In der Bundesrepublik Deutschland wurde durch „Gewissensabstimmung“ im Bundestag kürzlich die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe beschlossen. Dieses Vorpreschen wird in diesem Artikel von Jürgen Liminski aus katholischer Sicht kommentiert. Unabhängig davon ist bemerkenswert, wie allgemein gültig der Autor argumentiert, indem er z. B. darauf hinweist, dass seit „über 5.000 Jahren … alle Hochkulturen monogam begannen“. Juristisch sei noch auf die Tatsache verwiesen, dass die Rechtsinstitution der Ehe nicht zuletzt deswegen geschaffen wurde, um die Frau als mögliche Mutter zu schützen. Die Ehegesetzgebung dient bzw. diente also dem besonderen Schutz der Frau. Es besteht rechtlich keine Notwendigkeit, diesen speziellen Schutz auf andere Zweier-Beziehungen auszuweiten. Diese sind durch die gültige Rechtslage bereits hinlänglich geschützt. Abgesehen von der konfessionellen Bedeutung der Eheschließung wirkt die Ausweitung einer speziellen Schutzgesetzgebung auf alle, die diese gar nicht benötigen, praktisch wie eine Abwertung der zu schützenden Frau. Das kann wirklich nicht als gesellschaftspolitischer Fortschritt gewertet werden. — Anm. d. Red.

 

 

Selbstmord der Zivilisation?


Von Jürgen Liminski

Ein Recht für Randgruppen und die Realität der Lebensformen in Deutschland und Europa Warum die katholische Kirche die Ehe verteidigt und was die Entkernung der Ehe bedeutet

Vor rund sechzig Jahren, 1955, erschien der Reisebericht „Traurige Tropen“ des großen Sozialanthropologen Claude Levi Strauss. Das Werk wurde in den 1960er-Jahren zum Kultbuch. Strauss ging damals und zeit seines Lebens der Frage nach, ob es ein Grundmuster der menschlichen Gesellschaft gebe, und er hat um die Jahrtausendwende diese Antwort gefunden: „Zwar verwerfen alle inzwischen die veraltete Theorie, nach der vor dem ersten geschichtlichen Auftreten der Familie unter den Menschen ,Urpromiskuität’ geherrscht habe. Sie sind sich sogar darin einig, dass der Familientyp, für den monogame Ehe, selbstständiger Wohnsitz des jungen Paares und affektive Beziehungen zwischen Eltern und Kindern typisch sind, sowohl in unserer Gesellschaft als auch in jenen heimisch ist, die wir gern als technisch und ökonomisch unterentwickelt bezeichnen (…) Betrachtet man das ungeheure Repertoire von vier- bis fünftausend Gesellschaften, über die wir seit Herodot unterschiedlich gut Bescheid wissen, kann man nur sagen, dass die konjugale Familie vorherrscht und wir es überall dort, wo die Familienverfassung von diesem Muster abweicht, mit Gesellschaften zu tun haben, die in ihrer sozialen, politischen, ökonomischen oder religiösen Entwicklung einen Sonderweg eingeschlagen haben.“

Auf solche familialen Sonderwege fremder Kulturen in Afrika, Indien oder bei den Eskimos mit ihrem Frauentausch berufen sich gern die Gegner der Ehe und die Anhänger der Polyamorie (jeder mit jedem) als Kronzeugen der Entwicklung. Aber es sind doch nur, wie die Wissenschaft zeigt, Randerscheinungen. Der Durchschnittsmensch ist eben kein „Eskimo“. 

Jetzt hat Deutschland einen Sonderweg eingeschlagen. Wie in etwa zwanzig anderen Staaten dieser Welt soll das konjugale Prinzip entkernt und die Geschlechtlichkeit nicht mehr als wesentlich und konstitutiv für dieses Prinzip anerkannt werden. Damit wäre es nur noch eine Leerhülse, der „Eskimo“ der Normalfall. 

Konjugales Prinzip als anthropologisches Grundmuster

Strauss hat sein reiches Forscherleben der Erkenntnis des konjugalen Prinzips als anthropologisches Grundmuster gewidmet. Das Christentum hat dieses Prinzip nur veredelt. Papst em. Benedikt formulierte es so: „Das Sakrament der Ehe ist keine Erfindung der Kirche, sondern es ist wirklich mit dem Menschen als solchem mit geschaffen worden, als Frucht der Dynamik der Liebe, in der Mann und Frau einander finden und so auch den Schöpfer finden, der sie zur Liebe berufen hat“. Es ist nämlich keine Gewissensfrage im Sinn einer autonomen Entscheidung, ob man das konjugale Prinzip anerkennt oder nicht. Die Natur ist, sie existiert, man kann sich nicht von ihr emanzipieren. Das meinte schon Robert Spaemann, und zur Frage des konjugalen Prinzips schrieb er: „Bei den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen handelt es sich um ein Gefüge, das bei immer gleichen Grundstrukturen die unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Es sind die gleichen Grundstrukturen in einer Favela von Rio de Janeiro wie im Kaiserpalast von Tokio.“ Die Ehe zwischen Mann und Frau ist der Kern der Familie und diese Lebensform bleibe „ohne gleichwertige Alternative“.

Unter dem Schutz des Grundgesetzes

Die Ehe zwischen Mann und Frau ist alternativlos, weshalb sie auch unter dem Schutz des Grundgesetzes steht. Das Bundesverfassungsgericht hat am 17. Juli 2002 unmissverständlich erklärt: „Die Ehe [kann] nur mit einem Partner des jeweils anderen Geschlechts geschlossen werden, da ihr als Wesensmerkmal die Verschiedengeschlechtlichkeit der Partner innewohnt.“ (…) „Zum Gehalt der Ehe (…) gehört, dass sie die Vereinigung eines Mannes mit einer Frau zu einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft ist.“ Ohne eine Änderung der Verfassung wird das Gesetz nicht in Kraft treten können. Auch eine Normenkontrollklage von einer Gruppe der Abgeordneten, die mit Nein gestimmt haben, könnte das Gesetz noch ausbremsen. Die Frage ist nicht endgültig geklärt.

Auch die Folgen sind noch nicht absehbar. Wenn die „Ehe für alle“ Gesetz würde, gäbe es keinen Grund mehr, das Ehe-Institut nicht auch noch auf weitere Arten des Zusammenlebens auszuweiten. Mit dem vollen Adoptionsrecht würde das natürliche Recht des Kindes auf Vater und Mutter in ein „Recht auf ein Kind“ verkehrt. Damit wäre der Weg frei zur Legalisierung der Leihmutterschaft, ebenso für die Kinderehe. Der Blick auf diese Folgen macht auch eine andere, ebenso staatlich zu schützende Eigenschaft der Ehe deutlich: Sie ist ein Ordnungsfaktor gegen die grenzenlose Beliebigkeit von Beziehungen, zum Beispiel gegen Inzestverhältnisse oder Polygamie. Und sie garantiert die Einhaltung des Generationenvertrags.

Die große Mehrheit der Deutschen fühlt und lebt wie Levi Strauss es erforscht hat: Im konjugalen Prinzip. Drei von vier Paaren in Deutschland leben in Ehe. Dieses Datum des Mikrozensus zeigt den hohen Stellenwert, den diese naturgegebene Institution in dieser Gesellschaft hat. Man könnte angesichts der medialen Debatte um die Homo-Ehe den Eindruck gewinnen, dass riesige Massen jetzt auf dieses Gesetz warten, um die Standesämter zu stürmen. Aber die Realität sieht anders aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es 2015 in Deutschland 93.000 gleichgeschlechtliche Partnerschaften und davon waren 43.000 eingetragene Lebenspartnerschaften. Heute schätzt (genaue statistische Befunde liegen noch nicht vor) das Amt die Zahl der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auf maximal 225.000, die Zahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften dürfte bei 46.000 liegen. Bei diesen Paaren leben 7.000 Kinder, die Zahl möglicher Adoptionen bewegt sich im eigentlich nicht mehr messbaren Promille-Bereich. Zu diesen Paaren gehört auch das lesbische Paar in Mecklenburg-Vorpommern, das die Kanzlerin angeblich in Zweifel gestürzt hat. Kurzum, es geht bei diesem Thema um eine winzige Minderheit, um eine gesellschaftliche Randerscheinung. Sie sind die „Eskimos“ der Kanzlerin. Mit dem Unterschied zu den Polarmenschen, dass die allermeisten gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gar keine Kinder wollen. Das ist bei normalen Ehen naturgemäß anders. Drei von vier Kindern in Deutschland leben heute bei ihren beiden leiblichen und verheirateten Eltern. In absoluten Zahlen: Etwa eine Million Kinder lebt in heterosexuellen nichtehelichen Lebensgemeinschaften, bei Alleinerziehenden sind es 2,2 Millionen und bei Ehepaaren etwa 10 Millionen Kinder. 

Die Wirklichkeit wird medial ausgeblendet

Diese Wirklichkeit wird medial ausgeblendet, in den Talkshows lebt der freundliche Einzelfall.

Dieser Einzelfall soll nun zum Normalfall werden. Das ist er aber nur in rund zwanzig Ländern der Welt. 180 Länder und 90 Prozent der Weltbevölkerung stehen der Homo-Ehe indifferent bis feindlich gegenüber. Angefangen mit der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft in Europa haben die Niederländer im Jahr 2000, es folgten mit den Jahren in Europa Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Großbritannien, Irland, Island und die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Deutschland ist das 14. Land der EU. Aus Amerika kommen Kanada, die USA, Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Uruguay dazu, aus dem Schwarzen Kontinent ist es Südafrika, ferner Neuseeland. Es geht ein Riss durch Europa, die osteuropäischen Länder kennen ein solches Gesetz nicht und haben oft auch keine Regelung für eine eingetragene Partnerschaft. In Polen, der Slowakei und der Ukraine, um nur drei Beispiele zu nennen, gibt es gar ein in der Verfassung verankertes Verbot der Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren. Das ist wegen der anti-humanen, kommunistischen Vergangenheit Osteuropas erstaunlich. Ebenso erstaunlich ist, dass in Europa gerade die „katholischen“ Länder Südeuropas die Homo-Ehe eingeführt haben, freilich unter sozialistischen Regierungen und gegen den Widerstand der katholischen Kirche.

Die christliche Ehe war in diesen Ländern ein Ordnungsfaktor. Sie stand nicht nur für die gleiche Würde von Mann und Frau, wie es im Katechismus (Punkt 2022) heißt, sondern auch für das Lebensprinzip einer solidarischen Gesellschaft, die Freundschaft. Bei der Ehe geht es in diesem Sinn um die Freundschaft des Lebens. Die Ehe ist, wie Paul VI. schrieb, die „innigste und umfassendste Form personaler Freundschaft“. Schon vor ihm bezeichnete Papst Leo XIII. die Ehe als „die höchste Gemeinschaft und Freundschaft“. Es war in der Tat das Christentum, das die Gleichwertigkeit der Ehepartner postulierte und im Imperium Romanum einführte. Es kam und kommt im Konsensprinzip sowie in der Unauflöslichkeit der Ehe zum Ausdruck. Immer wieder ist das konjugale Prinzip die Grundlage der Familie. Kinder sind nur eine Frucht dieses Prinzips. Sein innerster Kern ist die Liebe. Sie ist lebensspendend in einem Sinn, der weit über die biologische Funktionalität hinausreicht. Die Liebesheirat als ein „personal freier Akt, in dem sich die Eheleute gegenseitig schenken und annehmen“, wie es im Konzilsdokument Gaudium et Spes (GS, 48,1) heißt, ist relativ jungen Datums. Zur Zeit Luthers oder des Tridentinischen Konzils war die Ehe ein Mittel sozialer Kontrolle und ihr Zustandekommen meist von ökonomischen Erwägungen geleitet. Die Liebesheirat begann Platz zu greifen in den letzten zwei Jahrhunderten mit der Auflösung des Ständestaates, mit dem sozio-ökonomischen Wandel, ferner mit dem Aufkommen individualistisch geprägter Lebensformen und emanzipatorischer Bewegungen. Zur Zeit eines Adam Smith etwa war es jungen Frauen verboten, an den Universitäten zu studieren, seit dem Wintersemester 1996/97 immatrikulieren sich in Deutschland mehr Frauen als Männer. Universitäten und Fachhochschulen sind heute die Heiratsmärkte par excellence. Die persönliche und private Beziehung, die emotionale und sexuelle Wünsche erfüllen soll, wurde zum Hauptmotiv der Ehe, der Individualismus löste die vorwiegend wirtschaftlich-soziale Motivation, die Zweckgemeinschaft ab. Heute ist die Liebesheirat in unserer Zeit der Auflösung klassischer sozialer Milieus die Norm. Die Ehe gilt als letzte Zuflucht der Innerlichkeit. 

„Kinder sind sichtbar gewordene Liebe“

Aber das betrifft eben nur eine Seite der Ehe-Medaille. Der Codex des kanonischen Rechts führt zwar als eine der zwei Hauptaufgaben der Ehe „das Wohl der Ehegatten“ an. Die zweite Aufgabe, Nachkommenschaft, ist aber untrennbar mit der ersten verbunden. Das ist das Summum des konjugalen Prinzips und des Konsensprinzips, das gemeinsame Wohl in der Liebe, das in Kindern Gestalt gewinnt. „Kinder sind sichtbar gewordene Liebe“, sagt der deutsche Romantiker Novalis. In der gültig geschlossenen Ehe ist der Ehepartner sozusagen das Gestalt gewordene Sakrament. Man könnte auch sagen: Die Berufung zur Ehe ist im Ehepartner Fleisch geworden. Profaner gesagt: Nur die Ehe zwischen Mann und Frau kann Kinder zeugen. Deshalb ist sie alternativlos.

Die Herrschaft des positivistischen Rechts soll nun das Naturrecht eliminieren. Es ist aber nicht das Recht, das Gleichgeschlechtlichen eigene Kinder versagt, sondern die Natur. Es ändert nichts am Wesen der Ehe, wenn die Masse oder die öffentliche Meinung den Begriff mit anderen Inhalten füllt oder ihn aushöhlt. Der Vater der Massenpsychologie, Gustave le Bon, und der Erfinder des Begriffs öffentliche Meinung, Michel de Montaigne, haben schon vor Jahrhunderten auf die Wankelmütigkeit und Manipulierbarkeit der Menge hingewiesen. Die Natur bleibt, es ändert sich aber das Ordnungsgefüge der Gesellschaft.

„Es gibt Grenzen menschlichen Tuns“

Wenn man das biblische Menschenbild entsorgt, damit gleichsam die Natur über Bord wirft und durch Beliebigkeit ersetzt, rutschen die Fundamente weg. Der französische Philosoph und Theologe Bertrand Vergely hat in einem Manifest, das vom Familienbund der Katholiken in Augsburg veröffentlicht wurde, auf die Folgen dieser Beliebigkeit hingewiesen: „Es gibt Grenzen menschlichen Tuns. Diese Grenzen sind auch schützende Grenzen. Die Einsicht, dass nicht alles gesetzlich beschlossen werden kann, bewahrt uns vor einer Diktatur des Rechts, und der Gedanke, dass nicht alles hergestellt werden kann, vor einer Diktatur der Wissenschaft. Mit der Homo-Ehe und dem Recht homosexueller Paare auf Adoption und künstliche Befruchtung würde sich das ändern. Der Schutz vor einer Diktatur des Rechts würde fallen. Zugleich würden die Dämme brechen, die uns vor einer Diktatur der Wissenschaft bewahren. Alles würde machbar werden. Bislang sind wir der Natur gefolgt, die, wie Montaigne sagte, eine sanfte Führerin ist. Von nun an würden wir dem Recht und der Wissenschaft folgen. Die Natur hat es vermieden, den Menschen der Willkür des Menschen zu unterwerfen. In eben jenem anything goes sah Dostojewski im 19. Jahrhundert ebenso wie Leo Strauss im 20. Jahrhundert die Essenz des Nihilismus. Wie Nietzsche erkannten sie im Nihilismus die verhängnisvolle Heimsuchung Europas. Mit der Homo-Ehe und dem Recht Homosexueller auf Adoption und künstliche Befruchtung würde das anything goes Wirklichkeit werden. Damit würde der Nihilismus siegen – ein Triumph des entgrenzten Menschen.“

Das klingt prophetisch. Nicht alle Prophezeiungen müssen Wirklichkeit werden. Ein anderer Anthropologe und Ethnologe, der Professor in Cambridge Joseph D. Unwin (1895–1936), hat allerdings in einer umfangreichen Untersuchung über „Sex and Culture“ an 80 unzivilisierten und 8 Hochkulturen über 5000 Jahre herausgefunden, dass alle Hochkulturen streng monogam begannen und eine Generation nach dem Zerfall der Familienstrukturen untergingen. Die „Ehe für alle“ könnte diesen Prozess beschleunigen und dem großen Kulturhistoriker Arnold Toynbee Recht geben, der sagte: „Zivilisationen gehen nicht zugrunde, sie begehen Selbstmord“. Aber die Zahlen zeigen: Noch sind die gelebten Strukturen von Ehe und Familie weitgehend vorhanden. Das Recht ist es, das zerfällt und das ist eine Frage der Gewalten. Die könnten den Prozess stoppen und der Natur wieder zur Geltung verhelfen.

Bearbeitungsstand: Samstag, 29. Juli 2017
 
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