Afghanistan – Hauptproduzent von Rohopium


Von Bertram Schurian

In einen Artikel aus dem Jahre 2014 berichtete „The Economist”, dass die afghanischen Bauern auf einem Gebiet von mehr als 200.000 Hektar Samen von Schlafmohn ausgesät hätten. Dies hätte ihnen im Jahre 2013 eine Rekordernte und Rekordeinkünfte gebracht. Das Motiv, diese Pflanze zu kultivieren, erklärt sich bei den Bauern ziemlich einfach: Ohne deren Anbau und Einkünfte könnten sie nicht überleben. Deshalb ging die Anbaufläche für alternative landwirtschaftliche Produkte wie Weizen etc. drastisch zurück. Zudem sind die Gewinnspannen für Schlafmohn viele Male höher als für Weizen. 

Als die Taliban in Afghanistan noch an der Macht waren, brachten sie innerhalb von drei Jahren die Schlafmohnproduktion praktisch auf null zurück. Anscheinend ist bei den Taliban jedoch ein Sinneswandel eingetreten, denn seitdem sie ihre Machtstellung im Lande weiter ausbauen konnten, floriert der Anbau des Schlafmohns wieder. 

Schlafmohn dient zur Herstellung von Rohopium, welches wiederum die Basis für die Herstellung von Heroin ist. Das Land Afghanistan ist schon lange berüchtigt als das Herz der globalen Drogenproduktion. 70 bis 90 Prozent des weltweiten Opiums sind in den vergangenen Jahren aus Afghanistan gekommen. 2016 gab es mit geschätzten 4800 Tonnen Opium eine der drei größten jemals registrierten Ernten. Im Jahre 2017 wird sich dies wahrscheinlich auf ca. 9.000 Tonnen erhöhen und möglicherweise alles bisher Dagewesene übersteigen. 

Die Anbauflächen für Schlafmohn haben sich auf ca. 328.000 Hektar erhöht. Auf Satellitenbildern ist zu sehen, dass es kaum noch andere als Schlafmohnfelder gibt. Die radikalislamischen Taliban beeinflussen oder kontrollieren rund elf Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Die UN sehen in einem neuen Bericht zu den sozio-ökonomischen Umständen des Opium-Booms die meisten Anbaugebiete in Gegenden, in denen die Taliban vorherrschen. In ihnen gibt es weniger Regierungsleistungen, weniger Sicherheit und damit weniger Zugang zu Märkten, um andere Produkte überhaupt verkaufen zu können. Schlafmohn ist daher eine natürliche Wahl für Bauern in Kriegszeiten. Dieser Anbau birgt wenige Risiken in einer Hochrisiko-Umgebung und viel bessere Verdienstmöglichkeiten.

Damit sind die Taliban die Hauptverdiener im Geschäft um den Schlafmohn. Die wachsenden Anbauflächen in ihren Gebieten lassen sie besteuern und nehmen für den Schmuggel Schutzgelder. Laut UN-Sicherheitsrat haben sie 2016 etwa die Hälfte ihres Einkommens aus den Drogen bezogen – bis zu 400 Millionen Dollar.

Alle gutgemeinten Anstrengungen der UNO und der US-Behörden, in die horrende Summen gesteckt wurden, um einen Wandel in den landwirtschaftlichen Gebieten Afghanistans zu anderen landwirtschaftlichen Produkten zu erreichen, waren, wie wir jetzt feststellen können, vergebens. Zu bedenken ist, dass noch immer ca. 14.000 NATO- Soldaten in Afghanistan stationiert sind, die aber allem Anschein nach diese Entwicklung kaum beeinflussen können. Wie in der internationalen Ausgabe der NZZ im November 2017 zu lesen war, haben US‑amerikanische und afghanische Kampfflugzeuge Opiumlabore der Taliban angegriffen, deren es schätzungsweise 400 bis 500 gibt. Es halten sich aber auch Gerüchte, dass der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst beim Opium-Export involviert sein soll. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Taliban ihre eigenen islamischen Brüder und Verbindungen in den umgebenden Ländern, wie Iran und Pakistan, zu diesem Zweck einspannen. Anzunehmen ist weiter, dass sich die russische Mafia die Gewinnmöglichkeiten dieses Geschäftes auch nicht entgehen lässt. 

Umdenken in der Schweiz und in den USA

Die Schweizer sind ein ziemlich bedachtsamer Menschenschlag, der nicht so leicht zu schnellen Schlussfolgerungen neigt. Wenn also ein Journalist der angesehenen NZZ in einem Debattenbeitrag zu diesem Thema im November 2017 titelt „Wer Drogen verbietet, hilft nur den Dealern”, dann will das schon etwas bedeuten. Weiter meint er, „die heutige Politik stützt den Schwarzmarkt und kostet viel Geld, sie hält aber die Menschen nicht vom Konsum ab. Es ist Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen”. 

Diesen neuen Weg begehen einige Bundesstaaten der USA schon. So hat der Bundesstaat Kalifornien ab Januar 2018 den privaten Verbrauch von Marihuana außer Strafe gestellt. Damit hofft Kalifornien, ca. US-$ 1 Milliarde an Verbrauchssteuern einzunehmen. In Kalifornien leben ca. 40 Millionen Menschen. Das sind 15 % der US-Bevölkerung. Die Staaten Colorado, Washington, Oregon, Alaska und Nevada sind Kalifornien schon vorausgegangen. Die Staaten Massachusetts und Maine werden diesem Beispiel noch in diesem Jahr 2018 folgen. 

Übrigens liest man in einem Bericht der NZZ vom 6. Jänner 2018 mit Erstaunen: „Australien will Cannnabis-Großmacht werden.“ Dort geht es um großflächigen Anbau bei dennoch bestehen bleibendem Verbot des allgemeinen Konsums. Dieser Bericht ist deswegen insgesamt lesenswert, weil er zeigt, dass auch in anderen Ländern ein Umdenken im Gange ist. Zum Thema Drogenpolitik wird eine langjährige Diskussion geführt.

Tatsächlich haben wir – mein Sohn und ich – schon im Jahre 2009 diese Meinung kundgetan, die in einem gemeinsamen Artikel im Genius-Brief 2/2009 veröffentlicht wurde. In fünf weiteren Artikeln, die in den darauffolgenden Jahren erschienen, wurden die wichtigsten Argumente erläutert und auch Beispiele gebracht, wie die verschiedenen Länder in Südamerika, Europa und Asien die Drogensucht, diese Geisel der Menschheit, behandeln bzw. probieren, sie zurückzudrängen.

Die Drogensucht hat im Prinzip wenig mit Kriminalität zu tun, vielmehr hat es, meiner Meinung nach, alles mit der gegenwärtigen Wirklichkeit in den verschiedenen Gesellschaften zu tun. Keine Gesellschaftsform, weder islamische, noch christliche, noch jüdische, selbst mormonisch bzw. atheistisch dominierte Gesellschaften sind davor gefeit. Die einzig nachhaltig Erfolg versprechende Vorgehensweise, um den Schaden, den die Drogensucht in den Gesellschaften verursacht, zurückzudrängen, ist es, der Realität ins Auge zu sehen und dementsprechend als Gesetzgeber zu handeln, d. h. dem illegalen Drogenhandel die „Geschäftsgrundlage“ zu entziehen. 

Der Missbrauch schmerzlindernder Medikamente

Kürzlich, im Dezember 2017, hat der neue amerikanische Präsident die in Amerika grassierende Epidemie des Gebrauchs von Schmerzmitteln, sogenannter Opioide, als „national health care emergency” erklärt. Dies ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, um dieses Problem landesweit anzugehen. Laut PharmaWiki sind Opioide natürliche, aus dem Opium gewonnene oder (halb)synthetisch hergestellte Arzneimittel mit schmerzlindernden, dämpfenden, beruhigenden und psychotropen, die menschliche Psyche beeinflussenden Eigenschaften. 

Im Jahr 2015 sind in den USA mehr als 52.000 Menschen am übermäßigen Gebrauch an diversen Schmerzmitteln gestorben! Ca. zwei Drittel davon starben an tödlichen Dosen von Opioiden und Heroin. Die Ursache für diese alarmierende Entwicklung liegt im explosionsartigen Wachstum vom Gebrauch an schmerzstillenden Pillen auf Rezept in den Jahren 1991 bis 2011. So stieg die Anzahl der Rezepte für Schmerzstiller, die von den amerikanischen Apotheken ausgegeben wurden, von 76 Millionen auf 219 Millionen. Parallel zur Anzahl stieg auch die Wirksamkeit der Schmerzstiller. Die verschiedenen Staaten haben versucht, diesen enormen Anstieg im Pillenverbrauch, der auch von skrupellosen Ärzten mitverursacht wurde, durch Verhaftungen einzuschränken. Jedoch wechselten viele Verbraucher dann zu Heroin, weil es teilweise billiger und leichter zu erhalten war. 

Man kann sich die berechtigte Frage stellen, ob die pharmazeutische Industrie in Amerika nicht auch eine gewisse Mitschuld am übermäßigen Gebrauch von schmerzlindernden Produkten hat. 

Jetzt besteht wenigstens die Chance, dass dieses Problem landesweit angepackt wird. Obwohl das Drogenproblem schon seit Jahrzehnten in Amerika virulent ist, hatte bisher kein früherer Präsident diesen Zustand als „nationalen Notstand” bezeichnet. Also muss die jetzige Situation gravierend sein. 

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran

Im Dezember 2017 erschien in der US-amerikanischen Zeitschrift „Politico” – diese Zeitung arbeitet mit dem AxelSpringer-Konzern in Deutschland zusammen – eine Studie vom Reporter Josh Meyer unter dem Titel „The secret backstory of how Obama let Hezbollah off the hook” (Die geheime Hintergrundgeschichte wie Obama die Hizbollah davonkommen ließ), die eine bis jetzt wenig beachtete Perspektive auf dieses Problem eröffnete. Als Obama 2009 als Präsident antrat, versprach er u. a., eine neue Seite in den Beziehungen zum Iran aufzuschlagen. Obama war nämlich der Meinung, dass der Grund für das schlechte Verhältnis mit dem Iran ganz auf Seiten der USA lag. 

Diese Auffassung war nicht ganz unrichtig. Zu bedenken ist jedoch, dass das jetzige iranische Regime kurz nach seiner Errichtung Amerika den Krieg erklärt hatte, weil es in ihm die Ursache aller seiner Probleme und Übel sah. Dasselbe galt und gilt noch immer auch für Israel. Trotz des aggressiven Verhaltens gegenüber den USA versuchten alle amerikanischen Präsidenten mehr oder weniger deutlich, das diplomatische Verhältnis mit dem Iran zu verbessern. Obama dachte, er könne es schaffen, wenn er das iranische Regime dazu bewegen könnte, ein Nuklearabkommen mit den USA abzuschließen. Er übersah dabei jedoch geflissentlich, dass sich das iranische Regime nach wie vor als theokratische Diktatur mit demokratischem Anstrich verhielt. Nicht zu vergessen sind die schweren Proteste von Millionen Bürgern im Iran nach der getürkten Wahl von Ahmadinejad, die auch als die „Grüne Revolution” bekannt wurde.

Um dieses Projekt von ihm nicht unmöglich zu machen, war er bereit, ein anderes Projekt, das schon 2008 unter Bush jun. von der Drogenadministration (DEA) gegen Hizbollah (dem verlängerten Arm des Iran im Libanon) gestartet worden war, zu torpedieren. Dieses Projekt nannte sich „Project Cassandra”. In diesem Projekt waren dreißig US-amerikanische und ausländische Polizeiorganisationen und Geheimdienste mit einbezogen. Es ging hier um das mutmaßlich weltweite Drogen-Terroristen-Imperium der Hizbollah, welches dieser Organisation rund US-$ 1 Milliarde jährlich an Einkommen verschaffte. Die Agenten des Projektes Cassandra verfolgten die Lieferungen von Kokain und anderen Drogen aus Lateinamerika über Afrika nach Europa und den Mittleren Osten und von Venezuela und Mexiko in die USA. 

Sie folgten dem Cashflow aus diesen Transaktionen und wie er „weiß” gewaschen wurde. (Eine Methode war, gebrauchte US-amerikanische Autos nach Afrika zu liefern, um sie dort zu „verkaufen“). Und mit der Hilfe von zur Kooperation bereiten Zeugen konnte man die Verbindung zur Hizbollah und deren Sponsoren, dem Iran, nachweisen. Als jedoch die Chefs des Cassandra-Projektes um Zustimmung für Verfolgung von wichtigen Personen und Verhaftungen ansuchten, wurde dies von hohen Würdenträgern im Justizministerium und Finanzministerium der USA verhindert. Meyer schreibt auch, dass die Hizbollah die Einkünfte verwendete, um den syrischen Präsidenten mit schweren Waffen und Munition zu versorgen. 

In einer schriftlich niedergelegten Zeugnisaussage vor dem „House Committee on Foreign Affairs” im Februar 2016 erklärte Katherine Bauer, Beamtin im Finanzministerium, dass „unter der Regierung von Obama diese Hizbollah Untersuchungen be(ver)hindert wurden, weil man fürchtete, das Nuklearübereinkommen mit dem Iran zu gefährden”. 

Der heutige amerikanische Generalstaatsanwalt Jeff Sessions achtete diese Anschuldigungen als so gravierend, dass er dem Justizministerium den Auftrag gab, dieser Sache nachzugehen.

Und hier schließt sich der Kreis. Es macht einen mutlos, wenn man sieht, welche Prioritäten manchmal von den höchsten Führungskräften im Staate getroffen werden. 

Außerdem ist es bezeichnend, dass es bis jetzt in den wichtigsten landesweiten Presseorganen kaum Meldungen über diesen Sachverhalt gegeben hat. Als bekannt setze ich übrigens voraus, dass unter Obama das diplomatische Verhältnis zwischen Israel und der USA kaum noch schlechter werden konnte, als es das war.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. Jänner 2018

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