PISA 2015: Österreich fällt immer weiter zurück


Von Dieter Grillmayer

PISA steht für „Programme for International Student Assessment“ und überprüft die Kenntnisse und Fähigkeiten eines Geburtsjahrganges von 15- bis 16-Jährigen in Mathematik und Naturwissenschaften sowie die Lesekompetenz. Die Tests werden alle drei Jahre mit wechselnden Schwerpunkten durchgeführt. Im Dezember des Folgejahres wird das Ergebnis veröffentlicht. Die Benennung erfolgt nach dem Jahr der Aufnahme; die Auswertung von PISA 2015 wurde am 6. Dezember 2016 bekannt gemacht.

Zur Vorgeschichte: PISA 2000 und 2003

Österreich nahm an diesem OECD-Projekt erstmals im Jahr 2000 teil. Das Ergebnis fiel, im Unterschied zu allen späteren Testungen dieser Art, insofern positiv aus, als unsere Schüler damals besser abgeschnitten haben als die gleiche Altersgruppe in Deutschland. Das dadurch ausgelöste Jubelverhalten ist ein auch in anderen Bereichen zu beobachtendes Phänomen, das offenbar den latenten Minderwertigkeitskomplex und die – zum Teil nachvollziehbaren – Ressentiments der Österreicher gegenüber dem großen Bruder zur Ursache hat. Peinlicherweise wurde drei Jahre später bekannt, dass das vergleichsweise gute Ergebnis im Wesentlichen auf einem von der Salzburger Stabsstelle unter der Leitung von Hon.-Prof. Dr. Günter Haider („PISA-Haider“) gemachten Fehler bei der Auswahl der Probanden beruht hatte.

Damit gehörte also schon unser Abschneiden bei PISA 2000 auf kein Ruhmesblatt, was bereits beim Vergleich der auf die einzelnen Länder entfallenden Punkte hätte auffallen können. Österreich nahm zwar unter 31 Ländern den zehnten Rang ein, lag aber z. B. im Lesen mit 507 Punkten nur um sieben Punkte über dem OECD-Schnitt, während die siegreichen Finnen 546 Punkte erreicht hatten. Die Differenz auf den Ersten betrug also 39 Punkte, während uns von den an 22. Stelle liegenden Deutschen nur 23 Punkte trennten.

Ebenso hätte zu denken geben müssen, dass die österreichischen Bildungsausgaben damals im ganzen OECD-Raum nur noch von der Schweiz erreicht bzw. leicht überschritten wurden, während Deutschland pro Sekundarschüler um über 33 Prozent weniger ausgab. (Quelle: OECD 2000, veröffentlicht im „Spiegel“ Nr. 14/2001.) Darauf nahm auch der ehemalige Wiener SSR-Präsident Dr. Kurt Scholz Bezug, indem er in einem „Presse“-Kommentar vom 11. Dezember 2001 mit dem Titel „Wir sind noch einmal davongekommen“ nüchtern feststellte: Dass österreichische Jugendliche ein überdurchschnittliches Niveau erreichen, ist angesichts unserer hohen Bildungsausgaben eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Alles andere wäre blamabel.

Im Dezember 2004 war es dann blamabel: Österreich stürzte in der Gesamtwertung vom zehnten auf den 19. Rang, in Mathematik vom elften auf den 15. Platz (von 515 auf 506 Punkte), im Lesen vom neunten auf den 19. Platz (von 507 auf 495 Punkte) und in Naturwissenschaften vom achten auf den 20. Platz (von 519 auf 491 Punkte) ab. Allerdings nahmen an PISA 2003 um zehn Staaten mehr teil als drei Jahre zuvor, und zweitens ist im Jahr 2000, wie schon erwähnt, bei der Schülerauswahl in Österreich ein Fehler gemacht worden. Auf den „Sieger“ Finnland fehlten uns 2003 bereits 52 Punkte.

Ein schlechtes Zeugnis stellte PISA 2003 auch unseren AHS-Langformen aus. Im Vergleich mit den Werten anderer Länder, die achtjährige Gymnasien haben, wie etwa Deutschland, die Schweiz und Tschechien, schnitten sie eklatant schlecht ab. In Mathematik lag Österreich 62 Punkte hinter der Schweiz und 23 Punkte hinter Deutschland, in den Naturwissenschaften 61 Punkte hinter Tschechien und 33 Punkte hinter Deutschland, im Lesen 22 Punkte hinter der Schweiz und 14 Punkte hinter Deutschland. Das war vor allem eine Folge der Wiener Ergebnisse. So berichtete „Die Presse“ am 12. Februar 2005: Die Leistungen der Wiener Schüler drücken das Gesamtergebnis … erheblich. Am deutlichsten wird das bei der Lesekompetenz … sichtbar: An den AHS erreichen die Wiener Schüler den mittleren Punktewert von 560, in den Großstädten Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck … kommen die AHS-Schüler auf 595 Punkte.

Noch schlechter fiel der Vergleich für Wien bei den BHS-Schülern (527 : 579) und in den Berufsschulen aus, wo die Differenz ganze 66 Punkte betrug, wie derselben Quelle zu entnehmen war. Wiens SSR-Präsidentin Susanne Brandsteidl meinte, das Sample (4.600 Schüler, davon 800 aus Wien) sei zu klein, um eine Bundesländer-Aussage treffen zu können, sie selber habe hinsichtlich der Wiener Schulqualität aber kein schlechtes Gefühl.

Wo dringender Handlungsbedarf besteht, das signalisierte schon damals die Tatsache, dass die relativ schlechte Platzierung Österreichs die Folge einer überdurchschnittlich großen Gruppe von „Risikoschülern“ (bei Mathematik und Lesen jeweils ca. 20 %) und einer gegenüber den Testsiegern relativ kleinen Gruppe von „Spitzenschülern“ (ca. 15 % bei Mathematik, ca. 8 % beim Lesen) war.

PISA 2006 und 2009

Schon im Vorfeld von PISA 2006 wurde vor allem von linker Seite über einen neuerlichen Absturz Österreichs spekuliert. Damit hätte man den der „schwarzen“ Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer zu Unrecht angelasteten „Bildungsnotstand“ neuerlich belegen können. (Zu Unrecht deswegen, weil eine SPÖ-dominierte Schulpolitik lange vor Gehrer den Schaden angerichtet hat.) Zum Absturz ist es nicht gekommen, Österreich blieb konstant im Mittelfeld, bei den Naturwissenschaften und in Mathematik kamen unsere Schüler sogar etwas über den Durchschnitt. Die Schweiz schnitt in allen Bereichen überdurchschnittlich ab und erzielte – wie schon in der Vergangenheit – besonders gute Werte in Mathematik. Finnland war auch beim dritten PISA-Vergleich auf dem Spitzenplatz, gefolgt von Südkorea und Kanada.

Die Österreich-Daten von PISA 2009 waren praktisch wertlos, denn zur Zeit der Test-Abnahme tobte in Österreich gerade der Streit zwischen BM Claudia Schmied (SPÖ) und der Lehrergewerkschaft wegen einer Lehrpflichterhöhung, bei dem die Schülervertreter für die Lehrer Partei ergriffen. Im Zuge dessen hatte der Bundesschulsprecher die 6.500 am PISA-Test teilnehmenden Schüler zu einer schwachen Performance aufgerufen, den Aufruf aber noch rechtzeitig zurückgenommen. Trotzdem kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass dem Boykottaufruf – mit oder ohne Zutun von Lehrern – Folge geleistet worden ist. Tatsache ist jedenfalls, dass die Auswertung von PISA 2009 für Österreich bei der Lesekompetenz einen Absturz vom 16. auf den 32. Platz (unter 35 OECD-Ländern), bei Mathematik vom 13. auf den 18. Platz und bei den Naturwissenschaften vom zwölften auf den 25. Platz erbracht hat.

Detaillierte Informationen zu PISA 2000 bis PISA 2009 enthält mein Buch „Schule zwischen Anspruch und Zeitgeist“, Seiten 103 bis 115.

PISA 2012 und 2015

Wenig überraschend fiel PISA 2012 für Österreich wieder etwas besser aus als 2009, aber zum Jubeln bestand auch kein Anlass. Die deutschsprachigen Länder Liechtenstein, die Schweiz und die BR Deutschland, wo die nach dem „Schock“ von PISA 2000 erfolgten Reformen – ganz ohne Gesamtschul-Experimente – großteils gegriffen haben, waren schon längst an Österreich vorbeigezogen.

Im Herbst 2013 hatte ein Wechsel im Unterrichtsministerium von Claudia Schmied zu Gabriele Heinisch-Hosek stattgefunden; dieser folgte auf Wunsch des neuen Bundeskanzlers Christian Kern im Mai 2016 Sonja Hammerschmid nach. Nach zehn Jahren, in denen das Ministerium wieder in „roter“ Hand war, musste BM Hammerschmid am 6. Dezember 2016 einen neuerlichen Absturz Österreichs bei PISA 2015 bekanntgeben: In den Naturwissenschaften kommen die österreichischen Schüler diesmal nur mehr auf einen Wert von 495 Punkten, das sind elf Punkte weniger als 2012, in Mathematik auf 497 Punkte, vor drei Jahren waren es noch 506 Punkte, und im Lesen nur mehr auf 485 Punkte; das ist signifikant unter dem OECD-Schnitt von 494 Punkten!

Fast jeder dritte getestete Schüler in Österreich gehört in zumindest einem Testgebiet zur Gruppe der „Risikoschüler“, die gravierende Mängel aufweisen. 13 Prozent sind sogar in allen drei Gebieten in dieser Gruppe zu finden. Zum Vergleich: In den Nachbarländern Slowenien (23 Prozent), Deutschland (24 Prozent) und der Schweiz (26 Prozent) ist der Anteil der „Risikoschüler“ deutlich kleiner. In Finnland beträgt er sogar nur 18 Prozent.

Bei den „Spitzenschülern“, die auch komplexe Aufgaben lösen können, sieht es ebenfalls schlecht aus: In Österreich sind lediglich 15 Prozent der Schüler in zumindest einem Testgebiet Spitze (OECD: 16 Prozent), drei Prozent in allen drei (OECD: vier Prozent). In Slowenien gehören 18 Prozent mindestens einer Spitzengruppe an, in Deutschland 19 Prozent, in der Schweiz 22 Prozent und in Finnland 21 Prozent.

Schockierend ist für Hammerschmid ein weiteres Ergebnis der Studie: Der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dieser ist in Mathematik und Naturwissenschaften nirgends größer als in Österreich. Gegenüber den letzten Erhebungen hat der Gender-Gap deutlich zugenommen. In den Naturwissenschaften erzielten die Burschen im Schnitt um 19 Punkte mehr als die Mädchen – das ist mehr als eine Verdoppelung gegenüber 2006, 2009 und 2012. In der Mathematik hat die Geschlechterdifferenz zugunsten der Burschen in Österreich von 23 auf 27 Punkte zugelegt, im Lesen hat der Vorsprung der Mädchen von 37 auf 20 Punkte abgenommen.

Ich kann mir den Gender-Gap nur damit erklären, dass Ehrgeiz, Fleiß, Ausdauer und Sorgfalt, worin Mädchen den Burschen erfahrungsgemäß voraus sind, im Gefolge von „gender mainstreaming“ abnehmen. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Allfällige Defizite auf der Verständnisebene können dann allerdings nicht mehr ausgeglichen werden.

Der Abstand zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund ist in den Naturwissenschaften mit 70 Punkten und im Lesen mit 64 Punkten groß. Gegenüber 2012 ist er ungefähr konstant. Seit der ersten PISA-Studie 2000 haben sich die Abstände zwischen diesen beiden Gruppen verringert. Trotzdem gehört Österreich nach wie vor zu den Ländern mit den größten Leistungsunterschieden zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.

Insgesamt hat seit dem Jahr 2000 der Anteil der Migranten in der Schülerschaft stark zugenommen – in der PISA-Stichprobe gab es eine Verdoppelung auf 20 Prozent. Im internationalen Vergleich ist dieser Migrantenanteil hoch: Im OECD-Schnitt beträgt er nur 12,5 Prozent. Auf mit Österreich vergleichbare Werte kommen die USA (23 Prozent), Deutschland und Großbritannien (je 17 Prozent); wesentlich höher liegt er in der Schweiz (31 Prozent) und Kanada (30 Prozent). Das insgesamt viel bessere Abschneiden dieser beiden Länder bei PISA dürfte mehrheitlich der Tatsache geschuldet sein, dass dort bei der Zuwanderung auf Qualität (z. B. hinsichtlich Berufsausbildung und Verwendbarkeit) Wert gelegt wird, was dann natürlich auch auf den Nachwuchs und seine schulischen Leistungen durchschlägt.

Ursachen und Kommentare

Wer so wie ich seit gut drei Jahrzehnten Schulreformen einfordert (und auch Vorschläge dazu macht), die sich an Erfahrung und pädagogischer Vernunft orientieren, den überrascht das Österreich-Ergebnis von PISA 2015 nicht. Denn tatsächlich ist in der zurückliegenden Zeitspanne entweder gar nichts unternommen worden, was etwa die Bedingungen betrifft, unter denen heutzutage unterrichtet werden muss, oder die Reformen gingen allesamt in die verkehrte Richtung, wofür die teilweise Abschaffung der Noten in der Volksschule gerade ein aktuelles Beispiel abgibt. Schuld daran ist eine von der SPÖ und den Grünen betriebene Schulpolitik unter weltfremden ideologischen Vorgaben und eine ÖVP, die dem (aus Feigheit und/oder aus Unvermögen) nichts Eigenständiges entgegensetzt, sondern untaugliche Kompromisse eingeht, um nicht als „Reformverweigerer“ angeprangert zu werden.

Das verwundert umso mehr, als in dem an Bildungsfragen interessierten Teil der Bevölkerung die Verständigen durchaus in der Mehrheit sein dürften. Das signalisieren zumindest die Kommentare zu dem in der Tageszeitung „Die Presse“ vom 6. Dezember abgedruckten Bericht über PISA 2015. Ein paar davon sollen hier zitiert werden:

Eine geniale Strategie: Man galoppiert mit Vollgas in die falsche Richtung und wenn dann die Ergebnisse erwartungsgemäß nicht passen, galoppiert man noch schneller in die falsche Richtung.

Dass die anhaltenden sozialistischen Bemühungen, das Bildungssystem ganz zu ruinieren, auch einmal Früchte tragen werden, war von vornherein klar. Und es wird noch schlimmer werden, denn Rot/Grün (mit freundlicher Unterstützung der ÖVP) reformiert ja immer weiter …

Ich bin sicher, dass unsere sozialistische Führung die passenden Rezepte parat hat: einheitliche Lehrerausbildung auf niedrigem Niveau, Gesamtschule und Aufbewahrung aller Kinder in Ganztagsschulen fördern sicher die Exzellenz. Nur weiter so: In zehn Jahren werden wir nostalgisch von der guten alten Zeit sprechen, als Österreich noch Mittelmaß war.

Wenn diese Ergebnisse schon erschüttern, dann darf man gespannt sein, was die Schüler zusammen bringen, für die man jetzt sukzessive die Benotung abschafft, um sie nicht so unter Druck zu setzen. In zehn Jahren wird man sich derlei Ergebnisse noch wünschen!

Grundrechenarten mit Fingern, Farben und Formen. Englisch auf dem Niveau der früheren Nationalmannschaft. Schreiben in Blockschrift. Lehrer dürfen kaum Hausübungen geben. Beschwerden sinnlos. Was habt ihr erwartet?

Wenigstens muss man sich am heimischen Arbeitsmarkt nicht vor der jüngeren Konkurrenz fürchten. Denn die beherrscht nicht einmal die angestammte Sprache.

Ich fahre täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Büro. Wenn dies die Schüler sind, welche den PISA-Test machen müssen, ist mir eigentlich alles klar. Wer sich umsieht, der weiß, was los ist.

Der einzige „alternative“ unter den über 30 Kommentaren, die ich a. a. O. gefunden habe, lautet wie folgt: Obwohl das Wissen darüber, wie Pädagogik im 21. Jahrhundert aussehen sollte, da ist, sind unsere Schulen noch immer so aufgebaut wie im Altertum. Es bedarf dringender Reformen IN DIE ZUKUNFT, idealerweise nach dem Vorbild der Finnen, deren Schüler bei allen Tests am besten abschneiden. Leider bedeutet das für die Lehrer und die Politik ein Umdenken, das aus Bequemlichkeitsgründen und ideologischem Gestrigkeitsdenken schwer fällt. Doch Veränderungen sind unumgänglich, wenn wir Österreicher eine Zukunft haben wollen. Dazu gehören: Projektunterricht statt stundenweise Fächer pauken, KEINE Hausaufgaben für die Schüler, weniger Stunden zum Absitzen, mehr Sport, Musik und kreativer Unterricht, mehr freie Selbsteinteilung der Schüler, was sie lernen wollen. Schüler sind Menschen und keine Stopfgänse.

Diese Stellungnahme enthält in geballter Form genau die nun wirklich ideologisch motivierten weltfremden („postfaktischen“) Vorstellungen über Bildung und Unterricht, unter denen die Schulreformen in Österreich leiden, was uns immer weiter zurückwirft. Tatsachen, wie z. B. dass Finnland seine Schüler durch rigorose Schulstrafen zur Pflichterfüllung anhält, etwa durch „Nachsitzen“ – ohne die Eltern davon zu verständigen oder sich um dadurch versäumte Heimfahrgelegenheiten zu kümmern, und dass das hervorragende Mathematik-Ergebnis der Schweizer größtenteils einem ganz traditionellen frontalen Ganzklassenunterricht (ohne Projekte und Gruppenarbeit) geschuldet ist, werden dabei ausgeblendet.

Auf die im letztzitierten Kommentar erkennbare Geringschätzung der traditionellen Unterrichtsziele reagierte ein anderer „Presse“-Leser wie folgt: Eine gute Ausbildung sollte logisch-analytisches Denken umfassen wie auch ein gutes Merkvermögen. Bestimmte Tätigkeiten lassen sich nicht verrichten, wenn ein umfängliches Wissen nicht sofort abrufbar ist. Wie soll ein Chirurg einen komplizierten Eingriff vornehmen, ohne eine große Menge von Fakten sofort parat zu haben?

Auf dem Weg zur „Zwangstagsschule“

Zum Abschluss ein besonders krasses Beispiel für die falschen (und teuren) Wege, die in Österreichs Bildungspolitik gegangen werden. Es stammt aus Wien, wo das öffentliche Schulwesen ohnehin schon kollabiert, und wurde von Dr. Gudula Walterskirchen in „Die Presse“ vom 27. November 2016 aufgegriffen und kommentiert.

Hintergrund ist die Einigung von SPÖ und ÖVP hinsichtlich der Forcierung von Ganztagsschulen. Ihre Qualität sei deutlich besser als bei den herkömmlichen Schulformen – eine sehr gewagte Behauptung – und ihr Ausbau sei aus sozialpolitischer, integrationspolitischer und frauenpolitischer Sicht wichtig, tönt es aus dem Regierungslager. Der promovierte Wirtschafts-Lobbyist und Staatssekretär Harald Mahrer preist als ÖVP-Verhandlungsführer die Wahlfreiheit und die Schulautonomie.

Die Wiener Stadtregierung will allerdings alle Volksschulen in verpflichtende Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht umbauen – auch gegen den Willen der Eltern. Frau Walterskirchen berichtet: Ein aktuelles Beispiel, die Gegend um den Türkenschanzpark in Wien: noble Villen, Gärten, Parks – eine hochpreisige Wohngegend. Bildungsferne Migrantenfamilien wohnen hier kaum. Es gibt etliche öffentliche Volksschulen, fast alles Ganztagsschulen. Eine Ausnahme und bei bürgerlich-grünen Eltern besonders gefragt ist eine Schule mit Montessori-Schwerpunkt. Zum Entsetzen der Eltern (und Lehrer) wurden sie nun vor die vollendete Tatsache gestellt, dass die Schule ab dem nächsten Schuljahr in eine verschränkte Ganztagsschule umgewandelt wird. Der Hort, der ebenfalls einen ausgezeichneten Ruf hat, soll geschlossen werden. Die Schulbehörde verweist protestierende Eltern auf das Stadtratsbüro, wo dies entschieden worden sei.

Wenn der SPÖ, wie sie stets behauptet, vor allem die Kinder aus bildungsfernen Schichten und Migranten am Herzen liegen, die man einer besseren Bildung zuführen wolle, warum setzt sie die zusätzlich (aus der Bankenabgabe) für das gegenständliche Projekt freigegebenen Geldmittel im Cottage ein? Die dort lebenden Familien würden auf das Gratis-Angebot zugunsten von Wahlfreiheit sicher gerne verzichten, haben sie doch gegebenenfalls bisher Hortgebühren bezahlt, ohne darüber zu murren. Und der Integration ist sicher auch nicht damit gedient, dass man die Kinder aus Familien, die eine Ganztagsschule ablehnen, nun bereits ab der Volksschule in Privatschulen treibt, wo die Wahlfreiheit noch gegeben ist. Und wo der frauenpolitische Mehrwert liegt, wenn man die Mütter bevormundet und ihnen die Entscheidung verweigert, ob und in welchem Ausmaß sie berufstätig sein oder ihre Kinder selber betreuen möchten, das ist natürlich auch die Frage.

Lieber Herr StS Mahrer, wo bleiben hier die Wahlfreiheit und die Schulautonomie? Haben Sie und Ihre Partei nicht wieder einmal einer rein ideologisch motivierten SPÖ-Bildungspolitik die Steigbügel gehalten?

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 26. Jänner 2017
 
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