Die wirklichen Ursachen der Migration


Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung

 

Von Rolf Peter Sieferle (†)

Zurzeit überschwemmt eine Migrationswelle von präzedenzlosem Umfang Europa. Millionen von Menschen machen sich von der Peripherie auf, um in das gelobte Land zu gelangen. Europa ist von kollabierenden Staaten und von Gebieten mit geringem Hoffnungspotential umgeben. Die Bevölkerung Afrikas, die derzeit noch etwa eine Milliarde beträgt, wächst jährlich um etwa drei Prozent, also um 30 Millionen, von denen sich einige Millionen jährlich auf den Weg in ein erhofftes besseres Leben machen. Wenn es nur zehn Prozent des Zuwachses sind, summieren sich diese bereits auf drei Millionen im Jahr. Hinzu kommen Migrationen aus den Bürgerkriegsgebieten des Nahen Ostens sowie aus weiteren Teilen Süd- und Westasiens, bis Bangladesch. Teile der Barrieren, die früher diese Wanderungen aufgehalten haben, sind verschwunden. Allein in Libyen sollen etwa eine Million Migranten darauf warten, einen Platz in einem der Boote zu finden, die sie auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer bringen.

Nach Angaben der UN ist in den nächsten Jahrzehnten mit der folgenden globalen demographischen Entwicklung zu rechnen (siehe Abbildung 1):

Abbildung 1

Die Bevölkerung Europas wird also ceteris paribus (unter sonst gleichen Bedingungen) zwischen heute und 2050 um 31 Millionen schrumpfen. Im Jahr 2100 wird der Anteil der europäischen Bevölkerung an der Weltbevölkerung nur noch 5,7 Prozent betragen. In Afrika dagegen wird sich die Bevölkerung bis 2050 verdoppeln, und dieses Wachstum wird sich bis Ende des Jahrhunderts wiederholen. Ihr Anteil an der Weltbevölkerung wird von 16 auf rund 40 Prozent ansteigen.

Ein Viertel der Bevölkerung Europas ist heute älter als 60, während dies in Afrika nur auf fünf Prozent zutrifft. 41 Prozent der Afrikaner sind jünger als 15 Jahre. Die muslimische Bevölkerung Nordafrikas wird in den nächsten 35 Jahren um 130 Millionen wachsen. Allein in Ägypten wird der Zuwachs 60 Millionen betragen, bei einer Gesamtbevölkerung von 151 Millionen im Jahr 2050. Dennoch wird Ägypten dann erst die fünftgrößte muslimische Bevölkerung in der Welt besitzen, nach Indonesien, Pakistan, Bangladesch und Indien. Der relative (oder gar absolute) Bevölkerungsrückgang betrifft nicht nur Europa, sondern auch Japan. Bis 2050 wird Japan 19 Millionen verlieren und seine Gesamtbevölkerung wird auf 107 Millionen zurückgehen. Schon jetzt ist dort ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 und nur ein Siebentel der Bevölkerung ist jünger als 16 Jahre.

Wir haben hier eine Entwicklung von prinzipieller Bedeutung vor uns: Die Bevölkerungen in den reifen Industrieländern werden älter und schrumpfen quantitativ, während es in den Entwicklungsländern ein drastisches Bevölkerungswachstum gibt. Zwischen diesen beiden Prozessen besteht allerdings kein kausaler Zusammenhang: Die Bevölkerung in der Dritten Welt wächst nicht etwa, weil sie in den entwickelten Ländern zurückgeht, sondern es handelt sich hierbei um Epiphänomene des umfassenderen Komplexes der industriellen Transformation, die eben auch mit demographischen Effekten verbunden ist.

Kein Vorstoß in „leere Räume“

Die Migration der wachsenden Bevölkerung in den Ländern der Dritten Welt nach Europa findet keineswegs aus dem Grunde statt, weil die Bevölkerung in den reichen Ländern stagniert oder zurückgeht. Die Migranten stoßen nicht in „leere Räume“ vor, wie dies etwa bei der europäischen Migration nach Amerika der Fall war. Die globale Bevölkerungsdichte beträgt heute etwa 54 Personen pro Quadratkilometer. In Japan beträgt sie 335, in Deutschland 228, in Syrien 115, in Afghanistan 39, in Nigeria 193 und in Äthiopien 83 Personen. Insgesamt weist das subsaharische Afrika eine Bevölkerungsdichte von 80 Personen pro Quadratkilometer auf, im Vergleich zu Europa (EU) mit 117 Personen pro Quadratkilometer.

Es wandern also Menschen aus dünn besiedelten in dichter besiedelte Räume. Dies ist unter industriegesellschaftlichen Bedingungen auch nicht anders zu erwarten. Im Gegensatz zu Bauern, die nach Land suchen und deshalb in „leere“ Räume einströmen, suchen die heutigen Migranten Chancen in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften, die sich von der Fläche emanzipiert haben.

Woher kommt der aktuelle Migrationsdruck? Diese Frage kann mit einem Blick auf die Entwicklung des relativen Wohlstands im globalen Rahmen beantwortet werden. Nach einer Untersuchung von François Bourguignon[1] ist der Einkommensunterschied zwischen verschiedenen Ländern seit dem frühen 19. Jahrhundert drastisch gestiegen. Nach 1980 hat er seinen Höhepunkt erreicht, und seitdem geht er wieder zurück. Heute liegt er etwa wieder auf dem Niveau von 1900. Das 20. Jahrhundert war also eine Ära der wachsenden Ungleichheit zwischen den Weltregionen, und diese Differenz wird heute im Zeitalter der Globalisierung ziemlich rasch wieder abgebaut (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2

Der wirkliche Grund für die Migration ist also nicht etwa die Armut in den Herkunftsgebieten, sondern es verhält sich genau umgekehrt. Da die Differenz im Lebensstandard zwischen den Regionen der Welt seit 1990 abgenommen hat, bedeutet dies, dass immer mehr Menschen in die Lage versetzt werden, sich zu informieren und eine Entscheidung für die Migration zu treffen, deren Kosten tragbar werden. Es ist also die Zunahme des relativen Wohlstands, die in den letzten Jahren eine Massenmigration eingeleitet hat. Zuvor waren es eher die Angehörigen der (gut ausgebildeten) Eliten, die in die Industrieländer migriert sind, jetzt ist es tendenziell jeder, der sich ein Mobiltelefon leisten kann.

Verringerte Sterblichkeit und drastisches Bevölkerungswachstum 

Die Kommunikations- und Reisekosten sind stark gefallen, so dass für immer mehr Menschen die Migration in Frage kommt. Ein weiterer Hintergrund ist die Differenz des Reproduktionsverhaltens. In den reichen Ländern nähert man sich einem stationären Bevölkerungsaufbau, während in den Entwicklungsländern noch immer eine demographische Struktur vorherrschend ist, bei der eine verringerte Sterblichkeit zu drastischem Bevölkerungswachstum führt. Zugleich findet in den Herkunftsländern eine ökonomische Entwicklung statt, die mit starken Erwartungen verbunden ist. Solange die Menschen in den überkommenen agrargesellschaftlichen Umständen leben, sind sie zwar arm, doch befinden sie sich in einem gewissen Gleichgewicht der Erwartung. Die Armut gehört gewissermaßen zum Weltzustand, an ihr kann eigentlich nicht gerüttelt werden. Zwar gibt es enorme Unterschiede zwischen arm und reich, doch befinden sich diese in unterschiedlichen sozialen Kategorien. Der arme Bauer vergleicht sich vielleicht mit seinem Nachbarn, nicht aber mit dem Fürsten.

Diese gleichgewichtige Situation ändert sich durch die Industrialisierung. Jetzt gibt es neuartige Gewinner und Verlierer, und es baut sich ein Erwartungsdruck auf, der umso höher gespannt ist, je rascher die Wohlstandssteigerung stattfindet. In der Agrargesellschaft hatte der normale Mensch kein eigenes Verkehrsmittel. In der Industrialisierung erwirbt der eine ein Fahrrad und der andere ein Auto. Der Fahrradbesitzer freut sich dann nicht so sehr darüber, sich ein Fahrrad leisten zu können, sondern er ist darüber verärgert, dass es kein Auto ist. Die Unzufriedenheit steigt also in dem Maße, wie der Wohlstand zunimmt und Menschen oder Länder ins Visier geraten, deren Wohlstand höher ist als der eigene.

Wir können hier eine Parallele zur Entwicklung in Europa im 19. Jahrhundert ziehen. Die Industrialisierung erhöhte den materiellen Lebensstandard für die Masse der Menschen, doch stiegen die Erwartungen einer Verbesserung des Lebensstandards schneller als der Lebensstandard selbst. Diese Spannung zwischen Erwartung und Erfahrung ist aber ein Grund für Unzufriedenheit, die sich in unterschiedlicher Weise äußern kann. Der Soziologe James C. Davies hat schon 1962 ein einfaches Modell vorgelegt, das diesen Zusammenhang illustriert[2] (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3

Dieses Modell dient der Erklärung des sozialen Protests im 19. Jahrhundert, es kann aber generell auf die wachsende Unzufriedenheit im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung angewandt werden. Entscheidend daran ist, dass die „Revolution“, die „Rebellion“ oder generell der soziale Protest nicht etwa Ergebnis einer absolut schlechten Lage sind („Armut“ oder „Unterdrückung“), sondern vielmehr einer wachsenden Spannung zwischen Erwartungen und Befriedigung von Erwartungen. Wenn die Erwartungen steigen, das reale Befriedigungsniveau aber nicht mithält, entsteht Unzufriedenheit, die sich unterschiedliche Ventile suchen kann.

Unzufriedenheit endet im politischen Konflikt

Wir können zur Typisierung der unterschiedlichen Antworten auf Unzufriedenheit auf das schöne Erklärungsmodell zurückgreifen, das Albert O. Hirschman entwickelt hat.[3] Er unterscheidet zwei Reaktionsweisen auf eine unbefriedigende Lage, nämlich „Exit“ und „Voice“, d. h. wer mit seiner Lage unzufrieden ist, kann abwandern und sich eine bessere Umgebung suchen, oder aber er erhebt seine Stimme, organisiert sich und protestiert, wodurch die Unzufriedenheit in den (politischen) Konflikt transformiert wird. Beziehen wir dies auf die Herkunftsländer der Migranten, erhalten wir die folgenden beiden Reaktionsmöglichkeiten auf eine unzufrieden machende Dynamisierung ihrer sozialen Situation:

Es gibt die Wahrnehmung, dass im eigenen Land nur geringe Chancen zur Erringung des erwarteten gehobenen Lebensstandards bestehen, also versuchen viele Menschen, in Länder mit besseren Chancen auszuwandern („Wirtschaftsflüchtlinge“).

Es gibt immer mehr Konflikte um Lebenschancen, die zunehmend gewaltsam zwischen tribalen Gruppen ausgetragen werden, wodurch einzelne politisch unterdrückt werden können („Asylanten“) oder generell die innere Sicherheit sinkt („Bürgerkriegsflüchtlinge“).

Man sieht also, dass zwischen „Wirtschaftsflüchtlingen“ und „Bürgerkriegsflüchtlingen“ bzw. „politisch Unterdrückten“ kein prinzipieller Unterschied besteht. Die „Wirtschaftsflüchtlinge“ wählen angesichts ihrer unbefriedigenden Situation das „Exit“, sie wandern also in Länder aus, in denen sie sich bessere ökonomische Chancen erhoffen. Andere bleiben in ihrem Land und versuchen, dort ihre Position durch Erheben der „Stimme“, also durch politischen Protest, zu verbessern, was in einer konfliktreichen Situation leicht zur politischen Unterdrückung führt, vor der sie als „Asylsuchende“ in sichere Länder fliehen möchten. Oder die Konflikte eskalieren zum Bürgerkrieg, so dass sie eben als „Bürgerkriegsflüchtlinge“ gelten.

Migrationsdruck nicht vermindert, sondern erhöht

Wenn man diesen Hintergrund ernst nimmt, wird auch deutlich, wie problematisch die häufig beschworene Lösung ist, die „Fluchtursachen“ in den Herkunftsländern zu beheben. Wenn eine Methode dazu die Zahlung von Entwicklungshilfe ist, kann diese die betroffenen Gesellschaften destabilisieren, neue Erwartungen schaffen und enttäuschen, und schließlich Konfliktgründe erzeugen. Solange ein Wohlstandsgefälle zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern besteht, wird eine Steigerung des Lebensstandards in den Entwicklungsländern den Migrationsdruck nicht etwa mindern, sondern vergrößern.

Man kann das Migrationsverhalten im heutigen Westasien oder Afrika mit dem in Europa der letzten Jahrhunderte vergleichen. In Zeiten, in denen die Lage in Europa materiell und politisch wirklich von Elend geprägt war, etwa im 17. Jahrhundert, war die Auswanderung nach Amerika verschwindend gering. Die meisten Menschen waren zu unwissend und zu arm, um einen solchen Schritt zu wagen. Die große Welle der Auswanderung nach Amerika fand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt, also in einer Zeit, in der sich durch die Industrialisierung der Lebensstandard in Europa deutlich verbesserte. Emigration war daher nicht so sehr Ausdruck von absoluter Armut, sondern Ergebnis der Erwartung, seine Lage durch Migration deutlich verbessern zu können.

Die Gründe für die Migration liegen also auf seiten der Migranten auf der Hand: Sie streben danach, in eine Weltregion zu wandern, die ihnen größere Chancen bietet als ihre Heimat. Sie verhalten sich damit ökonomisch gesehen völlig rational, indem sie versuchen, den größtmöglichen Preis für die von ihnen angebotene Ware, ihre Arbeit, zu erzielen bzw., wenn dies nicht zufriedenstellend ausgeht, nach einer Rente zu suchen, die ihnen in den Zielländern vom Sozialstaat angeboten wird. Man kann auf dieser grundsätzlichen Ebene nun fragen, wie groß die Chancen für die Migranten stehen, tatsächlich eine Verbesserung ihrer Lage zu erreichen. Was wollen sie eigentlich? Wollen sie ihre absolute, physische Lage verbessern, etwa gemessen in Kalorien Nahrung? Wenn dies ihr Ziel ist, können sie es erreichen, doch ist fraglich, ob sie dieses Ziel nicht bereits in ihrem Herkunftsland erreicht hatten. Wenn dagegen ihr Ziel darin besteht, ihre soziale Lage zu verbessern, wird es problematisch. Die Migranten sind ja in der Regel nicht die Ärmsten der Armen, entstammen also nicht der Unterschicht in ihren Herkunftsländern, sondern sie gehören eher gehobenen Schichten an, die es sich leisten können, ein Mitglied ihres Clans nach Europa zu schicken.

In Europa werden sie nun die Erfahrung machen, dass vielleicht ihre materielle Situation besser wird, dies aber mit einem sozialen Abstieg zu bezahlen ist. Sie müssen sich ganz hinten anstellen, und in der Regel besitzen sie keine Qualifikation, die es ihnen ermöglichte, sozial aufzusteigen. Der Erwerb einer solchen Qualifikation ist jedoch ein langer, beschwerlicher Weg, und es fragt sich, ob er innerhalb einer Generation zurückgelegt werden kann. Die Immigranten befinden sich damit in einer paradoxen Situation: Ihre materielle Lage hat sich verbessert, ihre soziale Position hat sich dagegen verschlechtert.

Wie geht man mit einer solchen Situation um? Was macht ein vitaler, unternehmerischer junger Mann, der keine Qualifikation besitzt, in der Zielgesellschaft eine anerkannte soziale Position zu erringen? Er wird versuchen, dies auf anderen Wegen zu erreichen, etwa durch Integration in eine tribale Parallelgesellschaft, vielleicht durch illegale Aktivitäten wie Drogenhandel, vielleicht auch durch ideologische Radikalisierung, die den Hass auf das Versagen bündelt und in politische Aktivitäten (bis hin zum Terrorismus) umsetzt. Es wundert daher wenig, wenn nach einer gewissen Zeit der Ernüchterung Hass und Radikalisierung auftreten. Die Erwartungen sind wiederholt enttäuscht worden, und die Reaktion darauf besteht im Protest in verschiedenen Varianten.

Anmerkungen

[1] François Bourguignon, The Globalization of Inequality, Princeton 2015

[2] James C. Davies, Toward a Theory  of Revolutions, in: American Sociological Review, 27, 1962, S. 6

[3] Albert Hirschman, Exit, Voice and Loyality. Responses to Decline in Firms, Organizations and States, Cambridge MA 1970

Rolf Peter Sieferle, Professor für allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen, ist vor wenigen Monaten 66jährig verstorben. Die „Süddeutsche Zeitung“ charakterisiert ihn als „unerschrockenen, immer rationalen Denker, der sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen ließ, wenn er apokalyptische Möglichkeiten erwog“ und „an dem konservativ allenfalls sein Bewusstsein für natürliche Grenzen war“. Dieses Lesestück ist das erste Kapitel einer 135 Seiten starken Schrift, die in diesen Tagen im Berliner Verlag Manuscriptum (www.manuscriptum.de) im Rahmen der „Werkreihe Tumult – Vierteljahresschrift zur Konsensstörung“ erschienen ist.

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. März 2017
 
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