Sind wir alle Migranten?


Kritische Anmerkungen zu Isolde Charims Buch „Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“ (Zsolnay-Verlag Wien 2018, 223 S.)

 
Eine Buchbesprechung von Hans-Joachim Schönknecht

Eine gewagte These ...

Auf dem sogenannten Integrationsgipfel der deutschen Bundesregierung im Juni 2018 zeigten die Fernsehbilder Seite an Seite mit der Bundeskanzlerin, sozusagen an höchster Stelle, die Journalistin Ferda Ataman, Vorsitzende der Neuen Deutschen Organisationen, einem „Netzwerk für Vielfalt und Gleichberechtigung von Menschen aus Einwandererfamilien“. In der aktuellen Zuwanderungsdebatte vertritt Ataman die These: „Migration ist kein Ausnahmezustand – sondern Normalzustand.“

Die Behauptung ist bemerkenswert, folgt aus ihr doch, wenn man sie weiterdenkt, dass umgekehrt Sesshaftigkeit der Ausnahmefall ist, ein zufälliger Umstand, und dass wir im Grunde alle Migranten sind!

Dies bedeutet zum Beispiel: Da, wo Österreicher und Deutsche, Italiener und Franzosen, Engländer und Spanier wohnen, da sind sie nur zufällig, an ihrer Stelle könnten auch ganz andere sitzen, und in der Tat haben ja, um nur ein historisches Beispiel zu nennen, die Türken zweimal vor Wien gestanden. 

Zutreffend an Atamans Auffassung ist, dass es immer Migration gegeben hat, auch in Europa: Die „Völkerwanderungen“ der Spätantike und des frühen Mittelalters haben diesem Zeitabschnitt den Namen gegeben und ihn definiert. Dadurch wurden die schon durch die römische Eroberung aus ihrer Separatexistenz gerissenen Autochthonen endgültig durchmischt, bevor sich im Laufe der Jahrhunderte neue Völker und nationale Strukturen herausbildeten. Auch die Besiedelung Nordamerikas durch europäische Auswanderer (sowie die dadurch bedingte Verdrängung der Urbevölkerung) war natürlich eine Migrationsbewegung größten Stils. Eine klare Grenze zwischen „bloßer“ Migration und feindlicher Eroberung lässt sich demnach nicht ziehen, und Einwanderung bedeutet Unterwanderung. Dessen sollten die Europäer eingedenk sein.

Gegen Atamans These von der Migration als Normalfall muss natürlich eingewendet werden, dass alle Wanderungen immer wieder zu Sesshaftigkeit und zur Bildung von geographisch klar definierten und politisch stabilen Gebilden, sprich: Staaten, geführt haben, die den Zuzug in ihr Territorium aus wohlbegründetem Eigeninteresse kontrolliert und begrenzt haben. Der in Atamans Migrationsthese implizierte Anspruch, die Erde als ein durch keinerlei politische Grenzen bestimmtes Territorium zu betrachten, wo Menschengruppen nach Belieben in den Bereich anderer Bevölkerungen sollten zuziehen dürfen, ist eine schlichte Unverschämtheit und zudem utopisch, insofern dabei, wie wir täglich beobachten können, gewachsene Mentalitäten konfliktträchtig aufeinanderprallen. Die verständliche und angemessene Reaktion auf solche Wanderungsbewegungen ist folglich die Abwehr, zumindest strikte Kontrolle und zahlenmäßige Begrenzung. Dies ist auch weltweit politische Selbstverständlichkeit, lediglich in bestimmten Ländern Westeuropas verweigern sich linke, utopisch gestimmte, zum Teil auch christlich motivierte Minderheiten unter der verfehlten Berufung auf allgemeine Menschenrechte dieser Einsicht. Ihnen erscheint bereits die schlichte Feststellung „Wir können nicht alle aufnehmen“ als moralisches und politisches Versagen.

... und deren philosophische Begründung

Ein theoretisches Äquivalent der von Ataman repräsentierten politischen Tendenz stellt die genannte Schrift der im Jahr 2006 mit dem Publizistikpreis der Stadt Wien ausgezeichneten und seit 2007 als Kuratorin am Bruno-Kreisky-Forum tätige Wiener Philosophin und Journalistin Isolde Charim dar. Charim wurde bekannt als Mitherausgeberin der österreichkritischen Schrift Österreich: Berichte aus Quarantanien (Suhrkamp 2000) – der Titel steht in der Tradition von Musils karikierender Wortschöpfung „Kakanien“ für das k.u.k. Österreich – sowie durch ihre gegen das Regierungsbündnis von ÖVP und FPÖ gerichtete Gründung der Demokratischen Offensive, die im Februar 2000 ca. 100.000 Menschen (nach Wikipedia) zu einer Protestdemonstration auf dem Wiener Heldenplatz zusammenbrachte. Für das im Folgenden zu besprechende Buch wurde Isolde Charim der vom Forschungsinstitut für Philosophie der Universität Hannover ausgesetzte Buchpreis für Philosophie zuerkannt, der ihr im Herbst 2018 im Dom zu Hildesheim überreicht werden soll. Unsere Rezension ist also aktuell.

Die Kernthese von Charims Buch bildet ihre Überzeugung, dass wir heute in Westeuropa (und nicht nur dort) in ethnisch „gemischten Gesellschaften“ (S. 31) und damit in einer „pluralisierten Gesellschaft“ leben, und dass es „keinen Weg zurück in eine nicht-pluralisierte, in eine homogene Gesellschaft“ gibt (S. 11). Das bedeutet für sie auch, dass es keine dominierende Kultur mehr geben kann: „In gemischten Gesellschaften steht jede Kultur neben anderen Kulturen“ (S. 31). Dialektisch spitzfindig verwirft sie die Idee einer „Leitkultur“ (S. 33), der sich die Zugewanderten anpassen, in die sie sich integrieren müssen, mit dem Hinweis, der Versuch, überkommene kulturelle Selbstverständlichkeiten zu retten, sei selbst ein Indiz für deren eingetretenen Verlust. Will Charim uns glauben machen, dass beispielsweise die islamische Abwertung der Frau, die Zwangsheiraten, die mit gefälschten Attesten erreichte Befreiung der Mädchen vom Sportunterricht oder gar der von einer belgischen muslimischen Initiative geforderte, nach Geschlechtern getrennte Personennahverkehr von der Mehrheitsgesellschaft bloß zu akzeptieren seien?

Charims These der gesellschaftlichen Pluralität ist an sich nicht aufregend, gehört doch der Gedanke des Pluralismus, der Vielfalt etwa der religiösen Bekenntnisse, der persönlichen Weltanschauungen und Lebensentwürfe zum Selbstverständnis freiheitlicher Gesellschaften. Allerdings sind Pluralität wie auch die hier als Gegenbegriff gesetzte Homogenität graduierbare Begriffe, und zwischen der erzwungenen Homogenität einer faschistischen oder kommunistischen Diktatur, die nur noch im Inneren des Menschen Platz für Abweichung lässt, und der unüberschaubaren Heterogenität der privaten Kaprizen einer ultraliberalen Gesellschaft wie der unseren ist ein himmelweiter Unterschied und liegen eine Menge Abstufungen – und nach klassischer aristotelischer Auffassung gilt es, die rechte Mitte zwischen den Extremen von Diktatur und Anarchie zu finden.

Die Suche nach der Mitte ist jedoch Charims Sache nicht. Ihre Metaphorik des politischen Raums kennt, wie bei allen Extremisten, keine Mitte, sondern nur Links und Rechts, entspricht also dem Freund-Feind-Schema. Da sie links und antiautoritär fühlt und denkt, steht der Feind rechts, und Rechts ist jeder, der nicht denkt wie sie. Deshalb denunziert sie die Rückbesinnung auf nationale Souveränität als „Rechtspopulismus“, dem sie als „zentraler Abwehr der Pluralisierung im Politischen“ (S. 137) psychopathische Züge andichtet und dem sie eben die „Freund-Feind-Konstellation“ (ebd.) unterstellt, der sie selbst uneingestanden unterliegt. Als teuflische, egomanische Verkörperungen derartiger Gesinnung stehen für sie die Namen Haider und Trump (S. 153), denen sie, ohne groß zu differenzieren, noch die Namen Putin, Erdogan oder Orbán (S. 163) hinzufügt. Die Anhänger solcher Politiker aber, die man heute „als Trump-, Front-National- oder FPÖ-Wähler wiederfindet“ (S. 204), seien die von der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung abgehängten „weißen Männer“, die „white heterosexual males“ (S. 193), die ihren Bedeutungsverlust in der emanzipativen Gesellschaft als „Kränkung“ erlebten und deshalb mit Abwehr aller Veränderungen reagierten. Solche sozialpsychologische Stigmatisierung von politischen Gegnern ist ein bekanntes Muster totalitären Denkens.

Charims sozialpolitisches Ideal ist die hyperpluralisierte, die schrankenlos individualisierte Gesellschaft, die sich für sie verkörpert in der schönen, der „atheistischen, säkularen, demokratischen 68er-Welt“ (S. 178), in deren Folge „der Westen zunehmend feministisch, homosexuell, pluralistisch, säkular und eben politisch korrekt [wurde]“ (S. 178) – eine Welt, die jedoch von zwei Seiten „bedroht“ ist: von Islamisten und von Rassisten. Das bedeutet: Jeder, der die anarchischen Gesellschaftsvorstellungen der 68er-Bewegung ablehnt, fällt unter eine der beiden Kategorien.

Charims Versuch der Beseitigung der Begriffe „Volk“ und „Nation“

Die Migrationsfrage betreffend, begnügt Charim sich nicht mit der Feststellung, dass wir in gemischten Gesellschaften leben und mit der Denunzierung derer, die grenzenlose Migration ablehnen, als Verlierer. Sie versucht vielmehr, die gegen solche Tendenzen angeführten Argumente unwirksam zu machen, indem sie diejenigen Begriffe kritisch destruiert, in denen Menschen ihre kollektive Identität zum Ausdruck bringen.

Dass zu diesem Zweck der alte identitätsstiftende Begriff des Volkes eliminiert werden muss, versteht sich da fast von selbst: Volk, das ist „jene Kategorie, die in der Demokratie unbedingt leer bleiben muss […], die sich nicht konkretisieren darf“ (S. 158), also deren Sinn und Bedeutung zu beseitigen sind. Dass über dem Berliner Reichstag immer noch das Motto Dem deutschen Volke steht, und zwar als Ausdruck der Volkssouveränität, reflektiert die Autorin ebenso wenig wie die Tatsache, dass die deutsche Revolution von 1989, die Selbstbefreiung der Ostdeutschen von jahrzehntelanger Unterdrückung, unter dem Motto stand: „Wir sind das Volk“ bzw. „Wir sind ein Volk“. Die Beispiele zeigen aber, dass dieser historisch gewiss nicht unbelastete Begriff des Volkes, der noch die Assoziation früher Gemeinschaft in die Vergesellschaftung einbringt, seine verbindende Funktion nicht verloren hat. Aber es ist klar: Volk ist ein Begriff mit Exklusionscharakter, zum Volk gehören niemals alle Menschen, und deshalb muss er im Sinne der ebenso individualistischen wie universalistischen Ideologie der Autorin aus der Sprache und unserer Vorstellungswelt verschwinden. 

Was allerdings der restlosen Pluralisierung und der totalen territorialen Durchlässigkeit hindernd im Wege steht, ist die Existenz nationaler Staaten und die Identifikation ihrer Bevölkerungsmehrheit („Mehrheitsgesellschaft“, S. 120) mit der nationalen Zugehörigkeit. Die Gesellschaft als die Gesamtheit der Individuen organisiert sich bis heute entlang nationaler Grenzen. Deshalb gilt es vor allem den Begriff der Nation zu destruieren, das heißt, als identitätsstiftendes Motiv und damit als politisches Ordnungsprinzip unbrauchbar zu machen. Wie aber gelingt eine derartige Destruktion? Nun, einfach dadurch, dass man den Nachweis zu führen versucht, dass es die Nation eigentlich gar nicht gibt.

Zwar sind Nationen gewiss keine natürlichen, etwa in der menschlichen Physis oder der physischen Topographie fundierten Gebilde, und ebenso wenig glaubt jemand heute noch, dass sie durch göttlichen Ratschluss eingerichtet und einem begnadeten Verwalter in Gestalt von König oder Kaiser zu weiser Lenkung und zu Nutz und Frommen der Untertanen anvertraut wurden – dieser Glaube war einmal. Selbstverständlich sind Nationen Veranstaltungen von Menschen, in schweren Kämpfen und in der Verfolgung bestimmter Ideale, aber immer auch aus Machtinteressen entstanden und auch wieder vergehend. Es sind geschichtlich gewordene Verbände, die jedoch tief in alten, gewachsenen Identitäten volk- und stammeshafter sowie religiöser Art wurzeln und für die vor allem die gemeinschaftliche Sprache als Basis der Kultur der einigende Faktor ist. Gewiss sind Nationen keine Endzwecke, und seit der Aufklärung kursiert die Idee, Nationalstaaten in übernationalen politischen Gebilden, gar in einem kosmopolitischen Weltstaat aufgehen zu lassen, eine Idee, die in den Bemühungen um ein geeintes Europa ihre Aktualität, aber auch die Kompliziertheit der Umsetzung erweist. 

Wie stark aber der nationale Impuls in den Menschen sein kann, zeigen die erbitterten Kämpfe sowohl von Bevölkerungen, die nationale Selbstständigkeit erstreben, wie Katalanen, Basken, Schotten, Kurden, Palästinenser, als auch bei solchen, die ihre Eigenstaatlichkeit und nationale Identität bedroht sehen wie die Israelis oder, nicht fern von uns, die kleinen baltischen Republiken, die unter der russischen Bedrohung leben müssen. Schließlich sei mit den Südtirolern eine Volksgruppe genannt, deren nationales Gefühl trotz gewährter Sonderrechte unter der gewaltsamen Trennung vom Mutterland leidet und die sich zurecht der vollen sprachlichen Integration verweigern. Und immer spielt neben dem Anspruch auf die Muttersprache, ohne die unser Selbst gar nicht funktioniert, auch die gemeinsame kulturelle Tradition – Religion, Bräuche, Künste usw. – eine wesentliche Rolle als Organ der Integration.

Eine geschichtsblinde Betrachtungsweise

All dies blendet die Autorin aus. In Orientierung an nietzscheanisch und marxistisch gefärbten postmodernen Theorien verabsolutiert sie in ihrer Genealogie des Nationalen das neben den Idealen zweifellos auch mitspielende Moment der Repression: „Die Nationenbildung war eine künstliche Vereinheitlichung. Eine Vereinheitlichung, die erst durchgesetzt werden musste. Durchgesetzt gegen eine vorhandene Vielfalt. Dazu bedurfte es eines massiven Vorgehens“ (S. 12).

So ist für Charim die Nation nichts als eine „imagined community“ S. 14), eine Fiktion, wenn auch, weil sie dem Menschen zeitweilig zur Identität verhalf, zur Antwort auf die Frage Wer bin ich?, eine „funktionierende Fiktion“ (S. 14). Sie war, wie man postmodern zu sagen pflegt, ein Narrativ, eben das „nationale Narrativ“ (S. 19): „Sie war die politische Erzählung, um die Massen zu einer Gesellschaft zu machen.“ (S. 14).

Mit dieser Formulierung entlarvt aber die Autorin weniger den fiktiven Charakter des nationalen als ihre eigene ideologische Befangenheit. Indem Charim der Nationbildung nur bloße, undifferenzierte Massen vorangehen lässt, schneidet sie die Nation von ihren historischen Wurzeln ab. Sie legt aber mit dieser Verkürzung ein erhebliches Maß an Geschichtsblindheit an den Tag. Denn vor Entstehung der Nationen war bekanntlich die christliche Religion das große Bindemittel zwischen den Menschen, sie war es, die den Begriff des Abendlandes mit Sinn erfüllte – und sie war in der Tat ein großes Narrativ, das auch für die national getrennten Menschen Europas eine verbindende Kraft darstellte. Aus ihr ging in Verbindung mit der griechisch-römischen Philosophie das welthistorisch einzigartige Projekt der Humanitas hervor, als der „fortschreitenden Selbsterkenntnis und Selbstinnewerdung des Menschlichen“[1], in dessen Tradition alles Denken über den Menschen steht (dasjenige Charims eingeschlossen!) und das etwa in der islamisch geprägten Kultur kein Äquivalent besitzt.

Wenn die Autorin behauptet, „in einem Europa der (mehr oder weniger) offenen Grenzen“ sei die einst durch das Nationale garantierte „emotionale Gleichstimmung […] nicht mehr aufrechtzuerhalten“ (S. 25), so übersieht sie diesen tieferen geschichtlichen Zusammenhang zwischen den europäischen Nationen. Wenn allerdings diese europäischen Grenzen nicht nur innerhalb Europas, sondern unterschiedslos auch zu beliebigen nicht-europäischen Gebieten hin geöffnet werden, wie die eingangs erwähnte Ataman und auch die Autorin es für selbstverständlich halten, ist es mit der emotionalen Gleichstimmung in der Tat schnell vorbei. Dies ist der Fall, wenn, wie aktuell geschehen, unkontrolliert und unlimitiert Menschen aus Gesellschaften ohne freiheitliche Traditionen einwandern. Darum ist es ein Gebot der Vernunft, hier Beschränkungen vorzunehmen, so lange es noch eine Mehrheitsgesellschaft und einen diese repräsentierenden Staat gibt. Hier könnte die Autorin von dem von ihr gelegentlich zustimmend zitierten kommunitaristischen Philosophen und prominenten Vertreter der amerikanischen Progressiven Michael Walzer lernen, der jüngst in einem Interview unumwunden feststellte: „Ich glaube nicht an offene Grenzen und bin der Ansicht, dass die Länder das Recht haben, die Zuwanderung zu begrenzen.“[2]

Integration der eigenen Bürger?

Stattdessen versucht Charim, in mentalistischer Analogie zu Atamans Behauptung der Migration als Normalfall, uns glauben zu machen, wir, die Subjekte unserer Nationalstaaten, seien aufgrund der durch die Zuwanderung ausgelösten Pluralisierung in unserem Inneren „alle, ob nomadisch oder sesshaft, de-territorialisiert“ (S. 53) und es bedürfe folglich „unser aller Integration“ (S. 32). Integration ins eigene Volk und in die Herkunftsgesellschaft also! Freilich bedeutet menschliches Bewusstsein an sich schon einen stetigen integrativen Vollzug, das Aneignen des Erfahrenen, das heißt des „von außen“ Kommenden, des „Neuen“, in die eigene Person; es bedeutet Urteilen und auch den praktischen Akt des „Wählens“ (ein von der Autorin positiv besetzter Vollzug). Allerdings ist dies Wählen ein dialektischer Vorgang, zu dem, was Charim nicht erwähnt, neben der Bejahung des Zuträglichen auch die Zurückweisung des Unzuträglichen gehört.

Die Absurdität von Charims These von der notwendigen Integration aller, die der „Mehrheitsgesellschaft“ (S. 120) die gleichen Anpassungszwänge auferlegt wie den Hinzugekommenen, wird überboten durch eine groteske Fehlinterpretation von Freuds berühmter psychoanalytisch, also rein individualpsychologisch zu verstehenden Metapher, das (bewusste) Ich sei nicht Herr im eigenen Hause, will sagen, unterliege den Zwängen der Triebschicht. Charim glaubt, diese Metapher ohne Weiteres auf die politische Sphäre beziehen zu können und behauptet, die menschliche Verbundenheit mit dem Heimatland („das Land als das eigene Haus des Ichs“, S. 22) sei nur ein weiterer Effekt der nationalen Illusion.

Aber wie das private Subjekt durchaus Herr in den eigenen vier Wänden ist (sogar mit gesetzlicher Garantie), so ist auch ein nationaler Verband Herr seines Territoriums. Dies allerdings nicht kraft übernationaler Gesetze (die gibt es zwar, aber ihre Wirksamkeit ist zweifelhaft), sondern nur so weit die eigene Kraft reicht, dieses Territorium als das eigene zu behaupten. Mögliche Angriffe darauf erfolgen heute, was vielen nicht bewusst ist, nicht mehr nur mit Waffengewalt, sondern auf „weiche“ Weise, durch Zuwanderung. Ich erinnere in dem Zusammenhang an Erdogans 2017 erhobene Forderung an Deutschland, seinen hiesigen Landsleuten die doppelte Staatsbürgerschaft zu gewähren, verbunden mit der Mahnung an Letztere, ihre türkische Identität nicht preiszugeben.

Zum Schluss

Ich habe im gesamten Buch von Charim nur zwei Aussagen gefunden, denen ich inhaltlich, wenn auch nicht in der Begründung, zustimmen kann. Die erste betrifft ihre Kritik an der Aufstellung einer „türkischen Liste bei den Wiener Gemeinderatswahlen“ (S. 120). Eine solche Liste zu akzeptieren, hieße nun wirklich, sich Erdogans 5. Kolonne ins Land zu holen. Letzterer hatte bekanntlich für seine auf diktatorische Vollmachten zielenden Maßnahmen bei den Auslandstürken eine höhere Zustimmung erreicht als im Lande selbst.

Die zweite zutreffende Aussage Charims bezieht sich auf einen Effekt der 68er-Bewegung. Zustimmend stellt sie fest, die seinerzeitigen „K-Gruppen“, die kommunistischen Sektierer also, hätten „eine bürgerliche Linke erzeugt“ (S. 204) – sie gehört selbst dazu – und diese Linken „erst in die akademische und von da aus in die gesellschaftliche Umlaufbahn eingespeist“ (S. 204), was nichts anderes bedeutet, als dass diese linksgestrickte, zumeist aus Geisteswissenschaftlern bestehende akademische Elite die Meinungsmacht in Händen hält. Anders lässt sich auch die einseitige und verharmlosende, alle politischen Fragen aufs rein Menschliche reduzierende Berichterstattung über die Migrationsproblematik seitens der führenden Medien nicht erklären.

Anmerkungen

[1] Rieks: Art. Humanitas. Hist. Wörterb. d. Philosophie 3, Sp. 1231

[2] Interview mit P. Mastrolilli für La Stampa, Juni 2018

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. September 2018

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