Verschwundene Orte


Zwangsvertreibungen, entvölkerte und demolierte Dörfer in ehemals deutschen Siedlungsgebieten Ostmitteleuropas, Wilfried Heller (Hrsg.) 2017, Verlag Inspiration Un Limited London Berlin, ISBN 978-3-945127-155, 9,80 Euro

 

Eine Buchbesprechung von Bernd Stracke

Die Zerstörung von Kulturgütern als kriegerische Tradition: Für abschreckende Beispiele braucht man nicht nach Indien zu schauen, wo Extremisten den Hindutempel bzw. die später darauf errichtete Babri-Moschee dem Erdboden gleichmachten, oder ins zentralafghanische Bamiyan, wo Taliban-Terroristen die in Fels gemeißelten Buddha-Statuen beschossen und sprengten, oder in den Irak, wo im Gefolge der US-amerikanischen Eroberung Bagdads wichtigste Kulturgüter vernichtet (Nationalbibliothek) und geplündert (Nationalmuseum) wurden. Bis in die Neunzigerjahre hinein wurden auch im Herzen Europas Siedlungen, teils mitsamt kulturhistorisch wertvollsten Denkmälern, buchstäblich und unwiederbringlich von der Landkarte ausradiert. Eine bemerkenswerte Leistung, einen Teil deutscher Siedlungsgeschichte dem ansonst wohl sicheren Vergessen zu entreißen, stellt das vorliegende dokumentarische Werk „Verschwundene Orte“ dar.

Herausgeber DDr. Wilfried Heller fasst in seiner Einführung unter dem Titel „Entvölkerung, Entsiedlung und Wüstfallen ländlicher Siedlungen“ die Grundproblematik so zusammen: „Besonders gravierend waren die Wüstungsprozesse im ländlichen Raum Ostmitteleuropas, die nach dem Zweiten Weltkrieg wegen der Vertreibung von mehr als zwölf Millionen Deutschen abliefen, und zwar in den Gebieten, die der Sowjetunion, Polen und der Tschechei durch die Siegermächte zugeteilt wurden.“ Darüber hinaus wurden aus Ungarn 200.000 und aus Jugoslawien mehr als 500.000 Deutsche vertrieben. Aber massive Entsiedlungen fanden noch Jahrzehnte nach dem Krieg statt.

Aus dem Sudetenland, in dem die tschechische Statistik 2.400 Orte als „verschwunden“ registriert, wurden drei Millionen Deutsche vertrieben. Als häufigste Ursache wird „Odsun“ („Aussiedlung“, eigentlich: „Abschub“) angeführt, danach folgten die Einrichtung von Truppenübungsplätzen, Grenzzonensicherung und die Anlage von Stauseen. Erst seit wenigen Jahren geht auch die tschechische historisch-geografische Literatur auf die „Entvölkerung“ und den dadurch ausgelösten Wandel der Kulturlandschaft ein. Manche Gebäude blieben nur bewahrt, um heute als Zweitwohn- und Wochenendsitze zu dienen. Die Wiederbesiedler in den Vertreibungsgebieten hatten in der Regel weder persönlichen noch familiären Bezug zu ihrem neuen Zuhause. Mit der Vertreibung der Deutschen wurde gleichsam auch die Erinnerung an diesen Raum eliminiert. Viele, besonders kirchliche, Monumente, die die kommunistische Periode relativ gut überstanden hatten, wurden erst nach 1989 durch „Vandalen und Diebe“ zerstört.

Ganze Dörfer demoliert

David Kovarˇík befasst sich in seinem Buchkapitel mit den staatlich organisierten und auch illegalen Abrissaktionen zwischen 1945 und 1960 im Grenzgebiet der böhmischen Länder. Während 1930 diese Grenzregionen noch 3,7 Millionen Einwohner hatten, lebten 1950 hier nur noch 2,5 Millionen Menschen. Die Liquidation der Grenzsiedlungen begann nach Kriegsende. Das Niederreißen von Häusern wurde von Nationalausschüssen angeordnet oder vom Nationalen Bodenfonds durchgeführt, der die konfiszierten deutschen Vermögen verwaltete. Menschen aus der ganzen Tschechoslowakei trugen verlassene Häuser ab, um günstig an Baumaterial zu kommen. Eine weitere Demolierungswelle erfolgte 1948 nach der kommunistischen Machtübernahme. An der Grenze wurden ein doppelter Stacheldrahtzaun und Wachtürme errichtet. Tausende Bewohner, die als „staatlich unzuverlässig“ galten, wurden aus der Grenzzone ausgesiedelt. 1951 wurde per Ministeriums-Geheimbefehl eine kilometerbreite Sperrzone eingerichtet, die niemand betreten und in der niemand wohnen durfte. Bestehende Objekte – betroffen waren 130 Gemeinden bzw. Ortschaften mit 3.000 Häusern – wurden abgerissen. In einer weiteren Welle zwischen 1955 und 1958 wurden Dörfer in der erweiterten Grenzzone demoliert. Ausgesiedelte, die inzwischen deutsche oder österreichische Staatsbürger geworden waren, besuchten später mit Touristenvisa ihr ehemaliges Zuhause. Berichte und Fotos der vernichteten Häuser, der verwahrlosten Ortschaften und der devastierten Landschaft machten sich in den Medien nicht gut, weswegen die tschechoslowakische Regierung von 1959 bis 1960 eine zentrale Abrissaktion durchführte. Dabei wurden weitere 40.000 Objekte dem Erdboden gleichgemacht. Gemäß einer Direktive des Innenministeriums durften auch Kirchen und historische Denkmäler nicht erhalten bleiben. Eines dieser Objekte ist die Kirche von Kapellen im Böhmerwald, Gemeinde Schönfelden, Bezirk Hohenfurth, deren Sprengung am 4. Juli 1959 auf einem Foto dokumentiert ist, das zum berührenden Titelbild für das vorliegende Buch ausgewählt wurde. Der Autor zitiert eine Augenzeugin aus einer Nachbarregion: „An der Straße von Münichschlag nach Griesbach wurde nach der Vertreibung der Deutschen die Mühle samt den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden von den Tschechen gesprengt, und mit Planierraupen wurde alles dem Erdboden gleichgemacht. Die Müllerin konnte vom sicheren österreichischen Boden aus der wilden Zerstörung ihres Besitzes unter Tränen zusehen.“ 

Dutzende Gemeinden entsiedelt

Sandra Kreisslová konzentriert sich diesbezüglich auf das Böhmische Erzgebirge und bearbeitet auch den Aspekt der „Wiederentdeckung“ bzw. der Wiedereinweisung Deutscher, die dort 1946 als Arbeitskräfte benötigt wurden. Nur in einem Teil der Erzgebirgsregion im tschechischen Grenzgebiet konnten nach der Vertreibung der Deutschen neue Bewohner angesiedelt werden: Aufgrund der unwirtlichen Umgebung galten z. B. die Bergregionen Joachimstal und Weipert als nicht attraktiv genug. Zu einem vorübergehenden Aufschub des Verfalls kam es durch die Wiederansiedlung von Deutschen, die der Vertreibung entgangen waren, entweder, weil sie begehrte Spezialisten (z. B. für das Uranbergwerk in Joachimstal) waren, oder weil sie in gemischten tschechisch-deutschen Partnerschaften lebten. Manche Gemeinden wurden überhaupt nicht wieder besiedelt und verschwanden zur Gänze. In Reizenhain an der sächsischen Grenze, wo 1930 noch 223 Einwohner gelebt hatten, sank die Einwohnerzahl 1950 auf nur noch 26. In diesem Jahr wurde dann die Ortschaft amtlich aufgelassen. Stehen gebliebene Häuser werden heute als Wochenendsitze genutzt. Dutzende weitere Gemeinden wurden entsiedelt, abgerissen und in ein Truppenübungsgelände umgewandelt. In den Bezirken Kaaden, Karlsbad und Theusing wurden 67 Gemeinden ausgelöscht und 2.600 Häuser, 36 Mühlen und 12 Kirchen abgerissen. Für den Staudammsbau in Pressnitz mussten noch in den Siebzigerjahren vier Gemeinden weichen. Am 6. Juni 1973 wurden das Schloss und die Hauptplatzhäuser mit 700 Kilogramm Dynamit gesprengt. Die Aktion diente als Kulisse für den Film „Traumstadt“, der dort von westdeutschen Filmunternehmen gedreht wurde. Für den amerikanischen Streifen „Die Brücke von Remagen“ dienten die Gebäuderuinen des auf ähnliche Weise ebenfalls ausgelöschten Dorfes Brüx als makabre Kulisse. Erst nach 1989 begannen Forscher damit, sich mit dem Thema der verschwundenen Siedlungen in der Tschechei zu befassen. Ein Beispiel war das Projekt „Das verschwundene Sudetenland“ des Bürgervereins Antikomplex. 2005 kam es zur Erstellung einer Internet-Datenbank im Rahmen des einzigartigen zweisprachigen Projekts „Verschwundene Orte und Objekte“. 

Ödnis zog im Bezirk Tachau ein

Wolf-Dieter Hamperl bietet in seinem Abschnitt einen Überblick über alle verschwundenen Ortschaften im ehemaligen Bezirk Tachau im südlichen Egerland und berücksichtigt die naturräumlichen Verhältnisse der betroffenen, heute einen Eindruck von Abgeschiedenheit, teilweise sogar von Ödnis vermittelnden Gebiete. Nachdem viele Bürger in der Tabakfabrik des Internierungslagers Tachau ohne Gerichtsverfahren Monate des Leidens bis hin zum Tod ertragen hatten und nur wenige Deutsche gezwungenermaßen, meist in der Landwirtschaft, zurückgeblieben waren, misslang den tschechischen Institutionen – nicht zuletzt wegen der Höhenlage mancher Orte wie Paulusbrunn und Wusleben – die Wiederbesiedlung, so dass man sie einfach dem Erdboden gleich machte. Den deutschen Siedlern, die bereits Jahrhunderte zuvor die Region zum Blühen gebracht hatten, war die Gegend freilich keineswegs zu schlecht gewesen. Noch 1930 fanden 1.451 Bewohner Arbeit in der Forst- und Landwirtschaft, als Fuhrunternehmer, Holzdrechsler und in der Perlmutterknopfindustrie. Nach der Vertreibung dienten die Häuser als Baumaterial für andere Bauten. 1977 wurde der Kirchturm gesprengt. Heute ist von Paulusbrunn nichts mehr zu sehen. 

Vertreibung wurde „Bodenreform“ genannt 

Franz Worschech beleuchtet insbesondere die tschechoslowakische Besiedlung des Gebietes an der Grenze zu Bayern nach 1945 am Beispiel des Ortes Zummern (ebenfalls im einstigen Bezirk Tachau) sowie die gesetzlichen Grundlagen der Vertreibung und der Neubesiedlung (u. a. die sogenannten Beneš-Dekrete). Der Autor beschreibt, wie nach der Vertreibung der Deutschen aus angestammten Gebieten, in denen sie Jahrhunderte lang gelebt und gearbeitet und das wirtschaftliche sowie kulturelle Leben geprägt hatten, die Neubesiedlung mit Tschechen, Slowaken, Roma und Ungarn erfolgte. Die Maßnahmen der „Dekrete“ wurden im damaligen Sprachgebrauch beschönigend „Bodenreform“ genannt, die die Konfiszierung des Bodens der „Deutschen, Kollaborateure und Verräter“ beinhaltete. Die Übernahmepreise, die die „Neusiedler“ für die landwirtschaftlichen Gründe und die darauf befindlichen Gebäude entrichteten, waren bewusst niedrig gehalten und durften den Wert zweier Jahresernten nicht übersteigen. Zusätzliche Preisnachlässe wurden u. a. Widerstandskämpfern und ehemaligen politischen Gefangenen gewährt. Trotzdem konnte der Bewohnerrückgang durch die Neubesiedlung bei weitem nicht ausgeglichen werden. Zudem gingen Neusiedler oft nur in fruchtbare Regionen, wo Zuckerrüben, Getreide, Hopfen, Obst und Gemüse angebaut werden konnten. An den ökonomisch nicht lohnenswert erscheinenden Bezirken wie Tachau und Plan bestand geringstes Interesse. Trotz umfangreicher Werbemaßnahmen und trotz teilweisen Engagements von Bulgaren als Landarbeiter verlief die Neubesiedlung schleppend. Unter den Personen, die in die Grenzgebiete gelockt wurden, befanden sich viele, die nur am beweglichen Mobilar der übernommenen Häuser interessiert waren und die Region bald wieder verließen. Zwischen 1946 und 1949 gaben rund 35.000 Neubauernfamilien „ihren“ Hof wieder auf. Zahlreiche den Deutschen genommene Häuser verfielen im Lauf der Jahre und wurden unbewohnbar. Der tschechische Historiker Toplinka fasste die gescheiterten Versuche und ihre Gründe wie folgt zusammen: „Zum Hauptziel der Wiederbesiedlung wurden (…) die Kreise Tachau, Mies[1] und Bischofteinitz. Hier litt man unter niedrigstem Lebensniveau. (…) Zuerst musste man mit großen Kosten die verlassenen Häuser der ehemaligen deutschen Bewohner, die nach dem Krieg vertrieben wurden, reparieren. Die Umbauten verliefen langsam, waren von schlechter Qualität und man wirtschaftete auch nicht gut.“ Die Behörden versuchten, ethnische Tschechen aus der ganzen Welt zurückzuholen, beispielsweise ehemals protestantische Exilanten, die nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) nach Polen ausgewandert waren. Zwischen diesen Gruppen kam es in den 1950er- und 1960er-Jahren zu sozialen Konflikten. Im 1380 erstmals erwähnten Dorf Zummern hatte sich ein kleines Soziotop mit beachtlicher Infrastruktur entwickelt (vier Mühlen, eine Kunstschreinerei, zwei Wirtshäuser, ein Krämerladen und eine Schneiderei). Das Ergebnis: Das ehemals von 250 Deutschen bewohnte Dorf hat trotz aller staatlicher Bemühungen heute nur noch 30 Einwohner. 

Schlösser zur Plünderung freigegeben und zerstört

Ulrich Mai geht im letzten Kapitel der Frage nach, wie sich die masurische Landschaft, also das südliche Ostpreußen, nach 1945 verändert hat, und was an diesen Veränderungen ethnischen Ursprungs ist. Im Unterschied zum Sudetenland sind in Masuren zwar nur wenige ganze Dörfer verschwunden, aber es wurden des Öfteren alleinstehende Objekte zerstört. Ein Großteil der deutschen Bevölkerung war 1945 meist unter furchtbaren Umständen in den Westen geflohen. Trotzdem lebten 1950 noch 170.000 Deutsche in Masuren. Heute zählen sich dort zur deutschen Minderheit noch 8.000 Personen, die übrigens seinerzeit nur deshalb verbleiben durften, weil sie den polnischen Verantwortlichen ethnisch nicht als Deutsche, sondern als „germanisierte Slawen“, eben als „Masuren“, galten. Laut Ulrich Mai wurden in der Region besonders Schlösser und Herrenhäuser abgetragen, die zunächst von der Sowjetarmee, dann auch von den Polen, für Plünderungen freigegeben worden waren, zumal die sozialistische Ideologie gerade im Landadel einen wichtigen Systemfeind sah. Wichtig war der polnischen Verwaltung die Beseitigung von evidenten Spuren deutscher Vergangenheit und Geschichte, offensichtlich als Teil einer Legitimationsstrategie für die „Wiedergewinnung“ Masurens. Eine Kommission ersetzte alle deutschen Orts- und Straßennamen, aber auch alle deutschen Inschriften auf Häuserfassaden, durch polnische. Betroffen waren auch alte deutsche Friedhöfe, die zum Teil verwüstet wurden, zum Teil aber heute wieder, offenbar von speziell Beauftragten, gepflegt werden. Kriegerdenkmäler wurden im Allgemeinen zerstört und beseitigt, zum Teil wurden sie aber auch gleichsam symbolisch umgewidmet, d. h. anstelle der deutschen mit polnischen Inhalten aufgeladen. 

Angesichts der seit Jahrzehnten ungeheuren Dominanz deutscher „Täterliteratur“ auf dem Mainstream-Büchermarkt macht sich das vorliegende Werk als kleiner, wehmütiger, aber wichtiger Tropfen auf dem heißen Stein jener seltenen Dokumentationen aus, die – bis herauf in die jüngste Gegenwart – an Deutschen begangenes Unrecht zum Thema haben.

Anmerkung

[1] Zum Kreis Mies (heute Stríbro) gehört auch das Dorf Dölitschen (Telice) an der Eger, aus dem die Ur-Urgroßmutter des Verfassers dieser Buchbesprechung, Wilhelmine Aloisia Wolf (1826–1894), stammte, die eine Tochter des „Grundherrn auf Dölitschen an der Eger“, Michael Wolf, und der „Grundherrin auf Bachlitz und Kinsberg an der Eger“, Anna Nonner, war. Wilhelmine Aloisia Wolf heiratete Vinzenz Steinbrenner I (1824–1912), seines Zeichens Domänendirektor im untersteirischen Negau (heute slowenisch Negova), vgl. „Die weltberühmten Helme von Negau – untersteirische Spurensuche“, Genius Juli–August 2012.

Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. Jänner 2018
 
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