Der „Ostdeutsche“


Das unbekannte und von den Eliten gern verfemte Wesen, Teil 1

 
Von Wolfgang Schimank

Als ich im Sommer 2017 in Südtirol am Kalterer See Urlaub machte, gab es im Hotel eine Begrüßungsveranstaltung. Dort kam ich mit einem netten westdeutschen Ehepaar, welches einen gepflegten und gebildeten Eindruck machte, ins Gespräch. Wir sprachen über Gott und die Welt, und die Zeit verging wie im Flug. Als dann politische Themen angesprochen wurden, war die Stimmung zusehends nicht mehr so gut. Zuerst schimpften sie über die in ihren Augen widerspenstigen Ungarn und Polen, die nicht so wollten, wie es sich Angela Merkel und die EU vorgestellt haben. Man war überrascht, dass ich die Polen und Ungarn in Schutz nahm und darauf hinwies, dass jedes Volk das Recht hat, selbst über sein Schicksal zu bestimmen. Ich drückte auch meine Zufriedenheit aus, weil die osteuropäischen Regierungen im Gegensatz zu Merkel und zur EU zumindest noch einen Restanstand haben und sich dem Willen des Volkes beugen. Irgendwann fielen die Sätze: „Ihr habt doch alle die SED gewählt! Ihr wolltet sie doch!“. Nein, der Abend endete nicht mit einem Eklat. Irgendwie schafften wir es, ganz seicht auf andere Themen umzuschwenken. Der Abend endete harmonisch bei einem „Glaserl“ Gewürztraminer, bei sternklarem Himmel und einer erfrischend kühlen Brise am Ufer des Sees. Über Politik haben wir in den nächsten Tagen nicht mehr geredet …

Hier zeigt sich, dass selbst nach 27 Jahren der deutschen Wiedervereinigung oder besser gesagt nach dem Anschluss der DDR an die BRD, die Verständigung zwischen Westdeutschen und ehemaligen DDR-Bürgern immer noch sehr schwierig ist, und wie wenig viele Westdeutsche über die Geschichte ihrer „Brüder und Schwestern im Osten“ wissen.

Warum Westdeutsche so wenig über die ehemaligen DDR-Bürger wissen

Die Erklärung dafür, dass der Sieger die Geschichte schreibt, ist mir zu einfach. Tatsache ist, dass bis heute Westdeutsche führende Positionen bei den Leitmedien innehaben. Einige von ihnen schreiben über die DDR mit einer gewissen politischen Verblendung und mit Hochmut, andere mit der Absicht, Westdeutsche und „Ostdeutsche“ gegeneinander auszuspielen, und eine dritte Gruppe von Journalisten lässt aus Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit jegliche Sorgfalt beim Verfassen von Artikeln fehlen.

Spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015, als es in den neuen Bundesländern zu Demonstrationen gegen Merkels Flüchtlingspolitik kam, trat eine vierte Gruppe von Journalisten, aber auch von Politikern, in Erscheinung, die die „neuen Bundesbürger“ beschimpften, und die Hass und Zwietracht schüren wollten zwischen den Menschen im Westen und im Osten. Es sind die Transatlantiker und Befürworter einer Weltregierung. Besonders hervorgetan hat sich die „Zeit“. Pikanterweise sind „Zeit“-Journalisten Dauergäste bei der Bilderberger-Konferenz und somit transatlantisch eingenordet.[1] In diesem Blatt konnte ich die meisten Artikel finden, die sehr einseitig über „Ostdeutschland“ berichten. Hier wird der Eindruck erweckt, als wäre die Grenze zwischen West und Ost allein daran zu erkennen, wo die Menschen „fremdenfeindlich“ sind und AfD wählen und wo nicht. Die Beschimpfung „Ostdeutschlands“ als „Dunkeldeutschland“ durch Ex-Bundespräsident Joachim Gauck geht in die gleiche Richtung. Das Auseinanderdividieren von West und Ost hat den Vorteil, auflagensteigernde Schlagzeilen zu produzieren, aber auch um bestimmte Entwicklungen zu fördern oder zu verhindern. Für Angela Merkel wäre es äußerst peinlich, wenn sie wie einst Erich Honecker von den aufmüpfigen ehemaligen DDR-Bürgern mit Schimpf und Schande aus ihrem Amt verjagt würde. Sie, wahrlich keine Bürgerrechtlerin, kam im Dezember 1989, als die größte Gefahr vorbei war, rechtzeitig aus der Deckung und sprang auf den (politischen) Zug Richtung Wiedervereinigung auf. Sie ist eine glühende Verfechterin einer neuen Weltordnung, einer Weltregierung, wo die USA, die Finanzelite und andere Protagonisten den Ton angeben. Die „Vereinigten Staaten von Europa“ sind nur ein Zwischenschritt auf den Weg dahin. Mit Hilfe ihrer Flüchtlingspolitik und der damit einhergehenden Islamisierung Deutschlands/Europas soll die Entnationalisierung vorangetrieben werden. Der Sturz Merkels wäre natürlich ein schwerer Verlust für die Protagonisten einer New World Order (NWO). Die ehemaligen DDR-Bürger werden daher als gefährliche Antagonisten dieses Vorhabens gesehen.

Es kommen noch zwei weitere Gesichtspunkte hinzu, warum Mainstream-Medien die ehemaligen DDR-Bürger anfeinden: Diese haben notgedrungen gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Sie haben sich sowohl beim Ost- als auch beim Westfernsehen informiert und sich ein eigenes Urteil gebildet. Bei ihnen haben heute die Medien und die Politiker einen wesentlich schwereren Stand als bei den Westdeutschen. An den zweiten Gesichtspunkt denkt kaum jemand: In den letzten 20Jahren rückten in den Leitmedien (neben den Transatlantikern) immer mehr linksgrüne Journalisten nach. Sie sind bereits in der Mehrheit und auf die „Ostdeutschen“ sauer, weil sie schuld daran seien, dass das sozialistische Gesellschaftsmodell gescheitert ist. Zugespitzt formuliert, gibt es eine linksgrüne/transatlantische Querfront gegen die ehemaligen DDR-Bürger.

Auch wenn der Westdeutsche durch die Leitmedien täglich auf dem Frühstückstisch eine nicht korrekte Darstellung der DDR präsentiert bekommt, liegt es auch an ihm, sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Aus Gesprächen habe ich von ihnen immer wieder gehört, dass sie selbst nach mehr als 20 Jahren der Wiedervereinigung die ehemalige DDR nicht besucht haben. Mein Eindruck ist es, dass zwar 90 Prozent der „Ostdeutschen“ Westdeutschland mindestens einmal besucht haben, aber umgekehrt nur vielleicht 50 bis 60 Prozent der Westdeutschen die neuen Bundesländer. Anscheinend sind billige Auslandsurlaube wichtiger als das nähere Kennenlernen des eigenen Vaterlands.

Wie heute offiziell die DDR gesehen wird und eine kleine Richtigstellung

Wenn es bei Schulaufsätzen um die Charakterisierung der DDR geht, müssen folgende Punkte immer enthalten sein:

  • Tote an der Unrechtsgrenze,
  • Diktatur der SED,
  • die umfassende Überwachung der Bevölkerung durch die Staatssicherheit,
  • Zwangseinweisung von Kindern bei politischen Häftlingen,
  • Meinungsdiktatur,
  • Unterdrückung der Kirche,
  • akuter Wohnungsmangel,
  • Enteignung und Verstaatlichung privater Betriebe,
  • Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft,
  • Gleichmacherei,
  • Mangelwirtschaft usw.

Positives über die DDR zu schreiben, dürfte den Schülern nicht so gut bekommen. Ohne gleich dieses System reinzuwaschen, möchte ich einige positive Dinge aufzählen. Ich sehe eine Richtigstellung auch deshalb als notwendig an, weil viele ältere Westdeutsche beklagen, dass sich für sie seit der Wiedervereinigung vieles verändert hat. Außerdem gelten für sie, wohl bewusst von den Mainstream-Medien gefördert, die „Ostdeutschen“, als „Jammerossis“. Dabei hat sich für die ehemaligen DDR-Bürger außerhalb der eigenen Familie, Verwandtschaft und Bekanntschaft komplett alles verändert! Insofern ist auch die Bezeichnung „Wiedervereinigung“ irreführend, weil diese suggeriert, als hätten 1990 bei den Verhandlungen zwei gleichberechtigte Partner gegenüber gesessen. In Wahrheit hat die ehemalige DDR alle Gesetze von der BRD übernommen.

Positiv fallen mir in Zusammenhang mit der DDR ein:

  • Arbeitsplatzsicherheit,
  • wohnungsnahe Arbeitsplätze,
  • erschwingliche Mieten für Wohnungen für jedermann,
  • abgesicherte Grundversorgung in der ländlichen Gegend (Dorfkonsum, Landarzt, Briefkästen, zuweilen Postaußenstelle, Dorfkneipe),
  • sehr gute Grundlagenausbildung in den Schulen (ähnlich wie in Finnland),
  • Lehrstellenangebote für alle Jugendliche,
  • großes Freizeitangebot für Jugendliche (Sport- und Kulturorganisationen, Jugendclubs),
  • konsequente Durchsetzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau,
  • große Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander,
  • sehr geringe Kriminalität,
  • pünktliche Eisenbahnzüge,
  • Transport des überwiegend größten Teils der Güter auf der Schiene,
  • Lebensmittel waren weniger chemiebelastet,
  • zentrale Erfassung von Krankheitsbildern in der Bevölkerung,
  • größere Parteienvielfalt als in der BRD.

Worüber sich der ehemalige DDR-Bürger in der jetzigen BRD wundert

Wer die DDR erlebt hat, wundert sich über so manches in der jetzigen BRD und fühlt sich um Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt.

Ein Beispiel ist die Diskussion über die Mann-Frau-Gleichberechtigung und über Exzesse wie die „Me-too“-Debatte. Man bedenke, dass in der BRD noch bis in die 1970er Jahre die Frau ihren Mann fragen musste, ob sie arbeiten gehen dürfe und sie dem Arbeitgeber noch eine schriftliche Zusage des Gatten vorzulegen hatte. In diesem Punkt war die DDR der BRD um Jahrzehnte voraus. Und noch heute scheint ab und zu durch, dass diese Gleichberechtigung noch längst keine Selbstverständlichkeit ist. Auch wenn in manchen Berufen, in denen extreme körperliche Leistung verlangt wird und die wohl eher für Männer geeignet sind, wie zum Beispiel in der Armee, auch Frauen tätig sind, kann es das Gesamterscheinungsbild nicht abmildern. Hier wird es wohl aufgrund des wachsenden Anteils an muslimischer Bevölkerung schleichend Rückschritte geben. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass sich die Linksgrünen zur Frauenfeindlichkeit in der islamisch geprägten (Parallel-)Gesellschaft auffallend ausschweigen. Die Weltfremdheit der Fraktion um Katja Kipping (Die Linke) zeigt ein Positionspapier, in dem steht, dass die Linke bei den vorwiegend muslimisch geprägten „Flüchtlingen“, die nach Deutschland gekommen sind und kommen werden, „emanzipatorische Kräfte freisetzen“ will.[2]

Auch die Diskussion über Schwule und Lesben und die Aufteilung der Geschlechter in zig Unterarten sowie die Konfrontation bereits von Schulkindern mit allen möglichen Sexualpraktiken lässt den ehemaligen DDR-Bürger den Kopf schütteln. Und noch etwas anderes Absurdes: In Berlin denkt die rot-rote Regierung ernsthaft über die Errichtung von Unisex-Toiletten nach, als gäbe es keine anderen Probleme.[3] Schwule und Lesben waren in der DDR allgemein nicht so gern gesehen, man ließ sie aber nach ihrer Façon leben. Allerdings durften Schwule und Lesben nicht heiraten und keine Kinder adoptieren. Für den Staat war ausdrücklich das Ehepaar, welches aus Mann und Frau besteht, die Keimzelle der Gesellschaft.

Die große Aufregung in deutschen Leitmedien und bei den linksgrünen Parteien sowie die von ihnen verbreitete Untergangsstimmung betreffs der Demokratie, weil die AfD 2017 den Sprung in den Deutschen Bundestag schaffte, können viele ehemalige DDR-Bürger nicht verstehen. Denn damit tritt spätestens seit Merkels Machtantritt und der von ihr betriebenen Sozialdemokratisierung der CDU eine Normalität in der Parteienlandschaft der BRD ein. Nun dürfte der übergroße Anteil des deutschen Volkes im Bundestag seine politische Vertretung haben. In der DDR gab es eine viel größere Parteienvielfalt. So existierten neben der SED die CDU, die Bauernpartei, die LDPD und die NDPD. Der Trick der SED, um sich ihre Macht abzusichern, war, dass alle Parteien und Massenorganisationen in der „Nationalen Front“ vertreten waren, wobei die SED zusammen mit letzteren darin die absolute Mehrheit hatten. Bei den Wahlen in der DDR wurden nur Einheitslisten der „Nationalen Front“ zugelassen, nicht einzelne Personen.[4] Diesen Sachverhalt versuchte ich dem westdeutschen Ehepaar in Südtirol zu erklären.

Damit komme ich zum nächsten Phänomen, worüber sich „Ostdeutsche“ verwundert die Augen reiben. Merkel hat es geschafft, durch das Auswechseln von konservativ-liberalen Kernthemen durch typische Themen der anderen Parteien, durch Fraktionszwang, Unterdrucksetzen/Bestrafen andersdenkender Parteimitglieder und durch Umgehung des Parlaments der Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, als gäbe es keine großen Unterschiede zwischen den etablierten Parteien. Ehemaligen DDR-Bürgern kam das wie ein Déjà-vu vor, so, als gäbe es im Deutschen Bundestag eine „Nationale Front“.

Besonders aktuell, aber auch höchst umstritten, ist das Gedenken an den 200. Geburtstag von Karl Marx, zu dem die meisten ehemaligen DDR-Bürger ein sehr gespaltenes Verhältnis haben dürften. Gewiss, Marx war einer der geistigen Väter der marxistisch-leninistischen Philosophie und nicht der Verantwortliche für die Unterdrückung, die Demütigung und die Toten in den sozialistischen Ländern. Das Erlebte dürfte noch zu frisch und die Wunden noch nicht verheilt sein, um das auseinanderzuhalten. Hier wird wohl erst die übernächste Generation einen unbeschränkten Blick bekommen. Die überschwängliche Behandlung von Marx in den meisten Zeitungen und im Fernsehen, die wohl viele „Ostdeutsche“ irritiert, ist zweifellos mit dem erwähnten Linksruck bei den Journalisten zu erklären. Auch die Verharmlosung der Gewaltexzesse durch die Antifa in Hamburg im Juli 2017 anlässlich des G20-Gipfels durch Medien und Politiker und die nur zaghafte juristische Verurteilung lassen tief blicken, wohin unsere Gesellschaft gekommen ist. Der Sozialismus ist tot! Es lebe der Sozialismus? Nein, hier habe ich polemisiert. Der Linksruck in Teilen unserer Gesellschaft und die zunehmende Schleifung von Recht und Gesetz irritieren viele ehemalige DDR-Bürger, zumal sie gerade einen diktatorischen Staat abgeschüttelt haben,

Das Bildungssystem der DDR war wesentlich besser als das bundesdeutsche. Ich habe beide Bildungssysteme kennengelernt. Ich durchlief das gesamte DDR-System, von der ersten Klasse bis zum Abschluss des Studiums. Nach der Wende wurde in den neuen Bundesländern leider das bundesdeutsche Schulsystem übernommen. Da ich Kinder habe, musste ich mich gezwungenermaßen auch mit diesem System auseinandersetzen. Ich war entsetzt, dass man beim Abitur Fächer abwählen kann. Viele Schüler wissen zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, was sie später einmal beruflich machen wollen. Manche Mitschüler meiner Kinder hatten so viele Fächer abgewählt, sodass ich mich wunderte, wie man den Rest noch „Abitur“ nennen kann. In der DDR mussten die Abiturienten alle Fächer absolvieren. Die Finnen haben eines der besten Bildungssysteme der Welt. Bevor sie eine Bildungsreform durchführten, reisten Delegationen von Pädagogen durch die Welt, um die Erfahrungen anderer Länder zu sammeln. Das DDR-Bildungssystem schien ihnen sehr zugesagt zu haben. Sie ließen den ideologischen Teil weg, übernahmen von diesem und jenem Land kleine Details und fertig war das finnische Erfolgsmodell! Und jetzt kommt der Treppenwitz der Geschichte: Meine Schwester arbeitete bereits zu DDR-Zeit als Lehrerin. Nach der Wende wurde sie zusammen mit anderen Kollegen vom Brandenburger Bildungsministerium nach Finnland geschickt, um zu ergründen, warum man dort so erfolgreich ist. Über diesen Auftrag wunderte sich meine Schwester sehr, zumal sie sich dort an ihre Lehrertätigkeit in der DDR erinnert fühlte. Nach der Wende wurden viele westdeutsche Beamte in die neuen Bundesländer geschickt, um neue Strukturen, zum Beispiel bei der Justiz und bei der Polizei, zu schaffen. Zudem bekleideten Westdeutsche in der Landespolitik viele Spitzenämter, so auch in Brandenburgs Bildungsministerium. Diese Aktion zeigt eine gewisse Arroganz gegenüber den „Ostdeutschen“, gegenüber ihrer Geschichte und gegenüber ihren Erfahrungen. Diese werden schlicht ignoriert, als hätte es sie nie gegeben. Leider wiederholte sich diese Vorgehensweise überall in der ehemaligen DDR, wo westdeutsche Führungskräfte das Ruder übernahmen. Daher ist es wohl kein Wunder, dass sich bei den „Ostdeutschen“ eine für die deutsche Einigung eher kontraproduktive Frustration breit machte. Ideologisch geprägte „Fachleute“ bestreiten, dass Finnland das Bildungssystem aus der DDR übernahm. Aus der DDR kann einfach nicht Gutes kommen! Punkt! 

Die Treuhandanstalt, das große Trauma der „Ostdeutschen“

Nichts löst bei den ehemaligen DDR-Bürgern so viel Traurigkeit und Verbitterung aus wie das Wort „Treuhandanstalt“. Viele von ihnen fühlen sich gedemütigt, weil die bisherige Leistung ihrer Arbeit im wiedervereinigten Deutschland nicht gewürdigt, ja herabgewürdigt wird. Wie konnte es dazu kommen?

In der Wendezeit, als es darum ging, die Macht der SED zu brechen, entstanden in vielen Orten der DDR „Runde Tische“. Für die Verhandlungen mit der Staatsführung wurde ein „Zentraler Runder Tisch“ eingerichtet. Da die Diskussionen öffentlich übertragen wurden, konnte sie auch die SED-Regierung nicht ignorieren. Am „Runden Tisch“ machten sich ihre Initiatoren u. a. Gedanken, wie das Volksvermögen den Menschen aus der DDR zugute kommen könnte. Wolfgang Ullmann, Vertreter der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“, schlug 1990 vor, alle volkseigenen Betriebe in einer „Treuhandgesellschaft“ zusammenzufassen. Es sollte verhindert werden, dass einerseits SED-Funktionäre sich, so wie in Russland unter Boris Jelzin, am Volkseigentum bereichern und andererseits „ausländische“, also in ihrem Verständnis auch westdeutsche, Unternehmen Zugriff bekämen. Von Privatisierung war hier nicht die Rede. Viel eher sollten alle DDR-Bürger Anteilscheine am Volksvermögen erhalten. Auch wenn später einige Mitglieder des Runden Tisches Ullmanns Vision als „Sozialromantik“ belächeln, bleibt festzuhalten, dass zu dieser Zeit in diesem Gremium hierzu kein Widerspruch zu hören war. Die Modrow-Regierung, besser gesagt der Ministerrat der DDR, griff diesen Vorschlag auf und beschloss die Gründung der „Anstalt zur treuhändischen Verwaltung des Volkseigentums“. Diese sollte die einzelnen Betriebe aus den Kombinaten entflechten und in Kapitalgesellschaften umwandeln. Nachdem bei der Volkskammerwahl die CDU die Mehrheit und damit den Regierungsauftrag bekam, münzte der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, die vom „Runden Tisch“ definierte Aufgabe der Treuhandgesellschaft um in Richtung Privatisierung des Volkseigentums. In der Volkskammer der DDR wurde das „Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens (Treuhandgesetz)“ beschlossen, der Treuhandanstalt (THA) wurden 8.490 Betriebe mit 32.000 Standorten und über vier Millionen Mitarbeitern unterstellt. Es war gewissermaßen das größte Unternehmen der Welt. Nach der Wiedervereinigung wurde die Treuhand dem Bundesfinanzministerium zugeordnet und die Privatisierung vorangetrieben. Zu dieser Zeit war die Treuhandanstalt angesichts der dünnen Personaldecke hoffnungslos überfordert.

Die größten deutschen Unternehmen schickten ihre Vertreter in die Treuhandanstalt, nicht etwa aus Patriotismus und/oder aus Uneigennützigkeit, sondern um Einfluss nehmen zu können zwecks Übernahme, falls bestimmte volkseigene Betriebe attraktiv erscheinen, oder auszuschalten, falls sie eine unliebsame Konkurrenz wären.

Die THA konnte einen Teil der volkseigenen Betriebe erfolgreich in die Marktwirtschaft überführen. Darüber wird offiziell gern geredet. Aber die Kehrseite war: Die Mitarbeiter bekamen Prämien, je mehr und je schneller Betriebe aus der Treuhand entlassen wurden, entweder, indem sie zu Schleuderpreisen verramscht (oftmals zum symbolischen Verkaufspreis von 1 DM) oder liquidiert wurden.[5] So fehlten bei den Mitarbeitern der THA oft die nötige Sorgfalt und der ernsthafte Wille, im Interesse der Werktätigen das Beste herauszuholen. Daher ist es auch kein Wunder, dass die absolute Mehrheit der Betriebe ein bitteres Schicksal ereilte. „Dieser Betrieb wird abgewickelt!“ hieß dann die Schreckensbotschaft, was in der Konsequenz zu millionenfachen gebrochenen Lebensläufen führte. Es gelangten Fälle an die Öffentlichkeit, die die ehemalige DDR-Bevölkerung zutiefst empörten. Aber es kam in den wenigsten Fällen zu Konsequenzen für die Treuhand-Mitarbeiter, zumal der damalige Finanzminister Theo Waigel anordnete, Vorstand und Verwaltungsrat zumindest zeitlich begrenzt „von der Haftung für grobe Fahrlässigkeit freizustellen“.[6], [7]

In vielen Orten der ehemaligen DDR schossen nach 1990 Auffanggesellschaften wie Pilze aus dem Boden, um die Wucht der Entlassungswelle, die über diesen Teil Deutschlands hinwegschwappte, abzufedern. Diese Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften konnten zwar den offiziellen Arbeitslosenstatus vieler Bürger zwar hinauszögern, aber nicht verhindern. Die Industriegewerkschaft Metall zahlte für seine auf Kurzzeit gesetzten Mitglieder eine Zeit lang sogar den Differenzbetrag zwischen dem, was das Arbeitsamt auszahlte und den ansonsten gezahlten Bezügen.

Warum viele ostdeutsche Betriebe in Schwierigkeiten gerieten

Viele DDR-Bürger glaubten, dass sich nach der staatlichen Einheit und nach dem Erhalt der ersehnten Deutschen Mark ihr Leben nicht verändern wird. Sie waren hochmotiviert und wollten für die DM hart schuften. Das war aber ein großer Trugschluss. Es kam anders: Viele Betriebe konnten nicht privatisiert werden, fanden keinen Käufer, weil diese in ihren Augen zu unrentabel wirtschafteten. Zudem brach für viele ehemalige DDR-Betriebe der Markt in Osteuropa weg. Die Hauptursache liegt darin, dass vor der Währungsumstellung das Umtauschverhältnis von West- zu Ostmark etwa 1:4,4 betrug. Durch die Währungsunion wurde aber die DDR-Mark 1:1 in DM umgetauscht. Um nun sein Produkt zum gleichen Preis verkaufen zu können, hätte der Betrieb seine Effektivität um das 4,4-fache steigern müssen! Keine Volkswirtschaft hätte diesen Quantensprung vollziehen können! „Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ war allerorten zu hören. Es war schon wie eine Psychose. Angesichts des immensen Erwartungsdrucks wagten es die wenigsten Politiker, auf diesen Zusammenhang hinzuweisen. Wer das tat, wurde sofort bezichtigt, gegen die deutsche Einheit zu sein. Hier wäre eine einheitliche Meinung aller Politiker bei Rückstellung ihrer eigenen Interessen bitter notwendig gewesen. Der Putschversuch am 19. bis 21. August 1991 in Moskau sowie die Arretierung von Michail Gorbatschow und seiner Frau auf der Krim zeigen, dass es richtig war, die Wiedervereinigung zu forcieren. „Politik ist, dass man Gottes Schritt durch die Weltgeschichte hört, dann zuspringt und versucht, einen Zipfel seines Mantels zu fassen“, sagte einst Otto von Bismarck. Mit der Einführung der Währungsunion hätten sich die Politiker Zeit lassen sollen.

Ein weiterer Grund, warum die „ostdeutsche“ Wirtschaft zusammenbrach, lag darin, dass zu wenige „Ostdeutsche“ weiterhin ihre eigenen Produkte kauften. Die sich mehr und mehr ausbreitenden Supermarktketten aus dem Westen brachten ihre eigene Produktpaletten mit. Erst viel später waren diese bereit, Lebensmittel zu verkaufen, die aus der jeweiligen Region stammten. Zu spät bemerkten viele „Ostdeutsche“, dass die eigenen Produkte oft nicht schlechter und so manche Lebensmittel sogar schmackhafter waren und zudem ohne chemische Zusatzmittel auskamen.

Eklatante Verfehlungen bei der Privatisierung volkseigener Betriebe

Im Zuge der Privatisierung der volkseigenen Betriebe gab es nicht nur eklatante Fehlentscheidungen seitens der Treuhand. Es waren neben einigen skrupellosen Vertretern aus der Wirtschaft auch Glücksritter und Betrüger unterwegs. Fast jeden Tag hörten und erfuhren die „Ostdeutschen“ von Betriebsschließungen und davon, wie ehemalige DDR-Betriebe Schwindlern aufgesessen waren und nun Insolvenz anmelden mussten.

Bis 1992 schnellte die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern auf 14,2 Prozent. Das heißt, 1,28 Millionen Menschen hatten keine Arbeit mehr. Die Stimmung in der Bevölkerung der ehemaligen DDR war äußerst gereizt. Ich hatte nach der Wende vier Jahre lang keine Arbeit und weiß, wie man sich fühlt, nicht von der Gesellschaft gebraucht zu werden. In dieser Gemengelage wurde am 1. April 1991 Detlef Rohwedder, damaliger Präsident der Treuhandanstalt, wahrscheinlich von der RAF ermordet.

Im kollektiven Bewusstsein der ehemaligen DDR-Bürger werden wohl besonders eklatante Fälle wie das Schicksal von Wärmeanlagen Berlin GmbH (WBB), von Kaliwerk Bischofferode und vom Kühlschrankhersteller dkk Scharfenstein hängen geblieben sein:

Die Wärmeanlagen Berlin GmbH wurde durch einen Betrüger namens Michael Rottmann in die Pleite getrieben.[8] Dieser wurde eigentlich vom Unternehmen Deutsche Babcock AG in der Funktion eines Prokuristen nach Berlin geschickt, um die wirtschaftliche Situation der WBB unter die Lupe zu nehmen. Jedoch handelte er auf eigene Rechnung und hinterging den eigenen Arbeitgeber, die Treuhandanstalt und die Wärmeanlagen Berlin GmbH.

Die DDR-Fluggesellschaft Interflug hatte Immobilien im Wert von sage und schreibe 1,2 Milliarden DM! Seit der Währungsunion fuhr sie wöchentlich einen Verlust von einer Million DM ein, weil das bisherige Billigflugmodell für Kunden des westlichen Auslands nicht mehr funktionierte. Mit einem neuen Konzept und mit diesem Vermögen im Rücken hätte Interflug eigentlich eine gewisse Zeit von seiner Substanz leben bzw. überleben können. Doch was machte die Treuhand? Sie koppelte die Immobilien vom Unternehmen ab und verscherbelte diese. Den „Rest“ bot die Treuhand zum Kauf an. Diesen wollte aber keiner, und so musste Interflug Konkurs anmelden.[9]

Ähnlich erging es der DDR-Filmfabrik ORWO. Sie war der zweitgrößte Filmhersteller der Welt! Nach der Umwandlung in eine AG hatte sie ein Stammkapital von rund 230 Millionen DM. 18.000 Menschen arbeiteten dort. Hierzu ein Resümee von Manfred Gill, ehemaliger Mitarbeiter von ORWO: „Das war eine der größten Taten der Treuhand, dass man es hier geschafft hat, die Belegschaft auf Null herunterzufahren, ohne dass es, wie zum Beispiel in Bischofferode, große Proteste gab. Also man hat leise einen Betrieb nach den andern geschlossen bzw. Dienstleistungseinrichtungen, die wir hatten, ausgegliedert. Und dieser Prozess lief im Prinzip ab 1990 bis 1994. ’94 sind wir dann in die Gesamtliquidation gegangen, weil das Ganze nicht mehr zu privatisieren war.“[10]

Das Schicksal des Kühlschrankherstellers dkk Scharfenstein ist eine Geschichte für sich. Es war der größte Hersteller in seiner Branche im Ostblock. Im Sommer 1992 sollte der Betrieb abgewickelt werden. Die Leitung ließ sich vom angekündigten Ende nicht beirren und entwickelte in Zusammenhang mit Greenpeace den ersten Kühlschrank der Welt mit einem FCKW-freien Kühlmittel. Im Sommer 1992 erhielt Greenpeace die ersten zehn Kühlschränke dieser Art geliefert. Die Umweltorganisation machte Werbung für dieses Produkt, wodurch in kurzer Zeit um die 65.000 Bestellungen eingingen. Die Treuhand revidierte ihre Entscheidung, sah es aber nicht gern, dass die Firma Werbung für ihr Produkt machte. Ab Januar 1993 nannte sich das Unternehmen „FORON Unternehmensbeteiligungen GmbH“. Ab März lief die Serienfertigung an. Die westlichen Kühlschrankhersteller Bosch, Siemens, Miele und Liebherr fühlten sich an die Wand gespielt und starteten Kampagnen, die schon ein Geschmäckle von Rufmord an sich hatten: Zuerst behaupteten sie, das verwendete FCKW-freie Kühlmittel zöge einen erhöhten Stromverbrauch nach sich, dann kam der Vorwurf, das Kühlmittel sei brennbar. Beide Vorwürfe wurden durch wissenschaftliche Gutachten widerlegt. Inwiefern diese Aktionen Kunden verschreckt und FORON geschadet haben, kann nicht gesagt werden. Verhängnisvoll war, dass Greenpeace aus ideologischen Gründen eine Klausel im Vertrag mit dkk Scharfenstein bzw. FORON erwirkt hatte, dass die Erfindung des FCKW-freien Kältemittels nicht patentiert werden darf. Der Geschäftsführer dieser „ostdeutschen“ Firma hätte in diesem Punkt härter verhandeln müssen, da die westdeutschen Kühlschrankhersteller zuvor eine Zusammenarbeit mit Greenpeace ablehnten. Somit konnte die Konkurrenz aus Westdeutschland unter Aufbringung riesiger Geldmittel sehr schnell diesen technischen Vorsprung einholen. Da die Verkaufszahlen bedenklich zurückgingen, kam FORON in wirtschaftliche Schwierigkeiten und musste im März 1996 Konkurs anmelden. Ab August 1996 übernahm eine holländische Firma diesen Kühlschrankhersteller und meldete fünf Jahre später ebenfalls Konkurs an. Seitdem erinnert nur noch ein Museum an die 73-jährige Tradition und an die Kompetenz von dkk Scharfenstein bei der Entwicklung und Fertigung von Produkten in der Kältetechnik.[11], [12], [13]

Auswirkungen der Privatisierung von Betrieben in meiner Heimatstadt

Das Ausmaß des industriellen Kahlschlags nach der Wende möchte ich am Beispiel Neuruppins, einer mittelgroßen Stadt im Land Brandenburg, Geburtsstadt von Theodor Fontane und Karl Friedrich Schinkel, verdeutlichen. Bis Anfang der 1990er-Jahre existierten dort drei große Betriebe: die Elektro-Physikalischen Werke Neuruppin (EPW), Hersteller von Leiterplatten und von Unterhaltungselektronik, das Feuerlöschgerätewerk, ehemals Minimax, und das Fertighauswerk Werder (bei Neuruppin). Ende der 1980er-Jahre beschäftigten die EPW bis zu ungefähr 3.500 Menschen, das Feuerlöschgerätewerk bis zu 800 Mitarbeiter und das Fertighauswerk bis zu 1.650 Werktätige. Anfang der 1990er-Jahre gab es, von der Ausgründung ganz kleiner Produktionseinheiten abgesehen, keinen dieser Betriebe mehr.

Im September 1990 legte die Unternehmensführung der EPW bei der Treuhand ein Sanierungskonzept vor, das nach Aussage eines Mitglieds des EPW-Abwicklungsteams dort wohlwollend aufgenommen wurde. Es fand sich auch bald ein holländischer Investor, der zusammen mit der EPW Leiterplatten herstellen wollte. Allerdings blieb das Sanierungskonzept monatelang bei der Treuhandanstalt unbearbeitet liegen. Wertvolle Zeit ging verloren, denn der Markt war zu dieser Zeit äußerst fragil. Wenn ein Unternehmen wegfiel, hatte das einen Dominoeffekt. In der Zwischenzeit verschlechterte sich zusehends die wirtschaftliche Situation, da die Absatzmärkte zusammenbrachen. Zum Schluss arbeiteten nur noch 350 Menschen in den EPW. Die anderen Beschäftigten wurden auf Kurzarbeit mit null Stunden gesetzt. Als es dann im Februar 1991 zu Betriebsbesetzungen und zum Rücktritt des Managements kam, sprang kurz danach der Investor ab. Im März 1991 leitete die Treuhandanstalt die Liquidation des Betriebes ein. Nach gänzlicher Produktionseinstellung im Juli 1991 wurden die verbleibenden 2.400 Mitarbeiter in der Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft GmbH aufgefangen.

Bezüglich des Verhaltens der Treuhand ist folgende Begebenheit interessant bzw. bedenklich: 1990 kaufte die Fuba Printed Circuits GmbH, ein Tochterunternehmen der Hoesch AG, in Dresden ein hochmodernes Leiterplattenwerk. Detlef Rohwedder, Präsident der Treuhandanstalt, war einst Vorstandsvorsitzender des Hoesch Konzerns.[14], [15] Hatte die Treuhand eventuell in Kauf genommen, dass die EPW am ausgestreckten Arm verhungert, damit die Fuba keine ungeliebte Konkurrenz bekommt? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Ab Mitte der 1980er-Jahre wurde zunehmend über die Wiedervereinigung diskutiert. Mein Schwiegervater war fest der Meinung, dass die Regierenden in Bonn Pläne für diesen Fall in der Schublade liegen hatten, und dass die westdeutschen Unternehmen Partnerschaften mit den „ostdeutschen“ Firmen übernehmen würden. Mein bereits verstorbener Vater, ein bekennender Kommunist, war überzeugt davon, dass sich nach dem Beitritt in „Ostdeutschland“ die wirtschaftlichen Verhältnisse Stück für Stück in jene zurückentwickeln würden, die einst vor 1945 herrschten. Welche Prophezeiungen treten am ehesten ein? Spätestens nach dem Beitritt der DDR zur BRD wissen wir, dass die westdeutschen Politiker, die immer wieder von den „armen Schwestern und Brüdern im Osten“ redeten, von den Geschehnissen in der Wendezeit vollkommen überrascht waren und auch keinen Plan hatten! Die Firmenlenker aus Westdeutschland freuten sich zwar über die Wiedervereinigung, hatten aber die verblichene DDR eher als zusätzlichen Absatzmarkt im Blick und die „ostdeutschen“ Betriebe als lästige Konkurrenz. Der industrielle Kahlschlag durch die Treuhand hatte zur Folge, dass 1993 die Arbeitslosigkeit im Kreis Neuruppin bereits 17,9 Prozent betrug.[16] Neuruppin war bis 1945 eine Garnisons- und eine Beamtenstadt. 1996 zogen zwar die sowjetischen Streitkräfte aus Neuruppin und Umgebung ab, und kein neues Militär zog ein, aber eine Stadt der Beamten ist Neuruppin wieder geworden. Pikanterweise wurde seit der Wende das Arbeitsamt der größte Arbeitgeber, gefolgt vom Landgericht, der Kreisverwaltung, der Stadtverwaltung und den Krankenkassen.

Demografische Auswirkung der Arbeit der Treuhand

Der Osten Brandenburgs gilt heutzutage als nahezu entvölkert. Aufgrund der Deindustrialisierung beklagen Städte wie Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt und Schwedt einen dramatischen Rückgang der Bevölkerung bis zu 40 Prozent.

Frankfurt (Oder) -- 1988: ca. 88.000, 2016: ca. 60.000; –28.000, –32 %
Eisenhüttenstadt -- 1988: ca. 53.000, 2016: ca. 26.000; –27.000, –51 %
Schwedt (Oder) -- 1988: ca. 50.000, 2016: ca. 30.000; –20.000, –40 %
Cottbus -- 1988: ca. 129.000, 2016: ca. 100.000; –29.000, –22 %

Sicherlich wird auch die seit der Wende eingetretene ungünstige Altersstruktur eine Rolle spielen.

In dieser Zeit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen und der Unsicherheit empfanden es viele „ostdeutsche“ Frauen als unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen. Die Geburtenrate sank schlagartig. Im Jahre 1993/94 lag sie auf einem historischen Tief von 0,77 Kindern auf 1.000 Einwohner.[17] „Das Geburtendefizit und die Sterbeüberschüsse führten im Zeitraum von 1991 bis 2012 zu einer Abnahme der ostdeutschen Bevölkerung (einschließlich Berlin) um knapp eine Million.“[17] Das Verhältnis der Personen im Rentenalter, welches schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben wird, zu 100 Personen im erwerbsfähigen Alter, zur Zeit zwischen 20 bis 64 Jahre, betrug in „Ostdeutschland“ im Jahr 1990 22,4 und stieg im Jahr 2011 auf 36 an. In den alten Bundesländern stieg der Altenquotient im gleichen Zeitraum von 23,9 auf 33,1.[17] Ich erinnere mich, wie sich in Neuruppin in einem rasanten Tempo die altersmäßige Bevölkerungszusammensetzung zugunsten einer alternden Gesellschaft veränderte. Frauen mit Kinderwagen waren immer seltener zu sehen, bis sie zu exotischen Bildern wurden. Das empfand ich als äußerst deprimierend. Als ich aufgrund einer Bewerbung Ende der 1990er-Jahre in Köln war, fühlte ich mich durch das quirlige Leben aus Jung und Alt plötzlich in die DDR versetzt. Es war wie ein wehmütiges Déjà-vu.

Viele junge Menschen verließen „Ostdeutschland“, weil sie dort keine berufliche Perspektive mehr sahen. Ende 1991 lebten im Osten noch 14,5 Millionen Menschen. Ende 2013 waren es nur noch 12,5 Millionen. Während 3,3 Millionen „Ostdeutsche“ gen Westen zogen, kamen zeitgleich nur 2,1 Millionen Menschen aus dem Westen. Summa summarum schrumpfte bis Ende 2013 in den neuen Bundesländern die Bevölkerung. Mittlerweile trat nun eine Kehrtwende ein.[18] Innerhalb von Brandenburg gibt es Regionen mit Abwanderungen und mit Bevölkerungszuwächsen: Während der Osten Brandenburgs unter Bevölkerungsschwund leidet, erlebt der sogenannte Speckgürtel um Berlin herum einen Bewohnerzuwachs. Inzwischen verschwimmt in Deutschland die Grenze zwischen Ost und West betreffs der Zuzüge und der Abgänge im großen Stil. Hingegen wird das Auseinanderklaffen zwischen Stadt und Land ein gesamtdeutsches Problem. So, wie viele ältere Menschen zurück in die Städte ziehen, kehren auch viele aus dem Westen zurück in den Osten, in ihre alte Heimat. Die massiven Wegzüge aus den Städten Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt, Schwedt und Cottbus sind nach wie vor die Folge der Deindustrialisierung durch die Treuhand und der Währungsunion. Es gibt in den neuen Bundesländern ganze Landstriche, die nur noch industrielles Brachland sind. Für die Umwelt ist dieser Zustand zweifellos gut, für die dort lebenden Menschen hingegen nicht. Die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ sind in der ehemaligen DDR nur punktuell Wirklichkeit geworden.

Abseits des Handelns der Treuhandanstalt gibt es eine zunehmende Landflucht, weil durch die Privatisierung von Bus und Bahn eine Ausdünnung des Nah- und Fernverkehrs erfolgte, und weil das Netz an Schulen, ärztlicher Versorgung und an „Dorfkonsums“ immer grobmaschiger wird, was das Leben auf dem Land nicht einfacher macht. Diese Erscheinung ist auch in Westdeutschland zu beobachten.

Die Privatisierung der volkseigenen Betriebe, die Treuhand und die Kriminalität

Da im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung und der Übernahme „ostdeutscher“ Unternehmen durch westdeutsche und ausländische Interessenten immer wieder kriminelle Praktiken angewendet wurden und dies zunehmend die Öffentlichkeit beunruhigte, wurde im Februar 1991 von der Treuhandanstalt in Berlin eine Stabsstelle „Besondere Aufgaben“, auch „Sonderstabsstelle Recht“ genannt, eingerichtet. „Eine ähnliche Institution, personell ausgerichtet mit kriminalistisch-strafjuristischem Sachverstand und inhaltlich ausgerichtet ausschließlich auf strafrechtliche Fragestellung, hatte es zuvor in Deutschland – soweit bekannt – weder in staatlichen Organisationen noch in Unternehmen gegeben. Die Verantwortlichen der Treuhandanstalt konnten beim Aufbau und der Organisation dieser Stabsstelle und ihrer Tätigkeit auf kein Erfahrungswissen zurückgreifen“, schreibt Barbara Bischoff in der Einleitung ihres Buches „Die Stabsstelle Besondere Aufgaben bei der Treuhandanstalt“.[19] Das rechtfertigt aber noch lange nicht, warum trotz des immensen Umfangs des Privatisierungsvorhabens durch die Treuhandanstalt für das Gebiet „Vereinigungskriminalität“ nur ein einziger Staatsanwalt eingesetzt wurde. War das politisch so gewollt? Da stellen sich Assoziationen mit dem jetzigen BAMF-Skandal ein! Viele leitende Treuhand-Mitarbeiter waren überzeugt, dass eine stärkere Kontrolle die Geschwindigkeit der Privatisierung in einem unverhältnismäßigen Ausmaß drosseln würde. Die Neigung, Straftaten zu begehen, wurde aus einem Interessensgegensatz heraus begünstigt: Die Bundesregierung wollte einen schnellen und geordneten Transformationsprozess, viele Unternehmer hingegen die „schnelle DM“.

Von 1991 bis 2000 wurden von dieser Stelle 3.661 strafrechtlich relevante Vorgänge bearbeitet, wobei es in 1.426 Fällen zu Ermittlungsverfahren kam. Interessant ist, dass von diesen eingeleiteten Verfahren nur 30 Prozent auf Anzeigen der Treuhand-Stabsstelle zurückzuführen waren. Dieses Manko lässt sich damit erklären, dass es bei der Treuhand keinen Ermittlungs- und Anzeigezwang gab. In einem Viertel der Fälle kam es tatsächlich zur Anklage.

Forscher verschiedener deutscher Universitäten werteten die Unterlagen der Treuhandanstalt (THA) zu diesem Thema aus. Sie führten Interviews mit 76 Personen durch, welche unmittelbar an der Privatisierung der DDR-Betriebe beteiligt waren. Prof. Klaus Boers, Kriminologe, Prof. Ursula Nelles, Juristin, und Prof. Hans Theile, Kriminalwissenschaftler, fassten ihre Untersuchungsergebnisse im 2010 veröffentlichten Buch „Wirtschaftskriminalität und die Privatisierung der DDR-Betriebe“ zusammen. Die Autoren beklagten darin die erheblichen Kontrolldefizite „als Folge des politisch gewollten Primats einer schnellen Privatisierung“.[20] Laut Universität Münster klingt das Fazit wenig schmeichelhaft: „Mit der unternehmensinternen Strafverfolgung sollte vor allem in der weitgehend regellosen Anfangsphase der Privatisierungen die Grenze zwischen erlaubtem Risiko und strafbarem Handeln markiert werden. Zudem wollte die THA ‚mit dem Staatsanwalt im eigenen Hause’ einer aufgebrachten Öffentlichkeit demonstrieren, dass man den kriminellen Machenschaften selbst entgegentreten konnte. Weiters schrieben die Forscher: „Es ging weniger darum, das Strafrecht durchzusetzen, sondern im Kalkül der Treuhandanstalt war die Stabsstelle den unternehmenseigenen Zielen unterworfen.“[20]

Am bekanntesten ist wohl die Aufdeckung der Rettungsaktionen von ehemaligen SED-Mitgliedern betreffs des SED-Parteivermögens. Zumindest der Transfer von ungefähr 450 Millionen DM in dubiose Firmen und ins Ausland, besonders nach Österreich, konnte nachgewiesen werden. Hierbei spielte Rudolfine Steindling, auch „die rote Fini“ genannt, eine Schlüsselrolle. Als Geschäftsführerin der österreichischen Firma „Novum-Handelsgesellschaft“ transferierte sie diese Geldsumme von Ost-Berlin ins Ausland.

Im März 1994 ließ die Treuhand, genauer gesagt die Stabsstelle „Besondere Aufgaben“, bundesweit in den größeren Tageszeitungen eine Annonce schalten,[21] in der um sachdienliche Hinweise nach dem Verbleib des Vermögens der DDR-Parteien gebeten wurde. Zeigt das nicht letztendlich die Ohnmacht der (zahnlos gehaltenen) beiden Kontroll-Behörden? Der für die ZERV tätige Generalstaatsanwalt Schaefgen beklagte laut „Spiegel“ in einem vertraulichen Bericht an das Bundesfinanzministerium: „Die zentrale Ursache für das als unbefriedigend empfundene Ergebnis“ liege „in dieser bewussten Gewichtung von Staatszielen.“ Diese Aussage entspricht exakt den Forschungsergebnissen der Kriminalistik- und Jura-Professoren! Es deckt sich auch mit den Eindrücken vieler Ostdeutscher, das Politiker und Wirtschaftsvertreter gern als „dumpfes und einseitiges Bauchgefühl“ abtun.

Anmerkungen

[8] https://www.youtube.com/watch?v=NDR6Y4h8Px4, Beitrag über WBB ab Minute 03:00

[13 https://www.youtube.com/watch?v=i6wxmqax3W8, Film über dkk Scharfenstein

[19] http://waxmann.ciando.com/img/books/extract/3830983395_lp.pdf, Barbara Bischoff; Die Stabsstelle Besondere Aufgaben bei der Treuhandanstalt; Verlag Waxmann; 2016, 1. Auflage

[20] https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=5722, Pressemitteilung der Uni Münster zu Untersuchungen der Treuhandpolitik, Boers, K., Nelles, U., Theile, H.; Wirtschaftskriminalität und die Privatisierung der DDR-Betriebe, Nomos-Verlag, 2010

[21] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8654148.html, Ein Land im Sonderangebot, Teil 1

Bearbeitungsstand: Freitag, 27. Juli 2018

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft