Donnergrollen auf der Bühne der Welt


Von Bertram Schurian

Es ist gerade erst hundert Jahre her, dass im zaristischen Russland eine Umwälzung stattfand, die die Welt in vielerlei Hinsicht verändert hat. Im Jahre 2017 sieht es ganz danach aus, als ob die Welt sich am Vorabend oder schon inmitten von Umwälzungen befindet, deren Auswirkungen wir noch kaum richtig einschätzen bzw. überblicken können. Den Veränderungen in Russland im Jahre 1917 ging eine fast vierzig Jahre dauernde Periode von Tumulten, Attentaten und verlorenen Kriegen voraus. 

Es scheint, als ob die Ausführung des Konstrukts „Vereintes Europa” wenig Gegenliebe bei den Menschen, die unter diesem Konstrukt leben müssen, findet. Mit der Gründung im Jahre 1999 der Europäischen Zentralbank und der Einführung einer gemeinsamen Währung nahm die Kritik an dem Konstrukt zu und es sieht ganz danach aus, dass dieses Konstrukt nun einer gründlichen Überarbeitung bedarf.

Es zeigt sich auch, dass die Bestrebungen der USA, mit Geldzuwendungen und militärischen Interventionen Demokratie und demokratische Regierungsformen weltweit zu schaffen und zu fördern, ihren Zenit wegen Mangel an finanziellen Ressourcen und wegen unüberwindbaren Widerständen schon überschritten haben. Es ist nicht von ungefähr, dass ein Außenseiter bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November 2016 den Wahlkampf gewonnen hat und nun als Präsident die bisher begangenen Pfade verlässt, neue Anstöße gibt und damit fordert, vieles neu zu überdenken, womit er viele Leute vor den Kopf stößt. 

Die Rolle der Vereinigten Staaten

Noch sind die USA die vorherrschende Weltmacht auf diesem Planeten, doch wirtschaftlich wie militärisch immer stärker werdende Konkurrenten nagen klammheimlich, teilweise sogar recht offen an dieser Position. In einer Studie der Harvard Universität vom September 2016 wird die desolate Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft in den letzten zwanzig Jahren schonungslos dargestellt. In nahezu allen wichtigen Sektoren hat sich die US-Wirtschaft schlecht entwickelt. Wichtige ökonomische Indikatoren wie Wirtschaftswachstum, Produktivitätswachstum, Schaffung von Arbeitsplätzen und die Investitionsneigung zeigen negative Trends. Die amerikanische Infrastruktur wurde in den letzten zwanzig Jahren kaum verbessert. Ein wichtiger Grund für diese negative Entwicklung sei das politische System. Die Amerikaner vertrauten ihrer Führung nicht, die Polarisierung habe dramatisch zugenommen und das System liefere nicht länger gute Resultate für den Durchschnittsbürger. Die Auslagerung von Produktionskapazitäten in Niedriglohnländer hat für viele amerikanische Unternehmen Gewinne gebracht, aber in mehreren Staaten der USA zu einer gewissen De-Industrialisierung geführt. Diese Politik wurde nicht durch eine Sozialkomponente abgefedert. Im Gegenteil, effektiv liegt die Teuerungsrate vieler Komponenten des Verbraucher-Preisindex weit höher als offiziell ausgewiesen und dies schon seit Jahren. Entsprechend ist das Wachstum der Realeinkommen noch viel geringer als von der Statistik festgehalten; für das Gros der Lohnempfänger hat sich das Realeinkommen stark negativ entwickelt und das schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Deshalb sind viele Haushalte in den alten Industriegebieten der USA finanziell schwer angeschlagen.

Außerdem sind die Auffassungsunterschiede zwischen den Nord- und Südstaaten groß, wie auch zwischen den mehr konservativen ländlichen Gebieten und den städtischen Agglomerationen. Gleiches gilt für die Auffassungsunterschiede zwischen den Religionsgemeinschaften und sozial-liberal denkenden Menschen. Der Wahlkämpfer Trump hat diese Sachlage in Amerika besser eingeschätzt und für sich nutzen können als seine republikanischen Mitstreiter, wovon einige selbst Gouverneure von wichtigen Staaten waren. Vor allem hat er das besser eingeschätzt als seine direkten politischen Gegner, wie Hillary Clinton von den Demokraten und/oder Bernard Sanders, parteiloser Senator aus dem Bundesstaat Vermont.

Der neue Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hat mit seinen Wahlkampfslogans „We will make America great again” und „America First” den richtigen Nerv vieler Bürger in Amerika getroffen. Zudem deutet diese Hinwendung auf Amerika auch auf eine Periode in der amerikanischen Geschichte hin, die nachhaltig von Präsident Andrew Jackson (Präsident von 1829 bis 1837) geprägt wurde. Dies bedeutet nicht, dass sich die USA vom Rest der Welt isolieren bzw. abschotten wollten, sondern es deutet darauf hin, dass mehr der Nachdruck auf die Entwicklung im eigenen Land gelegt wird, als sich in fremde Angelegenheiten einzumischen. 

Beispielsweise vermehrte sich die US-amerikanische Staatsschuld unter der achtjährigen Regierungsperiode von Präsident Obama um US-$ 9 Billionen, auf ca. US-$ 19 Billionen. Von diesen US-$ 9 Billionen wurden ca. US-$ 5 Billionen für Militärausgaben und militärische Interventionen in der Welt ausgegeben. Wenn Präsident Trump seine Ankündigungen verwirklicht, würde dies eine deutliche Änderung jener Außenpolitik der Vereinigten Staaten bedeuten, die in den letzten hundert Jahren verfolgt wurde und die ein US-Imperium schuf, das durch die Errichtung von ca. 900 militärischen Stützpunkten die Weltmeere beherrscht. 

In der Ausgabe von „Foreign Affairs” vom März/April 2017 gibt es eine überraschend positive Serie von Artikeln über Präsident Trump, die seine Chancen auf einen Erfolg seiner Politik hoch einschätzten. Dass der Wahlkämpfer Trump die Oberhand bekam und jetzt Chef des Oval Office im Weißen Haus ist, zeigt, welch bedeutende Verschiebungen sich in der amerikanischen Gesellschaft vollzogen haben. Das Pendel schwingt nach „rechts“. Die amerikanische Gesellschaft wird sich in konservativeres Fahrwasser begeben. Die folgenden vier Gründe könnten hierfür maßgebend sein. 

  1. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten wird konservativer als je zuvor sein. Mit Neil Gorsuch hat Trump einen äußert beliebten und fähigen, aber sehr konservativen Richter in den Obersten Gerichtshof ernannt. Es ist möglich, dass er noch weitere ernennen wird, denn manche Richter sind schon sehr alt und stehen vor ihrer Pensionierung. 
  2. Die Immigration wird sich verlangsamen, weil eine wachsende Mehrheit der Amerikaner sich für strengere Grenzkontrollen und mehr Abschiebungen von illegalen Einwanderern ausgesprochen hat. 
  3. Die nächste Generation der Amerikaner, also diejenigen, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden, ist sehr konservativ eingestellt. So sagen 14% der Teenager, verglichen mit 2% der Millennials, also jener zwischen 1980 und 1999 geborenen Kohorte, dass ihre Lebenseinstellung sehr konservativ ist. 
  4. Die Geburtsrate der Liberalen sinkt, nicht zuletzt weil sie die traditionellen Familienwerte in den USA lächerlich machen bzw. herablassend behandeln. 

In den USA sind vom Kindergarten bis zur Universität die Schulen allerdings zu Brutplätzen für neo-liberale, praktisch „links“-gerichtete Ideen geworden. Deutlicher Ausdruck hierfür ist die Entstehung der „politischen Korrektheit“ und des Glauben an eine abstrakte „soziale Gerechtigkeit“.

Machtverschiebungen in der Welt

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich bedeutende strategische Veränderungen in der Welt vollzogen. Obwohl die Europäische Union mit ihren 515 Millionen Einwohnern ein Bruttosozialprodukt von ca. US-$ 19,2 Billionen (nach Kaufkraftparität korrigiert) im Jahre 2016 erwirtschaftet hat und somit mit ihrer Wirtschaftsleistung vor den USA (US-$ 18,6 Billionen), aber hinter China (US-$ 21,3 Billionen) liegt, haben die USA ihr strategisches Hauptaugenmerk auf Asien gelegt. Dort beobachten die USA den Einfluss Chinas auf seine Nachbarn mit Argusaugen. So haben sich im Mai 2017 Vertreter von hundert Staaten, unter ihnen 29 Staats- und Regierungschefs, zu einem Gipfeltreffen in Peking versammelt, um über den weiteren Ausbau der „Neuen Seidenstrasse“ („One Belt, One Road Project”) zu beraten. Schon seit 2013 wird an diesem riesigen Projekt für Infrastruktur-Investitionen gearbeitet, welches Europa mit China verbinden und einen für beide Seiten fruchtbaren Austausch von Gütern (und Gedanken) ermöglichen soll. 

Der internationale Warenaustausch (Export plus Import ) der USA im Jahre 2015 betrug nur 13,3 % des Bruttoinlandsprodukts , ist jedoch für seine direkten Nachbarn und weltweiten Handelspartner sehr wichtig. Mit Mexiko beträgt er US-$ 539 Milliarden, mit Kanada US-$ 584 Milliarden. Der größte Austausch findet jedoch mit Europa mit US-$ 705 Milliarden (davon US-$ 175 Milliarden allein mit Deutschland) statt. Mit China beträgt der Austausch US-$ 601 Milliarden. 

Deutschland und Russland

Friedmann vom Think Tank „Stratfor“ meinte schon vor einiger Zeit, dass es das große strategische Ziel der USA sei, eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Europa in casu Deutschland mit Russland zu verhindern, denn wenn diese zwei Mächte ernsthaft zusammenarbeiteten, würde dies zum großen strategischen Nachteil der USA gereichen. Diese beiden Mächte wären von den Rohstoffen, dem technischen Know-how, den Ideen und der Anzahl der gut gebildeten Menschen autark. Es schien fast so, dass die USA dieses Ziel bereits erreicht hätten. Die USA betrachteten Deutschland als ihren Vasallen in Europa. Tatsächlich folgte die deutsche Politik ziemlich genau den Vorgaben aus Washington. Das Verhältnis Deutschland zu Russland hatte sich merklich abgekühlt. Grund für diese Verschlechterung des Verhältnisses mit Russland waren die Ereignisse in der Ukraine und die Aufnahme der Krim, die Teil des Staatsgebietes der Ukraine war, in die russische Föderation. Dies führte wiederum auf der Seite der USA und Europas dazu, Russland mit Sanktionen zu belegen. 

Die Folge dieser Sanktionen war, dass diese in erster Linie Europa und insbesondere die Staaten Holland, Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien wirtschaftlich schwer trafen. Russland sah sich gezwungen, seine Zusammenarbeit mit seinen direkten Nachbarn im Süden seines Reiches und mit China im Fernen Osten zu intensivieren. 

Mit der Wahl eines vollständigen politischen Außenseiters als neuen Präsidenten der USA, Donald J. Trump, trat eine neue Konstellation ein. Obwohl Trump Mitglied der Republikanischen Partei ist, wurde er von dieser nicht als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen nominiert, sondern er trat als Unabhängiger in den Wahlkampf ein und er finanzierte diesen weitestgehend aus eigenen Mitteln. Auch obwohl niemand von den etablierten Parteien und deren Presseorganen ihm eine Gewinnchance zutraute, ging er aus diesem Wahlkampf als Sieger hervor. 

Seit Trump Präsident ist, hat sich das eine und andere in der Welt verändert. Der neue Präsident will ein gutes Verhältnis zu Russland entwickeln, denn unter seinem Vorgänger, der Russland als regionale Macht abqualifiziert hatte, war dieses auf einem Tiefpunkt gelandet. Auch China wird weniger als Gegner und mehr als Kooperationspartner in Asien betrachtet. 

Interessant wird es zu beobachten sein, ob oder inwieweit es der machtpolitisch in Richtung Weltdominanz orientierten US-amerikanischen Administration gelingt, sich den anders eingestellten neuen US-Präsidenten letztlich doch „gefügig“ zu machen. 

Die Lage in Europa verändert sich

Trump säte auch Zweifel über die Nützlichkeit des NATO-Bündnisses aus amerikanischer Sicht. Angesicht der Tatsache, dass Europa und besonders Deutschland ohne die militärische Unterstützung der NATO nicht verteidigungsbereit wäre, war die deutsche Reaktion dementsprechend. Die Bundeskanzlerin äußerte sich dahingehend, Europa sollte sich von Amerika emanzipieren und sein Schicksal in seine eigenen Hände nehmen. Im Übrigen wird dieser Standpunkt schon seit Jahren vom ehemaligen Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer, vertreten. Da Großbritannien sich entschlossen hat, gegen die Erwartung fast aller Spitzenpolitiker und der etablierten Medien in Europa und England, die EU zu verlassen, ergeben sich für die EU auch neue Möglichkeiten. Denn Großbritannien konnte, seiner uralten Gleichgewichtsdoktrin folgend, nie die Vormachtstellung eines Landes auf dem Kontinent dulden. Doch nun gab es diese. Auch dieser Umstand trug zur Entscheidung, die EU zu verlassen, bei. Ein weiterer Grund die EU zu verlassen, war der Wunsch des Vereinigten Königreiches, selbst zu bestimmen, wer im Lande willkommen ist und wer nicht. 

Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich und die Parlamentswahlen in Holland haben Resultate gebracht, die die meisten Meinungsmacher in Europa so nicht erwartet hatten. Gerade in Frankreich hat sich ein Phänomen gezeigt, welches sich auch schon in den USA ereignet hatte, nämlich dass ein scheinbar völliger „Außenseiter” einen sehr erfolgreichen Wahlkampf führt und eindrucksvoll gewinnt. In Frankreich, einem Kernland Europas, ist zu beobachten, wie eine straff hierarchisch geführte Technokraten- und Elitepartei mit einem gefügig ausgewählten Parlament und mit Ausnahmeregeln regieren möchte. 

Unter dem Eindruck der Geschehnisse in der Türkei und im Mittleren Osten sowie der massiven Zuwanderung aus dieser Gegend, die durch die militärischen Interventionen der USA im Irak, in Libyen und Syrien verursacht wurde, sind solche Wahlergebnisse aber auch wieder nicht wirklich erstaunlich. Es hat sich gezeigt, dass sowohl Extremisten von Links und von Rechts nicht die bestimmenden Kräfte in Europa sind, und dass die Völker Europas sehr wohl unterscheiden können, wer kundig genug ist, um die entstandenen Probleme zu lösen, nämlich in erster Linie die nationalen Regierungen. Die EU ist in schwieriges Fahrwasser geraten, unter anderem weil sie die Außengrenzen von Europa nicht ordentlich zu schützen vermag und weil sie wieder und wieder gezeigt hat, effektive Maßnahmen nicht durchsetzen zu können. Was einzelnen Staaten gelingt, ist für die EU anscheinend eine nicht zu meisternde Aufgabe. Ein Beispiel dazu am Rande vermerkt: Die umfassende Rettung der italienischen Banken aus Steuergeldern durch den Staat. 

Identitätskrise der EU

Die EU erlebt eine Identitätskrise. Der Glaube der europäischen Völker an die EU und ihre Kraft, Probleme zu lösen, hat schwere Einbußen erlitten. Der europäische Motor, die Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Schulden- und Gläubigerstaaten, stottert ganz gewaltig. Und es zeigen sich immer deutlichere Indizien, die auf ein Auseinanderdriften der EU hindeuten. Der Austritt des Vereinigten Königreiches, der erst in zwei Jahren vollzogen sein wird, ist ein schwerer Schlag für die EU. 

Die Machtverhältnisse in Europa zwischen Staaten mit marktwirtschaftlicher Ausrichtung und mehr merkantilistischer Ausrichtung haben sich zu Ungunsten der skandinavischen Länder und Deutschland/Österreich/Holland verändert. Die Ideen dieser Länder, wie sich die EU weiter entwickeln sollte und könnte, werden in den Gremien der EU auf starken Widerstand bei den übrigen europäischen Ländern im Osten bzw. Süden des europäischen Kontinentes stoßen. Siehe die Haltung der Visegràd-Staatengruppe Tschechien, Slowakei, Polen und Ungarn, die alle von der EU-Kommission unter Druck gesetzt werden, weil sie in manchen Dingen anderer Auffassung sind als Deutschland oder Frankreich. Gerade Polen und Ungarn, die jahrzehntelang unter kommunistischer Herrschaft gelitten haben, haben wenig Verständnis für viele Anliegen/Proteste aus Brüssel.

Neuausrichtung der NATO? 

Auch wird das Vereinigte Königreich als potente militärische Atommacht im Kräftespiel in Europa fehlen. Ob sich das Vereinigte Königreich mit dem Austritt aus der EU nicht auch selbst schwer geschadet hat (der Zusammenhalt im Vereinigten Königreich steht selbst auch zur Diskussion), wird die Zukunft erweisen. Jedenfalls haben Schottland und Nord-Irland angekündigt, in der EU bleiben zu wollen. Fest steht auch, dass der Austritt auf ordentliche und faire Weise vonstatten gehen sollte. Alles andere wäre für das weitere Zusammenleben in Europa ein schwerer Schlag. 

In diesem Zusammenhang ist auch noch zu erwähnen, dass sich Deutschland ohne die Einbindung in die NATO nicht gegen einen Feind aus dem Osten des Kontinentes verteidigen könnte. In der NATO aber haben bekanntlich die USA das Sagen. Daher stellt sich die Frage neu, wer der Feind der NATO ist und ob das tradierte Feindbild noch stimmt? Tatsächlich fühlt sich die russische Föderation anscheinend durch das Vorrücken der NATO dicht an ihre Grenze in einer Zeitspanne von 18 Jahren, seit 1999 Polen, Ungarn und die Tschechische Republik dem Bündnis beitraten und weitere Länder dem folgten, eingekreist und bedroht. Siehe auch den Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 15. 3. 1991, der die rechtliche Vereinigung der beiden deutschen Staaten regelt. Schließlich wurde die NATO als gemeinsames Verteidigungsbündnis seinerzeit gegen die Sowjetunion gegründet. Die Sowjetunion besteht aber seit Dezember 1991 nicht mehr, jedoch die Anzahl der neuen Mitglieder der NATO ist seither von ursprünglich 16 Mitgliedern um 13 (!) auf 29 gewachsen. Die Truppenstärke der NATO ist jetzt ca. 3,8 Millionen Mann. Die Rote Armee hatte auf dem Höhepunkt ihrer Macht im Juni 1941 ca. 5,7 Millionen Mann unter Waffen. Heute verfügt die russische Föderation über Streitkräfte von ca. 700.000 Mann. 

Brzezinski, der seinerzeitige Sicherheitsberater von Präsident Carter und renommierte Politikwissenschaftler, hat in einem Artikel in „Foreign Affairs“ in den neunziger Jahren die Frage nach dem Sinn des NATO-Militärbündnisses aufgeworfen. Eine Diskussion darüber in den diversen Parlamenten wurde meines Wissens nie geführt. Während Präsident Obama die größte zukünftige Herausforderung für Amerika in der zu erwartenden weltweiten Temperatursteigung durch den CO2-Ausstoß sah, ist für Präsident Trump der gemeinsame Kampf gegen den internationalen islamischen Terrorismus die größte Gefahr bzw. Herausforderung. Das hiermit grundsätzlich andere Prioritäten gesetzt werden, sollte jedermann einsichtig sein.

Das schwierige Verhältnis mit der Türkei

Die Türkei betrachtet die während des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg in den Jahre 1915 bis 1917 begangenen Massenmorde an den Armeniern (mehr als 1,5 Millionen Tote) und anderen Christen als eine Tragödie. Für namhafte Historiker und Armenien war es jedoch ein Völkermord. Dies wird von vielen Staaten in Europa auch so gesehen. So auch von den Mitgliedern des Bundestages in Deutschland. Da jedoch Bundeskanzlerin Merkel großes Interesse an einem funktionierenden Deal mit der Türkei hat (die Türkei soll für eine Gegenleistung von ca. € 6 Milliarden keine Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten nach Griechenland und weiter nach Deutschland gelangen lassen), kommt dies zu einem ausgesprochen ungünstigen Zeitpunkt für die Bundeskanzlerin, die mitten in einem Wahlkampf für den Bundestag steht. Erschwerend kommt hinzu, dass das Deutsche Reich und das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg Verbündete waren und damals die Reichsregierung aus opportunistischen Gründen dazu schwieg. Das Verhältnis der Türkei zu Europa hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr verschlechtert, weil Europa die Lage der Menschenrechte und Grundfreiheiten in der Türkei sehr scharf kritisiert hat. In keinem Land der Welt sind mehr Journalisten und andere Kritiker im Gefängnis gelandet als in der Türkei. Die Türkei hat heute eine Machtstruktur, die der Stalins in der untergegangenen Sowjetunion gleicht. Erdogan hat absolute Machtbefugnis erlangt und er macht davon gezielt Gebrauch. Nicht nur hat er das türkische Offizierskorps dezimiert, er hat auch viele Anhänger der Gülen-Bewegung (mit der er vor Jahren noch gute Beziehungen unterhielt), denen er die Beteiligung an einem gegen ihn gerichteten Militärputsch vorwirft, aus dem Staatsdienst entlassen. Massenhafte Verhaftungen fanden in diesem Zusammenhang statt. Unter den gegebenen Umständen ist es unwahrscheinlich, dass die Türkei jemals Vollmitglied der EU werden wird.

Das noch schwierigere Verhältnis zum Islam

Schon im Oktober 2010 erklärte die deutsche Bundeskanzlerin die Idee des Multikulturalismus in Deutschland für gescheitert. Im Februar 2011 erklärten dies der damalige französische Präsident Sarkozy und der britische Premier Cameron für ihre Länder. Umso erstaunlicher ist es, dass aus diesen geäußerten Überzeugungen in den drei wichtigsten Kernländern der EU keine entsprechenden gesetzlichen Folgerungen gezogen wurden. Und umso mehr kann man sich über die Handlungsweise der deutschen Bundeskanzlerin im September 2015 nur wundern. Sie öffnete damals die Grenzen Deutschlands weit für unkontrollierte Zuwanderung von Personen aus völlig fremden Kulturkreisen. 

Eigentlich müsste es inzwischen jedermann deutlich sein, wie sehr sich Europa im Krieg mit dem radikalen Islam befindet. Als einziges Land in Europa hat Frankreich diese Tatsache eingesehen und den Ausnahmezustand erklärt, der voraussichtlich erst gegen Ende dieses Jahres auslaufen wird. Alle anderen Länder sind noch nicht soweit. Nach einer Serie von grausamen Anschlägen, die viele Todesopfer zu beklagen haben, in Stockholm, Moskau, Manchester, Kopenhagen, Paris, Brüssel, Nizza, London, Berlin, Graz und diversen anderen Städten in Europa, kann nicht mehr die Rede davon sein, es handele sich um Einzelkämpfer bzw. gestörte Psychopathen oder andere geistig gestörte Personen. Meistens werden diese Anschläge unter Ausrufung von „Allah ist groß” begangen. Was wir mitmachen und sehen, ist echte islamistische Handlungsweise, basierend auf dem Koran, Sure 8:12, die besagt: „Bringe Angst und Schrecken in das Herz der Ungläubigen”. Es handelt sich hier um gut vorbereitete, meist konzertierte Aktionen. Leider wird dies von vielen Spitzenpolitikern in Europa noch nicht so oder absichtlich nicht so gesehen. Meiner Meinung nach ist der Hauptgrund für diese Handelsweise nicht deren gelegentlich vorgeschobene christliche Nächstenliebe, sondern die seit rund fünfzig Jahren andauernde Herabsetzung der Werte, auf denen unsere Zivilisation ruht, nämlich auf den Werten des christlich/jüdischen Glaubens auf Grundlage der griechisch-römischen Zivilisation und in der Neuzeit erweitert um die klassische Aufklärung im Sinne von Immanuel Kant. 

In den Vereinigten Staaten ist die negative Entwicklung noch nicht so dramatisch wie in Europa. Im Gegenteil, in Amerika ist man schon wieder in die andere Richtung unterwegs. Denn der neue Präsident, Donald J. Trump, nennt die Dinge ungeschminkt beim Namen. Was Barack Obama nie über die Lippen kam, gelingt Trump ohne große Anstrengung. 

Aus offiziellen Berichten von Europol und anderen Behörden geht hervor, dass praktisch weltweit islamistische Terroranschläge begangen wurden. Das Ausmaß dieser Anschläge lässt darauf schließen, dass der radikale Islam der Welt den Krieg erklärt hat. Angesichts dieser Tatsachen scheint die Handlungsweise der Spitzenpolitiker im Vereinten Königreich, in Frankreich und Deutschland, um nur die drei wichtigsten zu nennen, mehr als unverständlich. Es drängt einen, den altgriechischen Dichter Sophokles zu bemühen, der in der Tragödie „Antigone” u. a. darauf hinwies: „Immer wenn die Gottheit einem Menschen Böses antun will, so fügt sie zuerst seinem Verstand Schaden zu, mit dem er plant.” Oder um die Bibelweisheit zu zitieren: „Wen Gott vernichten will, den schlägt er mit Blindheit.“ Beim Überdenken all der zitierten Tatsachen und Zusammenhänge kommt einem dies unwillkürlich in den Sinn.

Alles in allem genommen erleben wir gegenwärtig eine Welt gewaltiger Umbrüche. 

Die Welt gleicht einem Schiff in stürmischer See, in der viele Riffe lauern.

Anm. d. Red.: Fortsetzung in der nächsten Ausgabe

Bearbeitungsstand: Samstag, 29. Juli 2017
 
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