Ein hochaktueller Zukunftskrimi jenseits von „political correctness“


Der Barbarossa-Effekt. Das große Erwachen am Kyffhäuser[1]. Ein Politkrimi von Marie Kastner. Verlag Libros Anaconda, Orihuela (Spanien), www.libros-anaconda.es, ISBN 978-84-947394-0-8, 298 Seiten, Preis: 14,90 EUR

 
Von Bernd Stracke

So gut wie alle für eine spannende Lektüre notwendigen Zutaten hat Marie Kastner[2] in einen hochaktuellen Zukunftskrimi jenseits von „political correctness“ gemischt: Aktuelle Zeit- und Gesellschaftsprobleme wie Migration, Lügenpresse, Waffengeschäfte im Darknet, die islamistische Gefährderszene, die Kölner Silvesternacht und die Flucht vermögender Abendlandbewohner in isolierte „Gated communities“, weiters geheimnisvolle mythologische Einsprengsel wie den sagenumwobenen Birnbaum auf dem Walserfeld[3], und natürlich eine richtig portionierte Dosis Krimi. 

Historisch hat das Buch freilich nicht wirklich etwas zu tun mit Friedrich I., genannt Barbarossa, dem Kaiser des Römisch-Deutschen Reiches im zwölften Jahrhundert, und schon gar nichts mit dem „Unternehmen Barbarossa“, der militärischen Operation der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion im Jahr 1941.

Marie Kastners Handlungen spielen zwischen real existierenden Schauplätzen wie Bautzen, Dresden, Bayreuth, Würzburg, Stuttgart, Lampedusa, Löbau[4], Kyffhausen und Sávár[5], die Protagonisten reflektieren über real existierende politische Parteien wie die CDU, die AfD und die FPÖ, sowie über konkrete Personen der Zeitgeschichte wie Martin Schulz, Viktor Orbán, Christian Lindner oder Sahra Wagenknecht. Allerdings sind, wie im Impressum unmissverständlich klargestellt wird, ansonsten „sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten frei erfunden“. Zeitsprünge in beide Richtungen, von der Mauerfall-Vergangenheit 1989 bis ins Jahr 2023 (wie wir sie in ähnlicher Weise auch bei Umberto Eco kennen), machen den Handlungsstrang quasi dreidimensional. Zum Teil mittlerweile bereits tatsächlich eingetretenes Visionäres – etwa die Flutung auch der Iberischen Halbinsel mit Afrikanern – erinnert an Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“[6]. Dass die pessimistische Prognose der Autorin, wonach erst „ab Frühjahr 2023 an einer wirksamen Strategie zum Schutz der EU-Außengrenzen gewerkelt werde“, wenn „Dürren und Unruhen auf dem afrikanischen Kontinent in besorgniserregendem Ausmaß zunehmen“, wird sich hoffentlich nicht als wahr herausstellen. 

Das alles in bildhafter, aber schnörkelloser Sprache, egal ob es um ein Undercover-Treffen von Agenten bzw. Doppelagenten in Dresden, um eine Barbiepuppe mit Hidschab, um einen verschwörerischen Dialog von Moslems vor der katholischen Kirche St. Clemens in Köln am Heiligen Abend 2019 geht oder um den – von der an der Costa Blanca wohnhaften Insiderin Kastner sicher schon heute täglich erfahrenen – Wirtschaftsaspekt, wonach Auswanderer aus Deutschland zunehmend ihre einst für einen ruhigen Lebensabend erworbenen Immobilien und Yachten für einen Apfel und ein Ei verkaufen.

Schon der Romaneinstieg, als am 10. September 2020 (sic!) in Berlin eine Leiche „mit deutlich erkennbarem Loch in der Schläfe“ in sitzender Position am Schreibtisch gefunden wird, lässt Gänsehaut aufkommen. Eine Schlüsselrolle spielt eine bei einem „Shoot Club“ im Darknet erworbene Pistole des Modells Glock 19. Ausgerechnet während der Lesung einer Krimiautorin bei stimmungsvollem Kerzenlicht im Wappensaal wird, zeitlich nicht weit entfernt vom Fall eins, in unmittelbarer Nähe des Kulturereignisses eine Frau erschossen. 

Eine geheimnisvolle Organisation namens „Interessengemeinschaft Barbarossa“, die gewisse – natürlich von der Autorin wohl absolut unbeabsichtigte – Parallelen zu den „Identitären“ evoziert, ist bemüht, das Abendland zu retten. 

Geschickt eingeflochten eine Szene, in der einer der Protagonisten auf der Versammlung seiner Interessengemeinschaft bittere Wahrheiten ausspricht wie diese: „Merkel ist eine Marionette der Wirtschaft und holt ihr viele neue Konsumenten ins Land, für die anschließend der deutsche Steuerzahler berappen darf.“ Und: „Es reicht, dass das Trojanische Pferd des Islam bereits mitten in Deutschland steht und auf seine Stunde wartet. Ich ziehe den Hut vor den Tschechen, Polen und Ungarn, die sich diesem Wahnsinn weitgehend verweigern.“ 

Und schon zum Zeitpunkt, als sie das Buch schreibt, also sicher mindestens ein Jahr vor der aktuellen „Seehofer-Krise“, merkt Marie Kastner an, dass „die herrschende Groko in ihrer eitlen Selbstgefälligkeit frech am Volk vorbei regiert und sich aufregt, wenn das zunehmend bemerkt wird.“  

Am Schluss der Story, knapp 300 Seiten später, resümieren Kommissar Schmidke und Gerichtsmediziner Krumpholz, dass ihre Arbeit erst jetzt richtig anfinge. Der Fall würde europaweite Kreise ziehen ...  

Wie die Autorin in ihrem Vorwort ausführt, ist sie sich dessen bewusst, dass ihre fiktive Geschichte „geistigen Zündstoff“ liefert, gehe es doch um linken, rechten und religiösen Extremismus. Sie will, eingebettet in spannende Handlungsstränge, die Zustände und Denkweisen im Deutschland unserer Tage darstellen, ohne sich bezüglich ihrer eigenen politischen Ausrichtung in die Karten schauen zu lassen. Es gehe um das Prinzip von Ursache und Wirkung, Bewegung und Gegenbewegung und um zu erwartende Folgen für eine von Wirtschaftsinteressen gesteuerte Republik. „Ohne Menschen von Angela Merkels Charakterstruktur“, schließt sie ihr Vorwort, wäre ihr Buch sicher nie erschienen.

Anmerkungen

[1] Kyffhäuser wird ein Mittelgebirge südöstlich des Harzes im Thüringer Kyffhäuserkreis sowie im sachsen-anhaltischen Landkreis Mansfeld-Südharz genannt. Seine höchste Erhebung ist der Kulpenberg. Auf einem Bergvorsprung im Nordosten befinden sich die Ruinen der Reichsburg Kyffhausen, die Ende des 19. Jahrhunderts durch das Kyffhäuserdenkmal zu Ehren Kaiser Wilhelms I. ergänzt wurden. Der Kyffhäuser ist der zentrale Punkt einer Sage, wonach dort Kaiser Friedrich I. Barbarossa mit seinen Getreuen in einer Höhle schläft, um eines Tages zu erwachen und die Welt zu retten. Während er schläft, wächst sein Bart um einen Steintisch. Bis jetzt reicht er zweimal herum, und wenn die dritte Runde beendet ist, beginnt das Ende der Welt... Eine der bekanntesten literarischen Bearbeitungen dieser Sage ist das 1817 von Friedrich Rückert verfasste und von Marie Kastner ihrem Roman vorangestellte Gedicht:

  • Der alte Barbarossa,
    der Kaiser Friederich,
    im unterird’schen Schlosse
    hält er verzaubert sich.
    Er ist niemals gestorben,
    er lebt darin noch jetzt;
    er hat im Schloss verborgen
    zum Schlaf sich hingesetzt.
    Er hat hinabgenommen
    des Reiches Herrlichkeit,
    und wird einst wiederkommen
    mit ihr, zu seiner Zeit.

[2] Marie Kastner ist das Pseudonym einer in Orihuela bei Alicante (Spanien) lebenden deutschen Autorin, die aus der nordbayrischen Provinz Oberfranken stammt. Von ihr sind u. a. erschienen „Der Brockopath: Alarm im Harz“ (2017) und „Der Schreckenswald des Hoia Baciu“ (2016). Mehr über die Autorin erfährt man auf  www.marie-kastner.libros-anaconda.es

[3] Die Existenz des „Birnbaumes auf dem Walserfeld“, eines seit 200 Jahren immer wieder nachgepflanzten und bis heute existierenden Naturdenkmales nahe dem Salzburger Flughafen neben der Innsbrucker Bundesstraße reicht einer Legende nach bis in die Römerzeit zurück. Nach einer Version wird der Enkel Barbarossas, Kaiser Friedrich II., welcher im Trifels oder im Ätna (in Sizilien) schläft, das Gute auf dem Walserfeld in die letzte Schlacht mit dem Bösen führen. Nach einer anderen Version wird der im Salzburger Untersberg schlafende Karl der Große auf dem Walserfeld die Endschlacht zwischen Gut und Böse dann schlagen, wenn „die Raben nicht mehr um den Gipfel des Untersbergs fliegen und die Not im Reich am größten ist“. In dieser Schlacht soll das Gute siegen. Doch wenn das Böse gewinnt, wird es „Feuer regnen und die Reiter der Hölle werden dem Boden entsteigen“.

[4] Löbau, obersorbisch Lubij, ist eine Stadt im Landkreis Görlitz in der sächsischen Oberlausitz.

[5] Das ungarische Städtchen Sárvár (deutsch: Rotenturm an der Raab) liegt nahe der burgenländischen Grenze. 

[6] Das Heerlager der Heiligen (frz. 1973: Le Camp des Saints; dt. 1985) ist der Titel eines Buches, in dem der heute 93-jährige französische Schriftsteller Jean Raspail in fiktionaler Form die gewaltfreie Invasion Europas durch verelendete Menschenmassen der Dritten Welt schildert.

Bearbeitungsstand: Freitag, 3. August 2018

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