Der neue Mittelstand


Ohne Bildung und Qualifikation kein „angestellter“ Mittelstand

 

Von Olaf Jörgens

Seit 1975 hat das deutsche Mittelstandsinstitut Niedersachsen in Hannover immer wieder Ansätze, Grundsätze und Merkmale des Mittelstandes eingehend und umfassend erforscht. Daraus ergaben sich bemerkenswerte und teilweise auch neue Schlussfolgerungen:

  • Der gesamte Mittelstand macht in unserer Gesellschaft einen Anteil von 49 % der Gesamtbevölkerung aus. Wir sind in Mitteleuropa also noch eine typisch mittelstandsorientierte, eine so genannte bürgerliche Gesellschaft. 
  • Innerhalb des Mittelstandes dominieren aber nicht mehr die Selbständigen (Unternehmer, Landwirte, Freiberufler u. ä. = in Deutschland ca. 13 Mio. Menschen) den Mittelstand, sondern die Unselbständigen, also der in fremdem Auftrag Verantwortung tragende Mittelstand des Öffentlichen Dienstes (2,8 Mio.), der privaten Wirtschaft (5 Mio.) und der gemeinnützigen Organisationen (0,3 Mio.), der mit Ehepartnern, Kindern und Rentnern insgesamt 27 Mio. Menschen, also doppelt so viele „Mittelständler“wie die Selbständigen umfasst. 
  • Mit dem Schwerpunktwandel vom selbständigen zum angestellten Mittelstand hat sich auch die Zugangsvoraussetzung zum Schichtenaufstieg gewandelt: Während der selbständige Mittelstand traditionell noch aus der praktischen Ausbildung (Handwerk, Landwirtschaft, Handel) und nur zum Teil aus Hochschulabschluss (freie Berufe) sich qualifiziert, kann der angestellte Mittelstand seine Qualifikation in aller Regel nur über das Bildungssystem (Hochschulausbildung) erreichen. Das Tor zum gesellschaftlichen Aufstieg unserer jungen Menschen ist also im angestellten Mittelstand – aber zunehmend übrigens auch im selbständigen Mittelstand – die Qualifikation über unser Bildungswesen.
  • Eltern, die das Leben ihrer Kinder sichern wollen, können dies heute nicht mehr durch Standesvorteile, aber in unserer wirtschaftlich virulenten und von Krisen bedrohten Wirtschaft auch immer schwerer durch Vermögensweitergabe sichern. Wie uns unsere Eltern nach dem Krieg mit Recht immer gemahnt haben, ist Aufstieg in der Regel nur über den Bildungsweg möglich, muss also jeder junge Mensch durch Bildungsqualifikation nachweisen, dass er die notwendigen Berufsqualifikationen der Mittel- und Oberschicht erfüllen kann. Höhere Bildungsqualifikation ist also nicht nur die Voraussetzung für eine Position im angestellten Mittelstand, sondern auch für jede Generation wieder ein neues Erfordernis.
  • Unsere Jugend steht im Gegensatz zu früher sogar noch in einer verschärften, nämlich internationalen Qualifikationskonkurrenz, weil die Wirtschaft und zunehmend auch der Öffentliche Dienst immer mehr nach Qualifikationsvoraussetzungen, aber immer weniger nach Nationalität einstellt. Nicht nur Bildung allgemein, sondern speziell gute Bildung ist deshalb immer notwendiger für den Aufstieg in Mittel- und Oberschicht, weil nur gute Bildung international einen Wettbewerbsvorteil schafft bzw. erhält. 
  • Das Bildungsbürgertum des angestellten Mittelstandes ist nicht nur inzwischen die stärkste Gruppe innerhalb des Mittelstandes, sondern wird auch das frühere Leitbild des wirtschaftlichen Mittelstandes, nämlich das des Unternehmers, hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Funktion immer mehrübernehmen müssen. Mehr als 90 % unserer Beschäftigten sind unselbstständig angestellt. Wollen wir also weiterhin eine „bürgerliche“ Gesellschaft bleiben, soll mithin das Bürgertum weiterhin den Ton angeben, muss zunehmend der angestellte Mittelstand dies übernehmen. Das ist neu. So schließt sich dann der Kreis von Bildung, Qualifikation, Verantwortung und Leistung innerhalb und für die Gesamtgesellschaft. 

Wie der neue Mittelstand ermittelt wird

Der gesellschaftliche Mittelstand unterteilt sich heute also in den „wirtschaftlichen Mittelstand“ und den „fremdverantwortlichen Mittelstand“. Zum „wirtschaftlichen Mittelstand“ gehören einerseits die mittelständischen Unternehmen (kleine und mittlere Unternehmen) und andererseits der selbständige Mittelstand (selbständige Gewerbebetreibende, Freiberufler, Haus- und Grundbesitzer sowie Gesellschafter etc.). Der selbständige Mittelstand ist aber auch Teil des „gesellschaftlichen Mittelstandes“, dem dann zusätzlich noch ein „fremdverantwortlicher Mittelstand“ hinzugefügt werden muss. 

Diesem fremdverantwortlichen Mittelstand, dem angestellten Mittelstand, lassen sich dann unter einem sogenannten Positionsmittelstand z. B. leitende Angestellte, Beamte oder Berufspolitiker zuordnen, während Forscher/Hochschullehrer, Spezialisten oder Journalisten beispielsweise dann einem zweiten, nämlich dem sogenannten Qualifikationsmittelstand zugeordnet werden. Um als Berufstätiger zum Positions- oder Qualifikationsmittelstand zu gehören, also generell als Arbeitnehmer in den Bereich angestellter Mittelstand eingeordnet werden zu können, sind einzelne Identifikationskriterien notwendig, die eine entsprechende Zuordnung überhaupt erst ermöglichen. Hierbei handelt es sich um die Kriterien:

  • Bildung und Qualifikation 
  • Einkommen 
  • Position 
  • Funktion 

Anhand dieser Kriterien gelangt man zunächst einmal zu der Erkenntnis, dass in Deutschland die Zahl derjenigen Berufstätigen, die dem angestellten Mittelstand zugeordnet werden können, bei ca. 8 Mio. Personen liegt. Addiert man die Ehepartner/Lebensgefährten (5 Mio.), die Kinder aus diesen Partnerschaften (6 Mio.), wie auch Rentner und Pensionäre (8 Mio.) hinzu, liegt die Gesamtzahl sogar bei 27 Mio. Personen. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, müssen aber die zuvor genannten Kriterien in einer bestimmten Reihenfolge angewendet bzw. berücksichtigt werden. 

Teile der Wissenschaft (insbesondere die Wirtschaftswissenschaft) wie auch derjenige Teil der Bevölkerung, der sich mit dem Thema angestellter Mittelstand auseinandergesetzt hat, betrachten überwiegend – wenn nicht fast ausschließlich – nur das Einkommen als das Kriterium schlechthin, über welches die Zugehörigkeit eines Arbeitnehmers zum Mittelstand festgestellt werden kann. Dies trifft allerdings nur teilweise zu. Um überhaupt in den Mittelstand aufsteigen zu können, ist nämlich eine entsprechende Bildung und Qualifikation nicht nur notwendig, sondern ausschlaggebend und deshalb auch als das ursächliche Kriterium anzusehen. Das Folgekriterium Einkommen würde erst an zweiter Stelle folgen, es lässt sich jedoch am Ende mit dem Kriterium Bildung und Qualifikation gut kombinieren, womit eine Zugehörigkeit zum angestellten Mittelstand festgestellt werden kann.

Die Ausbildungsqualifikation ist entscheidend

Wenn in unserer offenen Gesellschaft jedem Menschen – zumindest theoretisch – der Aufstieg innerhalb unserer Gesellschaft offen steht, gilt dies jedoch nur unter der Voraussetzung, dass er die notwendige Qualifikation und Tüchtigkeit erbringt, welche eine höhere Gesellschaftsschicht eben erfordert. Zumindest für den Aufstieg zur Mittelschicht spielt deshalb die Ausbildungsqualifikation eine entscheidende Rolle. Wer sich nicht ausbildet oder nur sehr wenig fortbildet, schafft wohl kaum den Aufstieg, erreicht nicht die Leistungsfähigkeit für höheres Einkommen und damit letztlich auch nicht den Status des angestellten Mittelstandes.

Bereits in der Grundschule wird nach deutschem Schulsystem darüber entschieden, ob eine Schülerin bzw. Schüler in die Sonderschule, in die Haupt- oder Realschule oder schließlich in das Gymnasium eingestuft wird. So werden zu diesem frühen Zeitpunkt schon im Ansatz die ersten Weichen bezüglich eines Einstiegs in die Arbeitswelt gestellt. Gleiches kann man zum Teil auch über die ersten Schritte sagen, die über die Art ihrer künftigen beruflichen Tätigkeit eingeleitet werden. Generell – von wenigen Ausnahmen abgesehen – sieht es so aus, dass ohne höhere Schulbildung einer Schülerin oder einem Schüler der spätere Aufstieg in den Mittelstand kaum oder nur äußerst schwer gelingen mag. 

Qualifikation bzw. Ausbildungsgrad sind in unserer Gesellschaft durch formale Qualifikationsstufen wie z. B. die Meisterprüfung, das Abitur (Matura in Österreich), der Hochschulabschluss o. ä. feststellbar. Diese Qualifikationsstufen lassen sich eindeutig statistisch erfassen und sie bieten die Möglichkeit einer soziologischen Abgrenzung zumindest nach unten hin. Sie lassen sich aber auch schichtenspezifisch als Voraussetzung dafür bestimmen, dass Menschen in der Regel einen höheren Ausbildungsgrad und eine höhere Qualifikation für höhere Berufe aufweisen müssen, um – an dieser Stelle lassen sich nun die Kriterien Bildung/Qualifikation und Einkommen gut kombinieren – in die Positionen und Einkommenskategorien einer entsprechenden wirtschaftlichen Schicht hineinzukommen bzw. dort bestehen zu können. 

Grundsätzlich kann also festgehalten werden, dass Mittelstand immer mit einem höheren Ausbildungsstand und einer höheren Qualifikation verbunden ist.

Die Erfordernisse für eine mittelständische Tätigkeit

Der Ausbildungsstand und die Qualifikation werden dann auch in vielen mittelständischen Arbeitsbereichen gefordert bzw. ohne dieses ausschlaggebende Kriterium wird es kaum möglich sein, die eine oder andere Tätigkeit überhaupt auszuüben. 

Hierbei sei zunächst der Öffentliche Dienst angeführt. Beispielsweise machen die Bereiche Sicherheit (Polizei), medizinische Versorgung in Krankenhäusern, allgemeine öffentliche Verwaltung, wie auch Bildung selbst (Schulen, Hochschulen), eine entsprechende fachspezifische Ausbildung unumgänglich. Wo diese nicht vorhanden ist, wird man in die e. g. Berufsfelder keine Einstiegschancen haben und folglich auch nicht aufsteigen, um letztlich zum angestellten Mittelstand zählen zu können. Denn nur der Ausbildungsgrad bzw. die höhere Qualifikation ermöglicht in der Regel den Einstieg und letztlich dann den Aufstieg in eine höhere Position, in der die Übernahme einer verantwortungsvolleren Funktion erfolgt; ein Aufstieg, der dann üblicherweise von einem höheren Einkommen „begleitet“ wird. 

Gleiches gilt für gemeinnützige Bereiche. Wer z. B. bei der Kirche arbeitet und innerhalb dieser Institution aufsteigen möchte, kann dies in der Regel – von einigen Ausnahmen abgesehen – nur über eine höhere Ausbildung und eine dieser entsprechenden höhere Qualifikation erreichen. Hier ist ein Studium der Theologie bzw. ein solcher Hochschulabschluss notwendig. Ebenso gilt dies für die Organisationen Diakonie und Caritas. Um dort beruflich ein- oder weiter aufsteigen zu können, ein entsprechendes Gehalt zu bekommen – um letztlich dem angestellten Mittelstand anzugehören – bedarf es ebenfalls der höheren Ausbildung und Qualifikation. 

Des Weiteren lässt sich dies auch für wirtschaftlich oder juristisch orientierte Verbände, für viele Gewerkschaftszweige oder teilweise auch politische Parteien festhalten. Eine fachspezifische Ausbildung, ein Hochschulabschluss in den Bereichen Wirtschafts-, Rechts-, Sozial- oder zum Teil Politikwissenschaft ist fast unumgänglich.

Dies gilt schließlich auch für die privaten Sektoren, z. B. Medizin (private Ärzte, Kliniken), Fachanwälte, Berater in Wirtschaft und Politik u. a. Auch hier gilt: Eine fachspezifische Ausbildung und Qualifikation ist in jeder Hinsicht aufstiegsnotwendig. 

Zusammenfassend bleibt also die gesellschaftspolitisch wichtige Feststellung, dass „der“ Mittelstand nicht – wie gelegentlich beklagt wird – gleichsam schwindet, sondern dass der Mittelstand in unserer Zeit eine Strukturveränderung durchmacht. Der neue Mittelstand wird zwar immer weniger von Selbständigen gebildet, dafür aber in steigendem Ausmaß von Angestellten mit qualifizierter Tätigkeit. Diese Entwicklung muss jede Mittelstandspolitik, die eine solche sein will, zur Kenntnis nehmen und sich darauf einstellen. 

 
Dr. Olaf Jörgens, 1973, ist Vorstandsmitglied und Leiter der Abteilung Mittelstandssoziologie im Mittelstandsinstitut Niedersachen in Hannover.

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. März 2017
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft