Konspirative politische Händel zu Ungunsten Südtirols


Helmut Golowitsch: „Südtirol - Opfer für das westliche Bündnis. Wie sich die österreichische Politik ein unliebsames Problem vom Hals schaffte“; Graz (Stocker) 2017, Hardcover, 607 Seiten, ISBN 978-3-7020-1708-8, 34,80 €

 

Eine Buchbesprechung von Reinhard Olt

Der Brenner ist in aller Munde. Wieder einmal. Nützten ihn einst römische Legionäre als Alpenübergang bei der Eroberung von Teilen Germaniens, so „wanderten“ alsbald ganze „Völker“ über den Brenner gen Süden, um Teile der Konkursmasse des weströmischen Reichsteils zu besiedeln. Seit dem 8. Jahrhundert sah der Brenner nicht selten die titularischen Nachfahren der Imperatoren: Herrscher des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation auf Krönungs-, Pilger-, Buß- oder Kriegsfahrt gen Rom oder hinab bis Apulien und Sizilien. Nicht zu vergessen Adelige auf „Kavaliersreise“, geistliche Herren zum Besuch der „Ewigen Stadt“, Literaten, Künstler und Gelehrte auf Entdeckung der „wiedergeborenen Antike“ oder auf Exkursion ins „Land wo die Zitronen blüh’n“. Händler und Frächter quer(t)en den Brennerpass ebenso in hoher Zahl wie Touristen. Und neuerdings nimmt der enge Gebirgseinschnitt unter völkerwanderungsartig anschwellendem Zustrom afrikanisch-orientalischer Migranten über die „Italien-Route“ nach Mitteleuropa (Vgl. GENIUS-Lokalaugenschein von Harald Saggener: „Schmugglerpfade für Einwanderer entlang der Brenner-Route“, Lesestück Nr. 06/September–Oktober 2017), wieder eine Rolle als neuralgisches Areal ein.

Jetzt ist die 1918/19 zu St. Germain-en-Laye festgelegte und 1945/46 beibehaltene Grenze am Brenner also plötzlich wieder da. Verschwunden war sie ja nicht wirklich, sondern lediglich „nicht mehr spürbar“, wie eine medial widerhallende stereotypisierte Politformel besagte. Dass die Brennergrenze Land und Volk der Tiroler seit nunmehr bald hundert Jahren teilt, haftet indes Geschichtsbewussten und ‑interessierten im Gedächtnis, die sich des ehedem geläufigen Begriffs „Unrechtsgrenze“ erinnern. Dies war im Vergleich mit dem Begriff „Schandgrenze“, dessen sich ebenfalls viele bedien(t)en, noch der mildere Ausdruck, um sich dem Unmut über den dem Seitenwechsler Italien zweimal als Kriegsbeute zugesprochenen südlichen Teil Tirols Luft zu verschaffen.

Die Selbstbestimmungsfrage – Unrechtsgrenze Brenner

Wilsons 14-Punkte-Plan blieb auf der Pariser Friedenskonferenz, auf der vornehmlich die nach Rache dürstenden französischen Teilnehmer das Sagen hatten, chancenlos. Ob dagegen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich die Chance für die in vielfachen Willensbekundungen der Bevölkerung – Unterschriftensammlungen, Großkundgebungen in beiden Tirol sowie in Salzburg, Linz und Wien; (General-)Streiks – sowie die in politischen und kirchlichen Petitionen zum Ausdruck gebrachte Forderung nach Wiedervereinigung Tirols bestand, ist unter Historikern umstritten.

Rolf Steininger, vormals Direktor des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck und Verfasser voluminöser Monographien zur Thematik, stellt dies im Wesentlichen in Abrede. Er begründet dies damit, dass wegen der sich unter den ehemaligen Alliierten abzeichnenden Rivalität und Uneinigkeit sowie des sich anbahnenden „Kalten Krieges“ die Südtirol-Frage von so untergeordneter Bedeutung gegenüber dem Erhalt Italiens im westlichen Lager gewesen sei, dass sich die USA, Großbritannien und Frankreich rasch auf dessen Verbleib im Stiefelstaat verständigt hätten.

Für Michael Gehler hingegen, den nicht minder renommierten Leiter des Instituts für Geschichte an der Universität Hildesheim und – als ehemaliger Innsbrucker („Schüler“ Steiningers) – über Forschung und Zeitgeschichtsschreibung hinaus beiden Tirol auch familiär eng verbunden, waren Forderungen nach Wiedererlangen der Landeseinheit nicht a priori aussichtslos. Für die Zeit nach Abschluss des Gruber-De Gasperi-Abkommens (1946), dem er den von den regierenden Parteien sowie dem zeitgeistfrommen Teil der Opposition in Wien, Innsbruck und Bozen bejubelten Rang einer „Magna Charta für Südtirol“ absprach, bis in die 1960er Jahre, sah er die Wiedervereinigungsfrage zwar weiter für relevant an, die Chance, sie zu beantworten, indes für kaum mehr gegeben. 

Grubers Unzulänglichkeiten

Gleichwohl schimmert in Gehlers Einlassungen durch, dass aufgrund eingeschränkter außenpolitischer Handlungsfähigkeit Österreichs und unzulänglichen diplomatischen Geschicks Fehlgriffe passierten, für welche der zu „einsamen“, d.h. ohne Absprache mit Wien und/oder den drei nach Paris entsandten Südtiroler Beobachtern getroffenen Entscheidungen neigende Karl Gruber verantwortlich zeichnete, die minimale Chance auf eine Selbstbestimmungslösung verspielt worden sein dürfte. In seinem Vortrag aus Anlass des 70. Jahrestags der Unterzeichnung, dem am 5. September 2016 auf Schloss Sigmundskron begangenen „Tag der Autonomie“, brachte Gehler dies deutlich zum Ausdruck: „Die These von zeitgenössischen politischen Akteuren vom Pariser Abkommen als das ,Maximum des Möglichen‘ ist nicht haltbar. Im Lichte der legitimen Südtiroler Forderungen war es nur ein Minimum vom Minimum der ursprünglichen Erwartungen, weil es keine Selbstverwaltung für Südtirol gab, was der eigentliche politische Fehlschlag war. Für eine eigenständige Autonomie wäre mehr zu erreichen gewesen: Auch Österreich war geostrategisch für den Westen wichtig und sollte in seinem Lager gehalten werden. Das britische Angebot zur Vertragspräzisierung blieb von Gruber ungenutzt. Er wusste nicht, dass sein Handlungsspielraum gegenüber Italien größer war, zumal De Gasperi noch während der Pariser Friedenskonferenz die Zulassung einer Volksabstimmung in Südtirol fürchtete, die zeitgleich von einer interalliierten Kommission geprüft werden sollte. Diese Forderung war die stärkste Waffe, die Österreich in der Hand hatte. Gruber gab sie vorzeitig preis und verspielte damit das Kapital der Selbstbestimmung als Verhandlungs-Druckmittel.“ (Vgl. http://www.provincia.bz.it/giornata-autonomia/downloads/Referat_Michael.Gehler.pdf.)

„Furchtbare Hypothek“

Allem Anschein nach fügte sich der österreichische Außenminister letztlich ebenso seinem italienischen Gegenüber Alcide De Gasperi wie den drängenden Siegermächten, um überhaupt etwas mit nach Hause bringen zu können. Das Abkommen vom 5. September, das den Südtirolern anstatt der Selbstbestimmung die autonome kulturelle Entwicklung und politische Selbstverwaltung sichern sollte, erwies sich jedoch alsbald als unzulänglich und schließlich als „furchtbare Hypothek“ (Bruno Kreisky). Immer wieder erwuchsen aus einer von De Gasperi zu verantwortenden Verfälschung Anlässe für leidenschaftliche Aufwallungen bis hin zu den Anschlägen in den 1950er bis 1970er Jahren, um die Welt auf die Nichteinhaltung des römischen Vertrags sowie die Willkürherrschaft des „demokratischen Italiens“ aufmerksam zu machen, welche sich von jener der Schwarzhemden Mussolinis allenfalls dem äußerlichen Anschein nach unterschied. 

Doch es waren nicht nur die sich aus der (geo)politischen Lage ergebenden Umstände und die Unzulänglichkeiten des zur Pariser Konferenz entsandten österreichischen Personals sowie Grubers selbstherrliches Gebaren, das nicht das von den (Süd-)Tirolern erhoffte Ergebnis zeitigten. 

Helmut Golowitschs kürzlich erschienene und am 23. September in Innsbruck im Rahmen einer gelungenen Veranstaltung des Andreas-Hofer-Bundes präsentierte Dokumentation zeigt anhand erstmals zugänglich gemachten Materials aus einem Privatarchiv und von bisher in der Südtirol-Forschung unbeachtet gebliebenen Unterlagen aus dem Niederösterreichischen Landesarchiv, dass auch hinter den Kulissen Akteure weitgehend inkognito am Geschehen beteiligt waren.

Buchautor Dr. Helmut Golowitsch (r.) bei der Buchpräsentation in Innsbruck mit NR Werner Neubauer (l.) und AHB-Präsident Winfried Matuella

Hinter den Kulissen

Insbesondere ein Kärntner Unternehmer übte einen bisher weithin unbekannten und im Blick auf das erhoffte Ende der Teilung des Landes fatalen Einfluss aus. Sein lautloses Mitwirken erstreckte sich nahezu auf den gesamten für den Südtirol-Konflikt relevanten Geschehensablauf vom Kriegsende bis zur sogenannten „Paket“-Lösung Ende der 1960er Jahre. Der Mann hieß Rudolf Moser, war 1901 in Wien geboren und kam aus der christlich-sozialen Bewegung. In Sachsenburg (Kärnten) leitete er die „A. Moser & Sohn, Holzstoff- und Pappenfabrik“. Als Industrieller gehörte er der auf die regierende ÖVP stark einwirkenden Wirtschaftskammer an und war in deren „Bundessektion Industrie“ Fachverbands-Vize der Papierindustrie. Mit Bundeskanzler Leopold Figl, den er als seinen „engsten Jugendfreund“ bezeichnete, verband ihn seit der gemeinsamen Zeit in der ständestaatlichen Schuschnigg’schen Wehrformation der „Ostmärkischen Sturmscharen“, wie er vermerkte, „in allen Belangen … stets gegenseitige und vollständige Übereinstimmung und Treue“: Moser war „Gauführer“ in Kärnten-Osttirol, Figl hatte dieselbe Funktion in Niederösterreich inne.

In Italien, wohin seine Firma gute Geschäftskontakte unterhielt – auch und vor allem nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 an das mit Mussolini verbündete, NS-geführte Deutsche Reich – kam Moser mit namhaften Persönlichkeiten des faschistischen Staates ebenso wie mit katholischen Kreisen in engen Kontakt. Moser, den auch Papst Pius XII. mehrmals in Rom persönlich empfing, wirkte zudem als Vertrauensmann des Vatikans. Insofern nimmt es nicht wunder, dass sich der die italienische Sprache nahezu perfekt beherrschende und absolut diskret agierende Moser nach 1945 geradezu ideal für die Aufnahme, Pflege und Aufrechterhaltung einer trotz Südtirol-Unbill dennoch äußerst belastbaren Verbindung zwischen ÖVP und Democrazia Cristiana (DC) eignete, die sich weltanschaulich ohnedies nahestanden. Dazu passte, dass er sich der Rolle des (partei)politischen Postillons und verdeckt arbeitenden Unterhändlers mit geradezu missionarischem Eifer hingab.

Verkaufte „Herzensangelegenheit“

Das erste für das Nachkriegsschicksal der Südtiroler bedeutende und in seiner Wirkung fatale Wirken Mosers ergab sich im Frühjahr 1946. Während nämlich die österreichische Bundesregierung offiziell – besonders Kanzler Figl, der in seiner Regierungserklärung am 21. Dezember 1945 vor dem Nationalrat gesagt hatte: „Eines aber ist für uns kein Politikum, sondern eine Herzenssache, das ist Südtirol. Die Rückkehr Südtirols nach Österreich ist ein Gebet jedes Österreichers“ – die Selbstbestimmungslösung mittels Volksabstimmung verlangte, die Außenminister Gruber gegenüber den Siegermächten und dem Vertreter Italiens in Paris bis dahin einigermaßen aufrecht erhalten hatte, wurde Rom auf der Ebene parteipolitischer Beziehungen vertraulich darüber in Kenntnis gesetzt, dass sich Wien gegebenenfalls auch mit einer Autonomielösung anstelle eines Plebiszits einverstanden erklären könne! Das Signal dazu gab Figl über Moser, der – behufs Vermittlung eines Priesters aus dem Trentino – den einstigen Trientiner Autonomisten (und als solcher Reichsratsabgeordnete zu Wien bis 1918) De Gasperi am 3. April 1946 im Palazzo del Viminale, dem Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten, zu einer ausgiebigen geheimen Unterredung traf.

Ost und West – und Schwarz und Rot 

Dass das Duo Figl/Moser damit Grubers Aktivitäten konterkarierte, dürfte auch dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass Figl und Gruber einander sozusagen „in herzlicher Abneigung“ zugetan waren. Dass es dem Kanzler – wie einst Schuschnigg in der Phase, bevor Mussolini und Hitler Verbündete wurden – primär um gutnachbarschaftliche politische (und wirtschaftliche) Beziehungen Wiens zu Rom sowie nach dem verheerenden Krieg, aus dem Österreich als „Verlierer“, der Seitenwechsler von 1943 Italien indessen quasi als „Sieger“ hervorging, und dem einsetzenden Kalten Krieg mit den äußeren Gegensätzen zwischen Ost und West sowie den inneren zwischen „Schwarz und Rot“ mehr noch um freundschaftliche Verbindungen zwischen seiner ÖVP mit De Gasperis DC zu tun war, und dass er damit der alldem entgegenstehenden Sache Südtirols – wider allen öffentlichen Bekundungen und Verlautbarungen – schadete, spricht Bände. Dieses widersprüchliche politische Gebaren sollte sich, wie die vom oberösterreichischen Forscher Helmut Golowitsch erstellte Dokumentation zeigt, unter allen auf Figl folgenden ÖVP-Kanzlern bis in die für das österreichisch-italienische Verhältnis schwierigen 1960er Jahre fortsetzen, unter der ÖVP-Alleinregierung unter Josef Klaus ihren Höhepunkt erreichen und darüber hinaus gleichsam eine politische Konstante bilden, der in aller Regel die beanspruchte Schutz(macht)funktion Österreichs für Südtirol untergeordnet wurde. Und allen damals führenden ÖVP-Granden stand Rudolf Moser als emsig bemühtes, lautlos werkendes und wirkendes Faktotum zur Seite: Sei es inkognito als Organisator konspirativ eingefädelter Spitzentreffen in seinem Haus in Sachsenburg, sei es als Emissär, mal als besänftigender Schlichter, mal als Impulsgeber. Mitunter war er verdeckt als Capo einer geheimen ÖVP-Sondierungsgruppe unterwegs oder auch gänzlich unverdeckt als Mitglied einer offiziellen ÖVP-Delegation auf DC-Parteitagen zugegen.

Figl und De Gasperi am Karerpass

So regte er die erste geheime Begegnung Figls mit De Gasperi an, wie aus einem mit Briefkopf des Kanzlers versehenen Schreiben vom 16. Juli 1951 an den „Sehr geehrten Herrn Kommerzialrat und lieben Freund“ Moser hervorgeht, und in dem er es diesem ausdrücklich „überlassen“ hatte, „das Nähere zu arrangieren“. Das „inoffizielle Zusammentreffen“, mit dem Figl „sehr einverstanden“ war, fand im August 1951 im Hinterzimmer eines Gasthauses am Karerpass in Südtirol statt, wohin der in Matrei (Osttirol) sommerfrischende österreichische und der in Borgo (Valsugana) urlaubende italienische Regierungschef reisten, um sich „auf halbem Wege“ und „nach außen hin zufällig“ zu treffen, wie Moser in seinem Brief vom 13. August an den „Hochwohlgeborenen Herrn Ministerpräsident“ schrieb. Über die mehrstündige Unterredung, die auch in einer mehrfach aufgelegten Figl-Biographie (Ernst Trost: Figl von Österreich“, Wien 1972) vermerkt ist, gibt es keine Aufzeichnung. Man darf wohl annehmen, dass De Gasperi mit Begründungen aufwartete, warum er aus innenpolitischen Zwängen die Südtirolpolitik so und nicht anders gestalten könne, und dass sich in Hinkunft schon alles bestens regeln werde.

Die Tiroler ÖVP hintergangen 

Über Inhalt und Ergebnis dieses Geheimtreffens (und weiterer konspirativer Begegnungen mit anderen Persönlichkeiten) wurden weder Süd- noch Nordtiroler Politiker informiert – wie im Übrigen während des gesamten Zeitraums, für die Golowitschs Dokumentation steht, ÖVP-Kanzler und ÖVP-Parteiführung stets unter gänzlichem Umgehen der dem südlichen Landesteil naturgemäß zugetanen Tiroler ÖVP-Landespartei agierten. Das ging so weit, dass der legendäre, äußerst beliebte Landeshauptmann Eduard Wallnöfer wegen „wachsender Unstimmigkeiten mit der Wiener Parteizentrale“ (Gehler) – insbesondere während der Kanzlerschaft des Josef Klaus, zu dem er ein „unterkühltes Verhältnis“ gehabt habe (Gehler) – eine „Unabhängige Tiroler Volkspartei“ (nach Muster der bayerischen CSU) ernsthaft in Erwägung zog. Indes war der aus dem Vinschgau stammende Wallnöfer – nicht nur wegen der Südtirol-Frage – dem Außenminister und späteren Kanzler Bruno Kreisky (SPÖ) ausgesprochen freundschaftlich verbunden. 

„Haus der Begegnungen“

Das zweite Geheimtreffen Figls mit De Gasperi am 18. und 19. August 1952 hatte Moser nicht nur arrangiert, sondern der „Geehrte Herr Kommerzialrat“ sorgte auch dafür, den Ministerpräsidenten inkognito über den Grenzübergang Winnebach nach Osttirol zu schleusen und von dort aus auf das Moser’sche Anwesen in Sachsenburg (Bezirk Spittal/Drau) zu geleiten. Der italienische Regierungschef hatte zustimmend auf Mosers Vorschlag reagiert und ihm am 5. August brieflich mitgeteilt, es müsse „die Sache ganz privat und diskret behandelt werden“, weshalb er „unter dem Namen ,Romani‘ telegraphieren“ werde. Während zweier Tage unterhielten sich De Gasperi und Figl bei langen Spaziergängen unter vier Augen. Aufzeichnungen über den Inhalt der Gespräche existieren nicht. In einem späteren Rückblick, angefertigt 1973, vermerkte Moser: „Seit 1949 gab es in meinem Kärntner Landhaus gar viele Zusammenkünfte, Besprechungen, Beratungen und Konferenzen, aber nicht selten wurden auch in fröhlichem Zusammensein weitreichende Beschlüsse gefaßt. Im Gästebuch dieses ,Hauses der Begegnung‘, wie es vielfach genannt wurde, gibt es von den delikaten Besuchen fast keinerlei Eintragungen, weil ja jedwede Dokumentation vermieden werden sollte.“

Auf Figl folgte Julius Raab. Auch er war in Sachsenburg zu Gast, bediente sich Mosers Diensten aber kaum. Das war auch gar nicht erforderlich, denn die politischen Prioritäten Wiens waren während Raabs Ägide vornehmlich auf das Ausverhandeln des Staatsvertrags (1955) und damit das Wiedererlangen der Souveränität gerichtet. Was dazu führte, dass es – worüber in Bozen und Innsbruck Unmut herrschte – in der Südtirol-Politik zu keinen nennenswerten Aktivitäten oder Initiativen mehr kam. Nach De Gasperi, mit dem sich Moser auch weiterhin freund(schaft)lich austauschte, wechselten in Italien die Regierungschefs beinahe jährlich; bis 1981 war das Amt des „Presidente del Consiglio dei Ministri“ stets sozusagen ein „Erbhof“ der DC. Bis zum Abschluss des Südtirol-Pakets 1969 unter Mario Rumor, der zwischen 1968 und 1970 drei wechselnden, DC-geführten und dominierten (Koalitions-)Regierungen vorstand, hatten sieben DC-Regierungschefs 14 Kabinetten vorgestanden. Mit allen pflegte(n) Moser (und die ÖVP) enge Kontakte. 

Handreichung für Folterer

Zu Mario Scelba, der später traurige Berühmtheit erlangte, weil unter seiner Billigung 1961 in Carabinieri-Kasernen politische Häftlinge aus den Reihen des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) gefoltert worden waren und er als damaliger Innenminister den Folterknechten dazu „freie Hand“ („mani libere“) gelassen hatte, waren sie ebenso intensiv wie zu Fernando Tambroni, Antonio Segni, Amintore Fanfani und Aldo Moro. Zwischen Moro und Josef Klaus initiierte er im Sommer 1966 ein geheimes Treffen in Predazzo, wohin Klaus im Anschluss an seinen üblichen Urlaub (in Bonassola an der Ligurischen Küste) reiste. 1962 hatte Moser ein geheimes Treffen zwischen DC-Vize-Generalsekretär Giovanni Battista Scaglia sowie der DC-Fraktionsvizechefin Elisabetta Conci und ÖVP-Generalsekretär Hermann Withalm sowie Außenamtsstaatssekretär Ludwig Steiner eingefädelt, das in seinem Beisein am 12. Mai in der am Comer See gelegenen „Villa Bellini“ der mit ihm befreundeten Papierfabrikantin Anna Erker-Hocevar aus Ovara bei Udine stattfand. Um das Treffen mit den DC‑Vertretern zu akkordieren, war Moser eigens zu ihnen nach Rom gereist. Einmütiger Tenor des Treffens: Südtiroler „Friedensstörer“ seien „gemeinsame Feinde“ und als solche „unschädlich zu machen“. Moser bekundete stets, man müsse, wie er selbst, beseelt sein vom Willen „engster vertraulicher Zusammenarbeit …mit den aufrechten Europäern und jenen Christen, welche den Mut haben, solche der Tat zu sein“ sowie beitragen zur „gemeinsamen Verurteilung jeder Äußerung von unzeitgemäßem Nationalismus und unchristlichen Gewalttaten“ und mithelfen, jene Kräfte zu isolieren und auszuschalten, „die unbedingt Gegner einer Einigung, einer Versöhnung sind“. An Scelba schrieb er, er möge „im Alto Adige jene wahnsinnigen Radikalen isolieren, welche mit verbrecherischen Taten sich als Handlanger des Bolschewismus erweisen“.

Geheimdiplomatie hinter Kreiskys Rücken

Mosers Engagement ging so weit, dass er sich nicht scheute, daran mitzuwirken, hinter dem Rücken des damaligen Außenministers Kreisky (SPÖ) sozusagen „christdemokratische Geheimdiplomatie“ zu betreiben und dessen mit Giuseppe Saragat ausgehandeltes „Autonomie-Maßnahmenpaket“ zu desavouieren, welches die Südtiroler Volkspartei (SVP) dann auch am 8. Januar 1965 für „zu mager“ befand und infolgedessen verlangte, es müsse nachverhandelt werden. Drei Jahre zuvor schon hatte er in einer von ihm am „hohen Fest der Erscheinung des HERRN 1962“ (Dreikönigstag 6. Januar) verfassten und an zahlreiche ÖVP-Politiker verschickten „Südtirol-Denkschrift“ bemerkt, Kreisky betreibe „eine dilettantisch geführte Außenpolitik“. Das bezog sich auf den seit den verheerenden Auswirkungen des Gruber-De-Gasperi-Abkommens ersten zielführenden und erfolgreichen Schritt der Wiener Südtirol-Politik, nämlich den Gang Kreiskys 1960 vor die UNO, die Italien mittels zweier Resolutionen zu „substantiellen Verhandlungen zur Lösung des Streitfalls“ mit Österreich zwang, womit der Konflikt internationalisiert und der römischen Behauptung, es handle sich um eine „rein inneritalienische Angelegenheit“ die Grundlage entzogen worden war. 

In den Rom-freundlichen Kreisen der Bundes-ÖVP wurde dies mit Unwillen registriert. Zunächst versuchte man, Kreisky vom Gang nach New York abzubringen. Einen Vorstoß machte ÖVP-Staatssekretär Ludwig Steiner mit der Kreisky gegenüber ausgesprochenen Empfehlung – die dieser in seinen Akten festhielt –, die „österreichische UNO-Initiative zurückzunehmen“, denn „seiner Meinung nach habe Italien in einer UNO Debatte d[er]z[ei]t. eine bessere Stellung, und im Übrigen solle man nicht die westlichen Freunde Österreichs strapazieren“. Kreisky vermerkte über Steiner in dieser Aktennotiz: „Seit seinem Eintritt als Staatssekretär haben die Intrigen gegen die gemeinsame Außenpolitik in hohem Maße zugenommen.“ Ebenso vergeblich wie Steiner hatten auch der spätere ÖVP-Außenminister Kurt Waldheim und der damalige Leiter der Politischen Abteilung des Außenministeriums, Heinrich Haymerle, versucht, Kreisky, wie dieser festhielt, „in stundenlangem Gespräch zu überreden, dass wir uns jetzt aus der Affäre ziehen sollten … Andernfalls würde Österreich als ein Störenfried betrachtet werden, und dies wäre uns keineswegs zuträglich“.

Italophiler Verbindungsmann

Mosers vielfältiges und nicht eben einflusslos gebliebenes Wirken beschränkte sich indes nicht auf die eines Kontaktknüpfers oder Verbindungsmannes zwischen ÖVP und DC. Er betätigte sich auch auf internationalem Parkett und vertrat die ÖVP auf den seit 1947 stattfindenden jährlichen Parteikongressen der DC sowie auf den Jahrestagungen der „Nouvelles Équipes Internationales“ (NEI), die sich 1965 in „Union Européenne des Démocrates-Chrétiens“ (EUDC) / „Europäische Union Christlicher Demokraten“ (EUCD) umbenannte. Die von Gegnern als „Schwarze Internationale“ verunglimpfte EUCD ging 1998 in der Europäischen Volkspartei (EVP) auf. Der italophile Moser ist nicht selten als politischer Stichwortgeber auszumachen, wenn es um den Versuch der in Wien Regierenden – insbesondere der von der ÖVP gestellten Bundeskanzler der ersten 25 Nachkriegsjahre – ging, sich des mehr und mehr als lästig empfundenen Südtirol-Problems zu entledigen. Dies trifft in Sonderheit auf die „Ära Klaus“ zu. Rudolf Moser fungierte just in der Südtirol-Causa als dessen enger Berater. In derselben Eigenschaft empfahl Moser auch dem mit ihm befreundeten italienischen Innenminister Taviani, in Südtirol „die bekannten Unnachgiebigen zu isolieren“, woraus „eine aufrichtige Freundschaft Italien-Österreich resultieren“ werde, „deren stärkste Parteien der gleichen Ideologie sind“. Unter Tavianis wie unter Scelbas (Amts-)Augen wurde in Südtirol schrecklich gefoltert. 

Wien ließ sich in der Folge – von Rom in der Angelegenheit EWG-Assoziierung massiv unter Druck gesetzt – auf (verfassungs)rechtlich äußerst fragwürdige Händel ein, so beispielsweise auf die auf sicherheitsdienstlicher Ebene insgeheim verabredete Weitergabe polizeilicher Informationen über Südtiroler, obwohl dies für politische Fälle unzulässig war. Das Wiener Justizministerium und die für Rechtshilfe zuständigen Institutionen wurden dabei kurzerhand übergangen. Für all dies und einiges mehr gab Klaus, der hinsichtlich der Südtirol-Frage ähnlich dachte wie sein Freund Rudolf Moser, allen Forderungen der italienischen Seite bereitwillig nach. Moser hatte alles getan, um das (bereits erwähnte) Geheimtreffen zwischen dem österreichischen Kanzler und dem italienischen Regierungschef Aldo Moro auf italienischem Boden zustande zu bringen.

Aus dem Dunkel ans Licht

Mosers konspiratives Wirken endete 1969/70. Als Pensionär zog er sich nach Wien zurück, wo er einige Jahre später hochbetagt verstarb. Seine Aufzeichnungen, Dokumente und Photographien hatte er einem befreundeten Kärntner Nachbarn hinterlassen. Begünstigt von einem glücklichen Zufall gelang es Helmut Golowitsch nach langwierigen Recherchen, an den zeitgeschichtlich wertvollen Fundus zu gelangen, in den zuvor noch nie ein Historiker ein Auge geworfen hatte. Ergänzt durch Material aus dem im niederösterreichischen Landesarchiv verwahrten Nachlass Figls sowie durch einige Dokumente aus dem Österreichischen Staatsarchiv und dem Tiroler Landesarchiv hat er ihn umsichtig aufbereitet, ausgewertet und nunmehr in der vorliegenden Dokumentation publiziert, worin er die für die Geschehenserhellung brisantesten Notizen Mosers faksimiliert wiedergibt. Alle Moser’schen Dokumente hat Golowitsch zudem dem Österreichischen Staatsarchiv übergeben. Seiner Publikation, die ein bisher im Dunkel verborgenes wichtiges Kapitel der mitteleuropäischen Nachkriegsgeschichte ins Licht hebt und, wie der Salzburger Historiker Reinhard Rudolf Heinisch zurecht im Vorwort schreibt, „durch dessen Ergebnisse die tragische Geschichte Südtirols nach 1945 in vielen Bereichen umgeschrieben werden muss“, ist weite Verbreitung zu wünschen. 

„Was wäre, wenn …“

Historiker schrecken für gewöhnlich von „Was-wäre-wenn-Fragen“ zurück. Es sei aber dem Betrachter abschließend ausnahmsweise erlaubt, für einen Augenblick die Scheu davor hintanzustellen und an die eingangs aufgeworfene Brenner-Problematik anzuknüpfen. Unwillkürlich mag einem angesichts des zuvor Erörterten dabei in den Sinn kommen: Wäre es 1945/46 zur Selbstbestimmung(slösung und damit zur Landeseinheit Tirols) gekommen, so verliefe die italienisch-österreichische Grenze heute wohl entlang der Sprachgrenze am südlichen Zipfel des sogenannten Unterlandes. In der Enge des Etschtals an der „Salurner Klause“ könnten in Zeiten vermehrter illegaler Grenzübertritte Kontrollen ebenso effektiv gestaltet werden wie 115 Autostrada- und 136 Bahn-Kilometer weiter nördlich am Brennerpass. Und Tirol wäre – entgegen der Formel „Ein Land in zwei Staaten“, die Moser im Gespräch mit De Gasperi fand und an die sich die in Wien, Innsbruck, Bozen und Rom Regierenden jedweder Couleur bis zur Stunde klammer(te)n – „lei oans“.

Bearbeitungsstand: Montag, 27. November 2017
 
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