Große Veränderungen rollen auf uns zu


Eberhard Hamer (Hrsg.), „Visionen 2050 – Wohin steuern wir? – Trends und Prognosen für Deutschland und Europa“, Kopp Verlag, Rottenburg 2016, 288 Seiten, ISBN 978-3-86445-332-8

 

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

In dieser profunden und nüchtern angelegten Untersuchung unter der Herausgeberschaft von Eberhard Hamer, Hannover, trugen rund 30 in dem Buch genannte Autoren alles zusammen, was die markanten Entwicklungen in unserer Jetztzeit an Ergebnissen daraus bis etwa zur Mitte dieses Jahrhunderts erwarten lassen. Gefördert wurde dieses Projekt von der Deutschen Mittelstandsforschung. Die Ergebnisse sind beeindruckend, mitunter bestürzend. Massiv betroffen davon wird die Generation unserer Kinder bzw. Enkel sein. 

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung fassen die Autoren in 10 Punkten zusammen. Um nur einige wenige Schwerpunkte herauszugreifen, sei zuerst die Situation bei der Welternährung und den vorhandenen Bodenschätzen erwähnt. Hier wird Entwarnung gegeben. Eine Existenzbedrohung ist nicht in Sicht. 

Die Wirtschaftsentwicklung insgesamt hängt eng mit der Lage beim Weltfinanzsystem zusammen. Sie ist angespannt, sehr labil und ein möglicher Crash hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Jedenfalls wird der Anteil Europas und mit ihm Deutschlands am Gesamtwachstum der Weltwirtschaft in der Zukunft deutlich zurückbleiben. Die größten wirtschaftlichen Probleme werden sich bei den Sozialsystemen ergeben. Damit kommen wir zum dramatischsten Punkt der vorliegenden Untersuchung.

Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf 9,6 Milliarden Menschen anwachsen. Spitzenreiter wird Afrika sein. Der Wanderungsdruck der daraus resultierenden „größten Völkerwanderung der Geschichte“ auf Europa wird dazu führen, dass bereits in etwas über 30 Jahren (!) hier „mehr zugewanderte als einheimische Bevölkerung“ leben wird. Nüchterner und zugleich bestürzender kann diese Schlussfolgerung kaum vorgetragen werden. 

Die demografische Entwicklung infolge Massenzuwanderung einerseits und einheimischem Geburtendefizit andererseits wird unsere öffentlichen Ordnungssysteme einschließlich der Sozialsysteme vor eine gigantische Zerreißprobe stellen. Während unsere staatlichen Systeme ohnehin bereits im Spannungsfeld zwischen Nationalität und EU-Zentralität stehen, wird die Zerreißprobe durch die „Probleme der Massenimmigration“ in allen gesellschaftlichen Bereichen auf die Spitze getrieben werden. Angesichts dieser Entwicklung und in Verbindung mit der wirtschaftlich-technischen Globalisierung sprechen die Autoren von einer „Auflösung von Volksidentität“ (Seite 15). Das geopolitische Schwergewicht der Welt wird sich „vom Atlantik zum Pazifik“ verschieben. 

„Auflösung von Volksidentität“

Das vielleicht wichtigste Kapitel in diesem Buch befasst sich mit dem Wertewandel und den Lebenswerten bis 2050. Darin werden an die 105 (!) traditionelle Werte aufgelistet. Allein diese Zahl scheint jenen Kommentatoren Recht zu geben, die den Begriff „Werte“ längst für sinnentleert halten. Heute bekennen sich viele Gruppen ganz allgemein zu „Werten“, ohne diese genau zu bezeichnen. „Europäische Werte“, „konservative Werte“, „abendländische Werte“, „christliche Werte“ oder ganz allgemein „moderne Werte“ sind längst zu geflügelten Worten geworden. Nicht selten begegnet man Menschen, die sich stolz einfach „zu Werten“ bekennen, freilich ohne zusagen, zu welchen Werten sie sich bekennen. Die häufige Aussage: „Ich bin werteorientiert“, ist genau genommen inhaltsleer. Zeigt doch allein schon eine kurze Befassung mit der landläufigen Wertediskussion, dass viele Werte gar nicht miteinander verträglich sind. Erstaunlicherweise wird das manchmal nicht einmal bemerkt. Ein herausragendes Beispiel bilden die Werte Freiheit und Gleichheit, die oft in einem Atemzug gefordert werden, für sich genommen aber ein Gegensatzpaar darstellen. 

So einfach machen es sich die Autoren hier glücklicherweise nicht. Ausgehend vom Naturrecht, bekennen sie sich zur Notwendigkeit von einigermaßen übereinstimmenden Wertvorstellungen, die „als Lebenssinnbasis“ für eine zukunftsfähige Gemeinschaft taugen. Sie landen dabei letztlich auch bei der Religionsfrage. Die vorgebrachten Darlegungen sind beachtenswert. Trotz des zwischen den Zeilen durchschimmernden Bedauerns bezeugt die Feststellung, dass „durch die Massenimmigration von Moslems nach Europa und Deutschland der Islam bis 2050 voraussichtlich zur herrschenden Religion werden“ wird, die unbestechliche Nüchternheit der Analyse. Mit der Dominanz des Islam könnte auch eine „islamische Wertedominanz“ einhergehen (Seite 243). 

„Islamische Wertedominanz“

Die Arbeitsgruppe glaubt, dass „die derzeitige religionsfeindliche Phase … wieder von einer religiösen Erweckungsbewegung abgelöst werden könnte …“, und kommt dann zu dem harten Schluss: „ Welcher Art diese Religion ist, wissen wir nicht.“ (Seite 244).

Der Leser ist verblüfft. Aber dieser zitierte Satz macht zugleich deutlich, warum das vorliegende Buch wirklich so lesenswert ist. Die Lektüre vermittelt den Eindruck, dass die Autoren ehrlich bemüht waren, aus ihren Untersuchungen objektiv belegbare Schlussfolgerungen auch dann zu präsentieren, wenn diese mitunter gar nicht zu den höchst eigenen Befindlichkeiten passen. Respekt! 

Es ehrt die Autoren auch, wenn sie im Schlussabschnitt „Die Aufgabe bleibt“ ganz offen zugeben, „dass wir für die nächsten Jahrzehnte bis 2050 die wirklich für alle tragende Leitidee oder Vision noch nicht erkennen …“. Sicher sind sich die Autoren in ihrem Befund: „Wir stehen also nach dem Bruch der Tradition, dem Bruch unserer Geschichte und dem um sich greifenden Verlust des Wertebewusstseins selbst in einer von Wohlstand überdeckten Identitätskrise, die wir an die nächste Generation so nicht weitergeben dürfen… Wir stecken damit auch in einer Krise unserer gesellschaftlichen Werte.“ 

Das Buch ist eine erstklassige, seriös erarbeitete Grundlage, um die wichtigsten gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Entwicklungen mit ihren nachhaltigen Auswirkungen für unsere Zukunft einigermaßen korrekt beurteilen zu können. Handlungsanweisungen oder gar Rezepte für die Bewältigung der großen anstehenden Probleme werden nicht mitgeliefert, darf man aber auch nicht erwarten. Dennoch sind da und dort Ansätze dafür zu erkennen. Es ist eben genau so, wie es die Autoren selbst aussprechen: „Die Aufgabe bleibt.“ In dieser Hinsicht sind wir alle gefordert.

Bearbeitungsstand: Samstag, 27. Mai 2017
 
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