Gedanken zu den Gedenk- und Achterjahren


Politisch zählten die „Ehemaligen“ lange Zeit zu den „eingebildeten Gemeinschaften“, die in erster Linie im Visier ihrer Gegner existierten

 
Von Lothar Höbelt

Apropos Gedenk- und Achterjahre. Beinahe könnte man ein wenig nostalgisch werden, ausgerechnet beim Gedanken an die Achtundsechziger, damals, als sie noch jung und munter waren: Micky-Maus-Revolutionäre, wie Peter Gauweiler es unlängst formuliert hat. Da war die politische Korrektheit noch nicht erfunden, man verherrlichte ungeschützt alle möglichen Diktaturen von Fidel Castro bis Ho Chi Minh, und – Hand aufs Herz, oder wer weiß wohin sonst – auch von Berührungsängsten in puncto feministischer Sensitivität war wenig zu spüren. Der progressive Teil der Studentenschaft bekannte sich lauthals zum historischen Materialismus, der zwar zweifellos seine mühsamen Seiten hat (vor allem in seiner angewandten Form), dem es aber immerhin noch um die Sache ging, um die Logik des Kapitals. Nun sind die Klassenkämpfe inzwischen nicht bloß sublimiert worden (wie es die Sozialpartnerschaft immer von sich behauptet hat), sondern vor allem sehr viel komplexer geworden. Da verlaufen alle möglichen Fronten quer zu den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen. Umso spannender, so sollte man annehmen, gestaltet sich die Frage nach dem Zusammenhang von ökonomischen Interessen und politischen Aktionen (Stichwort: Lobbyismus).

Kuriose Etüden von „Vergangenheitsbewältigung“ bei Rot und Schwarz 

Doch wer sich bei den Alt-Achtundsechzigern von heute und ihren Epigonen Interesse für derlei mondäne Fragen erhofft, ist meist auf dem Holzweg. Die intellektuelle Schickeria der Post-Post-Moderne bewegt nicht mehr die „objektiven“ Verhältnisse, sondern fast nur mehr „subjektive“ Befindlichkeiten, die eigenen und die ihrer Gegner. Da sind „soundbites“ gefragt, auf die man in spontaner Literaturkritik „likes“ oder „dislikes“ postet. Vor diesem Hintergrund einer „idealistischen“ Geschichtsbetrachtung spielt sich dann auch das Interesse an den „braunen Flecken“ der Parteien ab, das schon zu recht kuriosen Etüden von „Vergangenheitsbewältigung“ bei Rot und Schwarz geführt hat. Der Verfasser kann sich noch gut erinnern, mit welcher Verachtung Leopold Gratz und Fred Sinowatz bei einer Veranstaltung von Herbert Schambecks „Österreichisch-Deutscher Kulturgesellschaft“ den Band der einschlägigen Kommission über den BSA[1] kritisiert haben. Nun sei es natürlich niemand benommen, Eduard Wallnöfer, Reinhard Kamitz oder Theodor Kery als „braune Flecken“ der ÖVP oder der SPÖ zu bezeichnen, selbst wenn die Methode, zuerst die Vorteile ihrer Mitarbeit zu lukrieren und sie nach ihrem Abgang dann anzupinkeln, sich vielleicht nicht unbedingt als Nonplusultra der Moral erschließt. Aber bitte: De gustibus non est disputandum.

Viel interessanter erscheint da schon die Frage, wie sich denn nach Ansicht all der selbsternannten Aufdecker die vielbeschworenen NS-Kontinuitäten in der praktischen Politik niederschlagen sollten, sofern man darunter mehr versteht als nur die Postenvergabe auf Grund von Parteibüchern der jeweils Regierenden. Für sozialistische oder liberale Wirtschaftsverfassungen lassen sich relativ leicht Kriterien aufstellen (wenn auch in der Praxis schwer einhalten). Bei der katholischen Soziallehre erscheint das schon viel weniger eindeutig, dafür war der katholische Standpunkt im Schul- und Eherecht zumindest einmal klar. Wie man nationale Interessen definiert und schützt, war immer schon umstritten. Allenfalls ließe sich mit der Gretchenfrage, ob die Österreicher deutscher Muttersprache weiterhin zur deutschen Kulturnation zählen oder nicht – bei aller Ambivalenz des Nationsbegriffes – ein einigermaßen operationalisierbares Merkmal für „Deutschnationale“ der 2. Republik nennen.

Die erste „Allerweltspartei“ der österreichischen Geschichte

Der Nationalsozialismus hingegen wurde nicht von ungefähr als erste „Allerweltspartei“ („catch-all party“) der österreichischen Geschichte diagnostiziert. Wie sollten sich „typisch“ nationalsozialistische Elemente also äußern? In der Wirtschaftspolitik könnte der Antikommunismus zu einer „rechten“, möglichst freiwirtschaftlichen, wenn man so will: „sozialdarwinistischen“ Konkurrenzwirtschaft führen, der Gedanke der Volksgemeinschaft und das Vorbild des massiven deficit spending genauso zu einer Bejahung der dirigistischen, gemeinwirtschaftlichen und „korporatistischen“ Ansätze, wie sie in der Nachkriegszeit Konjunktur hatten. Oder, wie es ein ÖVP-Politiker einmal ausdrückte: Den wirklichen Ständestaat hat es in Österreich erst nach 1945 gegeben. In der Außenpolitik konnte der antikommunistische Ansatz zu einer „revanchistischen“ Solidarisierung mit der NATO führen oder zu einem neutralistischen Konzept einer deutschen Wiedervereinigung jenseits der Blöcke. De Gaulle konnte als Kriegsgegner betrachtet werden oder als europäische Hoffnung. Im Verhältnis zu Italien konnte man die Gemeinschaft der Achse beschwören oder den nationalen Irredentismus der Südtiroler einfordern.

Selbst in der Frage Antisemitismus sind – jenseits tradierter Vorurteile – die Ableitungen alles andere als klar: Der Verfasser erinnert sich, wie überrascht er war, als sich zu Zeiten des Sechs-Tage-Krieges 1967 gerade der berüchtigte Juli-Putschist in der Verwandtschaft als glühender Anhänger von Moshe Dayan entpuppte. Ebenso wissen wir, dass viele „Ehemalige“ sich gern von den arabischen Gegnern Israels rekrutieren ließen. 

Was schließlich die Frage der Massenzuwanderung aus fernen Kulturkreisen betrifft, können die Zwangsmigrationen der Kriegszeit zwar als Vorläufer gesehen werden, aber dass diese Entwicklung nicht wünschbar sei, war bis weit in die Nachkriegszeit hinein zwischen allen politischen Lagern unumstritten. Für all diese Haltungen werden jedem Kenner der Zeitgeschichte zweifellos Beispiele aus dem Umfeld der „Ehemaligen“ einfallen. Man konnte zu allen von ihnen aber auch auf ganz anderen Wegen gelangen. Der Nationalsozialismus war eben eine – im Vergleich zum Kommunismus oder auch dem „Ventennio“ des italienischen Faschismus – höchst ephemere Bewegung, die Elemente aus allen möglichen Richtungen ansaugte und sie nach seinem Scheitern wiederum in alle möglichen Richtungen entließ. 

Was prominente SPÖ-Wanderer so alles sangen

Worin äußerten sich NS-Kontinuitäten also? In gelegentlichen nostalgischen Rückblicken. Es ist durchaus möglich, dass fröhliche Gruppen von „Ehemaligen“ in trauter Runde noch lange nach dem Krieg diverse „Lieder der Bewegung“ anstimmten, ohne dafür auf irgendwelche schriftlichen Unterlagen zurückgreifen zu müssen. So etwas soll – wie Rupert Gmoser[2] einmal in einem launigen Interview zum Besten gab – auch bei prominenten SPÖ-Wanderern vorgekommen sein, sobald sie ihr eigenes Repertoire erschöpft hatten. Es entspräche einem gängigen Muster, sollten die „Ehemaligen“ einen mitunter etwas verklärten Blick auf die Zeit geworfen haben, als sie noch jung waren, ohne deshalb – wie es „Staberl“[3] einmal ausdrückte – große Lust danach zu verspüren, die Segnungen des westlichen Wirtschaftswunders gegen eine Berufung als Wehrbauer bei Shitomir[4] eintauschen.

Was sie notwendigerweise einte, war das gemeinsame Interesse, die Beschränkungen (Berufsverbote, Sondersteuern, Vermögensentzug etc.) möglichst rasch hinter sich zu lassen, denen NSDAP-Mitglieder nach 1945 eine Zeitlang ausgesetzt waren. Doch ein darüber hinausgehender gesellschaftspolitischer Konsens ist da kaum auszumachen. Die Zweite Republik beruhte nicht darauf, dass die Repräsentanten der verschiedenen Lager im Stile von Erweckungspredigern ihre Schuld einbekannten und Besserung gelobten, sondern dass sie adäquat auf das Anreizsystem der Nachkriegszeit reagierten, um bald darauf festzustellen, dass es ihnen nie so gut gegangen war. Die beiden führenden Parteien in Irland, so war einmal zu lesen, unterscheiden sich vor allem dadurch, wessen Großväter in den 1920er-Jahren aufeinander geschossen haben. Das galt zweifellos auch für so manche Teile Österreichs. Aber in beiden Fällen gab es nicht die geringste Gefahr eines neuen Bürgerkriegs.

Die ehemaligen Nationalsozialisten erwiesen sich soziologisch als dauerhaftes Phänomen, no na net: Die 600.000 österreichischen PGs[5] lebten weiter. Die Funktionseliten unter ihnen – und die Studenten waren die erste Gruppe, wo die NSDAP schon 1931 eine (relative) Mehrheit kaperte – funktionierten mit gewissen Unterbrechungen weiter, ganz offenbar nicht zum Schaden der Zweiten Republik, die in den Jahren 1954 bis 1974 einen säkularen Aufholprozess durchmachte. Wie heißt es so schön: Verfassung vergeht, Verwaltung besteht. Es war in diesen Jahren – was Nachgeborene ärgern mag – politisch daher auch nicht opportun, die „Ehemaligen“ allzu vehement und pauschal zu beschimpfen. Aber politisch zählten all diese Ehemaligen zu den „eingebildeten Gemeinschaften“, die in erster Linie im Visier ihrer Gegner existierten, als Popanz, aus Mangel eines kohärenten gemeinsamen Projekts.

 
P. S.:

Wenn man die Dinge ein wenig genauer unter die Lupe nimmt, dürften die Verhältnisse in unseren östlichen Nachbarländern, was die ehemaligen „Genossen“ betrifft, übrigens nicht viel anders liegen … 

Anmerkungen

[1] Der 1946 als „Bund sozialistischer Akademiker“ gegründete Verein, heute „Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller & KünstlerInnen“ ist eine von gut zwei Dutzend Organisationen, die der SPÖ nahestehen. 

[2] Rupert Gmoser (1931–2008) war langjähriger sozialistischer bzw. sozialdemokratischer Bundesrats- bzw. Nationalratsabgeordneter und galt als „Vordenker“ der steirischen SPÖ.

[3] Unter dem Namen „Staberl“ schrieb der österreichische Journalist Richard Nimmerrichter zwischen 1964 und 2001 – abgesehen von zwei Ausnahmen – eine tägliche Kolumne in der „Kronen-Zeitung“. Er war der bestbezahlte Journalist Österreichs und wurde im Laufe seiner Karriere 58 Mal – großteils wegen „übler Nachrede“ – verurteilt, aber ungefähr ebenso oft freigesprochen. Eine Auswahl seiner Kolumnen erschien 1997 im Buch „Unbotmäßige Gedanken: Texte aus der Kronen Zeitung“ und 2001 „Oh, du mein Österreich. Staberl-Geschichten von Richard Nimmerrichter.“ 

[4] Shitomir, auch Schytomyr, ist eine im 7. Jahrhundert gegründete Stadt mit heute knapp 300.000 Einwohnern in der nördlichen Ukraine. Von 1941 bis 1944 war Shitomir Bestandteil des deutschen Reichskommissariats Ukraine und Schauplatz verlustreicher Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee. 

[5] Historische Abkürzung für „Parteigenossen“ der NSDAP.

Bearbeitungsstand: Montag, 28. Mai 2018

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