Die offene Gesellschaft – Anspruch und Wirklichkeit


Die offene Gesellschaft – Anspruch und Wirklichkeit

 

Von Jan Mahnert

Immer wenn der Begriff „offene Gesellschaft“ fällt, werde ich hellhörig. So auch geschehen, als ich im Genius-Brief Juli–August 2018 auf Mag. Siegfried Waschnigs Aufsatz „Die entführte Aufklärung“ stieß. Mag. Waschnig erklärt darin im Kern, dass „während die Rechte erfolgreich mit dem Anti-Geist gerungen hat, vordemokratische und diktatorische Ordnungen ablehnt, ihre Unterstützung für demokratische Verfassungen betont und somit auch freiheitlich-aufklärerische Werte vertritt“, sich seitens der Linken heute Radikale versammeln, „die nur ihre Lösungen als richtig und wahr akzeptieren und dadurch gezwungen sind, alle anderen zu unterdrücken. Sie verstehen ihre Lösungen nicht nur als ‚politisch korrekt‘, sondern als absolut.“ Laut Mag. Waschnig erkennt der aufgeklärte Geist, „dass Lösungen nicht in starren und absolut begriffenen Regeln liegen. Denn eine ‚offene Gesellschaft‘ ist eine ‚Gemeinschaft, welche nicht durch ein als absolut begriffenes Ziel, sondern durch die Vernunft ihrer Mitglieder und damit nach den Notwendigkeiten der Zeit demokratisch gestaltet wird. Diese entsteht […] durch das gemeinsame Erleben der Zeit und wird durch ein Gemeinschafts- und Identitätsbewusstsein zusammengehalten, ohne das es auch keine ‚offene Gesellschaft’ geben kann.’“

Ich werde beim Begriff „offene Gesellschaft“ hellhörig, wenn nicht sogar misstrauisch, weil dieser in der Regel als Schlagwort zur symbolischen Trennung von Spreu und Weizen verwendet wird. Hier die „bösen“ Anhänger der geschlossenen Gesellschaft, da die „guten“ Verteidiger der offenen Gesellschaft. Es ist wie mit dem Begriff „Demokratie“: Dieser ist so positiv beladen, dass man gerne damit um sich wirft, ohne ihn näher zu definieren, einfach um sich einen Platz auf der „richtigen“ Seite zu sichern. Schaut man aber hinter die Hochglanzkonzepte, stellt sich heraus, dass es zwischen der offenen Gesellschaft als Anspruch und der offenen Gesellschaft als Wirklichkeit eine gewaltige Kluft gibt: Viele der Eigenschaften und Mechanismen, die die geschlossene Gesellschaft kennzeichnen, sind ebenfalls bei der offenen Gesellschaft wiederzufinden, wenn auch nicht in derselben Ausprägung. Dies liegt daran, dass alle Gesellschaften, egal wie offen zu sein sie behaupten, nach denselben soziologischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren, um ihren Fortbestand zu sichern.

Beschäftigt man sich mit der offenen Gesellschaft, kommt man nicht um Karl Poppers und George Soros’ Werke herum. Popper kann man aufgrund seiner publizistischen Wirkung als „Propheten“ der offenen Gesellschaft bezeichnen, während George Soros aufgrund seines gesellschaftlichen Wirkens als „Missionar“ der offenen Gesellschaft anzusehen ist. Ich habe die wesentlichen Bücher beider Männer zur offenen Gesellschaft gelesen, werde aber aus Platzgründen nur die Aspekte erwähnen können, die im Rahmen dieses kurzen Beitrags dienlich sind. Mit „dienlich“ meine ich nicht, dass ich Poppers und Soros’ Thesen und Zitate aus ihrem Zusammenhang reißen will, sondern dass sie der Veranschaulichung meines Standpunktes dienen sollen.

Die offene Gesellschaft ist kein luftleerer Raum

Der kritische Rationalismus ist der Grundstein von Karl Poppers Erkenntnistheorie. Es geht dabei darum, sich durch Verifikation (Bestätigung einer Hypothese oder einer Theorie) und Falsifikation (Widerlegung einer Hypothese oder einer Theorie) schrittweise der Wahrheit anzunähern. Der kritische Rationalismus wirkt bei erster Betrachtung logisch und vernünftig. Doch es stellt sich bald eine Frage: Lässt sich in der offenen Gesellschaft in alle Richtungen ergebnisoffen verifizieren und falsifizieren?

Betrachten wir zur Beantwortung dieser Frage kurz das Gegenteil der offenen Gesellschaft: die geschlossene Gesellschaft. Karl Popper bezeichnet diese u. a. wie folgt: „Sie lebt in einem Zauberkreis unveränderlicher Tabus, Gesetzen und Sitten, die als ebenso unvermeidlich empfunden werden wie der Aufgang der Sonne, der Kreislauf der Jahreszeiten oder ähnliche klare Regelmäßigkeiten des Naturverlaufs.“[1] Passt aber diese Beschreibung nicht auch teilweise auf die offenen Gesellschaften, in denen wir leben? Kennzeichnen diese sich nicht auch durch Tabus (Rassismus, Nationalismus, Sexismus, Homophobie) und Gesetze (Antidiskriminierungsgesetze), deren Bruch nicht ohne Konsequenzen bleibt? Basieren auch nicht sie auf magischen Beschwörungen wie „Alle Menschen sind gleich“, obwohl dies nur in einer Welt von Klonen wahr sein kann, sowie auf philosophischen Fiktionen wie die „Menschenwürde“, obschon es aus Sicht der heutigen Naturwissenschaften und des modernen Naturalismus ziemlich sicher ist, dass es die Wesenswürde überhaupt nicht gibt?[2] Stellen sich unsere offenen Gesellschaften nicht auch als „unvermeidlich“ bzw. „alternativlos“ dar? 

Wer unter den Lesern alt genug ist, um auf vier bis fünf Jahrzehnte Lebenserfahrung zurückblicken zu können, wird mir wahrscheinlich beipflichten, wenn ich schreibe, dass unsere europäischen Gesellschaften umso repressiver geworden sind, je offener sie wurden. Tugendwächter aller Art (staatliche Behörden, Nichtregierungsorganisationen, Journalisten, soziale Medien, Antifa usw.) überwachen sowohl den öffentlichen als auch den privaten Raum, um Andersdenkende aufzuspüren, einzuschüchtern und sogar wirtschaftlich zu vernichten. Im Unterschied zu Mag. Waschnig führe ich diese Entwicklung nicht auf das Handeln der Linken, sondern auf die Grundwerte der offenen Gesellschaft zurück. Welche sind diese Werte? Laut George Soros steht die offene Gesellschaft für Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und soziale Verantwortung als universale Idee.[3]

Die offene Gesellschaft ist mit anderen Worten kein luftleerer Raum, in dem sich in alle Richtungen ergebnisoffen verifizieren und falsifizieren lässt. Sie beruht im Gegenteil auf bestimmten Postulaten und Wertvorstellungen, die buchstäblich einen Rahmen schaffen, innerhalb dessen sich das gesellschaftliche Leben abspielt, sowie die Grenze zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem ziehen.

Das totalitäre Potenzial der offenen Gesellschaft

Laut George Soros ist die offene Gesellschaft eine Gesellschaft, in der die Menschen frei sind, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, und der Rechtsstaat es Menschen mit verschiedenen Meinungen und Interessen ermöglicht, friedlich zusammenzuleben.[4] Doch bedeutet dies, dass alle Meinungen vertreten werden dürfen? Die Antwort ist ein klares Nein. Karl Popper schrieb dazu: „Ideologien, die Intoleranz predigen, verlieren ihren Anspruch auf Toleranz.“[5] Doch was ist unter Intoleranz zu verstehen? Der Begriff ist leider sehr elastisch. In der Bundesrepublik Deutschland gilt es bereits als intolerant, eine Obergrenze für Einwanderung zu fordern. Die Überempfindlichkeit, mit der heute schon auf kleinste Abweichungen vom politisch-medial definierten Konsens reagiert wird, ist eine direkte Folge der Menschenrechte, die George Soros als Grundwert der offenen Gesellschaft betrachtet.

Ich sage „Menschenrechte“, doch es wäre richtiger, von „Menschenrechtsideologie“ zu sprechen. Wie ich es in meinem Buch Demokratie und Homokratismus[6] zeigte, sind die Menschenrechte nämlich nicht einfach die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie in ähnlichen Erklärungen und Pakten verbrieften Rechte. Sie sind mehr als nur das, sie sind im Wesentlichen eine Ideologie der absoluten Gleichberechtigung. Gewiss: Die Umsetzung dieser Ideologie verlief nicht immer konsequent. In den Vereinigten Staaten, wo die Unabhängigkeitserklärung von 1776 die Gleichheit aller Menschen sowie das Recht auf Freiheit und das Streben nach Glück als „selbstverständliche Wahrheiten“ bezeichnete, wurde die Institution der Sklaverei bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert beibehalten. Frankreich, seit 1789 das „Land der Menschenrechte“ schlechthin, kolonisierte im 19. Jahrhundert weite Teile Afrikas und Asiens und ließ die weibliche Hälfte seiner Bevölkerung bis 1944 auf die politische Gleichberechtigung warten. Doch trotz dieser mangelhaften Umsetzung entwickelte der Gleichheitsgedanke der Menschenrechtsideologie im Laufe der Zeit eine unaufhaltsame Eigendynamik: Immer mehr gesellschaftliche Bereiche wurden davon erfasst und umgestaltet, d.h. menschenrechtskonform gemacht. Dass die Menschenrechtsideologie immer konsequenter umgesetzt wird, liegt nicht allein an den Linken, sondern auch daran, dass jede Ideologie – sofern man sich ihr nicht widersetzt – die unweigerliche Tendenz hat, alle mit ihr einhergehenden Folgen und Auswirkungen bis zum Äußersten zu entwickeln.[7]

Gleichheit ruft nach mehr Gleichheit. Jeder Unterschied wird als Ungleichheit und Diskriminierung ausgelegt, die es auszumerzen gilt. Um sicherzustellen, dass keine Ungleichheiten und Diskriminierungen bestehen können, müssen alle Lebensbereiche überwacht und alle Mitglieder der Gesellschaft dazu aufgerufen werden, sich am Kampf gegen Diskriminierung zu beteiligen. Die Menschenrechtsideologie hegt mit anderen Worten einen Absolutheitsanspruch. Laut Robert de Herte ist die Gleichheitslehre heutzutage nicht einfach eine Lehre unter anderen, sondern sie bildet das Fundament, auf dem beinahe jeder konstituierte Gedanke beruht.[8] Meines Erachtens stoßen wir an dieser Stelle auf einen blinden Fleck der offenen Gesellschaft: auf ihr totalitäres Potenzial. Ich hege mit dieser Bemerkung keine polemische Absicht, sondern schließe aus meinen Beobachtungen der real existierenden offenen Gesellschaften Europas, dass diese teilweise totalitäre oder zumindest autoritäre Züge angenommen haben, auch wenn sie formal Demokratien bleiben. Wie anders kann man die Vereinnahmung aller Lebensbereiche und die ständige Mobilmachung gegen Andersdenkende bezeichnen? Beunruhigend ist in diesem Zusammenhang auch, dass George Soros in mehreren seiner Bücher die Entstehung einer globalen offenen Gesellschaft herbeisehnt. Das Modell der offenen Gesellschaft, das weit mehr als kritischer Rationalismus ist und eine ganze Reihe von Tabus und Denkverboten mit sich bringt, soll mit anderen Worten in allen Ländern der Welt durchgesetzt werden. Ist nicht ein solches Vorhaben das, was man unter Totalitarismus verstehen kann?

Als Liberale lehnen Karl Popper und George Soros in ihren Werken vehement den Totalitarismus ab. Beide haben den Nationalsozialismus und den Kommunismus hautnah erlebt und sich deshalb für den Liberalismus entschieden. Doch auch liberale, offene Gesellschaften funktionieren zum Teil nach Mechanismen, die ebenfalls in totalitären, geschlossenen Gesellschaften zu treffen sind. So hat es innerhalb eines gegebenen Territoriums grundsätzlich nur für ein Ideensystem Platz. Versucht ein zweites, auf anderen Postulaten und Wertvorstellungen basierendes System sich zu etablieren, kommt es zu Konflikten, bei denen jede Seite um die Vorherrschaft kämpft. In diesem Zusammenhang ist die Zeit der Reformation in West- und Zentraleuropa besonders lehrreich. Die Ausbreitung des reformierten Glaubens in diesen zuvor katholischen Gebieten kam der Kirche der Erscheinung eines Fremdkörpers in der christlichen Welt gleich, den es auszumerzen galt. Es folgten blutige Kriege, deren Lösung schließlich darin bestand, durch das Prinzip cuius regio eius religio (die Fürsten bestimmten selber die Konfession innerhalb ihres Territoriums) wieder religiös homogene Gebiete herzustellen. Der Wunsch nach Homogenität ist auch in offenen Gesellschaften zu beobachten: Sie verurteilen den für ethnische Homogenität stehenden Nationalismus, streben aber selbst nach weltanschaulicher Homogenität. Sie predigen Toleranz und Vielfalt, jedoch darf ihr Credo nicht in Frage gestellt werden. Die so hoch beschworene „Meinungsvielfalt“ ist dementsprechend ein Trugbild: Das Spektrum der Meinungen hat sich innerhalb bestimmter Grenzen zu halten; vom Mainstream abweichende Meinungen sind grundsätzlich unerwünscht. Pluralismus ist demnach auch kein absoluter, sondern ein relativer Begriff: Jede Gesellschaft diskriminiert aufgrund der ihr eigenen Wertvorstellungen. Die Anhänger der offenen Gesellschaft arbeiten auf eine diskriminierungsfreie Gesellschaft hin; die Erreichung dieses Ziels impliziert aber zwangsläufig die Diskriminierung Andersdenkender. Diese müssen unschädlich gemacht werden, d. h. ihr Einfluss auf das gesellschaftliche und politische Geschehen muss möglichst gering bleiben, sonst wäre die offene Gesellschaft gefährdet. Laut Popper und Soros kennzeichnet sich die geschlossene Gesellschaft durch Dogmen, doch auch in der offenen Gesellschaft begegnen wir alltäglich Dogmen, genauer: Vorstellungen, die von den Mitgliedern fraglos zu verinnerlichen sind, um die Stabilität des Systems zu sichern. Jeder der Augen hat, kann sehen, wie die Verfechter der offenen Gesellschaft heutzutage unerbittlich um eine Deutungshoheit, die ihnen zu entgleiten droht, kämpfen und mit welchen Mitteln sie dabei vorgehen. Man denke hier nur an die Strapazen, die Martin Sellner und die gewaltfrei handelnde Identitäre Bewegung (IB) in Österreich auf sich nehmen mussten: Sellners Auto wurde abgefackelt, seine Konten wurden von einem guten Dutzend Banken gesperrt und die Justiz versucht, die IB als kriminelle Vereinigung darzustellen. (Vgl. Bernd Stracke im Genius-Brief September–Oktober 2018: „Statt einer Anklage hätten sie einen Orden verdient“ – Nach erstinstanzlichem Freispruch weiterhin juristische Ungewissheit für 17 Identitäre).

Die Linke ist die Speerspitze der offenen Gesellschaft

Der Fall der IB zeigt: Die Linke ist nur ein Akteur der Repression. Der Staat und die Banken, aber auch die Kirchen, die Gewerkschaften, die Arbeitgeber und viele weitere Akteure gehen ebenfalls gegen diejenigen vor, die es wagen, das Experiment „offene Gesellschaft“ zu kritisieren und in Frage zu stellen. All diese Akteure, nicht nur die Linken, wirken an der Erhaltung der Deutungshoheit zugunsten der offenen Gesellschaft mit. Mag. Waschnig sieht in den Linken Radikale, die ihre Lösungen als absolut verstehen. Mir scheint, dass jeder Akteur, der sich für die Erhaltung der offenen Gesellschaft einsetzt, diese als absolut versteht und damit gewissermaßen ein Absolutist ist. Die Linken mögen für Mag. Waschnig den Anti-Geist bilden, sie sind aber nicht das Gegenteil der offenen Gesellschaft, wenn man Letztere als Ideologie der Relativierung aller Grenzen und des Abbaus aller Unterschiede versteht. Dann sind die Linken die Speerspitze der offenen Gesellschaft. Der französische Autor Jean-Claude Michéa hat in diesem Zusammenhang eine Reihe von brillanten Werken zum Verhältnis zwischen Linken, Liberalen und Sozialisten verfasst. Leider wurde bisher lediglich eines seiner Bücher[9] ins Deutsche übersetzt. Ich fasse im Folgenden Michéas Kernthesen zusammen. 

Michéa, der sich selbst als Sozialist bezeichnet, zieht eine scharfe Grenze zwischen der Linken und dem Sozialismus. Er erinnert daran, dass im Verlauf der Französischen Revolution die ersten Linken die Liberalen waren. Er schildert auch, wie der ursprüngliche Sozialismus eine Wehrreaktion der kleinen Leute gegen die zunehmende Atomisierung der Gesellschaft infolge der Verbreitung der liberalen Ideen war. Die ersten französischen Sozialisten bekämpften sowohl die Bourgeoisie als auch den Adel, der im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrmals wieder an die Macht gelangte. Erst anlässlich der Dreyfuss-Affäre schlugen sich die Sozialisten auf die Seite der linken, „fortschrittlichen“ Kräfte. Dies führte dazu, dass die Sozialisten im Laufe der Zeit alle linken/liberalen Werte übernahmen bzw. übernehmen mussten. So stehen die heutigen sozialistischen/linken Kräfte für Menschen- und Minderheitenrechte, Individualismus und Hedonismus, für den Abbau der Grenzen und den freien Verkehr von Personen, für die Globalisierung sowie für die Bekämpfung von Identitäten und Zugehörigkeitsgefühlen als „Archaismen“, die es auszurotten gilt. 

Jean-Claude Michéa erklärt zudem, der Liberalismus habe zwei Seiten: eine wirtschaftliche Seite, die von der Wirtschafts- und Finanzwelt verkörpert wird, und eine kulturelle Seite, die von den sozialistischen/linken Kräften getragen wird. Diese beiden Seiten sind nicht voneinander zu trennen. So hält Michéa es für naiv, wenn konservative Politiker wirtschaftsliberale Positionen vertreten: Die liberalen Programmpunkte werden früher oder später die konservativen Punkte verdrängen. Und umgekehrt spricht Michéa von der Unmöglichkeit, den Kapitalismus von links aus zu überwinden: Kapitalismus und Linke teilen sich dieselbe weltanschauliche Matrix. Die Lösung sieht Michéa in einem konservativen Anarchismus wie ihn der englische Schriftsteller George Orwell vertrat. Orwell kritisierte sowohl den Totalitarismus als auch die kapitalistische Ordnung und kämpfte für die Gleichheit, ohne den fortschrittlichen und modernistischen Illusionen, im Namen dessen die Welt heutzutage zerstört wird, zu unterliegen.

Jean-Claude Michéa hält der heutigen Linken einen Spiegel vor: Indem sie den kulturellen Liberalismus trägt, macht sie sich zum freiwilligen Helfer des Kapitalismus, den sie angibt zu bekämpfen. Sie trägt zur Zerstörung der organischen Strukturen und historisch gewachsenen Gemeinschaften bei, was das Vordringen der kapitalistischen Logik erst möglich macht. Michéa schreibt, die fortgeschrittenste Verschmelzung der wirtschaftlichen und kulturellen Seiten des Liberalismus sei im Silicon Valley zu beobachten. Man denke da an Milliardäre wie Tesla-Gründer Elon Musk, der sich selbst als „socially liberal and fiscally conservative“[10], also bei gesellschaftlichen Fragen als „liberal“ (was in Amerika „links“ bedeutet) und in steuerlichen Angelegenheiten als „konservativ“ (was in Amerika wiederum liberal bedeutet, da Musk so wenig Steuern wie möglich zahlen will) bezeichnet. Dasselbe gilt für Unternehmer wie Amazon-Gründer Jeff Bezos oder Starbucks-Gründer Howard Schultz. In Europa kann auf Männer wie den Sozialisten Dominique Strauss-Kahn, der zum geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds wurde, oder Emmanuel Macron, der ein paar Jahre Mitglied der sozialistischen Partei war und für die Rothschild Bank als Investmentbanker arbeitete, bevor er 2017 zum französischen Staatspräsidenten gewählt wurde, hingewiesen werden. Diese Beispiele zeigen, dass die Grenzen zwischen Linken und Liberalismus viel durchlässiger sind als allgemein angenommen – aufgrund der gemeinsamen weltanschaulichen Matrix. Der Begriff „linksliberal“ erhält hier seine volle Bedeutung.

Die offene Gesellschaft ist gemeinschaftsfeindlich

Mag. Waschnig bringt gegen Ende seines Beitrags ein Zitat aus Karl Claus’ Buch Die Parteien in der Sackgasse: Eine offene Gesellschaft ist eine „Gemeinschaft, welche nicht durch ein als absolut begriffenes Ziel, sondern durch die Vernunft ihrer Mitglieder und damit nach den Notwendigkeiten der Zeit demokratisch gestaltet wird. Diese entsteht […] durch das gemeinsame Erleben der Zeit und wird durch ein Gemeinschafts- und Identitätsbewusstsein zusammengehalten, ohne das es auch keine ‚offene Gesellschaft‘ geben kann.“[11]

Aufgrund dessen, was im oberen Teil dieses Beitrags geschildert wurde, kommt mir der Versuch, die Begriffe Gemeinschaft und Identität mit jenem der offenen Gesellschaft zu verbinden, etwas seltsam vor. Karl Popper schreibt selbst, dass die Umsetzung der offenen Gesellschaft zur Schwächung von Gemeinschaft und Identität führt, wie dieses lange Zitat es verdeutlicht:

„Eine offene Gesellschaft kann sich allmählich in eine sogenannte abstrakte Gesellschaft verwandeln, wie ich sie einmal nennen möchte. Sie kann den Charakter einer konkreten Gruppe von Menschen oder eines Systems solcher Gruppen in beträchtlichem Ausmaß verlieren. Wir erklären es mit Hilfe einer Übertreibung: Man kann sich eine Gesellschaft vorstellen, in der sich die Menschen praktisch niemals von Angesicht zu Angesicht sehen, in der alle Geschäfte von isolierten Individuen ausgeführt werden, die sich durch maschinengeschriebene Briefe oder durch Telegramme verständigen und die sich in geschlossenen Kraftfahrzeugen umherbewegen. (Künstliche Befruchtung würde sogar die Fortpflanzung ohne persönlichen Kontakt ermöglichen.) Eine solche Gesellschaft könnte man eine ‚vollständig abstrakte oder entpersönlichte Gesellschaft‘ nennen. […] Unser Bild ist natürlich selbst in dieser Form stark übertrieben. Eine völlig abstrakte oder sogar eine vorwiegend abstrakte Gesellschaft wird und kann es niemals geben, ebensowenig wie eine völlig rationale oder sogar eine vorwiegend rationale Gesellschaftsform. Noch immer bilden Menschen konkrete Gruppen und kommen auf verschiedene Weise miteinander in Berührung; sie versuchen, ihre emotionalen sozialen Bedürfnisse zu befriedigen, so gut sie können. Aber die meisten konkreten sozialen Gruppen einer modernen offenen Gesellschaft (mit der Ausnahme einer glücklichen Familie) sind armselige Ersatzmittel, denn sie schaffen nicht den Rahmen für ein gemeinsames Leben. Viele von ihnen haben überhaupt keine Funktion innerhalb der größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge.“[12]

Notwendigkeit eines Reframings

So wie ich es verstehe, meint Mag. Waschnig mit der offenen Gesellschaft primär Vernunft und kritischen Rationalismus. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich betrachte mich selbst als vernünftigen, rationellen und kritischen Menschen. Doch wie ich es gezeigt habe, kommen Vernunft und kritischer Rationalismus nicht in einem luftleeren Raum zur Anwendung. Sie werden von bestimmten Postulaten und Wertvorstellungen umrahmt und beeinflusst. In der offenen Gesellschaft wie Karl Popper und George Soros sie sich vorstellen, handelt es sich um liberale Postulate und Werte. Kann nur der Liberalismus Vernunft und Rationalismus produzieren? Mir scheint dem nicht so zu sein: Denken wir an das alte Griechenland, wo Demokratie und Philosophie erfunden wurden, obwohl die damalige Gesellschaft aus heutiger Sicht illiberal war. Die Vertreter der offenen Gesellschaft inszenieren sich gerne als die wahren Hüter der Vernunft und des kritischen Geistes. Es gilt, ihnen dieses Deutungsmonopol zu entreißen und zu zeigen, dass Vernunft, Rationalismus und Kritik ebenfalls im Rahmen des Denkens in Völkern möglich sind und zu einer guten Politik führen können. Auf Englisch bezeichnet man ein solches Unterfangen als „Reframing“, als Neudefinierung des Diskussionsgegenstands.

Anmerkungen

[1] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons, 8. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 2003, S. 69

[2] Franz Josef Wetz, Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, S. 178.

[3] George Soros, Open Society. Reforming Global Capitalism, Public Affairs, New York 2000, S. 120.

[4] George Soros, The Soros Lectures at the Central European University, PublicAffairs, New York 2010, S. 4.

[5] Karl R. Popper, Alles Leben ist Problemlösung. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, 10. Auflage, Piper, München 2006, S. 214.

[6] Jan Mahnert, Demokratie und Homokratismus. Wie die Gleichheitsideologie der Menschenrechte die Demokratie und die Völker bedroht, Edition Genius, Wien 2011

[7] Jean-Claude Michéa, Impasse Adam Smith. Brèves remarques sur l’impossibilité de dépasser le capitalisme sur sa gauche, Éditions Climats, Castelnau-le-Lez 2002, S. 74.

[8] Robert de Herte, „La ,révolution conservatrice‘“, in: Éléments pour la civilisation européenne, Nr. 20, 1977, S. 3.

[9] Jean-Claude Michéa, Das Reich des kleineren Übels. Über die liberale Gesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin 2014

[11] Karl Claus, Die Parteien in der Sackgasse. Das Finale der klassischen Ideologien, Edition Genius, Wien 2007, S. 50

[12] Karl Popper, Die offene Gesellschaft, S. 208 f.


Mag. Jan Mahnert, Jg. 1973, hat Geografie an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Genf studiert. Er ist als Übersetzer, Lektor und Publizist tätig. 2011 erschien sein Buch „Demokratie und Homokratismus. Wie die Gleichheitsideologie der Menschenrechte die Demokratie und die Völker bedroht“ (Edition Genius, Wien).

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. November 2018

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