Die Illusion des Multikulturalismus


Teil 2

 

Von Hans-Joachim Schönknecht

War es im ersten Teil um das Phänomen des Multikulturalismus und das politische Problem durch Praktizieren von – durch den Koran auferlegten – teilweise archaisch anmutenden Verhaltensweisen gegangen und war das sich auf ein untragbar kleines Maß beschränkende Handeln der Politik aufgezeigt worden, befasst sich der vorliegende zweite Teil mit dem globalen kulturellen Spannungszustand.

Der globale kulturelle Spannungszustand

Der geistig-weltanschauliche Primat ist nur die eine Seite der vom Westen ausgehenden globalen Dynamik. Die andere ist realer Natur. Sie setzt ein mit Kolumbus‘ kühner Reise ins Unbekannte (1492) und der dadurch initiierten „Entdeckung“ und Inbesitznahme Amerikas und später Australiens; sie setzt sich fort mit der Kolonisierung großer Teile Asiens und Afrikas durch europäische Mächte.

Diesem realen Ausgreifen der westlichen Welt über den gesamten Erdball folgt im 19. und 20. Jh. mit der ebenfalls vom Westen angestoßenen und getragenen industriellen, wissenschaftlichen und schließlich digitalen Revolution die Globalisierung der Verkehrs-, Wirtschafts- und Kommunikationsformen zu einem weltweiten Geflecht der Interaktion, von dem keine Region der Erde mehr ausgenommen ist.

Mit dieser globalen Durchsetzung der Form des Wirklichkeitszugriffs geht, wie aus dem Vorhergehenden deutlich geworden sein dürfte, ein impliziter Absolutheitsanspruch des Westens auf der ethischen bzw. politisch-praktischen Ebene einher. Die Aufklärung des 18. Jh. verkündete das Recht auf Gedankenfreiheit und individuelle Selbstbestimmung, von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1775) und der Französischen Revolution (1789) wurden allgemeine, weil dem Menschen als solchem zustehende „Menschenrechte“ formuliert. Dies sind Ideale, die in ihrer Allgemeinheit nicht nur polemisch gegen die zeitgenössischen Verhältnisse der eigenen Länder gerichtet waren, sondern grundsätzlich alle Kulturen infrage stellen, die diesem Anspruch nicht genügen. Dieser Absolutheitsanspruch findet seinen stärksten Ausdruck in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Westlichen Multikulturalisten, die gegen die Dominanz unserer Lebensform opponieren, fehlt es an dialektischem Gespür dafür, dass sie dies eben mit der im Westen entwickelten Wertvorstellung universeller Rechte tun. Polemiken gegen die Idee einer Leitkultur gehen ins Leere, weil diese Leitkultur in Gestalt der universalistischen westlichen Wertordnung bereits existiert.

Angesichts dieser Lage der Dinge verwundert es nicht, dass die anderen großen Kulturen zum Westen in einem latenten Spannungsverhältnis stehen, zumal bei vielen dieser Völker die Wunden der Kolonialzeit noch nicht verheilt sind. Am wenigsten schwer scheinen sich die Länder des Fernen Ostens zu tun, die sich, wohl begünstigt durch eine eigene hochentwickelte intellektuelle Kultur und wenig dogmatische Religionen, die wissenschaftlich-technischen Errungenschaften angeeignet, teilweise produktiv zur Entwicklung beigetragen und das „Westliche“ mit eigenen Traditionen zu einer neuen gemischten Lebensform integriert haben. Dabei haben sich etwa Japan und Südkorea auch nicht der aus den westlichen Werten notwendig resultierenden Staatsform der Demokratie verschlossen; China stellt gegenwärtig mit dem Antagonismus seines aus einer westlichen Ideologie sich speisenden Staatskommunismus und einer kapitalistisch enthemmten Wirtschaft eine eigenartige Hybride dar. 

Als besonders problematisch erweist sich jedoch der islamische Raum.

Die Sonderstellung des Islam – kulturelle Widersprüche

Deutlich am schwersten mit der westlichen Suprematie tut sich die islamische Welt; hier sind, wie an einigen Beispielen illustriert werden soll, die Spannungen zum Westen, aber auch die damit einhergehenden internen Spannungen am größten.

Ein instruktives Beispiel dafür, wie islamische Rechtssetzung und Politik sich von westlichen Vorstellungen abzusetzen versucht und sich gerade damit als durch diese konditioniert erweist, war bereits die von der Islamischen Konferenz im Jahr 1990 beschlossene Kairoer Erklärung der Menschenrechte, die sich schon in ihrem Namen (wenn auch mit bemerkenswerter zeitlicher Verzögerung) an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 anlehnt. Betont aber Letztere die wesensmäßige Freiheit und Gleichheit aller Menschen, ohne Unterschied von Religion, Hautfarbe, Geschlecht usw., schwächt die Kairoer Erklärung dies dadurch ab, dass sie weder die in der UN-Erklärung bereits in der Präambel angesprochene Gleichberechtigung von Mann und Frau noch das Recht auf freie Wahl der Religion oder des Ehepartners garantiert und obendrein die Rechtsgarantien für die einzelne Person noch unter den Vorbehalt der Vereinbarkeit mit der Scharia stellt.

Das bedeutet: Unter dem Schein der Definition von Menschenrechten wird deren Allgemeingültigkeit gerade negiert und die Qualität, Inhaber von Rechten zu sein, der einzelnen Person entzogen und den herrschenden und bereits vorher privilegierten Gruppen vorbehalten: den Männern, den Eltern, der Geistlichkeit. Das ist eindeutig reaktionär.

Einen interessanten aktuellen Beleg innerer Widersprüchlichkeit bietet die islamistische Terrorgruppe Boko Haram, die in Nigeria und dessen Nachbarstaaten ihr Unwesen treibt. Ihr Name bedeutet: „Westliche Bildung ist Sünde“. Unter diesem Slogan schlachtet sie wahllos unschuldige Menschen ab, und dies mit Waffen, die sie ohne die verhasste westliche technische Kultur gar nicht zur Verfügung haben würde. Welche Schizophrenie!

Die islamische Welt ist, genauer betrachtet, eine zerrissene Welt, und von einer islamischen Kultur zu sprechen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Euphemismus. Wissenschaftlich-technisch und damit auch in ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten weitgehend von westlichem Know-how abhängig, versuchen die fundamentalistischen Kräfte der einzelnen Länder verzweifelt, sich dem vom Westen importierten, von den Bevölkerungen bereitwillig akzeptierten Modernisierungsdruck mit seinen Tendenzen zur Säkularisierung, zur Öffnung auf das Weltliche hin, entgegenzustemmen und die Gesellschaften auf eine theokratische Ordnung, eine religiöse Monokultur festzulegen.

Doch die Lebendigkeit des Lebens lässt sich auf Dauer nicht wegdekretieren. In Ländern, in denen die Geistlichkeit herrscht, ist das Leben voller Zweideutigkeit. Iranische Damen werfen ihr schwarzes Habit und ihr Kopftuch ab und genießen westlich-modische Kleidung, sobald sie sich unbeobachtet wissen. Überall wird um Freizügigkeit gekämpft. 

In Saudi-Arabien, einer absoluten Monarchie, einem Hort des Wahabismus und einem bisherigen Musterbeispiel für geistige Rückständigkeit und brutale Exekution der Scharia (auf Homosexualität steht die Todesstrafe, und wer während der Hadsch beim Diebstahl ertappt wird, dem wird ein Arm amputiert!), ergreift jetzt der designierte Kronprinz selbst die Initiative für Modernisierung und bringt damit die wahabitische Geistlichkeit gegen sich auf, deren bisheriger Unterstützung der Familienclan der Saud überhaupt seine Herrschaft verdankt. 

Eine erste Maßnahme des Prinzen ist die angekündigte Aufhebung des Autofahrverbots für Frauen, das die Konservativen mit absurdesten Argumenten verteidigen. Allerdings verdankt sich das Modernisierungsprojekt weniger der Fortschrittlichkeit des Kronprinzen als der erzwungenen Einsicht, dass mit dem Verfall der Ölpreise und absehbarer Erschöpfung der Ölvorräte die Gesellschaft umstrukturiert werden muss und die die Bürger des Landes, in dem erst 1963 die Sklaverei abgeschafft wurde(!), sich künftig der Mühe eigener Arbeit werden unterziehen müssen.

Islam und Demokratie

Dass der Islam mit seinen theokratischen Tendenzen der Ausbildung der Demokratie nicht günstig ist, liegt auf der Hand und wird durch das gänzliche Scheitern des so genannten „Arabischen Frühlings“ im Jahr 2011 bestätigt. Als Beispiel sei nur Ägypten angeführt, wo bekanntlich die nach dem Sturz des Diktators Mubarak abgehaltenen Wahlen einen Sieg der Muslimbrüder unter ihrem Führer Mursi brachten, den dieser sogleich dazu nutzte, die demokratischen Spielräume wieder zu beseitigen. Die darauf folgenden Massenproteste riefen das Militär auf den Plan und endeten in einer erneuten Militärdiktatur: Der vorrevolutionäre Zustand war wiederhergestellt, der Konflikt zwischen religiösen und säkularen Kräften erneut gewaltsam sistiert, in die Latenz gedrängt. 

Für den vorliegenden Kontext lautet das Resultat: Religiöser Fundamentalismus und demokratische Pluralität schließen einander aus. Und wie das jüngste Beispiel Türkei zeigt, wissen islamisch geprägte Bevölkerungen mit Gewaltenteilung und Machtkontrolle wenig anzufangen. Man vertraut demjenigen, der sich als der gute Herrscher zu präsentieren vermag. Gott herrscht im Himmel, und im Lande befehlen seine Repräsentanten, die Geistlichen, oder eben ein Autokrat wie Erdog˘an, ein Sultan. Und dass ein solcher sich auch in seinem politischen Amt persönlich bereichert, gilt als Zeichen seiner Stärke.

Unter der Hand haben sich unsere Überlegungen zur Multikulturalität auf die Problematik des Islam fokussiert. Das ist insofern sachlich gerechtfertigt, als aus dem islamischen Raum der weit überwiegende Teil der Zuwanderung von Nicht-Europäern in die EU-Länder erfolgt. Die Fragen der Begrenzung des Zustroms, von Integration oder Rückführung dieser Menschen, das Problem, ob sie überhaupt integrationsfähig sind und welche Forderungen in politischer Hinsicht (sozial sind sie ja bereits voll berechtigt) in Zukunft von den sie repräsentierenden Verbänden (oder von übereifrigen hiesigen Multikulturalisten, die bereits die Einführung islamischer Feiertage fordern) zu erwarten sind, sind dringlich. Werden in einigen Jahren islamistische Parteien in unsere Parlamente einziehen und sich dort Wortgefechte (und vielleicht Handfesteres) mit rechten Populisten liefern, vielleicht die Einführung der Scharia als gleichberechtigtes Rechtsinstitut verlangen? Die Multikulturalisten hätten dann ihr Ziel in einer sie vielleicht selbst überraschenden Weise erreicht. 

Versuch eines Fazits

Der Multikulturalismus als soziale Realität ist ein Faktum, der Multikulturalismus als Idee ist eine Illusion. Ein kurze historische Reflexion kann das abschließend untermauern.

Im 17. Jh. wurde Europa bekanntlich in der Folge von Luthers Reformation von schrecklichen Glaubenskriegen heimgesucht. Der Frieden ergab sich schließlich aus der Einsicht, dass über religiöse Wahrheit nicht mit Waffen entschieden werden kann und das die Aufgabe des Staates nicht in der Herbeiführung einer solchen Entscheidung liegen könne, sondern primär in der Sicherung des Friedens nach innen und außen bestehe.

Aus dieser Erkenntnis entwickelten sich die Idee der Neutralität des Staates in Glaubensfragen, die Trennung von Staat und Kirche und die Freiheit des Bekenntnisses. Welche Religion einer bekennen wollte und ob er überhaupt religiös sein oder eine laizistische Haltung einnehmen wollte, fiel fortan in die Entscheidung jedes Einzelnen. Der Staat hatte sich nicht einzumischen, vielmehr darauf zu sehen, dass die Konfessionen sich gegenseitig respektierten, so dass ‚jeder nach seiner Fasson selig werden konnte‘.

Von der Einsicht in die objektive Unlösbarkeit der Frage der religiösen Wahrheit ist aber der Islam generell weit entfernt. Sowohl innerislamisch (Gegensätze zwischen Schiiten, Sunniten u. a.) wie im Verhältnis des Islam zu anderen Religionen hält man an der exklusiven Wahrheit der eigenen Richtung fest. Dies ist die Natur des Fundamentalismus, und aus ihm folgt zwingend der Anspruch, diese Dominanz auch politisch zu verankern und die Gesamtgesellschaft auf die eigene Orientierung festzulegen, zur Not auch militant, mit Waffengewalt. Selbst der aus christlichem Verständnis überhaupt nicht zu rechtfertigende Terror gegen beliebige Einzelne zwecks Destabilisierung eines Gemeinwesens ist nicht ausgeschlossen.

Aus dieser Lage der Dinge erklärt sich auch die verstörende Erfahrung, dass es Vertretern islamischer Vereine und Gemeinden hierzulande regelmäßig schwer fällt, Terrorakte eindeutig zu verurteilen: Der exklusive Wahrheitsanspruch steht stets im Hintergrund.

 

Unser Fazit muss deshalb lauten:
Mit einer solchen Einstellung ist kein Staat zu machen!

Und noch eine zweite Überlegung gehört in dieses Fazit: Der westliche Universalismus erkennt einem jeden Menschen, insofern er Mensch ist, die gleiche Würde zu. Dies ist die zu ihrer höchsten Möglichkeit entwickelte Idee von Humanität, und sie soll auch nicht infrage gestellt werden. Aber die Idee, zur Verfassungswirklichkeit erhoben, hat eine innere Dialektik darin, dass sie in ihrer absoluten Allgemeinheit auch diejenigen schützt, die eben diese universelle Idee von Humanität ablehnen und bekämpfen und wahre Menschlichkeit nur denen zubilligen, die eine bestimmte Religion oder Weltanschauung bekennen. In der von der eigenen Wertordnung erzwungenen Notwendigkeit, auch noch die Feinde eben dieser Ordnung zu schützen, scheint mir ein schwer aufhebbarer Widerspruch zu liegen. Es hat den Anschein, dass er staatliches Handeln zu lähmen vermag. 

Der Widerspruch kann aber theoretisch nicht behoben werden, er muss durch entschiedene Maßnahmen bewältigt werden. Hier ist an den berühmten Satz Carl Schmitts zu erinnern: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Und Ausnahmetatbestände stellen politisch-religiös motivierte terroristische Angriffe auf Bürger unserer Demokratien zweifellos dar.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. März 2018

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