Zwischen Krieg und ewigem Frieden


Unberechenbare Player im nuklearen Poker um Nordkorea 

 

Von Helmut Müller

Im vergangenen Jahr träumte ich davon, wie hinter einer Gebirgskette am Horizont zwei oder drei Raketen einschlugen und sich darauf grellrote Feuerbälle entfalteten. Aha, dachte ich mir, Atomraketen. Obwohl das Geschehen offensichtlich in der Ferne ablief, war ich im Traum zutiefst beunruhigt. Und erneut bin ich es, dieses Mal aber dabei hellwach. Denn die Möglichkeit eines mit Atomwaffen geführten Krieges rückt Jahrzehnte nach der Kuba-Krise erneut in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Der Traum irritierte mich noch aus einem anderen Grund: Ich hatte in der Vergangenheit gelegentlich mich verblüffende Träume, da sie sich nicht nur einmal bewahrheiteten. Hoffentlich ohne Belang dieses Mal.

Inzwischen haben wir uns an die vielen Kriege schon so gewöhnt, dass wir einen der womöglich letzten wie schicksalhaft hinzunehmen scheinen. Die Lage erinnert an die Kuba-Krise. Aber anders als damals haben wir es heute an der Spitze zweier Staaten offenbar mit Narren[1] zu tun. Zumindest wird es uns so vermittelt, wobei ich glaube, dass der mit einer Endzeit-Sekte im Rücken residierende Herr im Weißen Haus eine Spur unberechenbarer ist. Wir sollten uns bei der Gelegenheit auch die Frage stellen, inwieweit die US-Außenpolitik nicht doch auch für die brandgefährliche Lage im Fernen Osten verantwortlich ist. Oder, um es mit dem Iren Gerry Adams zu sagen, ob sie nicht immer wieder Brände löschen muss, die sie selbst gelegt hat.[2]

Man kann nur hoffen, dass die demonstrative Entschlossenheit der einen wie der anderen Seite richtig eingeschätzt wird und sich jede Seite für sich der Folgen eines unter Umständen nuklearen Schlagabtausches bewusst ist. Die drei Millionen zivilen Toten des einstigen Korea-Krieges und die totale Zerstörung des Landes damals sollten Mahnung genug sein. Wieder wäre es, käme es zu dem befürchteten Einsatz atomarer Waffen, die Masse des Volkes, die den größten Preis zu bezahlen hätte. Wobei ja, sollte Peking sich jetzt in diesem Konflikt noch zurückhalten, eine Auseinandersetzung welcher Art auch immer mit China in Zukunft weiter möglich ist. Besorgniserregender Weise scheint es so, als ob das Trump-Team außer der militärischen keine andere Karte zu ziehen imstande wäre.

Unerfreuliches Déjà-vu-Erlebnis

Der Gefahr eines lokalen Atomkrieges mit unabsehbaren Folgen für den Rest der Welt sind sich in Europa aber doch einige bewusst. Zuletzt hat sich, als einer der wenigen europäischen Politiker, der österreichische Außenminister für eine atomwaffenfreie Welt ausgesprochen. Möglicherweise wird aber diese Initiative das Schicksal jener erleiden wie etwa die 1955 vom damaligen britischen Außenminister, Anthony Eden, und später, 1957, von seinem polnischen Kollegen (Rapacki-Plan) ergriffenen. Die Initiativen wurden nicht weiter verfolgt. Das zuletzt im März 2017 in der UNO-Versammlung sichtlich mangelnde Interesse maßgeblicher Staaten an einem Atomwaffenverbot verhalf also zu einem Déjà-vu-Erlebnis. Einem unerfreulichen allerdings.

Damals befürchtete Bonn, ganz Deutschland könnte neutralisiert werden, was der Sowjetunion angeblich einen militärisch-strategischen Vorteil gebracht, den Interessen der USA aber ganz sicher geschadet hätte. Aus denselben Interessen wurde, wie im Falle Korea, ein Friedensvertrag vertagt, und wird deshalb das deutsche Volk weiter an der Nase herumgeführt, wodurch man aber „geschäftlich“ im großen Spiel bleibt. Und so ist zu vermuten, dass Washington in letzter Konsequenz den Status quo auf der koreanischen Halbinsel einem geeinten, aber neutralen Korea vorziehen würde. Dazu ein gefährliches Muskelspiel à la Trump, wie jenes gegen Russland auf Kosten Deutschlands und Europas.

Kant wollte die Krieg-und-Frieden-Frage dem Volk überlassen 

Wie auch immer, wir scheinen jedenfalls von einem dauerhaften Frieden in der Welt weiter entfernt denn je zu sein. Die großen Führer haben versagt oder versagen, die repräsentative Demokratie hat versagt und versagt weiter. Die einen erliegen der Machtgier, und unsere „Demokratie“ wird nicht von jenen regiert, die sie repräsentieren. Viele Mitmenschen neigen daher zu der resignativen Einstellung, es liege in der Natur des Menschen, Krieg zu führen. Schluss, Punkt? Einer, der sich mit dieser Problematik ausführlich beschäftigt hat, Kant, kam schließlich zu dem Schluss, das Unheil könne nur durch es selbst und seine Folgen aufhören. Nun, Kant wusste noch nichts von der Atombombe und konnte sich die Folgen eines Atomkrieges auch nicht in seinen kühnsten Träumen ausmalen. Daher würde der ewige Friede, von dem er sprach, von ganz anderer Qualität sein.

Und doch! Kant, einerseits „realpolitisch“ nüchtern, andererseits sich der Macht des guten Willens bewusst, hatte immerhin eine uns bereits geläufige, sympathische Vorstellung davon, wie ein Krieg verhindert werden könnte, als er unter anderem schrieb: „Was guter Wille hätte tun sollen, aber nicht tat, muss endlich die Ohnmacht bewirken: dass ein jeder Staat in seinem Inneren so organisiert werde, dass nicht das Staatsoberhaupt, dem der Krieg eigentlich nichts kostet, sondern das Volk die entscheidende Stimme habe, ob Krieg sein solle oder nicht.“ Vorwegnahme einer direkten Demokratie also. Aber dazu müsste den derzeit Herrschenden die Macht aus deren Händen erst entrissen werden. Ob sich diese Einsicht noch rechtzeitig durchsetzen wird?

Anmerkungen

[1] „Unsere Gesellschaft wird von Verrückten geführt, für verrückte Ziele. Ich glaube wir werden von Wahnsinnigen gelenkt, zu einem wahnsinnigen Ende, und ich glaube ich werde als Wahnsinniger eingesperrt, weil ich das sage. Das ist das Wahnsinnige daran.“ (John Lennon)

[2] Der vorgesehene Friedensvertrag lag nicht im strategischen Interesse der USA.

Bearbeitungsstand: Samstag, 27. Mai 2017
 
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