Schadenfreude ist nicht angebracht


Dem „Brexit“ gingen tausend Jahre englischer Verrat an Europa voran 

 

Richard Melisch: „Das perfide Albion und seine amerikanischen Erben“, 2015, Verlag Hohe Warte, D-82396 Pähl, ISBN 978-3-88202-367-1, Klappenbroschüre, 19,90 EUR 

 

Eine Buchbesprechung von Bernd Stracke

Als vor gut einem Jahr, am 23. Juni 2016, die Briten mehrheitlich für den „Brexit“ stimmten,[1] war das 512 Seiten starke Werk „Das perfide Albion und seine amerikanischen Erben“ des vor kurzem verstorbenen österreichischen Autors und England-Kenners Richard Melisch[2] bereits auf dem Markt. Über den „Brexit“ wird bis heute und wird voraussichtlich noch lange Zeit auf allen Ebenen heftig diskutiert. Den meisten diesbezüglichen Alles- und Besserwissern wäre zum Verständnis der Vorgeschichte die Lektüre dieses umfangreichen britischen „Sündenregisters“ dringend zu empfehlen.

Der wahrscheinlich keltische Begriff „Albion“, mit dem schon Aristoteles und Ptolemäus die britische Insel mit ihren weißen Kreidefelsen an der Südküste bezeichneten, bekam das Adjektiv „perfide“ vor gut zweihundert Jahren im Gedicht „L’Ère des Français“ des französischen Poeten Augustin Louis de Ximénès verpasst, und zwar wegen der angeblichen Hinterhältigkeit der englischen Außenpolitik. Bis heute wurden die Briten dieses Attribut nicht mehr los.

Zu recht? Richard Melisch weist in seinem letzten Werk[3] einen tausendjährigen „roten Faden von Niedertracht und Heuchelei“ (S. 17) des „perfiden Albion“ nach. Er listet auf, dass Spanier, Franzosen, Portugiesen, Deutsche, Iren, Inder, Niederländer, Buren, Frankokanadier, Chinesen, Filipinos und Schwarzafrikaner, ja sogar die Familie des letzten Zaren, zum Handkuss kamen, wann immer es dem „Albion“ ums Belügen, Betrügen und Ausplündern ging.

Im Verborgenen wirkende Minderheiten von Verbrechern

Natürlich beschuldigt der Autor keineswegs „die“ Engländer und „die“ Nordamerikaner als Völker in ihrer Gesamtheit der Perfidie, sondern nur jeweils die – allerdings höchst effizient – im Verborgenen wirkenden kleinen Minderheiten von Verbrechern. Eine Schaukelpolitik, die ausschließlich die Eigeninteressen dieser Minderheiten vertreten habe, sei seit jeher Albions Erfolgsrezept gewesen, und dieses habe „Bündnistreue grundsätzlich ausgeschlossen“ (S. 23).

Das Kapitel eins beginnt Melisch mit dem Katalog der Missetaten der Seeräuber (jawohl, Seeräuber!) und Landräuber Albions, wobei er der Vollständigkeit halber auch Albions amerikanischen Erben, den Vereinigten Staaten von Amerika, schonungslos den Spiegel vorhält. Das dreigeteilte Kapitel zwei ist dem wahrlich nicht gentlemanliken Umgang Albions mit dem Zweiten Reich der Deutschen (1871–1918) gewidmet. Das ebenfalls dreigeteilte dritte Kapitel erhellt faktenreich und minutiös die Hintergründe über die Zwischenkriegszeit (1919–1939). Im vierten Kapitel, Teil eins, widerspricht der Autor energisch der offiziellen Wikipedia- und wohl auch Mainstream-Einschätzung von Winston Spencer Churchill als dem „bedeutendsten britischen Staatsmann des 20. Jahrhunderts“.[4] Melisch verpasst dem Briten knallhart das Prädikat, „der Welt zweitgrößter Lügner, Heuchler und Kriegsverbrecher“ (S. 357–397) gewesen zu sein. Wer Melischs (aus seinen umgangreichen historischen Studien gezogener) Konklusion zufolge der weltgrößte Lügner, Heuchler und Kriegsverbrecher war, erfahren wir im zweiten Teil von Kapitel vier: Franklin Delano Roosevelt (S. 399–432).

Geradezu beklemmend aktuell liest sich das Abschlusskapitel „Was birgt die Zukunft“ (ab S. 435), in dem der Autor die drei untrennbar miteinander verknüpften Kernfragen „Quo vadis, America“, „Quo vadis, Europa“ und „Quo vadis, Germania“ aufwirft und dabei auf die sich seit den 70ern häufenden weltweiten Krisen, die Integrations-Misserfolge und die demografische Veränderung in der Neuen Welt, also letztlich das sich – auch – abschaffende Amerika eingeht, wobei das Buch ja noch vor der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten geschrieben wurde. Nicht gerade hoffnungsvoll fällt demnach auch der Schlusssatz aus:„Wann werden sie endlich ihren Irrtum erkennen und den Kurs korrigieren?“ 

Atemberaubende Kompaktheit

In atemberaubender Kompaktheit nimmt Melisch den roten Faden bei den Kreuzzügen und der Abschlachtung des Sultans Salomon sowie von 300 Frauen und Kindern durch Richard Löwenherz im Zuge der Erstürmung der Festung Akkon (1138) auf, zieht ihn weiter über die Rolle englischer Piraten, die 1568 mit Wissen der Königin Elisabeth I. die Flotte gold- und silberbeladener spanischer Galeonen kaperten, über die Umwandlung Portugals in ein englisches Protektorat (1642), den Opiumkrieg gegen China (1840), die Burenkriege (1880 und 1899), die englischen Raubzüge in Indien, den Genozid an den Tasmaniern sowie die Ausrottung der Hälfte der iranischen Bevölkerung im vorigen Jahrhundert.

Ausführlich und gut quellenbelegt analysiert Melisch weiters die Rolle Englands im Zweiten Weltkrieg und den darauf folgenden Absturz Großbritanniens zum „Restbritannien“ (S. 70).

Dass seine „amerikanischen Erben“ dem perfiden Albion in nichts nachstehen, legt Melisch in den Kapiteln „Beispiele amerikanischer Humanität und Heuchelei“ (ab Seite 75) und „Wer das Erdöl kontrollieren will, muss den Nahen Osten beherrschen“ (ab S. 81) dar.

Heß-Akten wären 2017 offenzulegen

Selbst Lesern, die in der Geschichte Deutschlands nach dem Krieg von 1870/71 bis nach dem Zweiten Weltkrieg einigermaßen versiert sind, werden bei der Lektüre so manches Aha-Erlebnis haben. Ein solches garantieren beispielsweise Melischs Recherchen zum Englandflug von Rudolf Heß (S. 338 ff), wobei bis heute längst noch nicht alle Schleier über dem spektakulären Versuch des Hitler-Stellvertreters, bereits 1941 eine Beendigung des Zweiten Weltkrieges herbeizuführen, gelüftet sind. 

O-Ton Richard Melisch: „Am 10. Mai 1941 plante er (Anm.: Heß) mit seiner Messerschmitt 110 bei Dungavel House, der Residenz des Herzogs von Hamilton nahe Strathaven in Renfrewshire zu landen. Dort wollte Rudolf Heß – angeblich ohne Wissen Adolf Hitlers – über Vermittlung des Herzogs Friedensverhandlungen mit England in Gang setzen und scheiterte, weil seine Mission an Premierminister Winston Churchill und seine Hintermänner verraten worden war. Seit 73 Jahren werden Berichte über den Ablauf der Aktion von Seiten der Siegermacht England – wohl aus schlechtem Gewissen und Angst vor Entlarvung der Kriegstreiber – unter strengstem Verschluss gehalten (…) Wer glauben sollte, das perfide Albion hätte nach all den Jahren ein Interesse daran, die Hintergründe dieser Affäre endlich aufzudecken, glaubt an den Weihnachtsmann: Das Foreign Office (Außenministerium) gab zwar 1992 die meisten Dokumente in Sachen „Flug von Rudolf Heß“ frei und ist gemäß „Official Secrets Act“ verpflichtet, bis 2017 die restlichen Unterlagen offenzulegen. Doch eine Mappe mit Dokumenten zu dieser Causa wurde Ende der 80er-Jahre von Douglas Hurd (Außenminister im Kabinett von Maggie Thatcher) mit der Begründung zurückgehalten, sie enthielte „records which still pose a risk tio national security“ (Unterlagen, die immer noch eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen). Es handelt sich um eine Schachtel mit mehreren Akten, die den Vermerk tragen: „On permanent loan to the Royal Archives in Windsor Castle“, also dauerverliehen auf Nimmerwiedersehen an das unantastbare königliche Archiv im Schloss Windsor. Am 11. September 2013 bestätigte der britische „The Independent“, dass der 93jährige Rudolf Heß am 17. August 1987 im Spandauer Gefängnis keinen Selbstmord beging, sondern von einem britischen Killerkommando ermordet wurde. Es ist ein Rätsel, wie diese Meldung jede Zensur umgehen konnte, zumal das amerikanische Wochenblatt „Time“ einige Wochen zuvor berichtet hatte, „dass besonders sensible Dokumente in Sachen Zweiter Weltkrieg weitere achtzig Jahre nicht eingesehen werden dürfen“.

Albions amerikanische Erben

Dass „Albions amerikanische Erben“ dem „perfiden Albion“ an Kriegslüsternheit, Grausamkeit und Verschlagenheit in nichts nachstehen und „weltweit an alle Pulverfässer Lunten“ anlegen (S. 402), ist in den Unterkapiteln „Krieg mit allen Mitteln und um jeden Preis“ (S. 405 ff), „Kriegsverbrechen der Amerikaner an den Deutschen“ (S. 417 ff), Stichworte Rheinwiesenlager und Hinrichtung deutscher Kriegsgefangener in den USA, „Kriegs- und Friedensverbrechen der Amerikaner an japanischen, melanesischen und vietnamesischen Zivilisten“ (S. 424 ff), Stichworte Hiroshima, Nagasaki, Wasserstoffbomben auf die Pazifikinseln, Vietnam, Laos, Kambodscha, nachzulesen.

Unterschied zwischen „EU-ropäisch“ und „europäisch“

Sich angesichts des beispiellosen Abstiegs durch den selbstverschuldeten Zerfall des Commonwealth und angesichts der Sackgasse, in der das „perfide Albion“ aktuell seit dem „Brexit“ steckt, vor Schadenfreude ins Fäustchen zu lachen, wäre dennoch völlig unangebracht. Auch Melisch, der im Übrigen deutlich zwischen „EU-ropäisch“ und „europäisch“ unterscheidet (S. 454), tut das betreffend der britischen „Schrumpfung“ nicht, und er täte es wohl auch angesichts des „Brexit“ nicht. Aber er ruft die Europäer auf, die Signale zu hören, auch und speziell was die Flüchtlings- und Asylantengefahr anlangt: Im Gegensatz zu Ländern wie Japan, China, Israel und Australien, würden „selbsternannte Bereicherungsapostel mit einer von Brüssel und Washington angewandten Chuzpe den west-, nord- und mitteleuropäischen Männern und Frauen, Bauern, Bürgern und Arbeitern Rassismus vorwerfen, wenn sie nicht zusammenrücken und Platz machen für Millionen durchwegs jugendlicher Flüchtlinge und kerngesunder Asylanten aus der Dritten Welt“ (S. 482).

Anmerkungen

[1] In dem Referendum votierten 51,89 Prozent der Wähler, allerdings nur 37,44 Prozent der Wahlberechtigten, für den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union.

[2] Der 1934 in Paris geborene Sohn eines k. u. k. Offiziers und Lebens-Allrounder, der in Brasilien, Hamburg, Nordamerika und Beirut lebte, ist am 9. Mai 2017 im Alter von 83 Jahren unerwartet verstorben. 

[3] Nebst zahlreichen Beiträgen in Zeitschriften (u. a. in den „Huttenbriefen“ und in den „Fakten“) sowie viel beachteten Vorträgen (u. a. für den FPÖ-nahen Akademikerverband) hinterlässt uns der Autor die Bücher „Pulverfaß Nahost. Im Rückblick und Ausblick“ (2003), „Der letzte Akt: Die Kriegserklärung der Globalisierer an alle Völker der Welt“ (2007) und „Das Schweigen der glücklichen Sklaven: Die letzte Chance zum Ausstieg aus der Globalisierung“ (2010).

Bearbeitungsstand: Samstag, 29. Juli 2017
 
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