Banditentum und Wegelagerei als Verelendungsfolge


 

Die Geschichte des russischen „Ljonka“ erinnert frappant an aktuelle Zustände in manchen heutigen „Hotspots“ Europas 

 

Von Wilhelm Lahres

An die nachfolgend wiedergegebenen, wahren und nur knapp hundert Jahre zurück liegenden kriminalgeschichtlichen Fakten rund um das Syndikat des russischen Schwerkriminellen Ljonka Pantelejew könnte man sich unwillkürlich erinnert fühlen, wenn man heute die Kriminalitätsentwicklung in manchen Teilen Europas ansieht, wo seit geraumer Zeit brutale Gangsterbanden ganze Stadtviertel in „No-Go-Areas“ verwandelten, vor denen sogar die Polizei kapitulieren musste. 

1917 war, nach der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“, das ehemalige russische Zarenreich in Chaos und Elend gefallen. Die Kämpfe der Bolschewiki mit den als Konterrevolutionären und Volksfeinden verunglimpften Resttruppen der alten Zarenarmee versetzten das ohnehin schon völlig ausgepowerte Land beinahe in Agonie. 

Im russischen Reich herrschten die sogenannten Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, die ihre Macht mit unbeschreiblicher Brutalität, mit Massenhinrichtungen und Deportationen durchsetzten. Verfolgung und Enteignung der besitzenden Klasse, seien es Großgrundbesitzer, Gewerbetreibende oder Industrielle, brachten die Güterproduktion, vor allem aber die Lebensmittelversorgung völlig zum Erliegen. Hungersnöte und tiefste Verzweiflung waren die landesweiten Folgen.

1921 hatte der russische Revolutionsführer Wladimir I. Lenin erkannt, dass sein sozialistisches Experiment demnächst zu scheitern drohte. Die Enteignung des Adels und der Bourgeoisie („Expropriiert die Expropriateure“) und die Kollektivierung der Landwirtschaft hatten zu Massenverarmung und zu Hungersnöten geführt. Lenin, der Anfang der 20er-Jahre geistig noch nicht völlig umnachtet war, versuchte angesichts der misslichen Lage am 10. Parteitag im März 1921 durch Einführung einer neuen Wirtschaftspolitik, der „Nowaja ekonomitscheskaja politika“, kurz NEP genannt, zu retten, was noch zu retten war. Er gestattete Privatpersonen wieder die Herstellung von Produkten des täglichen Lebens, vor allem aber erlaubte er den Bauern, Überschüsse ihrer landwirtschaftlichen Produkte frei auf dem Markt zu verkaufen. Die dabei entstandene Schicht von „wohlhabenderen“ Kleingewerbetreibenden, Bauern und Freiberuflern war sofort das Angriffsziel des ebenfalls sehr rasch aufblühenden landesweiten Banditenunwesens. 

Der bekannteste Bandit und Mörder jener Zeit war der in Petrograd (zunächst St. Petersburg, später Leningrad und heute wieder St. Petersburg genannt) tätige Ljonka Pantelejew. Sein Spitzname Ljonka wurde zum Synonym für Mord und Schrecken. Pantelejew, sein richtiger Name war Leonid Pantjolkin, wurde 1902 in Tichwin im Nowgoroder Gouvernement geboren. Nach der Volksschule und einer Druckerlehre trat er 1919 freiwillig in die Rote Armee ein und kämpfte an der Narwa-Front, wo er es bis zum Kommandanten eines Granatwerferzuges brachte. Nach Beendigung des Bürgerkrieges wurde Leonid demobilisiert und in die Reserve überstellt. Gemäß den Unterlagen der Politischen Verwaltung des Rates der Volkskommissare arbeitete Pantelejew von 1920 bis 1922 als Geheimagent bei der Tscheka,[1] wo er sogar den Rang eines Untersuchungsführers erreichte. Im Jänner 1922 wurde er wegen „Personalabbaus“ aus der Tscheka entlassen.

Räuber- und Mörderbande aus ehemaligen Rotarmisten 

Die von ihm gegründete Räuber- und Mörderbande umfasste etwa zehn Komplizen, die ihre Straftaten in wechselnder Zusammensetzung ausführten. Bei der Gruppe handelte es sich um ehemalige Mitkämpfer der Roten Armee, frühere Tscheka-Agenten und Berufskriminelle. Diese „Naljotschiki“, wie sie damals genannt wurden, vollzogen die Befehle ihres außerordentlich klugen und entschlossenen Anführers gewissenhaftest, was dazu führte, dass die Bande ziemlich lang ungestört tätig sein konnte. 

Nach den Überfällen versteckten sich die Banditen jeweils in einer konspirativen Wohnung, einer sogenannten „Chaza“, von denen Pantelejew in Petrograd eine beträchtliche Anzahl angemietet hatte. Die Opfer der Kriminellen waren hauptsächlich Ärzte, Rechtsanwälte sowie die kurz zuvor von der Neuen Ökonomischen Politik zugelassenen Gewerbetreibenden, gegen die Ljonka als linker Bolschewik einen besonderen Hass empfand.

Einfaches Tatmuster

Das Tatmuster war recht einfach: Die Verbrecher läuteten an Wohnungstüren und gaben sich als Bote, Patient oder Klient aus. Nachdem der Wohnungsbesitzer geöffnet hatte, drängte man ihn unter Vorhalt von Waffen zurück und raubte alle Wertgegenstände. Bei Widerstand schlug man das Opfer nieder, bis es bewusstlos war, oder man ermordete es. 

In den Jahren 1922 und 1923 wurden in Petrograd monatlich rund 40 Überfälle verübt, von denen der größte Teil auf das Konto der Pantelejew-Bande gegangen ist. Die Petrograder waren derart verängstigt, dass sie in ihren Wohnungen Alarmeinrichtungen installierten und beim Schlafengehen einen Hammer unter ihrem Kopfpolster versteckten. Nur wenige riskierten es noch, abends ins Theater zu gehen oder Freunde zu besuchen. Die Räuber könnten sie ja überall, sogar am Newskij Prospekt, der Petrograder Haupt- und Prachtstraße, überfallen und ausplündern.

Pantelejew selbst hat persönlich nicht wenige Menschen am Gewissen. So hat er etwa im Sommer 1922, als er erkannt wurde, den Chef des Sicherheitsdienstes der russischen Staatsbank Tschmutow, der sich ihm mutig in den Weg gestellt hatte, erschossen. Der Bandit saß wie ein Alb auf der Stadt. Die Bürger empörten sich und der Petrograder Stadtsowjet forderte die Miliz auf, das „Problem Pantelejew“ endlich zu lösen. Die Kriminalpolizei veranstaltete, durch ständige Anrufe der Vorgesetzten und vom eigenen detektivischen Ehrgeiz angestachelt, Großfahndungen nach Pantelejew und kam ihm so allmählich immer näher. Man versuchte, ihm alle möglichen Fluchtwege zu versperren. Tag für Tag wurden von der Kripo Räuber arretiert, bei denen es sich um Komplizen des Pantelejew handelte. Zu Ende des Sommers 1922 muss sich der Bandit wohl bereits wie ein fast zu Tode gehetztes Raubtier gefühlt haben.

Trotzdem weitere Überfälle

Diese Situation hinderte ihn aber nicht daran, weiter Überfälle zu verüben. Allerdings ging er dann anders vor. Am 25. August 1922 hielt er mit seinem engsten Komplizen Dmitrij Gawrikow gegen vier Uhr früh eine mit drei Personen besetzte Kutsche an. Die mit Pistolen bewaffneten Räuber brachten die Oberkleidung der Passagiere, ihr Geld, ihre Uhren und Eheringe an sich. Sodann wünschten sie den Beraubten eine „ruhige Nacht“ und fuhren mit deren Kutsche davon.

Einige Tage danach, spät abends am Prospekt Nachimow, hörte der Kommandant der berittenen Milizabteilung Nikitin, jemanden „Räuber, Räuber!“ schreien. Er ritt näher und forderte den Unbekannten, auf den ein Passant gezeigt hatte, auf, sich auszuweisen. Der Unbekannte zog sofort einen Colt und begann im Weglaufen zu schießen. Er wurde aber durch die Schüsse aus den Polizeiwaffen verletzt und konnte daher nicht entkommen. Im Krankenhaus, wohin er geschafft worden war, erlag der Räuber seinen Verletzungen. In weiterer Folge wurde er als Below, einer der aktivsten Komplizen Ljonkas, identifiziert.

Bald darauf ist es aber dennoch gelungen, Pantelejew und Gawrikow festzunehmen. Am 4. September 1922 kamen die beiden Banditen in ein Schuhgeschäft, um dort vorgeblich neue Schuhe zu kaufen. Gerade als sie dabei waren, moderne Modelle anzuprobieren, betraten zwei Milizionäre das Geschäft. Einer der beiden erkannte Pantelejew, der aber rasch reagierte, seinen Revolver zog und zu schießen begann. Beim Schusswechsel wurde ein Milizionär tödlich verletzt, der andere konnte die Verbrecher aber mit Hilfe der herbei geeilten Unterstützung festnehmen. 

Erste Festnahme, Todesurteil und Flucht aus den „Kreuzen“ 

Am 10. November 1922 wurde Pantelejew vom Gericht des Petrograder Gouvernements zum Tode verurteilt. Freilich saß er nicht sehr lange im berüchtigten Gefängnis „Kresty“ (die Kreuze). Bereits in der Nacht zum 11. November konnte er mit zwei weiteren Bandenmitgliedern, Rejnton und Lysenkow, durch Unterstützung eines Gefängnisaufsehers flüchten. Und neuerlich begannen Serien von – sogar noch weit brutaleren – Überfällen und Morden. 

Da die Kriminalpolizei allein mit den Ermittlungen nicht weiterkam, zog man auch die politische Polizei GPU[2] bei. Zur Verfolgung der Bande schuf man eine – heute würde man sagen – Task-Force. An Orten, an denen Pantelejew auftauchen könnte, wurden Hinterhalte vorbereitet.

Bei einem Saufgelage im Restaurant Donon begannen Pantelejew und Gawrikow einen Streit mit dem Türsteher. Der Oberkellner rief die Miliz. Der betrunkene Gawrikow wurde festgenommen. Pantelejew wurde an den linken Hand verletzt, dennoch konnte er sich im Handgemenge losreißen und in Richtung Marsfeld davonlaufen. Beim Ingenieurschloss kletterte er über einen Zaun und versteckte sich in der Pantelejmonkirche.

Sofort wurde die Kriminalpolizei verständigt und nach nur wenigen Minuten erschienen Beamte mit Suchhunden am Tatort. Die Blutspuren führten zum Marsfeld, danach aber verloren die Tiere die Spur. Auf gut Glück suchten die Agenten weiter bis zur Kirche des hl. Pantelejmon, gingen aber daran vorbei, ohne den dort versteckten Ljonka zu entdecken.

Als alles wieder still war, entschloss sich Pantelejew, ein sehr weit entfernt gelegenes Versteck aufzusuchen. Aus der Kirche heraus wandte er sich Richtung Newskij Prospekt, der zu diesem Zeitpunkt menschenleer war. Dort aber liefen, wie in allen zentralen Bezirken der Stadt, bereits Suchtrupps herum, die nach dem Banditen fahndeten. Direkt bei der Sadowajastraße wäre er ihnen fast in die Hände gelaufen. Als er die immer näher kommende Patrouille sah, setzte er sich auf den Prellstein einer Hauseinfahrt, zog den Kragen seines Pelzmantels hoch und bot damit das Bild eines schlafenden Hausmeisters. Einer der Milizionäre kam heran und fragte ihn, ob er nicht jemanden gesehen habe, der so und so aussehe, wobei er dem Banditen dessen eigene Personsbeschreibung erklärte.

„Ich weiß nicht, nichts weiß ich. Bin erst vor drei Tagen aus dem Dorf hergekommen“, gähnte der angebliche Hauswart und hob kaum den Kopf. Die Patrouille zog weiter und Pantelejew war der Polizei wieder entschlüpft. Er fühlte aber wohl, dass sein Ende unvermeidlich nahe kam, und er ließ seiner Brutalität ungehemmten Lauf. Seine Frechheit und seine Dreistigkeit überschritten jede Grenze. Ebenso hart und grausam waren seine Helfer. Vorbei war die Zeit für sorgfältig vorbereitete Wohnungs- und Geschäftsüberfälle. Jetzt kam es untertags und in der Nacht ohne jede Vorbereitung zu massenhaften Raubüberfällen in den Petrograder Straßen. Opfern, die nur den geringsten Widerstand leisteten, wurde sofort in den Bauch geschossen. Während seiner letzten Lebensmonate verübte Pantelejew gemeinsam mit Sascha Pan und Mischka Korjaw zehn Morde, etwa zwanzig Straßenüberfälle und fünfzehn bewaffnete Raubüberfälle.

Kriminalpolizei und GPU hatten für die Klärung der Strafsache Pantelejew ihre tüchtigsten Leute abgestellt. Ab Ende Jänner 1923 waren die Ermittler fast rund um die Uhr im Dienst. In der Stadt hatte man etwa 20 ständige Hinterhalte gelegt. Sobald in der Sache neue Hinweise eingingen, saßen die Detektive dem Banditen schon im Nacken und er musste jede halbe Stunde seinen Aufenthalt wechseln. Ab dieser Zeit war Ljonka offenbar schon nicht mehr nach Überfällen zu Mute.

Tod im Hinterhalt

Mittlerweile war die Mehrzahl der konspirativen Wohnungen der Bande schon aufgeflogen, aber Pantelejew glaubte trotzdem noch an sein Glück. Am Abend des 12. Februar 1923 begab er sich gemeinsam mit seinem Komplizen Mischka-Korjawji in die Moshajskajastraße, wo sich eine sichere „Chaza“ befand. In der einen Hand trug er eine Gitarre, in der anderen einen Korb. Fröhlich pfiff er vor sich hin, als wäre er ein sorgloser Handwerker, dem keine Gefahr drohte.

Pantelejew betrat als erster die Wohnung, hinter ihm Korjawji. Ljonka war überzeugt, dass die Wohnung frei war. Er schaute daher weder nach links noch nach rechts. Kaum war er im Vorraum, fielen aus dem Zimmer Schüsse. Pantelejew war sofort tot. Sein Komplize wurde von einer Kugel lediglich leicht am Hals verletzt. Er dachte übrigens nicht daran, Widerstand zu leisten. Die Überraschung war derart gewaltig, dass er im Schrecken sofort die Hände hochstreckte und mit angstvoll zitternder Stimme piepste: „Ich ergebe mich, ergebe mich – nicht schießen!“

Die Nachricht über die Ereignisse in der Moshajskaja Straße verbreitete sich in Windeseile durch die ganze Stadt. Am gleichen Tag erschien in der Abendausgabe der „Roten Zeitung“ die Nachricht, dass in der Nacht vom 12. zum 13. Februar der bekannte Ljonka Pantelejew, der mit seinen brutalen Morden und Überfällen Schrecken verbreitet hatte, nach langer Fahndung bei seiner Festnahme getötet worden sei.

Mit Pantelejew und seiner Bande war es somit zu Ende. Allerdings glaubten nicht alle Bürger, dass der so brutale Räuber tatsächlich tot war. In Petrograd kursierte die Fama, dass Ljonka lebe und frei herumspaziere. Genährt wurde dieses Gerücht durch den Umstand, dass sich andere Räuber als Pantelejew und Lysenkow ausgaben, um ihren Opfern mehr Furcht einzujagen.

Die Kriminalpolizei entschloss sich daraufhin, diesen Gerüchten ein Ende zu bereiten. Seine Leiche wurde in einen tadellosen Anzug gesteckt und geschminkt, um seinem Gesicht einen besonders lebhaften Ausdruck zu verleihen. Der Verstorbene wurde sodann in einer Totenkammer zur allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Die Schlange der Schaulustigen war zeitweise fast ebenso lang wie einige Jahre später die vor dem Lenin-Mausoleum.

Anmerkungen

[1] Der propagandistische Ausdruck Tschekisten für die Geheimdienstmitarbeiter in Ostblockstaaten leitet sich ab von WeTscheKa (russisch: ВЧК). Dies ist die Abkürzung für die Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution,, Spekulation und Sabotage (russisch Всероссийская чрезвычайная комиссия по борьбе с контрреволюцией, спекуляцией и саботажем [Wserossijskaja tschreswytschainaja komissija po borbe s kontrrewoljuziej, spekuljaziej i sabotaschem]), die nach der Oktoberrevolution 1917 gegründete Staatssicherheit Sowjetrusslands, auf deren Tradition sich die politische Polizei der Ende 1922 gegründeten Sowjetunion berief. 

[2] Die Objedinjonnoje gossudarstwennoje polititscheskoje uprawlenije (russisch: Объединённое государственное политическое управление, Vereinigte staatliche politische Verwaltung, OGPU), üblicherweise abgekürzt zu GPU, war seit 1922 die Bezeichnung der Geheimpolizei der Sowjetunion. Sie ging 1934 im Volkskommissariat für innere Angelegenheiten auf. Die GPU war die Nachfolgeorganisation der Tscheka und eine Vorläuferin des KGB.

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. März 2017
 
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