Die entführte Aufklärung*


Warum die geistige Befruchtung durch eine „emanzipierte Rechte“ notwendig ist

 
Von Siegfried Waschnig

Die Aufklärung wurde gekidnappt. Ihre Vertreter – und Verdreher – schmücken sich mit fremden Federn. Sie geben vor, im Lichte von Aufklärung und Humanismus zu wandeln, doch ordnen sie sich der gesichtslosen Masse unter und verachten Freiheit und Verantwortung. Sie sind die Kraft, die Gutes will und Böses schafft. Aufklärung und kritische Vernunft können (und müssen) im 21. Jahrhundert deshalb ganz besonders von einer „emanzipierten Rechten“ befruchtet werden.

Das Licht der Aufklärung leitet zum Ende des Tunnels, zielt auf Wahrheit durch Klarheit, bedeutet Freiheit und Selbstständigkeit und bezeichnet auch die rationalen Operationen, die zur Klärung von Begriffen und zur Behebung von Unwissenheit beitragen – emanzipatorische Akte also, mit Blick auf den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unvernunft. Der aufklärerische Vollzug vertraut in erster Linie auf den Verstand.[1] Seit dem Zeitalter der Aufklärung gilt die Erkenntnis als der Königsweg zur Steigerung des allgemeinen Lebensstandards, zur Befreiung von Aberglauben und zur Lösung der großen Welträtsel.[2]

Angetreten ist die Aufklärung, um das Zeitalter der Vernunft einzuläuten und das Denken des Mittelalters und den Absolutismus hinter sich zu lassen. Das Abendland war benebelt vom Zusammenspiel politischer Macht mit Religion und in absolutistischen Herrschaftsstrukturen erstarrt. Überall in Europa kam es zu bemerkenswerten Modernisierungsprozessen, die im Geiste der Aufklärung angestoßen wurden.[3] Das Korsett wurde aufgeschnürt und ließ Europas Seele freier atmen. Ein Prozess, von dem wir heute noch zehren – kulturell wie intellektuell.

Blowback des Anti-Geistes

Doch der „anti-aufklärerische Geist“ (gewissermaßen der Anti-Geist schlechthin) wollte nicht ruhen. Er verstand es geschickt, religiöses mit politischem Denken erneut zu vermengen, und fand so einen Wiedergang in Form der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Dabei vollzog er einen für die Neuzeit typischen Vorgang: Er überführte transzendentes Heil in Welt und Geschichte und schickte Führerkult und Heilsutopien in das Rennen um die Herzen und Hirne Europas.[4] So hat der Anti-Geist den Tod von Millionen Menschen auf dem Gewissen – ein schmerzhafter Lernprozess für Europa und die ganze Welt.

Doch während die Rechte erfolgreich mit dem Anti-Geist gerungen hat, vordemokratische und diktatorische Ordnungen ablehnt, ihre Unterstützung für demokratische Verfassungen betont[5] und somit auch freiheitlich-aufklärerische Werte vertritt, befindet sich die Linke noch immer in ihren alten Strukturen gefangen und will holen, „was ihr zusteht“, ohne dafür Leistung zu erbringen. Noch immer wollen ihre Anhänger ihr Denken und Handeln einer Obrigkeit ausliefern, damit ihnen die Verantwortung für Erfolg und Misserfolg ihres Privatlebens abgenommen wird.

Auf der Linken versammeln sich heute Radikale, die nur ihre Lösungen als richtig und wahr akzeptieren und dadurch gezwungen sind, alle anderen zu unterdrücken.[6] Sie verstehen ihre Lösungen nicht nur als „politisch korrekt“, sondern als absolut.[7] In ihrer Unmündigkeit zeigen sie auf diejenigen, die dem Anti-Geist entronnen sind und schreien: „Du bist arm, du bist dumm, du bist krank, du bist böse, du bist rechts.“[8] Sie fühlen sich geborgen in der dualen Welt des Anti-Geistes von Gut und Böse.

Revival der Aufklärung?

Doch der aufgeklärte Geist lässt sich nicht ein auf Verstrickungen des „alten Feindes“. Er erkennt, dass Lösungen nicht in starren und absolut begriffenen Regeln liegen. Denn eine „offene Gesellschaft“[9] ist eine „Gemeinschaft, welche nicht durch ein als absolut begriffenes Ziel, sondern durch die Vernunft ihrer Mitglieder und damit nach den Notwendigkeiten der Zeit demokratisch gestaltet wird. Diese entsteht […] durch das gemeinsame Erleben der Zeit und wird durch ein Gemeinschafts- und Identitätsbewusstsein zusammengehalten, ohne das es auch keine ‚offene Gesellschaft’ geben kann.“[10]

Wenn wir als Menschheit am Beginn des 3. Jahrtausends am Scheideweg stehen, den wir durch die Entwicklung der menschlichen Vernunft erreicht haben, müssen wir die als absolut verkündeten Lebenslösungen als nicht erreichbar erkennen. Wir müssen auch begreifen, dass die Lösung „nicht mehr durch Ideologien oder religiöse und weltliche Autoritäten mit Endlösungen, sondern durch die Vernunft des Menschen […] erfolgen muss.“[11] Das kritische Denken ist der Motor der wissenschaftlichen Erkenntnis und der moralischen und politischen Entwicklung in demokratischen Gesellschaften. Alle Probleme müssen sich dem offenen Diskurs stellen. Denn der Verzicht auf Kritik führt schnell zurück in autoritäres Denken und geschlossene politische Systeme.[12] Das erkannt, weisen wir den Anti-Geist weiter in seine Schranken.

 
Mag. Siegfried Waschnig ist parlamentarischer Mitarbeiter in Wien. In seiner Dissertation forscht er zu interkulturellen Ethiksystemen und dem Ringen um die Identität(en) Europas. Er ist Vater von fünf Kindern.

Anmerkungen

* Dieser Text ist auch erschienen im „Attersee Report“, Ausgabe Juni 2018

[1] Schneiders, W.: Das Zeitalter der Aufklärung. München: C. H. Beck 2014. S. 7

[2] Schmidt-Salomon, Michael: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. Aschaffenburg: Alibri (Mitglied in der Assoziation Linker Verlage) 2006. S. 9 

[3] Schneiders. S 116

[4] Hartmann, G.: Politische Religion, in Auffarth, Ch., Bernard, J. und Mohr, H. (Hrg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 3. Stuttgart; Weimar: Metzler 2000. S. 36 f.

[5] Minkenberg, M.: Die europäische radikale Rechte und Fremdenfeindlichkeit in Ost und West: Trends, Muster und Herausforderungen, in Metzler, R. und Serafim, S. (Hrg.): Rechtsextremismus in Europa. Berlin: Friedrich Ebert Stiftung 2013. S. 21

[6] Claus, K.: Die Parteien in der Sackgasse. Das Finale der klassischen Ideologien. Wien: Edition Genius 2007. S. 50

[7] ebd. S. 233

[8] Zobec, R.: Sittenkonflikte in multiethnischen Gesellschaften, in Attersee Report Nr. 15, Juni 2018 S. 32 f

[9] Ein Gesellschaftsmodell Karl Poppers, das zum Ziel hat, die kritischen Fähigkeiten des Menschen freizusetzen.

[10] Claus. S. 233 f

[11] ebd. S. 245

[12] Grabner-Haider, A.: Philosophie der Weltkulturen. Die Weltdeutungen und die Theorien der Wahrheit. Wiesbaden: Marix 2006, S 373

Bearbeitungsstand: Freitag, 27. Juli 2018

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