Der Wahnsinn hat Methode


Zwischen Hebriden und Karpatenbogen machen sich weitere Fliehkräfte bemerkbar 

 
Von Wolfgang Caspart

Nicht nur alte Konfuzianer wissen, dass zunächst die Namen, Begriffe und Worte, also die Sprache, richtig gestellt werden müssen.[1] Dasselbe fordert der erste Satz der Logik genauso. In linguistischer Rücksichtnahme werden in der neomarxistischen „political correctness“ (pc oder PC) die Begriffe umgedeutet: Arme werden zu Bedürftigen und diese wieder zu Unterprivilegierten und diese zu Benachteiligten. Sie wohnen in keinem Slum, sondern in einem kulturell deprivierten Milieu. Kranke und Invalide werden zu Behinderten, dann Entfähigten und schließlich Andersbefähigten oder körperlich bzw. geistig Herausgeforderten. Aus Indianern werden ,,Native Americans“, aus Juden jüdische Personen, aus Alten Ältere oder Senioren, aus illegalen Ausländern ausweislose Bewohner oder Mitbürger, aus militärischen Interventionen friedenserhaltende Maßnahmen und aus Krieg ,,peace-reinforcement“. Die Sprachentwicklung führt vom ,,Neger“ zum Nichtweißen, Schwarzen, Farbigen oder in Amerika zum „Afroamerikaner“. Je farbloser, verwaschener, umständlicher, abstrakter und blasser ein Begriff wird, desto „korrekter“ ist er geworden. Der ideologische wie semantische Kampf um die Sprache stellt den Kampf um die Interpretation der Wirklichkeit dar. Er wird zum Kampf um die Philosophie und erzeugt über die Interpretation eine neue „Wirklichkeit“ oder „Wahrheit“.

Die unscharfe Meinungsdiktatur

Der Meinungsdruck massierter Gutwilligkeit im Namen eines kaum oder gar nicht verschleierten Neomarxismus hat längst überall Fuß gefasst. Doch im Widerspruch zum alten Histomat (Anm. d. Red.: Historischer Materialismus) und Diamat (Anm. d. Red.: Dialektischer Materialismus) stellt die PC wie der „Antifaschismus“ keine irgendwo kodifizierte Lehre dar. Die PC lässt sich nirgendwo exakt nachlesen, enthält kein fest umrissenes Repertoire an stringenten Thesen und ist ständig im Fluss. Da sich nur ahnen und erspüren lässt, was nun ,,politisch korrekt“ sein soll, müssen nach dem Weberschen Gesetz bei anhaltender Dauer Gefühle ständig verstärkt werden, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Die PC trägt die Tendenz zunehmender Übertreibung, Radikalisierung und Extremisierung in sich.[2] Weil sich der PC-Kulturbolschewismus nicht definieren lässt und einem fortwährenden Entwicklungsprozess unterliegt, eignet er sich bestens als denunzierfähige Stimmungsknute. Die untereinander einigen „Opferanwälte“ können munter an der Schraube ihrer neomarxistischen ,,Sensibilität“ und „Betroffenheit“ drehen.

In weiterer Folge wird, was ,,politisch korrekt“ sein soll, zugleich als ,,demokratisch“ sakrosankt gestellt, alles andere hingegen als ,,faschistisch“ perhorresziert. Damit steht im Grunde schon das Grundgerüst der politisch ,,richtig bewussten“ Neusprache fest. Durch die Gleichstellung von Neomarxismus = pc = Demokratie werden zudem die naiven Radikaldemokraten noch ins gemeinsame ,,Opferboot“ geholt. Diese pc ,,wehrhafte Demokratie“ stellt zugleich die Gegenrechnung auf: Konservative = Abendländer = Fundamentalisten (Christen, aber auch Muslime etc.) = Traditionalisten = weiße Phallokraten = Nationalisten = Imperialisten = Rassisten = Ausbeuter = Sexisten = Unterdrücker = Faschisten. 

Demokratische Zensur

Weil das alles doch kein wahrer Demokrat sein will, muss er flugs ins gemeinsame PC-Nest der ,,Aufrechten“, ,,Betroffenen“ und ,,Beschützer der Verfolgten“ steigen. Dass mit dieser Gleichsetzung die Adepten der PC längst den Ton angeben und die bewussten Nichtmarxisten zur eigentlich schützenswerten Minderheit bzw. zur ausgegrenzten ,,Opfergruppe“ geworden sind, wird geflissentlich übersehen. Im Kreis des „Sensiblen“ profiliert sich natürlich am meisten, wer immer neue politische Unkorrektheiten zu wittern in der Lage ist.

Im Namen des pc Neomarxismus dürfen nicht bloß politisch Andersdenkende diskreditiert, sondern ganze Wissenschaftszweige zensiert werden:[3] selbstverständlich Biologie, Humangenetik, Keimbahntherapie und Eugenik, aber auch Erbtheorie, Intelligenzforschung, Elitendidaktik und Volkskunde, oder Nukleartechnologie, Geopolitik und Strategie, dann Naturrecht, konkretes Ordnungsdenken (nach Carl Schmitt)[4] sowie selbstredend Theologie (mit Ausnahme der junghegelianischen Tübinger Schule),[5] klassische und Volksmusik, klassische Kunst und Literatur[6] oder Altphilologie. ,,Harte“ Fächer sind aus pc Sicht immer suspekt[7]; da eignet sich das Fach Geschichte besser, marxistisch zur konflikttheoretischen ,,Sozialkunde“ umfunktioniert zu werden,[8] wie überhaupt die ,,Volkspädagogik“ die historische Forschung ersetzt.[9] Die eigene Nationalkultur gilt nichts und hat in der Multikulturalität aufzugehen,[10] doch um die Identität jedes Stammes in Afrika, Südamerika oder Neuguinea kämpfen die 68er-Kulturrevolutionäre unverdrossen. Männer haben sich möglichst effeminiert zu geben, dafür ist es pc, wenn sich Frauen maskulin und als die besseren Männer gerieren.

Gender Mainstreaming

Westlichen Frauengruppen, nicht repräsentativen NGOs und feministischen pressure groups gelang es auf der 4. UN-Frauenkonferenz 1995 in Peking, unter Übertölpelung der Frauenvertreter vor allem der Dritten Welt, die eigentlich etwas anderes wünschten, Gender Mainstreaming (kurz GM) zu einem offiziellen weltweiten Sozialziel durchzusetzen und die Geschlechterdifferenzierung von Mann und Frau sowie die Heterosexualität als Norm offiziell aufzuheben. Die Grundvorstellung des GM liegt in der milieutheoretischen Auffassung, dass unabhängig vom biologischen Geschlecht die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschlechtsrollen von Männern und Frauen erlernt und damit veränderbar seien. Jeder soll durch GM ein neues „soziales Geschlecht“ bekommen, ein „Gender“, das er selbst bestimmen kann, und dies völlig unabhängig von seinem biologischen Geschlecht. Somatische und hormonelle Unterschiede dürfen keine Rolle mehr spielen. 

Prompt wurde GM 1999 in Deutschland von der rot-grünen Bundesregierung zum „durchgängigen Leitprinzip“ erhoben. Das allzeit bereite Europaparlament hat mit Entschließung B6-0025/2006 vom 18. Januar 2006 angekündigt, dass es die „Homophobie“ wie die „Xenophobie“ ausmerzen will.[11] Eine neue Wunderwaffe zur Destruktion, Entwurzelung und Manipulierung der Menschen steht jetzt für weltverbessernde Kulturvernichter in Form hochoffiziell geförderter Perversionen zur Verfügung. Die letzte Konsequenz mündet in der Forderung nach dem kompletten Umbau der Gesellschaft, ja rundweg nach einer Neuerfindung der Menschheit. 

Zivilisatorischer Kahlschlag 

Am erfolgreichsten ist die kulturbolschewistische Strategie, die Gutwilligen laufend für die Gleichheit zu ,,sensibilisieren“. Die „Schweigespirale“ des durch Isolationsangst hervorgerufenen Konformitätsdrucks bestimmt das öffentliche Verhalten des „mündigen“ Bürgers und führt aufgrund seines Konsonanzstrebens allmählich zu sozial selektiven Wahrnehmungs- und Beeinflussungsprozessen.[12] Die schwammige ,,Betroffenheit“ fördert die Untertanenmentalität im Dienste des Neomarxismus. Wer ,,dazu gehören“, Karriere machen, am Laufenden bleiben und nicht von gestern sein will, verinnerlicht die kulturbolschewistische PC. Das inhärente Entwicklungspotential der PC sorgt selbsttätig für die ,,dialektische“ Anpassung je nach aktueller Phase des ,,revolutionären Bewusstseins“. 

Der eigentliche Zweck der Übung ist der zivilisatorische Kahlschlag aller sinnvermittelnden Identitäten. Der ressentimentgeladene Kulturbolschewismus hat zwar das allgemeine Meinungsklima und die politische „Mitte“ nach links verrückt, aber in keinerlei Weise dem Kapitalismus geschadet. Er brachte nicht den geringsten revolutionären Umschwung in den Besitzverhältnissen der Produktionsfaktoren, sondern hat das wirtschaftsliberale Großkapital sogar noch gefördert. Von der Zersetzung der gewachsenen Kulturen profitieren nämlich real die multinationalen Konzerne mit mehrheitlichem Sitz in den USA als die Betreiber und Nutznießer der globalen Egalität. In einer unterschiedslosen „one world“ sind Finanzströme am besten zu jonglieren und Distributionswege zu gestalten, um die Gewinnmaximierung des Großkapitals zu gewährleisten. Auch die 68er-Sozialisten erweisen sich als nützliche Idioten der Kapitalisten.[13]

(Aus „Wahnsinn mit Methode“ In: „Zur Zeit“, 18/08, Wien 2008, S. 24.)

Anmerkungen

[1] Richard Wilhelm (Übersetzer): Kungfutse. Gespräche (Lan Yü). Neuauflage. Diederichs Verlag, Düsseldorf 1982.

[2] Wolfgang Caspart: „Political Correctness“ – Das „richtige Bewusstsein“ als kulturbolschewistisch letztes Gefecht. In: Genius 1/2001, Genius Gesellschaft, Wien 2001, S 26–30.

[3] Roland Baader: Die belogene Generation. Politisch manipuliert statt zukunftsfähig informiert. Resch Verlag, Gräfelfing 1999.

[4] Carl Schmitt: Die drei Arten des rechtswissenschaftlichen Denkens. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1934.

[5] Robert Tucker: Karl Marx. Die Entwicklung seines Denkens von der Philosophie zum Mythos. Verlag C. H. Beck, München 1963.

[6] Walter Marinovic: Diktatur des Hässlichen. Kulturpolitik heute. Leopold Stocker Verlag, Graz 1995.

[7] Karl Steinbuch (Herausgeber): Diese verdammte Technik. Tatsachen gegen Demagogie. Mit Beiträgen von Hans-Herrmann Cramer u. a. Herbig Verlag, München 1980.

[8] Klaus J. Groth und Joachim Schäfer: Eingetrichtert. Die tägliche Manipulation unserer Kinder im Klassenzimmer. Universitas Verlag, München 1999.

[9] Wolfgang Caspart: Volkspädagogische Zeitgeschichte und Geschichtswissenschaft – Eine kurze wissenschaftstheoretische Betrachtung. In: Genius 2/2002, Genius Gesellschaft, Wien 2002, S. 108–109.

[10] Joachim Schäfer: Durchgedreht. Fällt Deutschland unter die Räuber? Aton Verlag, Unna 2001.

[11] Gabriele Kuby: Verstaatlichung der Erziehung. Auf dem Weg zum neuen Gender-Menschen. FE-Mediezverlag, Kißlegg 2007.

[12] Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. 6., erweiterte Neuauflage. Langen Müller Verlag, München 2001.

[13] Wolfgang Caspart: Der Marxismus. Von der Weltrevolution zur Politischen Korrektheit. Eckartschrift 165. Österreichische Landsmannschaft, Wien 2003 S. 85 ff.

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. September 2018

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft