Der Irrtum aller Weltverbesserer


Von Gerulf Stix

Der Traum aller gutmeinenden Sozialschwärmer, aller Weltverbesserer ist „eine andere Welt“: Sozial soll sie sein, alle Menschen gleich und brüderlich vereint, und natürlich soll diese Welt eine friedliche sein. Fürwahr ein schöner Traum! Er begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. In der Neuzeit waren es nicht zuletzt die „utopischen Sozialisten“, die dieses Ziel formulierten und anstrebten.[1] Weitaus radikaler taten das dann die Kommunisten, wofür vereinfachend der Name Karl Marx steht.[2] Aber auch in unserer Gegenwart ist die Ideologie aller dieser Weltverbesserer hochaktuell; von der rot-grünen Vision von einer multikulturellen Gesellschaft mit ihrer globalen Grenzenlosigkeit bis hin zu sozialistischen Umverteilungstheorien und von bildungspolitischen Gleichheitsphantasien bis hin zu überdehnten Menschenrechten, etwa im Sinne von „alle Menschen sind gleich und das überall“.[3] Im Verlauf dieser Abhandlung werde ich einige Erscheinungsformen aus diesem bunten Kosmos utopischer Vorstellungen kurz darstellen und kommentieren. Zuerst aber soll der entscheidende Irrtum aller fundamentalistischen Weltverbesserer klar aufgezeigt werden.

Es gibt keinen Punkt null

Alle Weltverbesserer prangen – und das oft zu Recht – die groben Ungerechtigkeiten in dieser Welt an. Um diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen, wird von den Eiferern meist gefordert, mit der bisherigen Geschichte einfach zu brechen und mit Entschiedenheit alles neu zu machen. Dazu muss natürlich zuerst mit den bisherigen Traditionen gebrochen werden. Das größte und dramatischste Vorgehen dieser Art war die chinesische Kulturrevolution unter Mao Tsetung (1893–1976). Wir wissen heute alle, dass sie gescheitert ist. Schon weniger bekannt ist die Tatsache, dass ihr letztlich weit mehr als 100 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Vielleicht ist Mao Tsetung somit einer der größten Massenmörder der Geschichte. Aber seine „Rote Bibel“ – eine Mini-Ausgabe – war nach 1968 bei sehr vielen Studenten im Westen eine Art Vademecum, wie ich mich persönlich gut erinnere. Mao Tsetung wurde gläubig verehrt. Ein Massenmörder? Das konnte doch nicht sein! Doch diese Verehrung gab es. Sie war einfach ein idealistischer Traum – weitab von der brutalen Realität in China. 

In der gesamten Geschichte gab und gibt es freilich niemals einen Punkt null. Jede Generation steht auf den Schultern ungezählter Vorgenerationen. In der fast 200.000 Jahre alten Geschichte des Homo sapiens macht unsere geschriebene, also dokumentierte Geschichte je nach Definition gerade einmal 3–5.000 Jahre aus. Es irren also alle Revolutionäre, die meinen, man brauche nur sämtliche Traditionen „auslöschen“, um eine „neue Welt“ zu bauen. Das erkannten viele von ihnen spätestens nach ihren ersten Rückschlägen. Und flugs erhoben sie dann zusätzlich den Ruf, ja das entschiedene Verlangen nach einem „neuen Menschen“. Eben das führte bei den zahlreich folgenden Versuchen, diese theoretische Forderung auch praktisch umzusetzen, zu riesigen menschlichen Tragödien. Stichwort: Stalinismus. Dass aber aus dieser Geschichte nichts gelernt wurde, zeigen ähnliche Methoden heutzutage in den verschiedensten Weltgegenden, zum Beispiel in Nordkorea. 

Der „neue Mensch“ ist eine Illusion

Wer meint – und sei es aus edlen Beweggründen –, einen neuen Menschen schaffen zu können, der nimmt nicht zur Kenntnis, dass der Mensch das Ergebnis einer viele hunderttausende Jahre alten Evolution ist. Ob die Entfaltung der Evolution zufällig passierte oder ob die Evolution der Weg einer Schöpfung ist, bleibt natürlich eine hochinteressante Frage, auf die es verschiedene Antworten gibt. Glücklicherweise können wir diese Frage hier offen lassen, denn es geht nur um ein Faktum: Die Evolution hat den Menschen, den Homo sapiens hervorgebracht, und zwar mit all seiner Unvollkommenheit, mit allen guten und bösen Eigenschaften, die wir tagtäglich erleben. Liebe und Hass, Neid und Gier, Opferbereitschaft und Egoismus, Fleiß und Faulheit und – nicht zuletzt – Dummheit begegnen uns tagtäglich. Daher ist der Mensch als Kind der Evolution eben so, wie er ist. Ihn im Sinne einer utopischen Idee umändern zu wollen, ist unmöglich. Alle Versuche in diese Richtung endeten deshalb stets in Gewalt und Blutbädern. Das wird auch künftig so sein. Sich selbst allmählich zu wandeln, bleibt einzelnen Menschen vorbehalten – dank der Freiheit. 

Von dem großen deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) stammt der berühmt gewordene Satz: „Aus so krummen Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann kein gerades gezimmert werden.“ In seiner Schrift „Zum Ewigen Frieden“ (1795) nennt Kant selbst sechs Kriterien („Präliminarartikel“) für einen dauerhaften Frieden, von denen aber bis heute kein einziges (!) weltweit verwirklicht wurde.[4] Es bleibt also beim „krummen Holz“.

„Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ – Eine unmögliche Kombination

Dieser bekannte Schlachtruf aus der Französischen Revolution (1789) gilt bis heute in weiten Kreisen als wegweisend in eine gute Zukunft. Frankreich ist stolz darauf, desgleichen sind es Europa und die USA. Auch in einigen anderen Teilen der Welt gilt dieser Dreiklang quasi als sakrosankt. Trotzdem ist er einfach falsch: Freiheit und Gleichheit sind Gegensätze. Gibt man Freiheit, so entstehen Ungleichheiten. Erzwingt man Gleichheit, so muss man die Freiheit abschaffen. Immer endet das gewalttätig. 

An diesem Gegensatz sind seit jeher alle radikalen Utopisten, nicht bloß die sozialistischen, gescheitert. Bei den alten Griechen gab es die Sage von Prokrustes. Dieser zwang Wanderer in sein „Prokrustesbett“. Waren die Wanderer zu kurz, streckte er sie und renkte auch Gliedmaßen aus; waren sie zu lang, so hackte er entsprechend ihre Gliedmaßen ab. Ein „klassisches“ Sinnbild für die Vorgehensweise aller Gleichmacher!

Die Französische Revolution selbst endete übrigens auch in einem Terror-Regime samt dazu gehörigem Blutbad (1792–1794). Dann folgte Napoleon. 

Die neuzeitlichen sozialistischen Systeme, die auf eine totale Neuordnung setzten, sind allesamt gescheitert, einige davon in einem Meer von Blut versunken. Ob man die Geschichte von Lenin und Stalin hernimmt (Bolschewismus) oder die von Pol Pot[5], China oder Südamerika, immer endete alles in blutigen Konflikten. 

Dort wo sozialistische revolutionäre Bewegungen nachhaltig die Macht erreichten und längere Zeit behielten, verarmten die betreffenden Länder. Kuba und Venezuela seien als aktuelle Beispiele erwähnt. Im Großen und Ganzen gesehen ist kein sozialistisch-revolutionäres System bekannt, wo die ursprünglich idealistisch-utopischen Pläne zu einer nachhaltigen Verbesserung der Verhältnisse geführt hätten. Im Gegenteil: Überall verarmten die betroffenen Länder. Kuba und viele Länder Afrikas bieten dafür trauriges Anschauungsmaterial. Angestrebt war die Umverteilung von Reichtum, zustande gekommen ist eine Verteilung von Armut. Anders lief und läuft das bei pragmatischen Vorgangsweisen, auch sozialdemokratischen, meist in Verbindung mit anders motivierten Bestrebungen nach ganz konkret-praktischen Verbesserungen. Darauf wird hier später noch eingegangen. 

Bei totaler Umverteilung und angestrebter Gleichheit jedoch kommt praktisch überall die Freiheit unter die Räder. Auch dafür sind betont sozialistisch ausgerichtete Länder betrübliche Beispiele. Das gilt freilich auch für andere totalitäre Systeme, wo Privilegien und Ungleichheit gewaltsam aufrecht erhalten werden. Allen Ungereimtheiten zum Trotz bleibt der spontane „Ruf nach Gleichheit“ immer attraktiv. Seine Kehrseite, nämlich der Verlust von Freiheit, wird oft erst dann mit Entsetzen wahrgenommen, wenn die Freiheit bereits verloren gegangen ist.

Alle multikulturellen Gesellschaften sind zerfallen

Zu den aktuellen Utopien gehört auch die Ideologie von der multikulturellen Gesellschaft. Warum Utopie? Bewegen wir uns im Zuge der unaufhaltsamen Globalisierung nicht genau auf eine multikulturelle Gesellschaft zu? Ist die Durchmischung unserer „Bevölkerungen“ nicht ein offenkundiger Vorgang? 

Die utopische Idee vom „multikulturellen Weltbürger“ all überall und die auf ihr fußenden Bemühungen um ein politisches System der „One World“ fasziniert viele Menschen. Auch die tatsächlichen Vorgänge scheinen diese Idee zu bestätigen: Migration, Massentourismus, Internet und globale Kommunikation, Weltwirtschaft und Weltpolitik. Was daran soll also Utopie sein?

Knackpunkt ist der im Westen herrschende übertriebene Individualismus. Der Mensch wird nur als Einzelwesen gesehen. In Wirklichkeit ist der Mensch nicht nur ein Einzelwesen, sondern auch ein Gruppenwesen, ein Gemeinschaftswesen. Praktisch alle Menschen fühlen sich irgendeiner Gruppe zugehörig, ja brauchen diese „Identität“ für ihr Selbstverständnis[6]. Und kein Individualist ist vom Himmel gefallen! Er wurde geboren, hat bestimmte Gene mitbekommen, eine Muttersprache erlernt und wurde irgendwie sozialisiert. Jeder Mensch besitzt also auch eine Gruppenidentität – und sei sie noch so komplex. Abstammung und Sprache sind dabei starke, meist dominierende Faktoren. Gleich danach kommen Heimat und Religion. Diesen an und für sich schon komplexen Sachverhalt durch eine angestrebte „Multikulturalität“ generell auf die Spitze treiben zu wollen, lässt an den Spruch denken: „Das Kind mit dem Bad ausschütten.“ 

Tatsächlich sind multikulturelle Zustände ein brandgefährlicher Boden für multikulturelle Konflikte. Das heutige Chaos im Nahen Osten belegt das schlagend.

Und Mitteleuropa fürchtet wegen des mittlerweile hier eingetretenen Grades an Multikulturalität das Hereintragen des kurdisch-türkischen Konfliktes zu uns!

In geschichtlicher Betrachtung zeigt sich, dass noch jedes multikulturelle Imperium letztlich zerbrochen ist: Das Römische Weltreich, das Reich Alexander des Großen („Massenhochzeit zu Susa“), das Mongolenreich Dschingis Khans, das Britische Empire und vor wenigen Jahrzehnten erst die Sowjetunion, um nur einige Beispiele zu nennen. 

Auch in Europa sind alle Versuche, das untergegangene Römische Imperium zu beerben, gescheitert. Europa wurde nur dadurch zu dem, was es jedenfalls bis vor kurzem war, weil es in Jahrhunderten eine ganz eigene „Multikultur auf nationaler Basis“ entwickelt hat. Diese gilt es zu verteidigen und zu bewahren! 

Die Weltreligionen

Alle großen Religionen sind friedensstiftend. Jedenfalls in ihrem Selbstverständnis und in der schönen Theorie. Die Praxis sieht leider weniger schön aus. Wir alle kennen die gewalttätige Seite des Islamismus. Unter dem sattsam bekannten Begriff des Dschihad ist der Krieg gegen die „Ungläubigen“ zu verstehen. Wir bekommen ihn heute zu spüren. Andererseits entfaltete sich unter dem Großsultan Saladin dem Glänzenden (1137–1193) – einem Gegenspieler von König Richard Löwenherz – im Orient eine für die damalige Zeit Aufsehen erregende religiöse Toleranz. Aber auch Saladins multikulturelles Großreich zerbrach. 

Umgekehrt waren die Christen ungeachtet der Lehre Jesu („Bergpredigt“) über weite Strecken der Geschichte keineswegs tolerant. Nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 beispielsweise metzelten die Kreuzfahrer die gesamte Einwohnerschaft (Alte, Frauen, Kinder) nieder. Europa erlebte außer harten Ketzerverfolgungen viele Religionskriege, besonders den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. In ihm ging mehr als die Hälfte der Bevölkerung Mitteleuropas zugrunde. Erst Humanismus und Aufklärung sowie der Aufschwung der Naturwissenschaften in deren Gefolge brachten Europa in einem mühsamen Prozess schrittweise persönliche Freiheiten und vor allem dann endlich die Religionsfreiheit. Sie ist uns heute selbstverständlich und übrigens ein fester Bestandteil aller freiheitlichen Parteiprogramme. 

Als besonders friedfertig gilt der Buddhismus. Doch auch er kennt Gewalt. In seinen alten Schriften gilt die Shambhala-Schlacht (etwa dem Dschihad vergleichbar) als Heiliger Krieg. In unserer Zeit tobte in Sri Lanka jahrelang ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den buddhistischen Singhalesen und den hinduistischen Tamilen.[7] Auch der von Rot-China beseitigte tibetische Gottesstaat des buddhistischen Dalai-Lama, der im Westen hoch angesehen ist, kannte eine rigorose Strafgewalt, wie übrigens alle Gottesstaaten (gegenwärtig beispielsweise der Iran) sie kennen. 

Idealistische Hoffnungen auf eine friedliche Welt also, wenn erst die großen Religionen einmal das politische Sagen haben, werden durch den bisherigen Verlauf der Weltgeschichte nicht bestätigt. Solche Hoffnungen gehören ebenfalls in das Reich der Utopien. 

Wie Weltverbesserung doch funktioniert

Während radikale und fundamentalistische Weltverbesserer mit ihren totalen Konzepten immer wieder scheitern – jüngstes Beispiel der IS –, zeigt andererseits jeder geschichtliche Rückblick, dass es zumindest in großen Teilen der Welt tatsächlich beachtliche Fortschritte gegeben hat und auch heute solche zu verzeichnen sind. Wie sind diese eingetretenen Fortschritte möglich?

Die Antwort darauf ist unspektakulär, ja nachgerade banal. Verbesserungen auf allen Gebieten sind im Wege ungezählter und oft mühsamer kleiner Schritte möglich. Dieser beschwerliche Weg schließt natürlich auch Umwege, Irrwege und irgendwann einmal auch als solche erkannte Sackgassen mit ein. Ein schönes Beispiel für einen kleinen Schritt mit großen Auswirkungen ist das Rote Kreuz. Im Kopf eines einzelnen Mannes namens Henri Dunant (1828–1910) beim schrecklichen Anblick tausender Verwundeter in der Schlacht von Solferino (1859) entstanden, wurde daraus die neutrale, internationale Großinstitution Rotes Kreuz, die weltweit helfend eingreift. 

Dann wieder gibt es anstatt kleiner Schritte manchmal auch Quantensprünge, sozusagen Geistesblitze, Erfindungen und bahnbrechende Erkenntnisse. Diese werden oft gar nicht gleich erkannt, geschweige denn gewürdigt. Naturwissenschaften und Technik bieten reichlich Anschauungsunterricht für dieses mühsame, häufig auch unbedankte Vorantasten. Eines der großen Beispiele dafür ist der Wandel vom Weltbild des Ptolemäus (die Erde ist eine Scheibe) bis zu dem des Kopernikus (die Erde ist eine Kugel). Höchste Autoritäten verteidigten Jahrhunderte lang, auch mit Inquisition, das falsche Weltbild! Heute ist die Kugelgestalt der Erde unbestritten. Und die Satellitentechnik wird von vielen Autofahrern als GPS benützt.

Letzteres Beispiel macht auch deutlich, dass von einem gewissen Zeitpunkt an eine Synergiewirkung entsteht, die von an sich unterschiedlichen Entwicklungen ausgeht, die in irgendeinem Zeitpunkt (Zeitraum) zusammentreffen. Die heutige Weltraumtechnik ist das Ergebnis aus den lange Zeit hindurch eigenständig verlaufenen Entwicklungen in Mathematik, Computerwesen, Raketentechnik, Materialtechnologien und Kommunikation. Die Liste ließe sich fortsetzen. Ähnliches spielt sich auf allen zivilisatorischen Gebieten ab. Die mittlerweile sich häufenden Synergiewirkungen erklären die von uns mit Staunen beobachtete Beschleunigung (Akzeleration) vieler Lebensvorgänge. So sind wir bei der Globalisierung gelandet.[8]

Nicht: entweder – oder, sondern: sowohl – als auch

Parallel zu den Naturwissenschaften entwickelten sich auch die Geisteswissenschaften rund um die Aufklärung enorm. Die Rechtswissenschaften bereiteten den Boden für unsere modernen Verfassungen und Grundrechte. Sie gipfelten schließlich in den Menschenrechten, die einerseits auch politisch eingesetzt wurden und andererseits umstritten sind. (Vgl. dazu Jan Mahnert unter Anmerkung 3) Man hat den Eindruck, dass hier der Punkt erreicht ist, wo der Bogen überspannt wird. Der entscheidende Webfehler im Strickmuster der Menschenrechte ist ihre einseitige Fixierung auf das Individuum, auf den Einzelmenschen. In unserer Lebenswirklichkeit ist aber der Mensch sowohl Individuum als auch Gemeinschaftswesen. Dieser Doppelnatur muss jede Gesellschaftsordnung gerecht werden. 

Alle fundamentalistischen Weltverbesserer, die sozusagen bei einem Punkt null anfangen und dazu gleich einen „neuen Menschen“ schaffen wollen, setzen knallhart auf ein Entweder-oder. Sie wollen revolutionär „das System“ stürzen und ein völlig „neues System“ schaffen. In dieser Schwarzweißmanier scheuen sie auch nicht vor Gewalt und Terror zurück. Böse Szenarien sind da die Folge. 

Anders dagegen nimmt sich eine Entwicklung aus, die in kleinen Schritten einem evolutionären Sowohl-als-auch folgt. Dieser mühsame und äußerst variantenreiche Weg führt auf die Dauer gesehen zu nachhaltigen Verbesserungen der Lebensverhältnisse für die Menschen, und zwar auf erträgliche Weise. Auch dabei sind Irrtümer, Härten und Fehlentwicklungen möglich. Aber weil parallel viele und mitunter recht verschiedene Wege eingeschlagen werden, gibt es immer Ausweichmöglichkeiten und somit neue Hoffnung. Daher sollte sich Gesellschaftspolitik nie auf ein einziges Modell festlegen.[9]

Kultur braucht Gemeinschaft

Absichtlich zuletzt sollen hier ein paar Worte über Kultur gesagt werden. Kultur ist in unserem Leben etwas Wesentliches. Gleichgültig wie Kultur definiert wird, sie war zu allen Zeiten die Überhöhung des Alltags und des Daseinskampfes der Menschen. Kultur äußert sich in vielfältigen Erscheinungsformen, in Bildern, in Musik, in Tanz und Kult, in Bauten, Bräuchen, Sitten und in Sprache. Kultur braucht zur vielseitigen Entfaltung immer Freiheit. Sie braucht zum Keimen und Wachsen aber auch eine Gemeinschaft, die sie trägt. Und was könnte denn Schöneres über eine Gemeinschaft gesagt werden, als dass sie eine Kulturgemeinschaft ist?

Verglichen damit, nimmt sich die Bezeichnung „multikulturelle Gesellschaft“ nicht reicher, sondern ärmlicher aus. Im günstigsten Fall ist eine multikulturelle Gesellschaft eine zerrissene Kultur im Umbruch; im schlechtesten Fall signalisiert sie Verfall und Untergang. Wir haben das Glück, dass unser Europa dank seiner Nationalitäten, die geschichtlich einander in jeder Hinsicht eng verbunden sind, noch eine „Multikultur auf nationaler Grundlage“ besitzt. Setzen wir diese europäische Multikultur nicht leichtfertig aufs Spiel, indem wir sie einem Massenzustrom aus aller Welt öffnen! 

Anmerkungen

[1] Utopische Sozialisten (ein Begriff von Karl Marx) werden auch als Frühsozialisten bezeichnet. Typisch erscheinen Saint-Simon (1760–1825) und seine Schüler. Vgl. Hans Fenske u. a., „Geschichte der politischen Ideen“, Fischer Verlag, Frankfurt 1987, 647 Seiten.

[2] Karl Marx (1818–1883) verfasste u. a. mit Friedrich Engels (1820–1895) das „Kommunistische Manifest“ (1848). Er gilt als der führende sozialistische Denker der Neuzeit. Die Literatur darüber ist unüberschaubar.

[3] Vgl. Jan Mahnert, „Demokratie und Homokratismus“, Edition GENIUS, Wien 2011, insb. „Kapitel 2 – Das komplexe Verhältnis von Demokratie und Menschenrechten“.

[4] Vgl. H. Ottmann, „Geschichte des politischen Denkens“, Band 3/2, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2008, Seiten 165 ff. 

[5] Unter Pol Pot errichteten die maoistisch-marxistischen Roten Khmer 1975 in Kambodscha ein Terror-Regime.

[6] Vgl. Gerulf Stix, „Deutsch als kollektive Identität?“, in „Akademische Blätter“, 1/2001, Bad Frankenberg. Et Grün & Vogel, „Die Fuxenstunde“, Federsee-Verlag, Bad Buchau 2014.

[7] Vgl. Jerryson u. Jürgensmeyer, „Buddhist Warfare“, Oxford University Press, New York 2010.

[8] Vgl. Joachim Koch, „Das Für und Wider um die Frage der Globalisierung“, Genius-Brief März–April 2010.

[9] Vgl. Karl Claus, „Die Parteien in der Sackgasse – Das Finale der klassischen Ideologien“, Edition GENIUS, Wien 2007.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. September 2016
 
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