Österreich – ist der Untergang abgesagt oder nur aufgeschoben? [1]


Ein Appell, weiter einen kritisch-freiheitlichen Geist zu nähren

 
Von Siegfried Waschnig

Österreich hat es (wieder einmal) gut: Lange bevor sich Merkels Erscheinen am historischen Horizont abzeichnete und lange bevor durch ihre epische Schleusenöffnung der Gegenpol Viktor Orbán auf europäischer Ebene in Erscheinung trat, wurden bereits im 19. Jahrhundert die Weichen für Österreichs Rettung gestellt. Im 21. Jahrhundert wurde deshalb der Untergang des Abendlandes vorübergehend abgesagt.

Napoleon war geschlagen, das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ lag am Boden und junge „radikale“ Studenten brannten 1815 für ihre Forderungen: Die Schaffung eines deutschen Nationalstaates und die Etablierung einer Verfassung, die die bürgerlichen Freiheiten garantiert. Beides nach französischem und englischem Vorbild. Sie wollten das enge Kleid der etablierten Herrschaft abstreifen und einer freien aufgeklärten Gesellschaft den Weg ebnen.[2]

Junge freiheitliche „Radikale“ wandten sich also gegen das Establishment, verabscheuten die Fake-News der von der Obrigkeit bezahlten „Fürstenknechte“ und lehnten die „Grundsätze und Irrlehren der Zwingherrschaft, Knechtschaft, Unfreiheit, Geheimkrämerei, […] Unschönheit und Untugend – alle Schmach des Lebens und des Vaterlandes“ entschieden ab. Sie brannten für den Grundsatz: „So viel Staat wie nötig, so viel Freiheit wie möglich“.[3]

Zu eng war das Korsett der alten Ideen. Österreich wurde zum Brennpunkt im Kampf um Freiheit und Bürgerrechte und noch im selben Jahr entfachten Wiener Studenten eine Revolution, die bis hinein in die Arbeiterschaft Unterstützung fand. Es ging ihnen dabei, ganz im Sinne einer europäischen Idee der freien Völker, auch um die Befreiung der Italiener, der Ungarn und der Slawenvölker vom Joch des habsburgischen „Establishments“.[4]

Naturgemäß ließ sich die Obrigkeit all das nicht lange bieten und verbot die „radikale“ und aufstrebende freiheitliche Bewegung. Doch die Zeit dieser Idee war gekommen. Im Untergrund bildeten sich freisinnige Kreise und Zirkel, darunter Burschenschaften, Gesangs- und Turnvereine. Es brodelte. 

Die Zeiten haben sich geändert, die Herausforderungen bleiben die gleichen. Dieses Mal sind es Verfechter der Autokratie, die im Sinne einer globalen Nutzbarmachung ungebundenen Humankapitals, einen auf ihren Tauschwert reduzierten Einheitsmenschen anstreben. Es sind diejenigen, die das zunehmende Unbehagen über die fehlgeschlagene Integration bzw. die anhaltende Masseneinwanderung ignorieren oder als irrationale „Ängste“ abtun und offen weiteren Familiennachzug propagieren.[5] 

Es sind diejenigen, die nichts empfinden, wenn es um unser historisches, kulturelles und religiöses Erbe geht. Es sind auch diejenigen, die sich einem aufgeklärten freiheitlichen Europa entgegenstellen und sich wie die monarchische Klasse gebärden. Wieder sind es Irrlehren der Zwingherrschaft, Knechtschaft, Unfreiheit, Unschönheit und Untugend, die Widerstand erfordern.

Und wieder einmal sind es freiheitliche Streiter, die im Sinne der aufgeklärten Welt, der irrationalen „Mutter“ (Merkel) und ihrer verhaltensauffälligen „Kinder“ entgegenhalten, und wieder ist es der freiheitliche Geist, der gegen scheinbar übermächtige Strukturen in die Bresche springt und gegen ein übernationales/überregionales „Establishment“ ficht. 

In Österreich ist der Untergang des Abendlandes vorübergehend abgesagt. Hier wurde der Wunsch nach Freiheit, Verantwortung, Recht, Gerechtigkeit, Frieden, Heimat, Identität, Familie, Wohlstand, sozialem Gleichgewicht, Weltoffenheit, Eigenständigkeit und nach einem Europa der Vielfalt der Rücken gestärkt und ermöglichte eine freiheitliche Regierungsbeteiligung.[6]

Die Absage an den Untergang erfolgte aber nur vorübergehend und gilt daher nur als aufgeschoben. Denn in erster Linie ist es nicht die Masseneinwanderung, die Europas hellen Stern sinken lässt. Es sind Dekadenzerscheinungen, selektive Toleranz, die nur dem Neuen und Fremden gegenüber zur Pflicht gemacht wird. Es ist der Abschied von europäischem Kunst- und Kulturverständnis, das in der griechisch-römischen Antike wurzelt und das durch Humanismus und Aufklärung eine Qualität und Reife erlangt hat, welche sonst höchstens noch im Fernen Osten anzutreffen ist.[7] 

Es ist immer eine persönliche Entscheidung. Politik kann nur (wertvolle und wichtige) Rahmenbedingungen schaffen, es sind aber die persönlichen Entscheidungen, die Werten und Zielen Nahrung geben. Was werden wir antworten, wenn uns in spätestens 50 Jahren die Frage ereilt: „Warum habt ihr aus falscher Duldsamkeit die Ideale der Aufklärung zugunsten archaischer, radikaler und mit Gewalt gepaarter Gesellschaften verraten und vorgegaukelt, es handle sich nur um marginale Auswüchse einer importierten Kultur, die voll zu respektieren sei?[8] Es ist die persönliche Frage: „Was hast du persönlich für die Veränderung getan?“ 

Das Kreuz in der Wahlkabine ist nur ein Schritt zur gewünschten Veränderung, denn Politiker gewinnen Wahlen erst durch das Aufbereiten von bereits vorhandenen Stimmungen bzw. Einstellungen[9] und ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen erfordert verbindliche Regeln und Verfahren, die solche Regeln schaffen.[10] Damit Demokratie funktioniert, braucht es politisch interessierte, aufgeklärte und kritische Bürger, die als Wähler bewusst ihre Stimme abgeben.[11] Und das bedeutet und erfordert ein „kritisches Du“ und ein „kritisches Ich“.

Freiheitlich sein bedeutet immer auch eigenverantwortliches Handeln. Nähren wir also weiter einen kritisch-freiheitlichen Geist, der sich seinen Weg bahnt zwischen evolutionärer Entwicklung und revolutionärer Veränderung,[12] ganz im Sinne des freiheitlich aufgeklärten Geistes, der in Europa schon so vieles bewirkt hat.

Anmerkungen

[1] Dieses Thema behandelt Dieter Grillmayer in: Die Dritte Kraft mit neuem Schwung. Österreichs Innenpolitik 2006–2016 im internationalen Kontext. Wien: Edition GENIUS 2017. Wer sich im Detail mit der „Geschichte des freiheitlichen Geistes“ in Europa auseinandersetzen möchte, dem sei dieses Werk sehr ans Herz gelegt. www.genius.co.at/index.php. Dieser Text erschien auch im „Attersee Report“ Nr. 15, Juni 2018, S. 15f.

[2] Ebd. S. 13f.

[3] Ebd. S. 14.

[4] Ebd. S. 16.

[5] Hoewer, J.: „Da! Ein Mensch!“ im „Attersee Report“ Nr. 15, Juni 2018, S. 12.

[6] Vgl. Parteiprogramm der Freiheitlichen Partei Österreich (FPÖ).

[7] Grillmayer: Die Dritte Kraft. S. 251.

[8] Ebd. S. 251.

[9] Ebd. S. 241.

[10] Ebd. S. 233.

[11] Ebd. S. 235.

[12] Ebd. S. 226.

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. September 2018

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