Parallelen zum letzten, dem eisernen Zeitalter


Vor 2000 Jahren starb der große römische Dichter Ovid

 

Von Bernd Stracke

Als das vierte, letzte, das eiserne Zeitalter bezeichnete der römische Dichter Ovid jene Epoche, in der Treue und Redlichkeit aufhörten, in der Betrug und tückische Falschheit, Hinterlist, Gewalt und verruchte Besitzgier einzogen, in der „das Messer angesetzt wurde“ an Fluren, die zuvor wie die Luft und das Sonnenlicht allen gemeinsam gehörten, und in der der Mensch sich nicht mehr damit begnügte, „Saat und schuldige Nahrung vom ergiebigen Feld zu heischen“, sondern sich „an die Eingeweide der Erde“ heranmachte, um verborgene Schätze ans Licht zu wühlen, als „Anreiz böser Gelüste“. Mit dem Eisen wurden Waffen geschmiedet, es kam zu Kriegen, Raub und Mord. Und: Ein boshaftes Geschlecht von Menschen wagte es gar, den Himmel zu stürmen. Wer könnte Parallelen zur Jetztzeit leugnen?

Ein Zeitgenosse Jesu

Publius Ovidius Naso, ein, wenn man so will, Zeitgenosse Jesu, starb vor 2000 Jahren, also im Jahr 17 nach unserer Zeitrechnung.[1] Ovid wurde sechzig Jahre alt. Neben Horaz und Vergil zählt er zu den drei klassischen lateinischen Dichtern. Er begleitete und begleitet Legionen von Gymnasiasten durch ihre Schulzeit. Die ersten Zeilen von Ovids „Metamorphosen“ („Verwandlungen“), die mit dem Satz „Aurea prima sata (e)st aetas, quae vindice nullo, sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat“ beginnen, dien(t)en oft zum Üben des Hexameters, jenes klassischen Versmaßes, das aus sechs Daktylen (lang–kurz–kurz) besteht.

Geboren wurde Ovid in Sulmo, der rund 120 Kilometer östlich von Rom in den Abruzzen gelegenen heutigen 24.000-Einwohner-Stadt Sulmona. Ovid setzte seiner Heimat mehrfache poetische Andenken. Die noch im heutigen Stadtwappen verewigten Buchstaben SMPE sind das Kürzel für den Auftakt einer dieser Würdigungen: „Sulmo mihi patria est gelidis uberrimus undis“ („Sulmo ist meine Heimat, überreich an kalten Wassern“).

Der Dichtkunst zuliebe das Richteramt aufgegeben

Ovid war als Spross einer wohlhabenden Familie in die augustäische Friedenszeit hineingeboren worden. Sein Vater schickte ihn zunächst auf Bildungsreise nach Griechenland. Dann besuchte Ovid – zur Vorbereitung auf eine Beamtenlaufbahn – eine Rhetorikschule in Rom. Bereits dort offenbarten sich seine Talente zum Dichten und Geschichtenerzählen. Nach einem kurzen Intermezzo als Richter gab Ovid kurzerhand alle öffentlichen Tätigkeiten auf, um Dichter zu werden. Sein Glück: Der Mäzen Marcus Valerius Messalla Corvinus nahm ihn in seinen Kreis von Dichtern auf und förderte ihn.

Im Allgemeinen wird Ovids Schaffenszeit in drei Epochen eingeteilt: In die Frühphase, in der überwiegend Liebesgedichte entstanden, in eine mittlere Phase, in denen er sich Sagenzyklen zuwandte, und in seine Spätzeit, aus der seine Klagelieder herrühren. Ovids gesamtes Opus ist gut erhalten.

In der Spätantike relativ wenig beachtet, beeinflusste Ovids Werk die Dichtung, die bildende Kunst und die Musik des Mittelalters und des Barock in beachtlichem Maß. Nach einem Knick in der Romantik lebte das Interesse an Ovid im späteren 19. Jahrhundert wieder auf. In der kurzlebigen und oberflächlich gewordenen Gegenwart wird er allerdings immer seltener zitiert. 

Liebe und Heilmittel gegen die Liebe

Schon Ovids erste Verse, die „Amores“ (Liebesgedichte), wurden ein durchschlagender Publikumserfolg und machten ihn zum gefeierten Dichter Roms. In diesem Werk steht eine junge Frau namens Corinna im Mittelpunkt, von der nicht bekannt ist, ob es sie als reale Person im Leben des Autors gegeben hat. Ovid stellt die Liebe nicht mehr, wie seine Vorgänger, als ein leidvolles Schmachten dar, sondern als amüsantes und frivoles Spiel. Dagegen stellen die „Remedia amoris“ („Heilmittel gegen die Liebe“) das Gegenstück zur Liebeskunst dar: Sie beschreiben Abhilfen, um sich vom Liebeskummer zu befreien oder ein Liebesverhältnis zu beenden.

Möglicherweise lag schon in Ovids erotischen Werken der Keim für seine spätere Verbannung durch Kaiser Augustus nach Tomi (heute Constanta in Rumänien) am Schwarzen Meer: Ovid gibt an, dass die Ursachen für sein erzwungenes Exil „carmen et error“ gewesen seien, also „Gedicht und Verfehlung“. Unter ersterem ist vermutlich das in drei Büchern festgehaltene Lehrgedicht „Ars amatoria“, auch „Ars amandi“, die „Liebeskunst“[2] zu verstehen, das dem sittenstrengen Augustus nicht genehm gewesen sein dürfte, zumal Augustus viel an der Wiederherstellung der traditionellen römischen Werte von Ehe und Familie gelegen war. Was die „Verfehlung“ anlangt, deutet Ovid in seinen „Tristia“ („Klageliedern“) an: Er habe etwas „gesehen, was er nicht habe sehen dürfen“. Literaturhistoriker vermuten, dass Ovid Mitwisser der Ehebruchsaffäre von Augustus’ Enkelin Julia geworden sein könnte. Jedenfalls war die Verbannung des Poeten weder durch ein Gerichtsverfahren noch durch einen Beschluss des Senats legitimiert. Allerdings war die über Ovid verhängte Verbannung – im Gegensatz zur „aquae et ignis interdictio“[3] eine „relegatio“, also eine mildere Form, dank der er sein Vermögen und sein Bürgerrecht behalten durfte. Vergeblich versuchte Ovid viele Jahre lang – unter anderem durch Übersendung seiner Exildichtung nach Rom – den Kaiser zu erweichen und seine Rückberufung zu erreichen. Aber nicht einmal nach Augustus’ Tod ließ dessen Nachfolger Tiberius Ovid heimkehren.

Runzeln zerstören der Wangen liebliche Glätte

Dabei enthalten Ovids Ars-amatoria-Verse durchaus nicht nur Anzügliches, sondern auch so manche heute noch beherzigenswerte Empfehlung: „Und dir, dem blühenden Jüngling, bleichen die Haare, Runzeln zerstören der Wangen liebliche Glätte. Klugheit erwirb, statt schwindenden Reizen zu trauern. Bilde den Geist, dem kommenden Alter zu trotzen. Pflege der Musen Gebiet, denn Künste erheitern.“

Nach weiteren Werken zum Thema Liebe schuf Ovid um das Jahr 1 sein Hauptwerk, die Metamorphosen. In 15 Büchern mit jeweils 700 bis 900 Versen werden 250 Verwandlungsgeschichten aus der antiken, vor allem der griechischen Mythologie erzählt. Die Geschichten sind durch Übergänge und Querverbindungen so miteinander verbunden, dass sie eine epische Einheit darstellen. Die Bücher eins und zwei handeln von der Weltentstehung bis zum Raub der Europa. In den Büchern drei bis sechs geht es um die Erbauung Thebens bis zur Argonautenfahrt. In den Büchern sieben bis elf erfahren wir alles über das weitere Schicksal der Argonauten bis zum trojanischen Königshaus, und schließlich widmen sich die Bände zwölf bis fünfzehn der Zeit ab dem Trojanischen Krieg bis zum Zeitalter des Kaisers Augustus.

Der Abstieg von Gold zu Eisen

In den „Verwandlungen“ gibt Ovid dem Jahrhunderte zuvor von Hesiod[4] überlieferten Anfangszeit-Mythos eine neue, einprägsame Form. Ovids Goldenes Zeitalter kennt keine Gesetze und Gesetzeshüter, keine Furcht und Strafe. Ohne Zwang tut jeder das Rechte und hält sein Wort. Die Merkmale, die der Dichter anführt, sind die herkömmlichen: Eine von sich aus alle Nahrungsbedürfnisse befriedigende Erde, daher kein Ackerbau; völliger Friede unter den Menschen sowie zwischen Menschen und Tieren, vegetarische Ernährung, Viehzucht nur zur Milchgewinnung; allgemeine Genügsamkeit, Unbesorgtheit und Unschuld; keine Seefahrt und kein Kontakt mit fremden Völkern. Der Lenker dieser paradiesischen Welt ist Saturn. Eine Besonderheit in Ovids Schilderung ist das Motiv des ewigen Frühlings, der ein Leben im Freien ermöglicht. Ovid ist der erste Dichter, der das stets ausgeglichene Klima als Merkmal des Goldenen Zeitalters anführt; vor ihm ist es in der Geschichte des Mythos nur bei Platon bezeugt. Ovids Goldenes Zeitalter ist die wahrscheinlich schönste dichterische Fassung des uralten und zugleich utopischen Menschentraumes vom Paradies auf Erden. 

Mit dem Sturz Saturns, der von seinem Sohn Jupiter entmachtet wird, beginnt das Silberne Zeitalter. Es bringt erste Verschlechterungen: Da der Wechsel der Jahreszeiten einsetzt, werden Behausungen benötigt, die Lebensmittelversorgung ist nur noch mit Ackerbau möglich. In den späteren Zeitaltern setzt sich der Niedergang fort und die Lebensbedingungen werden immer ungünstiger. Zunächst kommt Gewaltbereitschaft auf, später entsteht eine verbrecherische Gesinnung. Erst im Eisernen Zeitalter, der letzten und schlimmsten Zeit, wird privater Landbesitz eingeführt und die Ausbeutung von Bodenschätzen in Angriff genommen. Die rühmende Schilderung der vorbildlichen Sitten der mythischen Urzeit dient bei Ovid auch der indirekten Kritik an seiner Gegenwart.

In zwei weiteren großen Sagenzyklen, „Fasti“, werden – fragmentarisch, weil nur die Monate von Januar bis Juni behandelnd – die Namen, Ursprünge und Bräuche römischer Feste beschrieben. 

Einige Hexameter aus den „Fasti“, die der Autor vor genau 50 Jahren bei seiner mündlichen Lateinmatura zu übersetzen hatte

 
Die Zeit der Verbannung nutzte Ovid zum Verfassen seiner Trauerelegien. Sie sind durchwegs in Briefform gehalten und umfassen fünf Bücher der oben erwähnten „Tristia“ und vier Bücher „Epistulae ex Ponto“ („Briefe vom Schwarzen Meer“). Darin beklagt der Dichter sein hartes Schicksal, die Ferne von Rom und die Unwirtlichkeit des erzwungenen Aufenthaltsorts.

Ein Dichter, am eigenen Talent zugrunde gegangen

An seine dritte Frau gerichtet (zwei in jungen Jahren geschlossene Ehen wurden jeweils nach kurzer Zeit geschieden), teilte Ovid in den „Tristia“ jenen Text mit, der auf seinem Grab stehen sollte: Hic ego qui iaceo tenerorum lusor amorum. Ingenio perii, Naso poeta, meo. At tibi qui transis, ne sit grave quisquis amasti Dicere: Nasonis molliter ossa cubent. („Ich, der ich hier liege, Naso, der Dichter, Spieler zärtlicher Liebesgeschichten, bin an meinem eigenen Talent zugrunde gegangen. Aber dir, der du vorbeigehst, soll es, wenn du je geliebt hast, nicht schwer fallen zu sagen: Mögen Nasos Gebeine weich ruhen!“

Anmerkungen

[1] Ovids Sterbejahr kann insofern als weitgehend gesichert angesehen werden, weil sich in seinen sonst minutiös geführten Aufzeichnungen keine Anspielungen mehr auf die Ereignisse nach dem Jahr 17 finden.

[2] In diesem Werk werden die Themenkreise „Wo kann ein Mann in Rom ein Mädchen kennenlernen?“, „Wie kann ein Mann ihre Liebe gewinnen?“ und „Wie kann ein Mann sich seine Partnerin erhalten?“ abgehandelt.

[3] Diese „Untersagung der Gemeinschaft von Feuer und Wasser“ war im alten Rom eine harte Form des Landesverweises, der damit verbunden war, dass der Betroffene für vogelfrei erklärt war und sein Besitz konfisziert wurde.

[4] Der Dichter Hesiod (spätes 8. oder frühes 7. Jahrhundert v. u. Z.) spricht noch nicht von einem „Goldenen Zeitalter“, sondern von einem „goldenen Geschlecht“, einer Menschengattung, die in ferner Vergangenheit lebte.

Bearbeitungsstand: Samstag, 27. Mai 2017
 
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