Arbeitslosigkeit – Ein Wort für Vielerlei!


Von Gerulf Stix

Unter dem Titel „Arbeitslosigkeit gibt es nicht – Was dann?“ erschien im Herbst 1997 im 1. Heft der Genius-Lesestücke ein grundlegender Aufsatz zum Thema Beschäftigung bzw. Beschäftigungspolitik. Weil „Arbeitslosigkeit“ auch heute ein hochaktuelles Thema ist und der erwähnte Aufsatz in keinem Punkt überholt erscheint, veröffentlichen wir diesen Artikel hier erneut. Es erfolgte nur eine leichte redaktionelle Überarbeitung sowie Aktualisierung, insbesondere beim Zahlenmaterial und bei einigen Beispielen. Der Verfasser hat Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Innsbruck und Frankfurt/Main studiert und war Jahrzehnte in der Wirtschaftspraxis. — Anm. d. Redaktion

 

Landauf, landab geistert das Gespenst der Arbeitslosigkeit durch die Köpfe besorgter Mitmenschen. Fast jeder glaubt natürlich auch, zumindest einige der Ursachen dafür zu kennen: Zum Beispiel die Öffnung der Grenzen, die EU, die Globalisierung, die Ausländer usw. Und die meisten Leute sehen eine dringliche politische Aufgabe in der „Schaffung von Arbeitsplätzen“. Wie das geschehen soll, ja da gehen die Meinungen dann oft weit auseinander. 

Wenn man nach Medikamenten sucht, um eine Krankheit zu bekämpfen, sollte man freilich zuerst deren Ursachen kennen. Und davor müsste klargestellt sein, um welche Krankheit es sich überhaupt handelt. Alles andere wäre bloßes Herumdoktern und Quacksalberei. Worum handelt es sich also bei dem schillernden Begriff der Arbeitslosigkeit? Die Antwort ist gar nicht so einfach, wie im folgenden zu zeigen sein wird. 

Arbeit ist nicht gleich Arbeit

Was ist überhaupt Arbeit? Darüber sind ganze Bibliotheken von Büchern und Abhandlungen geschrieben worden. Insgesamt lautet die gängige Anschauung: Neben den Produktionsfaktoren Boden und Kapital gibt es als dritten Faktor die Arbeit. Modernere Autoren differenzieren und nennen eigens als vierten Faktor die Disposition (gemeint ist das Unternehmerische). Anhänger der sehr alten Arbeitswert-Theorie, die später auch Karl Marx übernommen hat, lassen letztlich überhaupt nur den Faktor Arbeit gelten. Obwohl diese Arbeitswert-Theorie längst widerlegt ist, wird sie heute noch oft verwendet. Hingegen hat es sich noch nicht genug herumgesprochen, dass auch die Sache mit dem dritten Produktionsfaktor Arbeit so nicht ganz stimmt. 

Die schärfste Feststellung dazu findet sich bei dem berühmten Wirtschaftsprofessor J. K. Galbraith. Er bezeichnet es als eine „der ältesten und zugleich wirkungsvollsten Begriffsverwirrungen innerhalb der Sozialwirtschaften, dass alle Arten von Arbeit – körperliche, geistige, künstlerische und unternehmerische – im Grunde ein und dasselbe seien.“ (vgl. „Gesellschaft im Überfluss“)

Die Arbeit vor einem Hochofen gleicht ja wirklich nicht der Feldarbeit oder der Büroarbeit oder der Arbeit einer Verkäuferin. Wenn Arbeit aber nicht gleich Arbeit ist, dann lautet die logische Schlussfolgerung daraus, dass auch Arbeitslosigkeit nicht gleich Arbeitslosigkeit ist. Während z. B. Bauarbeiter arbeitslos werden, können Krankenschwestern – oder Altenpfleger! – zum Mangelberuf werden. Ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen? Aha, warum werden dann aber alle Arbeitslosen begrifflich in einen Topf, genannt: Arbeitslosenquote, geworfen? Brechen wir diesen Gedankengang vorerst ab und wenden wir uns einer weiteren Widersprüchlichkeit zu. 

Es gibt immer Arbeit in Hülle und Fülle

Die weitverbreitete Sorge, es könne uns die Arbeit ausgehen, kann einen nur verwundern. Man muss nur die Augen aufmachen und sich umsehen. Da lässt sich schon in den kleinsten Bereichen beobachten: Ob aufgeräumt, gewaschen, repariert oder ob Wege ausgebessert, Leitungen erneuert oder alte Menschen besser betreut werden sollten: Es gibt immer unerledigte Arbeiten. Ökonomisch eleganter formuliert das der Kölner Unternehmensberater Dr. Hans Hausberger: „Man tut so, als hätten wir Millionen Arbeitslose als Folge einer allgemeinen Übersättigung ... Ein umfangreiches Schrifttum politologischer und soziologischer Provenienz kreist nur noch um die Frage, wie Arbeitsmangel in übersättigten Wohlstandsgesellschaften ‚gerecht‘ zu verteilen ist... Für den Volkswirt aber ist die Vorstellung, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage einfach aufhört, dass uns insgesamt die Arbeit ausgeht, weil alle schon alles haben, absurd. Der kollektive Bedürfnishorizont eilt den realen Produktionsmöglichkeiten stets voraus ...“ („Junge Freiheit“, Nr. 14/1997). Hinzugefügt sei: Das gilt auch für die angekündigte Roboterisierung! Beispielsweise hat der Mensch seine Aktivitäten erst vor ca. einem halben Jahrhundert auch in den Weltraum ausgedehnt. Heute fliegen Erkundungssonden zum Mars. 

Wenn es also immer Arbeit gibt, warum gibt es dann immer auch Arbeitslose? Das Wort „immer“ ist ganz und gar berechtigt! Sogar in Zeiten jahrelanger Hochkonjunktur und mit einem gigantischen Zustrom von „Gast“arbeitern (wie z. B. vor 1972) gab es etwas 2 % Arbeitslose. Nach herrschender Auffassung spricht man bei 3–4 % Arbeitslosenquote von gegebener Vollbeschäftigung. Diese Einschätzung fußt auf der realistischen Einsicht, die leider viel zu wenig oft erklärt wird, dass eine Vollbeschäftigung mit Null % Arbeitslosigkeit in einer hochspezialisierten arbeitsteiligen Wirtschaft mit freier (!) Konsumwahl ganz und gar unmöglich ist! (Jüngste Arbeitslosenquoten: Schweiz 4,4 %, Österreich 6,0 %, Griechenland 20 % (!), EU 7,7 %)

Vollbeschäftigung – ein seltener Zustand

Die Begründung ist einfach. Für keine Ware, keine Dienstleistung gibt es auf Dauer eine nach Art und Umfang gleichbleibende oder genau vorhersehbare Nachfrage. Nachfrage nach allem und Angebot von allem verändern sich unaufhörlich. Daher gibt es immer irgendwo Über-Nachfrage und anderswo Über-Angebot. Bei beidem sind natürlich die konkreten Preisverhältnisse, die sich gleichfalls verändern, mit zu berücksichtigen. Als Folge dieses millionenfachen Wechselspiels finden sich bei jeder Konjunkturlage da und dort unterbeschäftigte oder sogar absterbende Produktionskapazitäten. Dort erfolgt dann die Freisetzung von Arbeitskräften. Für die vor Ort Betroffenen zweifellos eine bittere Angelegenheit. 

Synchronisation ist alles

Nur wenn synchron in anderen Bereichen zusätzliche und/oder neue Leistungen nachgefragt und bezahlt (!) werden, können Arbeitsuchende von diesen Bereichen aufgesogen werden. Es leuchtet ein, dass in einer hochkomplexen Wirtschaft nie ein vollkommen synchroner Ablauf dieser Leistungsverschiebungen erreicht werden kann. 

Umgekehrt drängt sich förmlich die Aufgabe auf, diesen Synchronisierungsvorgang erstens zu ermöglichen, zweitens zu verbessern und drittens für die Betroffenen abzufedern!

Den Hauptmotor dafür bildet der Markt als Summe aus Tausenden Teilmärkten. Den Markt-Motor zu pflegen, ist deshalb die wichtigste Aufgabe einer Politik, die sich vornimmt, „Arbeitsplätze schaffen“ zu wollen!

Gute Wirtschaftspolitik wird also gute Rahmenbedingungen für den Markt-Motor schaffen bzw. verbessern und die Synchronisationsabläufe reibungsärmer machen bzw. beschleunigen. Schließlich wird gute Wirtschaftspolitik dafür sorgen, dass die zunächst freigesetzten Arbeitskräfte einerseits ihre Freisetzungsphase einkommensmäßig überleben (Sozialpolitik) und andererseits in neue Beschäftigungsverhältnisse rasch hineinfinden. (Besonders erfolgreich: „Flexurity-System“ in Skandinavien). Diese drei Ansatzpunkte für Beschäftigungspolitik sind im Prinzip klar und einfach. Die Umsetzung freilich bleibt schwierig. Umso mehr dürfen die drei Punkte nicht aus den Augen verloren werden. 

Keine Panik vor „Freisetzung von Arbeitskräften“!

Werden Arbeitskräfte freigesetzt, entsteht leicht so etwas wie Panikstimmung. Dagegen hilft es psychologisch, wenn man sich vor Augen hält, dass ein gewisses Maß an Freisetzungen kein Krankheitssymptom, sondern die normale Begleiterscheinung einer arbeitsteiligen Wirtschaft ist. Man muss sogar noch einen Schritt weiter gehen und solche Freisetzungen positiv als Voraussetzung für eine sich entfaltende Wirtschaft verstehen. Ich meine das ganz und gar nicht zynisch. 

Eine überspitzt vereinfachende Vorstellung klärt den Sachverhalt: Hätte es in der Menschheitsgeschichte niemals Freisetzung von Arbeitskräften gegeben, dann wären wir heute noch sammelnde, jagende und primitiv Land bebauende Frühzeitmenschen. Erst durch „Freisetzung von Arbeitskräften“ konnten berufliche Spezialisierung und Arbeitsteilung entstehen. Und weil im Gefolge tausendfältiger Verbesserungen der Produktivität (!) sowie durch Erfindung von Neuem immer wieder irgendwo Arbeitskräfte freigesetzt wurden, konnten überhaupt erst höhere Wirtschaftsformen entstehen!

Beispiel 1 Landwirtschaft: Noch vor 200 Jahren waren zwei Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig – bei elendem Lebensstandard. Heute ernähren uns üppig weniger als 5 % in der Landwirtschaft Tätige. Die dazwischen liegenden mehr als 50 % wurden zwar nach und nach freigesetzt, ermöglichten aber gerade dadurch das Entstehen der Industriegesellschaft mit ihrem unvergleichlich höheren Lebensstandard. 

Beispiel 2 Industrie: Die gesamtindustrielle Produktion ist gegenwärtig höher als je zuvor. Gleichzeitig sinkt aber die Zahl der Industriebeschäftigten seit Jahren. Deren Freisetzung ermöglichte jedoch erst das Aufblühen des so genannten tertiären Sektors der Dienstleistungen (und der „Events“!). 

Neben dieser durch die beiden Beispiele bekräftigten positiven Sicht gibt es natürlich auch die negativen Folgen für die zunächst durch Freisetzung Betroffenen. Für sie kann das existenzbedrohend sein. Auch kann durch plötzlich gehäufte Freisetzungen so etwas wie Massenarbeitslosigkeit entstehen. Deren Bekämpfung ist selbstverständlich eine politische Aufgabe, ebenso wie die soziale Abfederung individueller Arbeitslosigkeit. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik liegt in der nüchternen Hinwendung zu den Synchronisationsvorgängen. 

Wenn es im labilen Wirtschaftsgefüge kracht

Solange das empfindliche Gefüge aus Millionen miteinander verflochtenen Leistungsbeziehern von einer Arbeitslosenquote von rund 3 % begleitet wird, steht die sozialpolitische Abfederung der individuell Betroffenen im Vordergrund. Die meist ideologisch unterfütterte Sozialpolitik mit der Forderung nach einer „hundertprozentigen Vollbeschäftigung“ ist wirklichkeitsfremd und somit utopisch. Ihre Anwendung würde bloß zu anderen Fehlentwicklungen führen. Stichwort: Überschuldung der Staatshaushalte. Dafür bietet die Vergangenheit zahlreiche abschreckende Beispiele. 

Weist die Arbeitslosenquote hingegen deutlich mehr als 3 % auf, ist die Politik akut sehr wohl gefordert! Dann muss sie aber gezielt vorgehen. Bloß generelle Maßnahmen sind meistens nicht zielführend. 

Anpassungskrisen durch Technologiesprünge,  EU und Ostöffnung sowie Globalisierung

Wir begeben uns hier auf das uferlose Gebiet der Konjunktur- und System-Theorien. Tatsächlich gibt es bis dato keine zugleich umfassende und allgemein anerkannte Theorie der wirtschaftlichen Wechsellagen. Ebenso haben sich alle eindimensional-radikalen System-Theorien, insbesondere die sozialistischen mit ihren Szenarien vom „zwangsläufigen Zusammenbruch des Kapitalismus“ als falsch herausgestellt. Dennoch gibt es Hochkonjunkturen und Flauten in bunter Abfolge. Begnügen wir uns also mit einigen Überlegungen zum Thema Synchronisation und Anpassung. 

Dramatisch wird das Problem der Anpassung erst, wenn zu große oder zu viele Veränderungen in zu kurzer Zeit geschehen. Tatsächlich befinden wir uns inmitten einer solchen Situation. In den Jahren seit 1989 (Fall des Eisernen Vorhanges) haben sich wichtige Großentwicklungen kumuliert. Die rasante technische Entwicklung sei hier nur durch wenige Stichworte angemerkt: Computer, Internet, Mobiltelefon, Satelliten, Gentechnik. Auch hat sich der seit Jahrhunderten (Stichworte: Seidenstraße, Umsegelung Afrikas, Entdeckung Amerikas) langsam entwickelnde Trend zur Globalisierung rasant beschleunigt. Es gibt heute viele weltumspannende Großunternehmen. Parallel dazu ist der EU-Binnenmarkt entstanden, ohne dass die dadurch ausgelösten Zwänge zur Anpassung diese schon voll bewirkt hätten. Und durch den Zusammenbruch des Sowjetblocks veränderten sich für die Wirtschaft praktisch alle Rahmenbedingungen. 

Eigentlich hätte man in Europa einen riesigen Wirtschaftszusammenbruch befürchten müssen. Tatsächlich fand er allein in den Ländern des ehemaligen Ostblocks statt. Die dortigen real-sozialistischen Wirtschaftssysteme zeigten sich den politischen Veränderungen in keiner Weise gewachsen! Die westlichen Marktwirtschaften wurden zwar durchgerüttelt und gerieten in Schwierigkeiten, aber sie zeigten sich so anpassungsfähig, dass allen strukturellen Schwierigkeiten zum Trotz die Arbeitslosenquote auf eine Marke von „nur“ rund 10 % stieg. Auch diese Ziffer schmeckt bitter! Wie sehr sie dennoch beherrschbar blieb, erhellt die nüchterne komplementäre Darstellung: 9 von 10 Menschen hatten bzw. haben Arbeit. Immerhin ...

Starke Marktwirtschaft

Gerade die Abwetterung der gegenwärtigen Strukturkrisen auf den Arbeitsmärkten erweist in Wirklichkeit die Stärke der Marktwirtschaft. Eine Panikstimmung um die „Erhaltung von Arbeitsplätzen“ ist nicht angebracht. Unmittelbar kann „die Politik“ Arbeitsplätze weder erhalten noch schaffen, es sei denn durch zusätzliche Einstellung von Staatsdienern oder durch Verschenken von Steuergeldern an Betriebe, die ohne solche Zuwendungen auf ihren Märkten nicht lebensfähig wären. 

Wohin solche Verhaltensweisen geführt haben, zeigen die horrend angestiegenen Staatsschulden in manchen Ländern wie z. B. Griechenland. In Österreich haben staatliche Geldgeschenke zum Untergang vieler „verstaatlichter“ Unternehmen geführt. Langfristig betrachtet wurden also durch falsche Wirtschaftspolitik Arbeitsplätze sogar vernichtet, anstatt „erhalten“ zu werden. (Betrachtungen zur Finanzwirtschaft lesen Sie am Ende dieses Artikels). 

Arbeit schöpfen statt Arbeit verteilen 

Freilich hätte der Staat auch Möglichkeiten, das Arbeitskräftepotenzial insgesamt zu verkleinern. Die seinerzeitige Einführung der allgemeinen Schulpflicht hatte u. a. diese Nebenwirkung! Heute könnte z. B. die Einführung eines Bürgerdienst-Pflichtjahres für alle jungen Volljährigen Ähnliches bewirken. Das mag zweckmäßig erscheinen, kostet aber auch zusätzliche Budgetmittel und hilft als Entlastung für den Arbeitsmarkt nur einmal, nämlich bei der Einführung. 

Selbstverständlich entlastet auch ein Zuzugstop für Einwanderer sowohl den Arbeitsmarkt als auch die Steuerzahler. Wer das ableugnet, will einfach die Realität nicht sehen. 

Im Übrigen haben sich die Arbeitsmärkte im Laufe der Zeit selbst angepasst: kürzere Arbeitszeiten und längere Urlaube (Stichwort: Sozialpartnerschaft). Diese Entwicklung wird weitergehen.

Die „Verteilung der vorhandenen Arbeit“ ist ein weiterer Denkansatz – und als solcher weit verbreitet. Man will wenigstens die „Beschäftigung gerecht verteilen“, wenn die Arbeitslosigkeit selbst nicht beseitigt werden kann. Aber auch das kann nicht funktionieren, weil nämlich schon die zu Grunde liegende Vorstellung falsch ist. Es gibt keine „vorhandene Menge an Arbeit“, die einfach wie ein Kuchen aufgeteilt werden könnte! Wir haben eingangs schon gesehen, dass Arbeit stets in Hülle und Fülle vorhanden ist. Was sich dagegen ständig verändert, ist die zahlungsfähige Nachfrage nach ganz konkreter Arbeitsleistung. Da geht es um ganz bestimmte Arbeitskräfte, seien es Schwerarbeiter, Altenbetreuer, Sekretärinnen oder Taxifahrer. Dabei kann es auf der einen Seite Über-Nachfrage und auf der anderen zugleich ein Über-Angebot geben. Die Märkte wirken hier als Synchronisationsmotoren. 

Große Veränderungen im gesamten Wirtschaftsgefüge verschärfen diese Normalsituation. Plötzlich fallen bisher gewohnte Mengen an „zahlungswilliger Nachfrage“ aus irgendwelchen Gründen aus. Irrige Erwartungen spielen ein Rolle. Nicht die Arbeit verschwindet da und dort, sondern der bisherige Auftraggeber (Ein- oder auch Mehrzahl) – und einer neuer ist noch nicht da oder passt nicht zum Angebot. Die Arbeit ist eben kein Kuchen, der bloß richtig verteilt werden müsste!

Arbeit ist keine fixe Größe

Jeder aufmerksame Beobachter vermag diese scheinbar banalen Vorgänge nachzuvollziehen. Er möge auch die richtigen Schlüsse daraus ziehen! Die Hunderten von unterschiedlichen Arbeitsmärkten verändern sich ständig hinsichtlich ihrer Quantitäten und Qualitäten. Arbeit ist mitnichten eine vorgegebene fixe Größe! Daher lautet die richtige volkswirtschaftliche Formel:

Arbeit entsteht und vergeht ständig neu. Arbeit ist ein schöpferischer Vorgang aus dem Wechselspiel von passender Nachfrage und passendem Angebot auf Hunderten von Teil-Arbeitsmärkten. Starre Verhältnisse auf Seite der jeweiligen Nachfrage oder des jeweiligen Angebotes führen fast immer zu empfindlichen Störungen. Gute Wirtschaftspolitik wird der möglichst reibungsarmen Synchronisation durch geeignete Rahmenbedingungen Hilfestellung geben. 

Unternehmungsgeist wecken ist beste Arbeitsmarktpolitik

Neue Arbeitsplätze werden auf Dauer nur durch florierende Unternehmen geschaffen. Knebelung des Unternehmungsgeistes durch überladene Gesetzgebung, endlose Vorschriften und Behördenwege sowie überlange „Verfahren“ aller Art hemmen oder würgen sogar ab. Diese „stille Arbeitsplatzvernichtung“ grassiert in Österreich. Die von Regierungsseite vielbeschworene „Gründerwelle“ verebbt im Dickicht des großkoalitionären und kammerstaatlichen Regulierungswahnes. Hinzu kommt eine oft marktschädliche parteipolitische Einflussnahme auf wichtige Unternehmen. Alle diesbezüglichen Vorwürfe, auch von Seiten der FPÖ, stimmen. Leider liefert die Brüssel-EU mit ihrem Bürokratismus der nur hinsichtlich ihrer Lippenbekenntnisse reformfreudigen Bundesregierung in Österreich noch zusätzlich billige Ausreden.

Das Thema „Umschulungen“ ist so bekannt, dass es hier bloß angemerkt sei. Noch wichtiger wäre es, die innere Einstellung zu entwickeln, dass der ursprünglich erlernte Beruf kein Garantieschein für das ganze Leben ist. Flexibilität hat in den Köpfen zu beginnen! Das auch hinsichtlich der Arbeitszeit, der Urlaube und last, but not least auch bei den Entgelten. Nicht nur der Kaufmann kann sich durch zu hohe Preise selbst aus dem Markt nehmen, auch der Arbeitnehmer durch übertriebene Lohnforderungen. Damit soll nun keineswegs einem allgemeinen Lohndumping das Wort geredet werden; dies wäre im Hinblick auf die Massenkaufkraft fatal. Sehr wohl aber zielt die Überlegung auf eine den Verhältnissen Rechnung tragende Flexibilisierung ab. Das Ziel muss immer sein: Vorübergehende Anpassung, um den Wirtschaftsmotor auf Touren zu halten bzw. zu bringen. 

Das Missverhältnis von Bildungs- und Beschäftigungssystem

Der vielleicht wichtigste Beitrag der Politik zur Synchronisation von Angebot und Nachfrage auf den Arbeitsmärkten ist eine passende Bildungspolitik. Mit Bildungssystem ist alles gemeint: von der Grundschule bis zu den Universitäten, die Lehrlingsausbildung genauso wie Post-graduate-Studien. Das Bildungssystem ist seinem Wesen nach träge. Es hinkt dem Beschäftigungssystem allein schon wegen der 10- bis Zwanzigjährigen Ausbildungsdauer immer hinterher. Gerade die Bildungspolitik in ganz Europa hat aber die Wirtschaftszeichen der Zeit immer noch nicht erkannt! Die Fehlleistungen der Bildungspolitik bedürfen einer eigenen Abhandlung. Nur soviel sei hier angemerkt:

Derzeit klaffen Bildungs- und Beschäftigungssystem weit auseinander. Einerseits gilt es als „modern“, möglichst viele Akademiker zu produzieren, andererseits wird über Facharbeitermangel geklagt. Und besonders „moderne“ Pädagogikwissenschafter sorgen sich mehr um die „sozialen Kompetenzen“ der Schüler, um Integration, Inklusion und „Gleichheit aller“, als um die praktischen Fertigkeiten der Schülerinnen und Schüler im Lesen, Schreiben und Rechnen, kurz: im Können! Es sollte zu denken geben, dass ausgerechnet die Länder mit besonders hoher Jugendarbeitslosigkeit zugleich die höchste Quote an Jungakademikern aufweisen (vgl. dazu Genius-Brief Juli–August 2013). Und die Vorstellung, dass gerade die Masseneinwanderung die Facharbeiterlücke füllen wird, hat sich als purer Aberglaube herausgestellt. An einer Bildungspolitik, die auf das Beschäftigungssystem nach besten Kräften Rücksicht nimmt, wird also kein Weg vorbei führen. 

Zusammenfassend sei betont: Ja, Wirtschafts- und Sozialpolitik müssen sich um die Synchronisation auf den Arbeitsmärkten sowie um die individuelle Abfederung kümmern. Allerdings muss die Politik von der Anmaßung Abschied nehmen, dass angeblich ideologisch „richtige“ Politik unabhängig von der Marktwirtschaft nach Belieben Arbeitsplätze schaffen könne. 

Finanzwirtschaft – eine Nachbetrachtung 

Die bisher letzte große Finanzkrise erlebten wir in den Jahren nach 2007. Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt, nur Anlass und Zeitpunkt bleiben unvorhersehbar. Gewaltige Spekulationsblasen und maßlose Geldmengenvermehrung („Fiat-Money“) tun sich auf. Es gibt keine politische Kontrollmacht mehr, die stärker ist, als die maßgeblich Führenden in der Weltfinanzwirtschaft es sind. In Europa ist die EZB unter Draghi unangreifbar. Die europäischen Parlamente haben sich durch eigene Beschlüsse (ESM) selbst entmachtet. Die höchsten Funktionäre der EZB können nicht einmal vor den Gerichten belangt werden. In mehr als bisher 22 Genius-Lesestücken wurden alle diese Entwicklungen in der Finanzwirtschaft beleuchtet. Die Politik hat hier abgedankt; alle Mehrheitsparteien haben dabei mitgespielt. Und diese Entwicklung geht leider weiter. Die scheibchenweise Abschaffung des Bargeldes z. B. zielt auf einen Endzustand: den völlig durchsichtigen und vom Finanzsystem total abhängigen Menschen. Schöne neue Welt! Unser aller Schicksal, auch das aller „Beschäftigten“, liegt heute in den Händen der ganz großen, unkontrollierten Finanzjongleure.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 28. September 2017
 
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