Wie intelligent ist Künstliche Intelligenz? – oder: Schach mit Dr. med. Frankenstein


Teil 2: Drohnen, unbemannte Plattformen zu Luft, zu Land und auf See

 

Von Rüdiger Stix

Zur unverbindlichen Einstimmung aus der letzten Seite vom „kleinen Drohnen 1x1“:

… Können sich in absehbarer Zeit autonome Systeme in einer Künstlichen Intelligenz mit unseren Plattformen und Waffen selbstständig machen – ganz egal, ob diese künstliche Intelligenz so etwas wie ein Bewusstsein schon entwickelt hat oder ob sie „nur“ ein blind außer Kontrolle geratenes selbstlernendes Programm ist …?

Wir sprechen also von einem filmreifen Szenario wie etwa vom Bordcomputer HAL 900, der in Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ die Besatzung seines Raumschiffes (fast) komplett tötet, um die Mission zu schützen, oder vom „Sky-Net“, welches in den Terminator-Filmen die Menschheit ausrotten will – und hiezu sagt sogar der stellvertretende Joint Chief of Staffs der USA, General Selva, dass dies inzwischen denkmöglich sei …

Vor genau 200 Jahren schrieb Mary Shelly am Genfer See „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, die weltberühmte Geschichte von Viktor Frankenstein, jenem Mediziner aus Ingolstadt, der ein künstliches intelligentes Wesen schafft mit Hilfe der damals neu entwickelten Werkzeuge zur Bändigung elektrischer Energie (etwa der ersten „Batterie“ von Alessandro Volta). Erstmals werden dabei die klassischen Mythen durch konkrete Werkzeuge der zeitgenössischen Wissenschaft zum Leben erweckt – und nicht von den Göttern im Olymp, wie bei Prometheus, oder aus der Magie wie beim Golem, dem Roboter aus Lehm des Prager Rabbi Löw, oder bei den viel zu hilfreichen Besen des unglücklichen Zauberlehrlings bei Johann Wolfgang Goethe.

Mächtige Hilfen zur Vervielfachung der Körperkraft

Die Werkzeuge des 21. Jahrhunderts sind inzwischen sehr mächtige Hilfen geworden, wie Motorkraft, Kraftwerke und ihre Stromnetze, etc., Werkzeuge also, mit denen wir unsere Körperkraft vervielfacht haben und über den Globus verteilen konnten. Mit dem Werkzeug der Schrift konnten wir auch unser Gedächtnis verbreitern. Zuerst als geritzte Zeichen vor sechs- bis siebentausend Jahren erstmals an der Donau und dann im Zweistromland. Seit Gutenbergs beweglichen Lettern füllen wir unsere Büchereien in allen Winkeln der Erde, die uns nunmehr auch in digitalen Bibliotheken stets überall begleiten. 

Mit unserer Mathematik können wir jenseits unserer menschlichen, raum-zeitlich gebundenen Vorstellungskraft arbeiten, und wir können kosmologische Modelle über Unendlichkeiten und zahllose Dimensionen genauso modellieren, wie die Annahmen der subatomaren Quantenmechanik. 

Wir bewegen uns mit nicht-euklidischer Geometrie in unvorstellbaren Dimensionen, aber dennoch es ist gerade bislang eine eher klassische Mathematik, die uns in Schwierigkeiten bringt:

Es sind vor allem sehr, sehr dumme Rechner, die inzwischen so schnell rechnen, dass sie anfangen, unseren Verstand zu überflügeln… indem sie unser menschliches Können nachahmen, blind, aber sehr wirksam.

Viele Skeptiker werden nun sagen: Ja, wir kämpfen gegen unglaubliche Komplexitäten, die kaum zu beherrschen sind, und die natürlich auch gefährlich sind … aber dies ist noch keine künstliche Intelligenz. Wir sind natürlich auch alle abhängig von den Netzen, die wir kaum mehr komplett überschauen, weil wir vergessen haben, was wir selbst gebaut haben.

Das Jahr-2000-Problem

In den USA wurde kritisiert, dass die Interkontinentalraketen mit den strategischen Atomwaffen auf Rechner zurückgreifen, die aus den 1970er Jahren stammen, die also von Experten programmiert worden sind, die schon lange in Pension sind, falls sie denn überhaupt noch unter uns weilen. 

Zur Jahrtausendwende hat auch die ganze Welt gerätselt, ob denn unsere Netze zusammenbrechen: Die verständliche Sorge war, dass unsere Computer nur bis zum Jahr 1999 eingestellt waren. 

Es stellte sich daher die Frage, ob sie anschließend zur Jahrtausendwende von 1999 auf null schalten würden, und nicht auf das Jahr 2000 … also auf Y2K in der amerikanischen Kurzform … 

Dies ist nun bekanntlich nicht geschehen – aber vergleichbare Beinahe-Katastrophen sind gar nicht so selten: Vom zweiten bis vierten Mai 2013 hat ein (an sich legaler) Rechnerversuch in Deutschland fast zum Zusammenbruch unseres gesamten österreichischen Stromnetzes geführt … Zum Glück gab es aber noch Techniker, die es geschafft haben, den „Stecker“ zu ziehen. Technisch exakter formuliert waren sie noch in der Lage, die Verbindungen auszuschalten, denn sie haben auch noch gewusst oder wenigstens geahnt, welche Verbindung man denn stilllegen muss – weil das System damals eben noch nicht so richtig intelligent war, sondern „nur“ kompliziert.

Selbstverständlich werden wir auch laufend berechnet in unserem Verhalten, unter Verwendung teils legaler, und oft genug auch von illegal ausspähten Daten. Damit errechnen sich unsere Kommunikation, unsere Mobilität und unser Kaufverhalten oder unser Wahlverhalten in einer beachtlichen Genauigkeit, und, wenn man die Hoffnungen der personalisierten Medizin hinzuzählt, wir werden auch berechnet werden in unserer Gesundheitsentwicklung, bevor wir es selbst wissen … 

All dieses mag brandgefährlich sein, wenn es nicht durch uns gesteuert und kontrollierbar ist, aber auch dies ist – derzeit – noch keine künstliche Intelligenz. Lassen wir an dieser Stelle auch vorläufig noch die Diskussionen beiseite, ob und wie wir in einem spirituellen, philosophischen oder systemanalytisch zu interpretierenden System eingebunden sind, nach dessen Regeln wir uns ausrichten könnten oder sollten, und ob unsere geistige, kulturelle Existenz doch in zumindest phänomenologisch messbaren Rückkoppelungen fassbar ist, in Rückwirkungen und in Phänomenen, deren Existenz sich uns nur indirekt erschließt durch ihre Auswirkungen: Es ist für jeden Menschen sehr eindrücklich und wohl oft auch unmittelbar sinnlich erfahrbar, etwa in den Kategorien Platons, dem Wahren, dem Guten und dem Schönen, obwohl wir nur sehr begrenzt in der Lage sind, verbindlich zu erklären, was denn nun „schön“ ist. 

Neurophysiologisch messbare Erfahrungen

Aber Schönes, Wahres und Gutes ist erfahrbar, und diese Erfahrungen sind inzwischen sogar ansatzweise neurophysiologisch messbar – genauso, wie wir in der Lage sind, Schönes und Wahres zu schaffen und weiterzugeben und auch Gutes zu tun. Es ist für uns aber auch implizites Wissen, Erkenntnis und manchmal auch Weisheit – wenigstens phänomenologisch messbar und erfahrbar – beispielsweise in den elementaren Phasen in unserem Leben, im Erwachen unseres Geistes bis zu unserem Abschied. 

Wir erfahren es auch sehr sinnlich bei quantitativen Systemübergängen: Wie viele Sandkörner machen einen Haufen? Wie viele Haare machen einen Schwanz? Wir erkennen es in der explosionsartigen Ausbreitung des Lebens auf unserem Planeten – und im Spiel der Jahreszeiten. Implizites Wissen ist nicht neu, und es ist uns auch als ein anderes universelles Phänomen sehr gut bekannt: 

Es ist beispielsweise jedes epidemiologisches Wachstum … und dies ist in der Regel recht gut berechenbar in Diffusionsgleichungen. Wir kennen es aus jedem Wachstum in ökologischen Nischen und in der Ausbreitung von Seuchen. Es ist auch meistens recht gut berechenbar in Diffusionsgleichungen bei Bakterienkulturen auf Agar-Agar, bis hin zu der ökologischen Abhängigkeit der Fressfeinde von ihren Beutetieren. 

Hierzu gehören auch alle Modelle von langwelligen Entwicklungen. Dies sind etwa die großen Substitutionswellen der Energieversorgung oder die uns heute bestimmenden Schlüsseltechnologien: also etwa der Ersatz von Kohle durch Erdöl, und inzwischen von Erdöl durch erneuerbare Energien. 

Damit verbunden war der Ersatz von Pferdekutschen, von Windmühlen und von Segelschiffen durch Dampfer und kohlebefeuerte Stahlwerke. Diese wiederum wurden ersetzt durch die Generatoren moderner Windkraftwerke und durch Solarzellen mit steigendem Wirkungsgrad. Dasselbe haben wir erlebt auch im Ersatz von Holzbeinen der Piraten und der Eisenfaust bei Götz von Berlichingen durch moderne Prothesen, die im Prinzip schon mit Gehirnsonden gesteuert werden können. Diese Analyse von möglichen, langwellig zu beobachtenden Rückkopplungsprozessen führt uns in jenes Diskussionskapitel, in dem wir kulturell erworbenes implizites Wissen als Gesellschaft in unseren sozialen Interaktionen verwenden – für Ergebnisse, die sich jeder individuellen Planbarkeit entziehen: In diesem Sinn ist natürlich jedes Ökosystem, jede Kultur und daher jeder funktionierende Markt, sowohl im Austausch von Ideen als auch im Austausch von Leistungen, ein Erkenntnis-gewinnender Prozess, der unendlich mehr Information enthält, als es jemals ein einzelnes Gehirn erfassen oder verarbeiten könnte!

ELO-Punkte beim Schachspiel

Sehen wir uns daher nun als kleines Beispiel ein Strategie-System an, das wir alle kennen. 

Es lässt sich beschreiben mit klaren Prinzipien und mit einem verständlichen und an sich einfachen, und vor allem einem überschaubar widerspruchsfreien Regelsatz. Dennoch wissen wir seit Jahrhunderten, dass die Meisterung dieses Systems viel mehr verlangt, als die Kenntnis der Regeln und den Austauschprozess mit dem Gegenüber. Betrachten wir daher nun das Spiel der Könige, und denken wir kurz darüber nach, warum wir sicher sind, dass auch Großmeister dieses Spieles besser sind als ihre eigenen Erklärungen und ihre verbalen Analysen von dem, was sie tun. Bei der Klassifikation der Spielstärken im Schach halten wir uns natürlich an einen weltberühmten amerikanischen Ungarn, Arpad Elo, mit den nach ihm benannten ELO Punkten für das Schachspiel. Es handelt sich dabei um Ranking-Verfahren, das nicht nur auf Schach, sondern auch auf Fußball, Tischtennis oder Go angewandt werden kann – und auch auf Schachcomputer untereinander … Ich möchte es daher hier gleich verbinden mit einem anderen weltweit bekannten Ungarn, mit Laszlo Merö („Habits ofmind, The power and limits of rational Thougt“). 

Wettbewerbskategorien werden dabei dadurch definiert, dass Klassen von Teilnehmern nach ihrer Fähigkeit zusammengefasst sind, wenn diese in der Lage sind, zumindest 75 Prozent aller anderen Teilnehmer zu schlagen. Mit dieser Kategorisierung ist es denklogisch, dass wir dadurch Teilnehmerklassen für jede Art von Wettbewerb formulieren können – egal ob dieser Wettbewerb nun Strategiespiele umfasst oder die Entwicklung von Künsten und der Kultur, wie etwa das Vorspielen von Instrumenten bei großen Musikorchestern. Betrachten wir diese Wettkampfklassen bei verhältnismäßig unbestritten messbaren Leistungen, etwa bei der Laufzeit von Sportlern oder auch in der Kapazität der Informationsverarbeitung etwa in speziellen Teilgebieten von Intelligenztests:

Wir alle wissen ja, dass die Laufzeiten auf 100 Meter messbar und vergleichbar sind. 

Wir wissen auch, dass etwa die Differenz zwischen einem IQ von 94 auf einen IQ von 130 annähernd den Unterschied ausmacht von etwa dem doppelten Leistungsvermögen in einer äquivalenten Informationsverarbeitung – und wir alle wissen auch sehr praktisch, dass wir bei Übermüdung oder unter Alkohol und Drogen-Einfluss eben diese unsere speziellen kognitiven Fähigkeiten auch in diesem Ausmaß (oder mehr) beeinträchtigen können: in etwa von „teilbegabt“ herunter auf „teildebil“… 

Es ist also ziemlich klar zuordenbar, wenn wir etwa Schachspieler, vom Beginner bis zum Großmeister, einerseits danach unterscheiden, wie viele ihrer Mitbewerber sie üblicherweise in Wettbewerben schlagen können. Gleichzeitig können wir daher davon ausgehen, dass sie offensichtlich in der Lage sind, die Komplexität einer gegebenen taktischen und strategischen Situation auf dem Schachbrett zu bewältigen, und dass sie ihre möglichen Züge und die daraus entstehenden Konsequenzen beschreiben können – und hier wird’s interessant… 

Wir sehen dabei nämlich etwas, was wir in praktisch allen Bereichen kennen: Ab einem bestimmten Grad der Fähigkeit oder der Meisterschaft haben wir keine Möglichkeit mehr, von außen zu erkennen, ob die Analyse einer bestimmten Situation auf dem Schachbrett von einem Großmeister stammt – oder eben „nur“ von erfahrenen Schachexperten. Es ist daher ab einer bestimmten Ebene der Fähigkeit nicht möglich, dass die formulierte Analyse, die ausformulierte Interpretation und die darauf aufbauenden Algorithmen von Computerprogrammen besser werden, wenn diese Analysen von Großmeistern erstellt werden – oder eben „nur“ von erfahrenen Experten! 

Dennoch ist es in der realen Welt der Schachmeisterschaften ganz einfach, wenn wir Großmeister von einfachen Experten unterscheiden wollen – nämlich indem man sie gegeneinander spielen lässt: Selbstverständlich werden sich daher aus den Schachturnieren heraus Klassen von Meistern ergeben, und man wird eben Großmeister dadurch, dass man andere, ebenfalls meisterlich spielende Mitbewerberinnen oder Bewerber zumindest meistens besiegen wird. 

Beispiel für implizites Wissen

Mit anderen Worten ist dies ein sehr gutes Beispiel für implizites Wissen, welches wir in Meisterklassen annähernd nachvollziehbar beschreiben können auf Grund der Ergebnisse der Wettbewerbe, und wohl auch verwenden können für kognitive, psychische und physiologisch zu beschreibende Elemente bei der Erfassung von implizitem Wissen: Selbstverständlich erfassen wir damit ja nicht nur intellektuelle Fähigkeiten des impliziten Wissens, sondern genauso natürlich auch Faktoren von physischer und psychischer Widerstandsfähigkeit … Schließlich muss man Schachturniere auch durchstehen können, und man sollte auch in einer psychischen Interaktion mit den Gegnern und mit den Zuschauern bestehen können, ohne ohnmächtig zu werden. 

Lassen Sie mich daher an dieser Stelle auch kurz einen Seitenblick auf die großen strategischen Konzepte des 19. Jahrhunderts werfen und auf jene, welche das moderne strategische Denken eigentlich seit 2500 Jahren beherrschen. Sie alle lassen sich – zumindest derzeit noch – nicht in programmierbare Algorithmen fassen. Ich spreche dabei etwa von Clausewitz als dem weltweit am meisten beachteten und diskutierten neuzeitlichen strategischen Denker, oder etwas entfernter auch von Sun Zi (Sun Tsu), als dem sicher am meisten zitierten und beachteten Autor und strategischen Denker des chinesischen Kulturkreises. Er hat in etwa als Zeitgenosse fast parallel gewirkt zu Thucydides, welcher in unserer Literatur bekannt ist mit seinen Werken über den peloponnesischen Krieg, also die Kriegsepoche zwischen den klassischen griechischen Staaten und dem Großreich der Perser. 

Aber an dieser Stelle der Perserkriege blicken wir zumindest geographisch nicht weit zurück zu unseren über Jahrhunderte entwickelten und verfeinerten Beispielen von weltweit führenden strategischen Spielen: dem Schach und dem Go. Bekanntlich stammt der Begriff Schach vom persischen Schah, wodurch es eben zum königlichen Spiel wurde, und es versteht sich von selbst, dass vom Anfänger bis zum Großmeister heutzutage jeder Computerunterstützung verwendet zum Training und zur Analyse. Daneben bleibt natürlich auch die Faszination des Schachs in der Psychologie. Die meisten werden die kleine Schachnovelle von Stefan Zweig kennen, und es war niemand Geringerer als der Naturforscher, Philosoph und einer der wesentlichen Gründungsväter der USA, Benjamin Franklin, der nicht nur mit Blitzableitern experimentiert hat, wie sie dann unser Dr. med. Frankenstein verwenden sollte, sondern der auch in einem 1779 geschriebenen Werk über „The Morals of Chess“ nachgedacht hat. 

Es handelt sich dabei um einen philosophischen Aufsatz, in dem Benjamin Franklin einen Vergleich zwischen den Spielregeln des Schachs und dem sittlichen Handeln des Menschen aufstellt. Selbstverständlich sind moderne Schachcomputer nicht speziell darauf programmiert, dass sie sich an diese sittlichen Regeln von Benjamin Franklin halten, und daher meist leider keine der von uns allen und von Benjamin Franklin so geschätzten „hochherzigen Höflichkeit“ an den Tag legen (es sei denn, wir werden sie auch darauf nachprogrammieren). 

Was ein Schachcomputer allerdings kann, ist auch klar. In den Jahren rund um den Fall des Eisernen Vorhangs und des sogenannten „Antifaschistischen Schutzwalls“ der Berliner Todes-Mauer, 1989, ist IBM mit „DeepThought“ gegen Kasparow angetreten und konnte dann ein Jahrzehnt später mit „Deep Blue“ endgültig die Oberhand gewinnen. Allerdings, und dies ist von elementarer Wichtigkeit: Wir können noch nachrechnen, was sich der Computer so „einfallen“ lässt … zumindest theoretisch könnten wir es … 

Schach und Go im Vergleich

Vergleichen wir nun auch das konfuzianische Pendant in einem anderen, genauso klassischen Strategiespiel im Vergleich zu Schach, nämlich im Go. Schon auf den ersten Blick sieht man, dass die Regeln von Go viel einfacher, schlichter und elementarer sind als das Regelwerk von Schach. Beide Spiele wurden jedoch als Strategiespiel entworfen und viele Jahrhunderte entwickelt in den Hochkulturen dieser Welt, und sie haben sich über den Erdball verbreitet … Schach hat nun eine beeindruckende Anzahl von Möglichkeiten, die es zu bewältigen und zu berechnen gilt. Go hat aufgrund seiner Bauart aus einem Regelsatz von einigen wenigen simplen Regeln und Elementen die Konsequenz, dass es eine vielfach größere Anzahl von möglichen Figurenkombinationen in einem komplexen System zulässt. Es führte aber auch dieses dadurch entstehende Problem (nämlich des Umfanges an nicht formalisierbar auszudrückendem impliziten Wissen) zur größten Schwierigkeit, einen seriösen Go-Computer zu entwerfen, der die Großmeister des Go-Spiels besiegt. 

So wie das Schach von Persien aus kommend die westliche Kultur geprägt hat, so hat auf der anderen Seite das Go, ursprünglich aus China kommend, in der gesamten konfuzianischen Welt seinen Siegeszug geschafft, und es ist daher nicht nur in der chinesischen Kultur, sondern auch in Japan und in Korea höchst populär. 

In der Spieltheorie wird Go dem endlichen Nullsummenspiel mit perfekter Information zugeordnet. Daher sollte man theoretisch ermitteln können, ob bei einem auf beiden Seiten perfekten Spiel jeweils Schwarz oder Weiß gewinnt oder ob die Partie allenfalls auch unentschieden ausgehen muss. 

Allerdings müssen wir nach heutigem Wissenstand noch davon ausgehen, dass dieses nur durch eine vollständige Berechnung des Suchbaumes geklärt werden könnte, da die Komplexität des Spieles Go eben die Komplexität eines Strategiespiels wie Schach weit übersteigt (weil eben die Regeln im Schach enger und differenzierter sind, was auf der anderen Seite zu einer wesentlich größeren Tiefe von Go führt. Wen es interessiert: Sie finden auf den einschlägigen Seiten im Internet Berechnungen über die mögliche Zahl an gültigen Positionen, die auf einem 19×19-Brett möglich sind, mit etwa 2,08 × 10 hoch 170, und im Schach „nur“ (geschätzte etwa) 10 hoch 43 wegen der differenzierteren Spielregeln. Unbestreitbar ist es jedoch seit dem Frühjahr 2016 soweit: Das Computerprogramm Alpha Go von Google DeepMind hat die Go-Weltmeisterschaften gewonnen – zumindest in vier von fünf Partien im März 2016.

Selbstverständlich konnte Alpha Go dabei nicht dasselbe machen, wie das IBM Programm Deep Blue im Schach mit einer schlicht weitergesteigerten Rechengeschwindigkeit, also mit traditionellen Brute Force gestützten Algorithmen und in einem „Durchprobieren“ aller möglichen Züge, bis es durch die Geschwindigkeit des Durchrechnens von Algorithmen in der Lage war, in der realen Welt auch die impliziten mentalen Kapazitäten von menschlichen Großmeistern zu schlagen. 

Alpha Go musste etwas anderes versuchen: Es verwendet tiefe neuronale Netzwerke und eine Baumsuche, wobei ein Regelnetzwerk trainiert wird mit einem überwachten bzw. bestärkenden Lernen, und einem Bewertungsnetzwerk. 

Schritt zur echten Künstlichen Intelligenz

Wir stehen also, ob wir es wollen oder nicht, am Schritt zur einer echten künstlichen Intelligenz, oder besser gesagt, deren Simulation, was im Ergebnis ähnliche Probleme aufwirft. 

Und es war niemand Geringerer als Stephen Hawking, der schon im Mai 2015 (und vor den Alpha-Go-Wettkämpfen) warnte, dass in absehbarer Zukunft eine selbstlernende künstliche Intelligenz den Schritt schafft in eine echte Intelligenz – mit all den unkalkulierbaren Risiken, von der personalisierten Krankenbetreuung bis zur Führung von Roboterkriegen … 

Hawking bezeichnete daher die Künstliche Intelligenz schlicht als die größte Gefahr für die Menschheit … und im Prinzip hat er wohl recht, denn im Gegensatz zu strategischen Nuklearwaffen können wir bei der Künstlichen Intelligenz nicht sagen, wir verzichten halt schlicht und einfach auf ihren Einsatz und verbieten ihre Erzeugung – denn sie ist schon da …

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. März 2017
 
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