Das schöpferische Universum


Von Karl Sumereder 

Die heutige Physik hat gute Gründe für die Annahme, dass vor etwa 13,8 Milliarden Jahren aus einem unermesslichen Energiepaket explosionsartig Materie entstand. Dafür hat sich der ein wenig saloppe Ausdruck „Urknall“ oder auf englisch „Big Bang“ eingebürgert.

Die Materie, wie Albert Einstein (1879–1955) sie gemäß seiner Speziellen Relativitätstheorie erklärte, nämlich als „verdichtete Energiefelder“ oder als „Energieknoten“, wurde aus dem Zentrum des Energiepaketes geschleudert. Ein Energiefeld kann man nicht sehen. Es ist eine immaterielle Vorstellung, die Wissenschafter erfunden haben, um etwas zu erklären. 

Gemäß der Physik entstanden, hervorgegangen aus einem unbegreiflichen Energiepaket, in wenigen tausendstel Sekunden Elementarpartikel, physikalische Gesetze, Materie sowie Zeit und Raum. Die Gesamtenergiemenge des entstandenen Energiegefüges Universum bleibt immer erhalten, ist aber wandelbar mit unterschiedlichen Eigenschaften. Materie ist nicht die Trägerin, sondern eine Manifestation von Energie, sagen Philosophen. Das, was wir als das Universum zu verstehen glauben, dieses unermessliche Energiegefüge, evolviert ununterbrochen. 

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“ erkannte schon der Philosoph Heraklit (um 520 bis um 460 v.u.Z.). Euripides (480 oder 485/484–406) meinte: „Doch von allem, das war und ist, stirbt nichts. Wohl zerstieben die Elemente, doch bildet sich daraus die verwandelte Form in tausendfach neuer Gestalt.“ Es wird immer wieder Neues hervorgebracht. Das Universum ist in seiner Grundstruktur schöpferisch, meint Friedrich Cramer in: „Chaos und Ordnung“ (Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 1993). 

Alles altert und stirbt. Galaxien, Fixsterne, unsere Sonne und die Planeten, Mineralien, Zellen, Lebewesen. Alles geht wieder in den allgemeinen Energie-Ozean über, aus dem alles hervorgegangen ist. Vermutlich, so meint Friedrich Cramer, darüber metaphysisch denkend, wird die kreative Materie sich nach einem Durchgang durch Chaos-Zonen neu im Evolutionsfeld ordnen. 

Auf die Fragen, was „vor“ dem Urknall ist oder gewesen sei und wie es „nach“ dem Ende unseres Sonnensystems oder dem Universum weitergeht, gibt es keine Antworten. Solche Fragen, die so nahe liegen, die Antworten aber deshalb nicht möglich sind, weil unser Verstand einen zeitlichen Anfang oder eine zeitliche Grenze ebenso wenig denken kann, wie eine Grenze im Raum. Gemäß Hoimar von Ditfurth: „Innenansichten eines Artgenossen“ (DTV-Verlag, München 1992), ist menschlicher Verstand auf die Analyse der Realität, auf das Abbild beschränkt, das sich unser Gehirn von ihr macht. 

Die geschehene Weiterentwicklung

Wie es vom Augenblick der Weltentstehung an weiterging, hat sich mit Hilfe der Computertechnologie skizzenhaft rekonstruieren lassen. Es wurden zahlreiche Ausgangsmodelle mit jeweils probeweise eingesetzten Anfangstemperaturen, Reaktionshäufigkeiten zwischen den aus dem „Urplasma“ hervorgegangenen subatomaren Partikeln und so manch anderem durchgerechnet. Die Ergebnisse wurden mit den heutigen Beobachtungen verglichen. Es wurde aufgedeckt, dass die beiden Wasserstoff- und Heliumatome zunächst die einzigen Elemente waren, die aus dem „Feuerball“ des Anfangs hervorgegangen sind. Aus diesen beiden Elementen ist in der Folge alles, wie meist erklärt wird, im Rahmen eines Selbstorganisationsprozesses spielerisch, zufällig hervorgegangen. All das, was es heute eben mit den technischen Möglichkeiten und mit Hilfe der Mathematik zu erkennen gibt. 

Fragen über Fragen …

Es gehört zu den nicht beantwortbaren Fragen, wie es überhaupt möglich war, dass ein eigentlich so relativ bescheiden wirkendes Ausgangsmaterial genügte, um unter den im Anfang wirksam gewordenen Naturgesetzen etwas hervorzubringen, das wir als das Universum bezeichnen, und insbesondere das Phänomen lebendiger Formen. Eine Vielzahl von Elementen und Lebensarten, von denen viele wieder verschwunden sind, sind aufgetaucht. Vielleicht sind wir Menschen im Evolutionsgeschehen auch nur eine Zwischen- oder Übergangsstation? 

Es wurde einsichtig, dass alle Materie, alle Objekte, alles Lebendige aus Elementen besteht, die vor Jahrmilliarden in Sonnen zusammengebraut wurden, wie Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Eisen, Uran bis zum Blei. Elemente, die Sternengenerationen angehörten, die vor langen Zeitläufen in Nova- und Supernovaexplosionen zugrunde gegangen sind.

Auch die Paläontologen liefern indirekt eine einleuchtende Beweiskette für den Ablauf einer Geschichtlichkeit der Natur. Mit den künstlichen Sinnesorganen im Rahmen der Technik, wurden Eigenschaften der Welt aufgespürt, die uns zunächst verborgen sind: Röntgenstrahlen, magnetische Felder, Ultraschall, elektromagnetische Wellen und so weiter. Es wurde die unglaubliche Leistung vollbracht, mit Hilfe abstrakter Formeln Strukturen der Wirklichkeit nachzuweisen, die uns nicht nur nicht wahrnehmbar, sondern auch unvorstellbar sind. Wie die Raumkrümmung, die immaterielle Natur der Materie unterhalb der Ebene des Atoms, die Identität von Ruheenergie und Masse. (Albert Einstein: Ruhe-Energie = Masse mal Lichtgeschwindigkeit hoch 2)

Ein Energiekreislauf im Lebendigen 

Auf unserem Planeten entstanden, kaum erklärbar, aus einfachen Einzellern, aus Bakterien, aus Eukaryoten, Algen, Moose, Pilze, Pflanzen, Insekten, Würmer, höhere Tiere, schließlich wir Menschen. Wir sind die Nachfahren der vormenschlichen Lebewesen unserer Stammeslinie. Sie reicht zurück bis zur ersten lebenden Urzelle. 

Alles Lebendige benötigt, erzeugt und verbraucht Energie, um seinen Zustand für eine gewisse Zeit aufrecht zu erhalten. Was Energie letztlich aber ist, das wissen wir nicht!

Es ist ungeklärt, wie es zugeht, dass die im Zellennetzwerk Gehirn umherlichternden elektrischen und chemischen Impulse zu „Gedanken“ werden, die uns zu alltäglichen, abstrakten oder kreativen Einfällen befähigen und letztlich dazu, unsere geistige Existenz zu reflektieren. 

Einen lebenden Organismus kann man gemäß Friedrich Cramer als ein System bezeichnen, welches seine Ordnungsstrukturen durch die ständige Aufnahme von äußerer Energie erhält und weiter ausbaut. Diese Ordnung kann man letzten Endes auch als ein Energiegefüge auffassen. 

Unser Organismus nimmt Nahrungsstoffe (Energien) auf, passt sie chemisch den Bedürfnissen an (Verdauung) und wandelt sie in der Muskelbewegung in mechanische Energie, in der Tätigkeit der Nerven in elektrische Energie, in der Aufrechterhaltung der Körpertemperatur in thermische Energie oder mit Hilfe unserer Stimmbänder in Schallenergie um. 

Der Tod ist ein Zustand, in dem ein Organismus nicht mehr durch Energiezufuhr von außen gestützt wird. 

Das Universum in uns 

Forschungen auf den Gebieten Astronomie und Astronautik, in Geophysik, Atomphysik und den Wissenschaften von den Urformen des Lebens haben eine Fülle von Beziehungen zwischen unserem Lebensraum und den Tiefen des Universums aufgedeckt. 

Wir, alle Lebensformen, sind ein Teil des kreativen Energiegefüges Welt, diesem zugehörig und dessen Gesetzen unterworfen. Alle Lebewesen besitzen schöpferische Potenzen, die allerdings nur ein Abglanz jener der Natur sind. 

Unser Energienetzwerk Gehirn ist wahrscheinlich nicht das Organ, für das wir es gewöhnlich halten. Nämlich, dass dessen fundamentale Funktion darin bestehe, psychische Leistungen hervorzubringen. Hoimar von Ditfurth („Im Anfang war der Wasserstoff“, Hoffmann und Campe 1975) meint, dass Gehirne, auch die der Tiere, Organe sind, welche Leistungen wie Intelligenz, Phantasie und Gedächtnis lediglich in einem einzelnen Organismus zur individuellen Verfügung integrieren. Er meint, dass im kosmischen Geschehen und in höheren Lebewesen integrierte Eigenschaften, die wir als Intelligenz, Phantasie, Gedächtnis, schöpferischen Einfall bezeichnen, älter sind als alle Gehirne. 

Eine gewonnene Einsicht 

Unsere a-priori gültigen Denk- und Vorstellungskategorien haben wir als einen Teil des genetisch gespeicherten Erfahrungsschatzes unserer Art geerbt. Die Strukturen der realen Welt haben sich in den Strukturen unserer Gehirne im Verlauf der Stammesgeschichte „abgebildet“, aber nicht mit letzter Präzision, sondern nur in einer Annäherung. Denn der Anpassungszweck aller Lebewesen an die Umwelt bestand und besteht in der Verbesserung der Überlebenschancen und nicht in der Fähigkeit zu einer wahren Erkenntnis darüber, was die Welt ist. 

Immerhin haben die Intelligentesten die Leistung vollbracht, mit Hilfe abstrakter Formeln und Gesetze Strukturen der Wirklichkeit aufzudecken, die uns nicht nur nicht sinnlich wahrnehmbar, sondern sogar unvorstellbar sind. 

Hinter dem Begriff Urknall steht ein Fragezeichen, dessen Beantwortung sich der Wissenschaft entzieht. Die Urenergie brauchte gemäß den mathematischen Berechnungen weniger als eine Stunde, um die Energiebündel Atome zu schaffen. Es dauerte einige hundert Millionen Jahre, bis Sterne und Planeten, bis Moleküle und zahlreiche weitere Elemente sich bildeten. Es vergingen rund 14 Milliarden Jahre, bis zumindest auf unserem Planeten sich nach vielen vorangegangenen und wieder ausgestorbenen Lebewesen und Arten wir Menschen herausbildeten. 

Soviel zur Suche nach der eigenen Würde. Wer hinter dem angedeuteten Fragezeichen einen göttlichen Schöpfer sieht, hat das Fragezeichen für sich beantwortet. Anderen genügt das Fragezeichen.

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. März 2017
 
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