Standhaft im Gegenwind


Der Südtiroler Schützenbund und sein Wirken für Tirol als Ganzes, 2017, Effekt! Buch, 364 Seiten, Format 260 x 235 mm, ISBN 978-88-97053-39-2; Hardcover, illustriert, 25,– Euro

 

Eine Buchbesprechung von Andreas Sterzinger

Mit seinem aktuellen Werk schloss der Autor Reinhard Olt (*) eine Lücke in der Aufarbeitung der jüngeren Zeitgeschichte Südtirols. Sein Buch schildert nicht nur die Entwicklung des Südtiroler Schützenwesens, es ist auch eine detaillierte – sich aber nicht in Nebensächlichkeiten verlierende – Darstellung der jüngeren Zeitgeschichte Tirols und liefert zudem eine Fülle von exklusiven Informationen, die durch zum Teil erstveröffentlichte Bilder ergänzt werden. 

Ausgehend von der Schilderung der historischen Ursprünge des Tiroler Schützenwesens und dessen prägenden Beiträgen zur Wehrhaftigkeit, zum Freiheitswillen und somit zur Identität Tirols kommt der Verfasser rasch auf die jüngere Zeit zu sprechen. 

Militärisch trat das Tiroler Schützenwesen letztmals im Jahre 1915 in Erscheinung, als die für den regulären Kriegsdienst zu alten oder zu jungen Freiwilligen in den Reihen der Standschützen Tirol an der Hochgebirgsfront erfolgreich gegen den Überfall des vertragsbrüchigen Königreichs Italien verteidigten. Die Annexion Südtirols führte zur Auflösung des Schützenwesens und zur Beschlagnahme seines Eigentums durch Italien. 

Nach 1945 gelang es Patrioten wie dem Schützenmajor und späteren Freiheitskämpfer Georg Klotz, das Schützenwesen in Südtirol neu zu beleben. Dies geschah gegen den hartnäckigen Widerstand eines Staates, der zäh sein geistiges faschistisches Erbe verteidigte und den Schützen mit zahlreichen Schikanen und Verboten Steine in den Weg legte. In Rom war man sich der Bedeutung des Schützenwesens bewusst. Dessen geistiges Erbe war ja die Bewahrung der Identität, der Freiheit Tirols und das Streben nach Wiedergewinnung der Landeseinheit. Es ging um den Schutz der Heimat. Auch wenn die Schützen für ihre Ziele nun mit geistigen statt militärischen Waffen eintraten, war dies in den Augen römischer Politiker natürlich Hochverrat.

Die Reihen der Schützen bildeten sich vorwiegend aus den „kleinen Leuten“ des Landes. Sie waren nicht bestechlich. Sie lebten nicht von der Politik, sondern brachten persönliche Opfer. Ihnen konnte man im Gegensatz zu manchen Parteifunktionären nicht augenzwinkernd politische Gegengeschäfte vorschlagen oder sie durch persönliche Zuwendungen korrumpieren. 

Olt zeichnet minutiös nach, wie „Klotz und mutige Gleichgesinnte“ nach der gewaltigen Volkskundgebung von Sigmundskron von 1957 den „Südtiroler Schützenbund“ (SSB) ins Leben riefen. Dabei stand ihnen die damalige Sammelpartei aller Südtiroler, die „Südtiroler Volkspartei“ (SVP) zur Seite. Der Landeshauptmann Dr. Alois Pupp wurde erster Landeskommandant. 

Das Freiheitsstreben des Landes sichtbar gemacht 

Das Freiheitsstreben des südlichen Tirols wurde der ganzen Welt vor Augen geführt, als die Schützen auf dem großen Landesfestumzug von 1959 in Innsbruck nicht nur der Taten Andreas Hofers und seiner Mitstreiter vor 150 Jahren gedachten, sondern unter begeisterter Zustimmung der Bevölkerung auch eine riesige schmiedeeiserne Dornenkrone durch die Straßen Innsbrucks trugen. Die Dornenkrone drückte den Schmerz über die Landesteilung aus – die Bevölkerung verstand dies sehr gut. 

In Rom reagierte man wie zu Mussolinis Zeiten mit Ausrückungsverboten, Versammlungsverboten, Verbot der Schützentrachten, Fahnenverboten und allen sonst erdenkbaren Schikanen. Der SSB musste seine Tätigkeit einstellen. Diese Maßnahmen waren aber nur Teil einer viel größeren Repression, welche die gesamte deutsche und ladinische Bevölkerung Südtirols traf und zu einer unhaltbaren Situation führte, die sich zunächst in einzelnen Anschlägen und schließlich 1961 dann in der „Feuernacht“ des Freiheitskampfes entlud. 

Persönliche Opfer

Luis Amplatz wurde von einem Agenten im Auftrag des italienischen Staates ermordet. Zahlreiche Schützen wurden verhaftet, von den Carabinieri gefoltert und gingen für viele Jahre ins Gefängnis. An den Folgen der erlittenen Folter starb der Schütze Franz Höfler. Der Schütze Luis Amplatz wurde im Auftrag der italienischen Polizei von einem Agenten im Schlaf ermordet, während der Schütze Georg Klotz sich schwer verletzt retten konnte.

Die Zeit des Freiheitskampfes war auch die Zeit der Unterdrückung des Schützenwesens im südlichen Tirol. Erst ab 1967 konnte der „Südtiroler Schützenbund“ wieder in Erscheinung treten und tat dies in alter Grundsatztreue. Als zeitgeschichtlicher Berichterstatter schildert Olt, wie die Schützen sich aus der Vormundschaft der SVP befreiten, als die Partei sich immer mehr der Erfüllungspolitik gegenüber Rom unterwarf. Die Schützen waren nicht bereit, in ihrer Montur lediglich als farbenprächtiger Aufputz für Parteiveranstaltungen zu dienen. So kam es zu einer allmählichen Loslösung von der SVP. 1987 demonstrierte ein überparteiliches Komitee, dem sowohl einige SVP-Funktionäre als auch Schützen angehörten, in Wien anlässlich der internationalen KSZE-Konferenz für das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler. 

Die italienische Justiz packte daraufhin den immer noch in Geltung befindlichen faschistischen Repressionsparagraphen 269 des Strafgesetzbuches („Staatsfeindliche Tätigkeit im Ausland“) aus der Mottenkiste und ließ die Demonstrationsteilnehmer verhaften. Die Spitze der „Südtiroler Volkspartei“ (SVP) verhielt sich, ebenso wie die österreichische Regierungspartei ÖVP, mehr als zurückhaltend, um in Rom nicht unliebsam anzuecken. Letztendlich musste aber das skandalöse Verfahren nach dem alten Faschistenparagraphen, welches mittlerweile in ganz Europa Aufmerksamkeit erregt hatte, wieder eingestellt werden. Die Schützen hatten sich die Schneid nicht abkaufen lassen. Im Frühjahr 1991 demonstrierten sie in Bozen für die Entfernung des faschistischen „Siegesdenkmals“ und ließen sich weder durch Anpöbelungen junger italienischer Neofaschisten, noch durch Strafbescheide der italienischen Justiz beeindrucken. Auch auf dem Alpenregionsfest in Matrei bekräftigten die Schützen ihre Botschaft. Fernsehübertragungen machten die Tatsache des Weiterbestehens faschistischer Denkmäler in Südtirol in ganz Europa bekannt. 

Am 15. September 1991 fand unter der Devise „Nachdenken über Tirol“ auf den Wiesen oberhalb des Brennerpasses, welcher das Land Tirol bis heute teilt, eine von der SVP-Spitze abgelehnte Großkundgebung statt. Tausende Schützen aus allen Landesteilen bekundeten ihr Eintreten für die Selbstbestimmung. Sie ließen und lassen sich von solchen Schikanen nicht abschrecken und demonstrieren gegen das Weiterleben des Faschismus in Südtirol, gegen die Faschistendenkmäler und fordern öffentlich die Abschaffung der erfundenen faschistischen Ortsnamen.

Politisches Doppelspiel

Der Autor zeigt auch auf, wie die Bestrebungen der Schützen von einigen Politikern südlich wie nördlich des Brenners auf der öffentlichen Bühne vor den Kulissen lauthals gelobt und hinter den Kulissen hintertrieben und sabotiert wurden. Deutlich wurde diese Taktik, als im Jänner 2006 die Landeskommandanten der Südtiroler und der Nordtiroler Schützen dem österreichischen Nationalratspräsidenten Andreas Khol (ÖVP) eine Petition überreichten. In dieser wurde erbeten, dass die Republik Österreich einen Passus in ihre Verfassung aufnehme, in welchem das Bekenntnis Österreichs zur Wahrung des Selbstbestimmungsrechts für die Südtiroler festgeschrieben werden sollte. 

Das Bedeutsame an der Petition: 113 von insgesamt 116 Südtiroler Bürgermeistern sowie zahlreiche Amtskollegen aus Nord- und Osttirol hatten dieses Begehren mit ihrer Unterschrift bekräftigt. Diese Resolution wurde von einigen ranghohen Politikern zunächst vor der Presse laut gelobt, dann aber im Verborgenen sabotiert und letztlich mithilfe eines Geschäftsordnungstricks nicht einmal im österreichischen Nationalrat behandelt. In ähnlicher Weise wurde mit der Forderung verfahren, die Schutzmachtfunktion Österreichs in der Bundesverfassung zu verankern. 

Das Bestreben, nur ja keine Verstimmung in die Beziehungen zu Rom einfließen zu lassen, führte in der Folge zu seltsamen Selbstdarstellungen von Mandataren. Politiker wie Andreas Khol verkündeten und verkünden bis heute unverdrossen, dass die „Landeseinheit“ in der EU bereits erreicht sei. Es gehe nur noch darum, die Grenzen in den „Köpfen und Herzen“ zu beseitigen. Die Tatsache, dass die italienische Staatsmacht auch nach der Petition der Schützen und Bürgermeister wiederum auf einschüchternde Weise strafrechtlich ermitteln ließ, zeigt die Lächerlichkeit des Versuchs auf, die reale Landesteilung zu leugnen. 

Die Schützen widerstehen dem Gegenwind

Eine Politik dauernder Willfährigkeit gegenüber Rom führte in Südtirol zu fatalen Ergebnissen. Die einstmals durch ihre Geschlossenheit starke Sammelpartei SVP ist heute geschwächt und hat den Anspruch auf die Gesamtvertretung der Volksgruppe verloren. Längst schon tritt diese Partei nicht mehr für die Selbstbestimmung Südtirols ein und hat damit ihren Gründungsauftrag aufgegeben. 

Der Südtiroler Schützenbund lässt die Forderung des „Los von Rom“ nicht verstummen. Sowohl die Teilnehmerzahlen als auch das publizistische Echo bewirken, dass das Verlangen nach Loslösung von Italien im öffentlichen Raum ein Diskussionsthema bleibt. Meinungsumfragen haben mehrfach bekräftigt, dass im Falle einer Volksabstimmung diese wohl nicht zugunsten Roms ausgehen dürfte. Wer dieses Buch gelesen hat, kann die jüngsten politischen Entwicklungen in Südtirol besser verstehen. Es ist auch ein tröstliches Buch, denn es berichtet vom Mut und von der Zuversicht unserer Landsleute im von nicht wenigen für besetzt erachteten Süden. Kurzum: Die Schützen widerstehen dem Gegenwind, sie widerstehen Schikanen und Verfolgung, und sie lassen sich durch das Versagen eigener Politiker nicht entmutigen. Das letzte Wort in Bezug auf die Zukunft dieses Landes ist – vor allem auch dank der Schützen – wohl noch nicht gesprochen. 

 
Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Michael Olt, Jahrgang 1952 und Genius-Lesern alles andere als unbekannt (siehe beispielsweise Lesestück Nr. 5, „Völker, Staaten, Minderheiten“ in dieser aktuellen Ausgabe), war von 1985 bis 2012 Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, davon 18 Jahre deren Politik-Korrespondent für Österreich, Ungarn, Slowakei, Slowenien. Seit 2012 übt er Lehrtätigkeiten an österreichischen und ungarischen Hochschulen aus. Er verfasste ca. 100 wissenschaftliche Publikationen und errang zahlreiche Publizistikpreise. Von 1992 bis 2008 war er Mitglied im Gesamtvorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Zu den ihm verliehenen Auszeichnungen zählen der Tiroler Adler-Orden (1990), das Goldene Ehrenzeichen der Steiermark (2004), der Verdienstorden der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol (2009) und der Große Adler-Orden des Landes Tirol (2013). An akademischen Ehrungen erhielt er den „Doctor honoris causa“ der Eötvös-Loránd-Universität Budapest (2012) und das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (2013).

Bearbeitungsstand: Samstag, 29. Juli 2017
 
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