Wer sind wir eigentlich?


Unser Ich und unser Selbst

 

Von Karl Sumereder

So manche fragen sich irgendwann im Verlauf des Lebens, wer man eigentlich sei? Ein Wesen mit unsterblicher Seele oder ein Moleküle- und Zellenkomplex, besiedelt von Abermillionen einzelligen Lebewesen oder sogar bloß eine Einbildung? 

Vielen genügt es nicht, bloß zu existieren, zu agieren und zu reagieren. Sie möchten mehr oder Plausibleres über die Ur- und Hintergründe des eigenen Seins wissen. 

Antworten gaben seinerzeit und geben heute unter anderen – etwa den vielen Religionen – die Philosophen. Die modernen Vertreter der interdisziplinär orientierten Philosophie stimmen überein, dass wir Menschen biologische Wesen sind, deren geistige Fähigkeiten auf natürlichen Eigenschaften beruhen. Entspricht unserem Ich-Gefühl nun ein spezielles Seiendes in der Realität oder handelt es sich um eine in der Lebenszeit erwachsene Konstruktion des Gehirns? Für letztere Ansicht gibt es starke experimentelle Belege der Neurowissenschaften. 

Wir haben Vorstellungen von uns selbst und besitzen die Fähigkeit zur Selbsterfahrung. Zum Beispiel die Erfahrung der eigenen Körperteile als zu einem gehörig oder das Gefühl, Urheber(in) der eigenen Handlungen zu sein. Oder das Sich-selbst-Erkennen als Objekt im Spiegel von Kindheit an. Weiters besitzen wir die Fähigkeit, eigenes Wissen von jenem von Mitmenschen zu unterscheiden und sich in andere Personen hineinzuversetzen. Ich-Gefühl und Selbstbild, so wird erklärt, erwachsen aus der Abgrenzung der eigenen Person von der Außenwelt und ihrer Spiegelung in anderen. 

Neurobiologische Funktionen unserer Gehirne

Der Begriff und der Zusammenhang des eigenen Ichs sind nicht eindeutig klar. Wie sich das Ich zusammensetzt und was das Ich ausmacht, darüber debattierten seit vielen Jahrhunderten nicht nur die Philosophen, sondern es geschieht dies heutzutage auch durch die Neuropsychologen. 

René Descartes (1596–1650) vertrat die These, dass wir im Kern rein geistige Wesen seien, die nur zufällig während des irdischen Daseins in einem Körper stecken. Er erkannte im Denken – cogito ergo sum (Ich denke, also bin ich) – den Beweis für die eigene Existenz. Diese dualistische Ansicht, also der Dualismus von Leib und Seele, ist ein heute nicht mehr haltbarer Schluss, wenngleich von vielen Seiten trotzdem bestritten. 

Was das Ich ist, weiß niemand ganz genau, stellt Sabine Müller, Physikerin und Philosophin im Forschungsbereich „Mind and Brain“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Charité-Krankenhauses in Berlin fest („Süddeutsche Zeitung“, Nr. 25, 31. Jänner/1. Februar 2015). Die Forscherin meint, dass eine Art Kommandozentrale im Gehirn, die das Ich hervorbringt, bislang nicht gefunden wurde. Eine Zentrale, die es wahrscheinlich auch nicht gibt. Sie meint, dass das Ich etwas ist, welches das funktionierende Gehirn hervorbringt, das stark verändert werden oder komplett ausfallen kann, wenn bestimmte Gehirnfunktionen gestört oder ausgefallen sind. Körperliche Störungen verändern die Psyche systematisch. So führt die Auflösung von Hirnstrukturen im Fall der Alzheimer-Krankheit zu dramatischem Gedächtnisverlust und starker Demenz. Unser Ich macht nur einen Teil dessen aus, was im Gehirn abläuft.

Schaltkreise im Gehirn

Gemäß dem Mathematiker und Psychologen Stanislas Dehaene („Denken, wie das Gehirn Bewusstsein schafft“, Albrecht Knaus Verlag, München, 2014) entdeckten Neurologen im 18. und 19. Jahrhundert neue Beweise für die Allgegenwart unbewusst bleibender Schaltkreise im Neurosystem. Die französischen Psychologen und Soziologen Théodule Ribot (1839–1916), Gabriel Tarde (1843–1904) und Pierre Janet (1859–1947) hoben die breite Spanne menschlicher Automatismen hervor: Im Handlungsgedächtnis gespeichertes Wissen, bis hin zu unbewusster Nachahmung, von unbewussten Zielen, die aus der frühen Kindheit stammen und zu bestimmenden Facetten unserer Persönlichkeit werden. 

Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James stellte 1890 in: „The Principles of Psychology“ fest, dass unbewusste Vorgänge die Ausgangsbasis bei der Suche bilden, ein umfassenderes Bild bezüglich der Abgründe unserer eigenen Natur zu erhalten.

Das Ich und das Selbst 

Die Erkenntnis, dass das Ich- oder das Selbstbewusstsein, dass viele unserer geistigen Prozesse unbemerkt ablaufen, dass das Bewusstsein nur eine dünne Schicht ist, die über den unbewussten Verarbeitungsinstanzen liegt, ist nicht neu. 

Bereits in der römischen Antike hat der Arzt Gälen (ca. 129–200) und der Philosoph Plotinus (ca. 204–270) festgestellt, dass manche Körperfunktionen wie Gehen und Atmen ohne Aufmerksamkeit ablaufen. Spätere Philosophen, darunter Augustinus (354–430), Thomas von Aquin (1225–1274), Descartes (1596–1650), Spinoza (1632–1677) und Leibnitz (1646–1716) stellten fest, dass der Ablauf menschlichen Handelns von einer breiten Palette von Mechanismen angetrieben wird, die der Selbstbeobachtung nicht zugänglich sind. Angefangen bei sensomotorischen Reflexen, bis hin zu nicht wahrgenommenen Motiven und verborgenen Begierden. 

Unser innerster Wesenskern 

John C. Eccles (1903–1997) erläutert in: „The Self and its Brain“, Springer Verlag 1977, dass das bewusste Selbst oder das Ich das Zentrum der Bewusstseinszustände, des subjektiven Wissens aller Art, der Erfahrung von Wahrnehmungen, von Denken und Gefühlen, Absichten, Erinnerungen und Träumen bildet. Diese nicht als eine Substanz zu sehende Basis der personalen Identität und der Kontinuität, die man durch das gesamte Leben erfährt, sowie die täglichen Bewusstseinslücken, wie zum Beispiel im Schlaf oder in der Narkose, bilden die Überspannungen. Immer wieder kehrt das Bewusstsein ungeachtet aller „Lücken“ mit ungebrochener Kontinuität zurück. 

Der Philosoph Karl R. Popper meint, dass die Verbindung des Selbst, des Ichs mit dem Gehirn außerordentlich eng ist, ohne jedoch diese als eine zu enge und zu mechanische Beziehung zu sehen. Er meint, als sich im Verlaufe der biologischen Evolution das Sprachvermögen entwickelte, als der Mensch Interesse am Gesprochenen zeigte, sich Gehirnstrukturen und das Selbstbewusstsein weiterentwickelten. Die Sprache übte den Selektionsdruck aus, unter dem sich komplexere Gehirne und das Bewusstsein eines eigenen Selbst, ein bewusstes Ich, herausgestalteten. 

Eine mentale Datenbank 

Das antike griechische Motto „Erkenne dich selbst“ bleibt, wenn es auf die kleinsten Details unseres Verhaltens angewandt wird, ein unerreichbares Ideal. Unser „Selbst“ ist wie eine umfangreiche Datenbank, die sich aus unseren sozialen Erfahrungen speist; im selben Format, mit dem wir versuchen, das Denken und Fühlen anderer zu verstehen, wobei eklatante Lücken, Missverständnisse und Wahnvorstellungen durchaus mit eingeschlossen sind. 

Stanislas Dehaene erklärt, dass im Gehirn neuronale Strukturen liegen, die in einzigartiger Weise geeignet sind, unser soziales Wissen zu repräsentieren. Wenn wir unsere Selbsterkenntnis encodieren und Informationen über andere sammeln, nutzen wir unsere mentale Datenbank. Das Netzwerk im Gehirn erstellt mit Hilfe dieser mentalen Datenbank ein mentales Bild von unserem eigenen Selbst. 

Eine einzigartige Fähigkeit unseres Bewusstseins ist, unser bewusstes Wissen mit anderen zu teilen, zwar oft in rudimentärer Form, aber mit zuversichtlicher Einschätzung, die mathematisch notwendig ist, um gegebenenfalls zu einer zweckdienlichen kollektiven Entscheidung zu gelangen. 

Wir sind auch in der Lage, fiktive Welten zu erschaffen. Wir können auch den Algorithmus sozialer Entscheidungsfindung, also der sozialen Teilhabe „frisieren“, indem wir vortäuschen, zurechtbiegen, fälschen, flunkern, lügen, Meineide leisten, abschwören, behaupten, widerlegen und zurückweisen. Wir sind einerseits zu Alphabeten, Sprachen, Wort und Schrift, Kunst- und Kulturgütern, hoher Technik, vernetzten Rechen- und Informationssystemen befähigt. Andererseits zieht sich trotz der Entwicklung außerordentlicher geistiger Schöpferkraft, von der Erfindung der Streitaxt bis zur Entwicklung thermonuklearer Waffen, parallel dieser Aberwitz an möglichen Täuschungen wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. 

Resümee

Wer sind wir eigentlich? Nach dem heutigen Stand des Wissens lautet die Antwort dahingehend, dass wir Wesen sind, die genetisch und umweltbedingt ein Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild entwickeln, mithin geistige Fähigkeiten, die auf natürlichen Eigenschaften beruhen. 

Das Ich-Gefühl erwächst aus der Erfahrung, dass man einen eigenen Körper hat und die Welt aus der eigenen Perspektive sieht und dass man Urheber(in) des eigenen Handelns ist. Das Selbstbild erwächst, wie der Philosoph Albert Newen erklärt („Spektrum der Wissenschaft“, März 2011), aus der Abgrenzung der eigenen Person von der Außenwelt und einer Spiegelung im anderen. Es erwächst in Verbindung mit der Fähigkeit, eigene Überzeugungen, Wünsche, Hoffnungen und Glaubensinhalte von jenen von Mitmenschen abzugrenzen. Der Aufbau von Ich-Gefühl und Selbstbild kann während der Lebensspanne durch Umwelteinflüsse oder durch körperliche Fehlfunktionen des Gehirns systematisch gestört werden. Die Mediziner wissen ein Lied davon zu singen. 

Wir kennen unser Ich, unser Selbst nicht wirklich. Wegen unserer sterblichen Körper hat aber das Ich, welches erst auf der Grundlage unserer Körperlichkeit überhaupt entsteht, keine eigene Existenz. Die vielen tatsächlichen, meist unbewussten Determinanten unseres Verhaltens bleiben weitgehend verborgen. Die Ewigkeit, die Zeitlosigkeit, lässt dann keine weitere Entwicklung zu. Unsere Körper, Nervensysteme und Hirnstrukturen, sind allerdings nicht deswegen entstanden, um Allumfassendes zu verstehen, sondern für Überlebensstrategien in einer sich permanent verändernden Welt. Wir können nur Bereiche wahrnehmen, die für unser Überleben relevant sind. Wir können das Eigentliche, das große Unbekannte, nicht erkennen, weil wir die dazu erforderlichen Hirnzellen (Neuronen) nicht besitzen. Wir können es evtl. erahnen. So besehen sind wir eine ungewöhnliche Spezies, die sich selbst ein Rätsel bleibt.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 28. September 2017
 
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