihre Rolle im Jahr 1848. Aus diesem Bündnis von Ideen sind sowohl die sogenannten Nationalstaaten entstanden als auch die meisten republikanischen Einrichtungen, vor allem die Parlamente als Volksvertretungen. Dieter Grillmayer hat dieser Geschichte ein ganzes Buch gewidmet.[2] Wir wissen daher aus der Geschichte, dass NATIONAL und LIBERAL harmonieren können, und zwar politisch sehr fruchtbar. Ich halte es allerdings für wichtig, das Wörtchen „können“ zu unterstreichen. Denn wie bei allen Ideologien gibt es ebenso bei den liberalen wie bei den nationalen eine enorme Bandbreite. Und wie bei jeder Bandbreite finden sich auch hier Extreme. Jeder Genius-Leser kennt selbst genügend Beispiele für alle Spielarten. Zum Liberalismus und seinen Erscheinungsformen wurde schon auf Seite 3 dieser Abhandlung einiges gesagt. 

Der Nationalismus – heute meist als „Unwort“ verwendet – ist in allen seinen Varianten, den schönen ebenso wie den hässlichen, eine durchaus selbstständige politische Kraft. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Meistens verbündet sich Nationalismus je nach den Zeitverhältnissen mit den verschiedensten anderen Ideologien – vom Liberalismus bis zum Sozialismus. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wort Nationalismus einmal im völkischen Zusammenhang (Abstammung, Muttersprache) und ein anderes Mal im etatistischen Sinne, d. h. im Sinne von Staatsnation mit beliebiger Bevölkerung gebraucht wird. Den Gipfelpunkt missbräuchlicher Wortverwendung freilich leisten sich alle jene Machtmenschen, die für ihre „Größe“ und ihre höchstpersönliche „Geltung“ dann an eine ihnen passende „Nation“ appellieren, um deren Kräfte erbarmungslos vor den Wagen der eigenen politischen Ziele zu spannen. Die Namen dieser größenwahnsinnigen Machtmenschen füllen die Geschichtsbücher. In unserer Gegenwart fühlt man sich an einen gewissen Recep Tayyip Erdogan erinnert. Das diene nur als Beispiel für andere Zeitgenossen auf der Weltbühne. 

Die Sichtweise des Sowohl-als-auch

Dem Dreiklang National–Liberal–Global zu folgen, wird immer eine Gratwanderung bleiben. Als richtungsweisender Kompass ist er selbst in schwierigen Situationen gut brauchbar. Freilich wird man nicht ohne genaue Landkarten das Auslangen finden. Oft und oft müssen politische Landschaften auch neu vermessen werden. Im Falle der zunehmenden Globalisierung trifft das gewiss zu. Wichtig ist, dass man dabei von allen Fundamentalismen und Extremismen geziemenden Abstand hält. Einseitige Justamentstandpunkte oder ein Festhalten an der „reinen Lehre“, gleich welcher politischen Färbung, führen eher in ein Desaster als zum Ziel. Es kommt bei diesem Dreiklang eben nicht auf ein Entweder-oder an, sondern auf ein ausgewogenes Sowohl-als-auch! Fanatiker neigen dazu, Dinge ganz allgemein als schwarz oder weiß zu beurteilen. Diese Methode entspricht sicherlich nicht der komplexen Lebenswirklichkeit. Viel besser ist es, sowohl die Argumente der einen Seite als auch die der anderen Seite abzuwägen. Politisch tragbare Lösungen beinhalten fast immer Kompromisse. Fundamentalisten und erst recht Extremisten hören das nicht gern. Meist sind sie selber auch nur dann „Demokraten“, wenn alle nach ihrer Pfeife tanzen. Sture Uneinsichtigkeit führt unweigerlich zum gewalttätigen Zusammenprall. 

Der tobende Meinungsstreit um die sogenannte multikulturelle Gesellschaft und um ein vereintes Europa bietet ein aktuelles Beispiel für Uneinsichtigkeit. Aus nationalem Verständnis ist eine multikulturelle „Gesellschaft“ mit unbegrenzten Freiheiten für jedes Individuum ein Ding der Unmöglichkeit. Eine solche Gesellschaft – die lautstark propagiert wird – ignoriert die naturbedingte Lebenskraft von Gemeinschaften, die auf Abstammung, Muttersprache, gemeinsamer Geschichte oder Heimatgefühl beruhen. Betrachtet man hingegen unseren kleinen Erdteil Europa, so wird man rasch feststellen, dass er allein für sich genommen schon so etwas wie eine „multikulturelle Gesellschaft auf nationaler Grundlage“ ist. Somit ist Europa es wert, erstens erhalten zu bleiben,wie es ist, und zweitens in Europa mit Systempolitisch zusammenzuarbeiten, anstatt sich wie in der Vergangenheit zu zerfleischen! 

Genau für diese Aufgabenstellung ist der politische Kompass: national und liberal und global, bestens geeignet. Er trägt einer Sichtweise des Sowohl-als-auch optimal Rechnung. Aus der großen Spannweite von NATIONAL + LIBERAL + GLOBAL können wir die Kraft schöpfen, um unser politisches Schicksal zu meistern. 

Anmerkungen

[1] Vgl. Jan Mahnert, „Demokratie und Homokratismus“, Edition Genius, Wien 2011, 173 Seiten. In diesem Buch wird tiefschürfend dargelegt, wie eine auf die Spitze getriebene Gleichheitsideologie der Menschenrechte die Demokratie aushebelt und alle Völker in ihrer Existenz bedroht.

[2] Vgl. Dieter Grillmayer, „National und Liberal“, Edition Genius, Wien 2006, 433 Seiten. Der Autor behandelt darin ausführlich auch die Phase der fruchtbaren Verbindung von national und liberal. Dieser Geschichte der freiheitlichen Kräfte in Österreich bis zum Jahr 2005 folgte jüngst vom selben Autor deren Fortsetzung von 2006–2016 bis einschließlich der Wahl des Bundespräsidenten: „Die Dritte Kraft mit neuem Schwung“, Edition Genius, Wien 2017, 262 Seiten.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. Jänner 2017
 
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