Der „Fall Özil“ als Muster einer „wunderbaren Integration“


Die unglaublichen jahrzehntelangen Fehler der Politik in Deutschland 

 
Von Peter Toplack

Der Analyse des Falles des türkisch-deutschen Fußballstars Mesut Özil stellt der ausgewiesene Türkei-Fachmann Mag. Peter Toplack sehr persönlich gehaltene Betrachtungen aus seinen eigenen Erfahrungen voran, was den gesamten Hintergrund der Causa leichter verständlich macht. Der Mathematiker und Physiker Toplack unterrichtete 27 Jahre lang am renommierten St. Georgs-Kolleg in Istanbul. Durch diese langjährige Tätigkeit wurde er zu einem profunden Kenner der Türkei sowie ihrer Nachbarländer. Studienreisen führten ihn z. B. nach Ostanatolien, Syrien und Jordanien. -- Die Redaktion.

 
Meine Frau und ich sind zweifellos nach den gut 30 Jahren, die wir (ganzjährig!) dank meiner beruflichen Tätigkeit in Istanbul in der Türkei verbracht haben, scheinbar nicht so erfahren im Umgang mit türkischen Staatsbürgern wie jene Menschen aus Deutschland oder aus Österreich, die einen Urlaub an der Südküste absolviert haben, oder jenen, die noch gar nicht in der Türkei waren, aber meinen, über dieses riesige Land und seine Menschen alles zu wissen, wenn sie nur eine der „großen Zeitungen“ darüber lesen (eine reicht, es schreiben ja alle das Gleiche). 

Wir haben auch immer in den 15 Jahren, seit wir aus Istanbul zurück in Salzburg sind, bei mehr oder weniger engen Freunden erfahren müssen, dass man uns unsere Informationen über die Lage in der Türkei bzw. über „den Türken und seine Mentalität“ nicht oder wenigstens weitgehend nicht glaubt. Woher soll denn jemand in Europa, vor allem in den deutschsprachigen Ländern, mitbekommen, wie die historische und gesellschaftliche Entwicklung des „türkischen Volkes“ (mit etwa 25 Minderheiten religiöser bzw. ethnischer Art) vor sich gegangen ist. Es war immer wieder eine spezielle Erfahrung für mich, der den ganzen Nahen Osten (Ausnahme Israel) zum Teil wie seine Westentasche kennt, der Hunderttausende Kilometer in der gesamten Türkei gereist ist und sich wissenschaftlich mit diesem Land beschäftigt hat, dass man in Bezug auf den „Türken“ immer an eine Wand gestoßen ist, die einmal dicker, manchmal dünner war.

Problem des Analphabetismus

Aus Platz- und Zeitgründen (sonst würde ich noch in einigen Tagen vor diesem Text sitzen) kann ich nicht die gesamte Geschichte erörtern, aber man muss einmal das eine klarlegen: In unseren Ländern befinden sich sehr viele „Türken“, aber die meisten aus den unteren bis untersten Bevölkerungsschichten selbst dieses sehr armen Landes. Vor allem die Frauen der einfachen Arbeiter, die fast alle aus Anatolien (aus dem Dorf = Köy) nach Europa geholt wurden, können sehr häufig nicht Lesen und Schreiben. Nach einer mir vorliegenden Statistik von 2002 (so schnell kann man das nicht korrigieren, auch wenn seither die Zahlen immer wieder positiv gefälscht wurden, aber wer kennt das nicht auch aus unseren Ländern mit all den vielen Werten?) waren 27 Prozent der Frauen der Türkei Analphabeten, „nur“ acht Prozent der Männer, also zusammen im Schnitt etwas mehr als ein Drittel. Und dieses Verhältnis war natürlich deshalb so „gut“, weil die großen Städte wie Istanbul, Izmir oder Ankara mit dem höheren Bildungsgrad die Zahlen gedrückt haben.

Übrigens: Mein Sohn lebt mit seiner türkischen Frau im Raum München. Seine Frau spricht, wenn sie einen „türkischen Mitbürger“ sieht, kein Wort Türkisch, um nur ja nicht mit dieser Schicht in Kontakt zu kommen. Wer nun meint, sie wegen Rassismus oder sonst etwas verurteilen zu müssen, hat noch immer nichts verstanden.

Mesut Özils anatolische Wurzeln

Die meisten der Arbeiter in unseren Ländern kommen aus Dörfern oder kleinen Städten in Anatolien, wie etwa die Eltern von Mesut Özil aus Zonguldak am Schwarzen Meer, einer Steinkohleförderungsstadt. Die Frauen mit ihrem Ausbildungsmangel waren natürlich eine „wunderbare Basis“ für die zweite und in der Folge für die dritte Generation in unseren Ländern. Alle türkischen Eltern, die ihre Kinder zu einer ordentlichen Berufsausbildung oder gar ins Gymnasium oder noch besser an die Uni gebracht haben, verdienen unseren vollen Respekt, wenn man auch beachten muss, dass z. B. viele begabte türkische Jugendliche über die vielen türkischen Organisationen in unseren Ländern schließlich als Studenten für die türkische Gesellschaft wichtige Berufe erlernen konnten, wie etwa Rechtsanwälte oder Politologen/Soziologen, die letztlich für die Gemeinschaft (in zweiter Linie als Politiker) tätig wurden und dank politischer Unterstützung große Freiheiten genießen konnten.

Nicht deutsche Fußballmannschaft, sondern „Mannschaft“

Die in den Medien bis zum Exzess breitgetretene Geschichte um die „Deutschen“ oder „Nichtdeutschen“ (nur Reisepassdeutschen) in der „Mannschaft“ (allein die Bezeichnung des Fußballteams als „Mannschaft“ zeugt von absoluter Verleugnung der eigenen Wurzeln der Deutschen) ist für mich ein wunderbares Beispiel für die Fehler, die man als Politiker und als Führender eines der größten Fußballverbände der Welt nur machen konnte.

Für mich war von Anfang an klar, dass ethnisch türkische Spieler mit deutschem Reisepass in der Deutschen Mannschaft nichts zu suchen haben. Der Prozentsatz von wirklich integrierten „Türkischstämmigen“ ist ganz gering, das kann man mir nach meinen vielen Kontakten ruhig glauben. Übrigens bringt die Aufnahme in die deutsche Nationalmannschaft jedem Spieler ein ungeheures Plus an Marktwert!

Aber gut, gehen wir zur Geschichte der letzten Zeit: Das Bild mit Erdog˘an war absolut unangebracht, und vom nächsten Tag an hätte ich immer den Ausschluss dieser Spieler aus der Deutschen Mannschaft vertreten. Jedes „Herumgewurschtle“ über „mein Präsident“, „der Präsident meiner Eltern“ etc. ist verlorene Zeit, vor allem, wenn diese Burschen auch als „Deutsche“ nicht bereit sind (im Gegensatz zu Sami Khedira, zu den Schwarzen in der französischen Mannschaft, zu den gleichfarbigen in der englischen Mannschaft etc.), die deutsche Hymne mitzusingen. Da machen unsere Fußballverbände einen Fehler (in Österreich und der Schweiz haben wir das gleiche Problem). Der Verband hätte die Spieler vor die Wahl stellen müssen/sollen, den Mangel an Darstellungsvermögen als „Deutscher“, der in den Bildern aufgetreten ist, durch Einsatz auf dem Feld und Mitsingen der Hymne auszugleichen. Nichts geschah.

Berichte über ein Privatissimum mit Merkel

Nein, es gab sogar einen Besuch von Angela Merkel im Trainingscamp in Südtirol, wobei die Presse berichtete, dass sie speziell mit Özil und Gündogan gesprochen habe. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Wenn ja, war das der größte Fehler, den man nur machen konnte. Den Hintergrund versteht ein Europäer, noch dazu ein „umgepolter Deutscher“, nicht. Der Orientale versteht und kommuniziert das so, weil er ein Problemfall geworden ist, wenn Merkel extra für ihn anreist und mit ihm spricht. Seine Bedeutung (und vor allem jene seines ethnischen Hintergrundes) wird extrem aufgewertet. Ich mit meiner Glatze habe extreme Phantomschmerzen verspürt, weil sich alle Haare zu Berge stellen wollten.

Schließlich hat man doch keinen erforderlichen Schlussstrich gezogen (die Reaktionen der Presse wären wohl zu negativ gewesen), aber nach der Fußball-WM-Pleite mit dem letzten Platz in der Gruppe hat sich zwangsläufig die Diskussion über einen Weiterverbleib im Team ergeben.

Übrigens: Özil hat sein letztes Tor vor der Weltmeisterschaft im Probespiel gegen Österreich in Klagenfurt geschossen, das die deutsche Mannschaft schließlich mit 1:2 verloren hat. Es war ja nur ein Probespiel, aber selbst bei der Weltmeisterschaft hat die Elf nicht besser gespielt!

Vielsagende Schlagzeilen aus der „Hürriyet“-Internetseite

Einige Schlagzeilen aus der Internetseite der türkischen Zeitung Hürriyet („Republik“) vom 23. Juli 2018, untenstehend im türkischen Original-Wortlaut, lauten in der Übersetzung so: 

  • „Für Mesut Özil hat es Unterstützung geregnet. Nachdem er gestern veröffentlicht hat, dass er nicht mehr für die Deutsche Mannschaft (Anm. d. Autors: So schreibt die türkische Zeitung, eine deutsche Qualitätspresse würde nur Mannschaft schreiben, vielleicht ein kleiner, aber doch sehr feiner Unterschied) spielen wird, regnete es in den sozialen Medien Unterstützungen für ihn...“
  • „Minister Cavusoglu hat mit Özil telefoniert. Gemäß Nachrichten aus dem Außenamt hat Cavusoglu (Anm.: der türkische Außenminister), nachdem Özil bekanntgegeben hatte, nicht mehr für die Deutsche Nationalmannschaft zu spielen, mit dem Fußballer ein Telefongespräch geführt...“
  • „Özil sagt: „Da ich mich hier Rassismus und Respektlosigkeit gegenüber sehe, kann ich nun Deutschland nicht mehr auf internationaler Ebene vertreten. Ich habe das deutsche Trikot mit Stolz und freudiger Erregung getragen, aber jetzt hat sich das geändert. Es war sehr schwer, diese Entscheidung zu treffen, weil ich immer für den Trainer und das deutsche Volk alles gegeben habe.
    Aber dass die oberste Führung des DFB meinen türkischen Wurzeln keine Achtung entgegen brachte und mich für politische Propaganda verwendete, hat mich die Sache an einen Punkt gebracht, der für mich unerträglich wurde. Deshalb kann ich nicht mehr so weiter Fußball spielen. Rassismus ist nicht zu akzeptieren...“
  • „Von Merkel und vom DFB abgegebene Erklärung: Eine erste Reaktion auf das Ausscheiden von Özil kam aus dem Bereich von Merkel. Merkel ließ verlauten, dass sie dem Entschluss von Özil Achtung zolle und betonte, dass er ein wertvoller Spieler war. Merkel schätze Mesut Özil sehr. Er sei ein Spieler, der sehr viel für die deutsche Mannschaft beigetragen habe. Und jetzt habe er einen Entschluss gefasst, den man respektieren muss. Die Sprecherin betonte, dass die 3 Millionen Türken in Deutschland ein friedvolles Leben führen...“
  • „Der türkischstämmige Fußballer Mesut Özil, der bekannt gegeben hat, dass er mit dem Spiel für die Deutsche Nationalmannschaft aufhört, wurde von den Einwohnern seines Dorfes Hisiroglu im Bezirk Devrek (Provinz Zonguldak) sehr unterstützt. Der Bezirkshauptmann von Devrek, Mustafa Semerci, sagte, dass das Bild, das Mesut Özil an der nach ihm benannten Straße des Dorfes im Dress der Deutschen Mannschaft zeigt, ausgewechselt wird. Das neue Bild wird Özil mit Erdogan zeigen...“

 

 

In einem Bildtext wird schließlich die Vermutung geäußert, dass Özil 2024 bei der Europameisterschaft für die Türkei spielen könnte. Zuerst müsse sich die etwas schwächer gewordene türkische Mannschaft einmal qualifizieren, danach entstehe die Frage, ob das möglich sei. Normal ist ein Spieler nicht für zwei erste Nationalmannschaften spielberechtigt.

Hürriyet überschlug sich in der Özil-Berichterstattung

 
Den wahren Hintergrund hinter den Texten versteht nur jemand, der die Seele (zuerst nationalistisch und erst dann islamisch) eines Türken kennt. Das Ganze zu begreifen, ist für „Unbedarfte“ schwer, aber wenigstens bemühen sollte man sich.

Als ob es in der Welt nichts Wichtigeres gäbe, zelebrierten deutschsprachige Medien den „Fall Özil“ in penetranter, ja geradezu hysterischer Weise tagelang als Aufmacherthema. Die Berichterstattung in den türkischen Medien über ihren anatolischen „Helden“ war garniert mit hochpolitischen feindseligen Aussagen gegen Europa und gespickt mit mehr oder weniger offenen Rassismus-Anschuldigungen gegen Deutschland. 

Der deutschen Öffentlichkeit wurde allerdings in den meisten Medien, aber auch von Merkel, nahegebracht, wie wichtig Özil für die deutsche Nationalmannschaft sei. Wie lang hingegen hatte die deutsche Kanzlerin gebraucht, um nach Silvester 2015/16 bzw. nach dem Anschlag in ihrer Nachbarschaft am Breitscheidplatz in Berlin einen Kommentar abzugeben? Wirklich eine verkehrte Welt. Oder vielleicht nur eine verkehrte Politik?

Bearbeitungsstand: Freitag, 27. Juli 2018

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