Die Macht der Geographie


Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt. Verfasst von Tim Marshall, Dtv, 7. Auflage 2017, ISBN 978-3-423-34917-8, 322 Seiten

 
Eine Buchbesprechung von Bertram Schurian

Tim Marshall ist, wie auf der ersten Seite des Buches steht, ein anerkannter Experte für Außenpolitik. Sowohl für „Sky News“ und die „BBC“ hat er aus mehr als dreißig Ländern berichtet und dabei mit eigenen Augen gesehen, was sich in den Krisengebieten Afghanistan, Syrien und Israel bzw. Palästina abspielt. Seine Einsichten sind also von Gewicht, und die hat er in diesem Buch leicht verständlich zusammengefasst. 

Er erklärt uns, warum die USA zur Weltmacht prädestiniert sind und Russland nicht; China könnte wieder eine werden. Ähnliche Voraussetzungen zur Weltmacht wie die USA hatte und hat auch Europa. Marshall erklärt auch warum, denn Europa als der westliche Vorposten der großen eurasischen Landmasse war und ist die Geburtsstätte der Aufklärung, die wiederum zur industriellen Revolution führte, und deren Resultat wir täglich um uns herum beobachten können. 

Meiner Meinung nach bleibt in seinem Kapitel über Westeuropa die Rolle Deutschlands, der Schweiz, Norditaliens und der Tschechei als Motor der industriellen Revolution unterbelichtet. Die so genannte Kriegslust Deutschlands wird aus seiner geographischen Lage erklärt. Diese angeblich besondere Kriegslust ist meiner Meinung nach völlig abstrus, wenn man bedenkt, wieviele Kriege durch England und Frankreich angezettelt wurden. Die Analyse über Westeuropa stimmt im Übrigen mit meiner Wahrnehmung als langjähriger Beobachter der Szene überein.

Im Kapitel „Der Nahe Osten“ wird eine interessante Analyse über den Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten gegeben. Dieser schon seit Jahrhunderten andauernde Konflikt wurde aber auch durch Interventionen fremder militärischer Mächte stark angefacht. Der Verfasser berichtet auch, wie wenig Verständnis in Europa und den USA über die Lage der islamischen Länder herrscht, und welch verheerender Einfluss von den Kolonialmächten Frankreich und England im Nahen Osten ausging. 

Von nicht wenigen westlichen Journalisten wird viel Unsinn über den Islam verbreitet. Nach Meinung Marshalls sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass der Gegensatz zwischen Christentum und Islam unüberbrückbar ist. Radikale Kräfte im Islam hassen die jüdischen und christlichen Auffassungen darüber, wie das Leben im Allgemeinen zu gestalten sei. Außerdem sollte man nicht übersehen, dass in den islamischen Ländern einerseits die radikalen Elemente ebenso sehr verachtet werden wie andererseits die westlichen Lebensauffassungen. Jedenfalls ist der Autor der Meinung, dass die radikalen Elemente des Islams Europa, Asien und die Vereinigten Staaten noch lange Zeit beschäftigen werden. Denn diese Kräfte hassen alles Westliche, wie der Verfasser betont, und er kritisiert die naiven Journalisten aus dem Westen, die von einem „arabischen Frühling“ phantasierten, der gleichsam über Nacht Demokratie und rechtsstaatliche Ordnung in diese Länder bringen sollte. Was wirklich geschehen ist, lässt sich seit Längerem im Nahen Osten beobachten.

Im Nachwort meint Marshall noch anmerken zu müssen, dass im Nahen Osten Kriege um die Wasserrechte speziell um den Euphrat zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak ausbrechen können; ebenso wie zwischen Ägypten, dem Sudan und Äthiopien um die Wasserrechte des Nils.

Lateinamerika und die USA

Im Kapitel über Lateinamerika zeichnet er mit viel Gefühl für Details, wie die Vereinigten Staaten seit Einführung der Monroe-Doktrin im Jahre 1823 ihre Nachbarn im Süden des Kontinents behandelt haben. Militärisch haben die USA mehr als 50 Mal seit Einführung der Monroe-Doktrin in Lateinamerika interveniert. Um noch einmal das Thema „Kriegslust“ anzuschneiden: Hier wird ein Beispiel erzählt, das erklärt, warum das Verhältnis der USA zu seinen Nachbarn im Süden mehr als problematisch ist. Dank des starken wirtschaftlichen Einflusses von China in Südamerika sind militärische Interventionen der USA in dieser Region heute nicht mehr so ohne Weiteres möglich. 

Afrika hinkt weit hinterher

Hoch interessant ist Marshalls Analyse über Afrika und die Ursachen, warum dieser Kontinent so hinter allen Entwicklungen der modernen Welt hinterherhinkt und alle Bestrebungen der westlichen Welt bisher wenig bis nichts zum Besseren in Afrika beigetragen haben. Die wirtschaftlichen Interventionen Chinas in Afrika, die hauptsächlich in Infrastrukturprojekte für Afrika gehen, könnten etwas Positives bewirken. Doch Afrika ist mit so vielen Entwicklungshindernissen belastet, dass es wahrscheinlich noch lange Zeit in vielerlei Hinsicht hinterherhinken wird, obwohl die technologische Entwicklung im Internet-Bereich viele der Handikaps sanfter machen könnte bzw. kann.

Wirklich bemerkenswert ist auch seine Analyse über Korea und dessen Verbindungen mit dem asiatischen Umfeld. Es bedurfte tatsächlich eines amerikanischen Präsidenten wie Donald Trump, um in dieser höchst komplizierten Lage einen Anstoß zu einer Lösung auszulösen. Jedenfalls beschritt Trump neue und gangbare Wege. Ob dies zu irgendetwas Friedlichem führen wird, wird sich allerdings erst in Zukunft zeigen. 

Im Kapital über die Arktis, die reich an Naturschätzen ist, deren Entwicklung jedoch wegen der lebensfeindlichen Umstände äußerst kostspielig ist, meint der Buchautor, dass Russland seine Präsenz in den letzten zehn Jahren in diesem Gebiet stark ausgeweitet und gegenüber den USA praktisch einen nicht mehr einzuholenden Vorsprung errungen habe. Die USA hätten neben Afrika auch die Arktis schwer vernachlässigt und sich anderswo in nutzlosen Kriegen verzettelt.

Fazit

Tim Marshall zeigt in seinem Buch Zusammenhänge auf, die auf den ersten Blick nicht so ersichtlich sind, jedoch durch seine Analysen einsichtig werden. Für alle, die gerne ein bisschen gründlicher informiert sein wollen und den Bezug zum heutigen Geschehen in manchen Gebieten noch nicht so recht verstehen, ist dieses Buch wichtig zum besseren Verständnis des Weltgeschehens.

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. September 2018

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