Ahnenverehrung versus Gender-Mainstreaming


Der unnatürliche Wahnsinn hat die Natur selbst zum Gegner

 

Von Wolfgang Caspart

In Patchwork-Familien ist so etwas wie Ahnenverehrung aus naheliegenden Gründen kaum vorstellbar. Obwohl der Ahnenkult zu den ältesten und eigentlich natürlichsten Religionsformen gehört. Dieser drückt nämlich die unmittelbarste Art des Respektes und Bewusstseins von dem aus, wovon jeder Mensch abstammt, von seinen Vorfahren. Ob und inwieweit wir uns es vergegenwärtigen, immer bleiben wir von den an uns weitergegebenen Genen der Ahnen abhängig und umweht uns ihr „Geist“. Im germanischen Sippenheil (Mensching 1959 bzw. 1962, S. 25–29), den römischen Manen (Bömer 1943) oder dem ostasiatischen Ahnenkult (de Groot 1918, S. 128 ff) kommt dies deutlich zum Ausdruck. Der Einzelne bleibt der generationenübergreifenden Familie und Sippe verhaftet und stürzt ins heillose Elend, wenn er die Verbindung verliert. Die vorangegangenen Generationen leben in den gegenwärtigen und zukünftigen weiter. 

Die Wiederverbindung, lateinisch religio, mit dem uns Bedingenden wird ganz elementar in unseren Vorfahren gefunden und gewährleistet. Noch vor jeder höheren Theologie gebührt seinen Ahnen die Pietät eines Menschen. Die Lebenden stellen nur das natürliche Bindeglied zwischen den Verstorbenen und den noch Ungeborenen dar. Schon in „primitiven“ oder ursprünglichen Kulturen zählt es zu den Aufgaben der Familie, der eigenen Ahnen zu gedenken und die Erinnerung an sie an die nächste Generation weiterzugeben. Die Angehörigen bilden die Kultgemeinde für jene Verstorbenen, die vor allem ihnen gehören und biologisch ausschließlich ihnen zuzurechnen sind.

Kampfansage an alle bisherige Kultur

Die Zerstörung der Familien und die Auflösung der familiären Bindungen zersetzen das natürliche Band der Zusammengehörigkeit. Wer selbst aus zerrütteten Familien stammt, hat bestenfalls noch eine Sehnsucht nach der „ewigen“ Verbindung oder wendet sich schlimmstenfalls in negativer Kompensation gegen alle dauerhaften Zusammenhänge. Gespeist durch die neurotische Ablehnung der eigenen Erzeuger und Kulturtradition erfährt die „moderne“ Familienfeindlichkeit ihren Höhepunkt in der Absolutsetzung der Milieutheorie, aktuell in der Gender-Mainstreaming genannten Perversion der sozialen Geschlechterwahl, des beliebigen Rollentausches und -wechsels und des frühzeitigen Abschiebens der Kinder (sofern noch vorhanden) in Betreuungsstätten, um von klein auf eine wurzellose Beliebigkeit zu erlernen (Rosenkranz 2008). Eine künstliche Frühsexualisierung samt Onanieranleitung und oberflächliche Pornographieverblödung soll jedes tiefere Gefühl und alle echte Sensibilität destruieren.

Um endlich eine bessere und glücklichere Welt zu errichten (!), ließ sich schon 1915 für die Vernichtung plädieren: „So besteht denn die erste Aufgabe unserer Zeit in der Zerstörung: Alle sozialen Schichtungen und gesellschaftlichen Formungen, die das alte System geschaffen hat, müssen vernichtet, die einzelnen Menschen müssen aus ihren angestammten Milieus herausgerissen werden; keine Tradition darf mehr als heilig gelten; das Alter gilt nur als Zeichen der Krankheit; die Parole heißt: was war, muss weg. Die Kräfte, die diese negative Aufgabe unserer Zeit ausführen, sind: auf dem wirtschaftlich-sozialen Gebiete der Kapitalismus, auf dem politisch-geistigen die Demokratie. Wieviel wir bereits geleistet haben, wissen wir alle; aber wir wissen auch, dass ihr Werk noch nicht ganz vollbracht ist.“ (Goldmann 1915, S. 38) Wieviel inzwischen darin geleistet wurde, sehen wir heute wirklich alle.

Die Frankfurter Schule

In das selbe Horn stieß schon kurz darauf das neomarxistische Frankfurter Institut für Sozialforschung der Herrn Weil, Horkheimer, Reich, Adorno und Marcuse. Unter Beibehaltung der antikapitalistischen Grundtendenz wurde freilich der ökonomistische Automatismus des Historischen Materialismus durch die moralische Attitüde der Betroffenheit über die ungerechten ausbeuterischen Lebensumstände und das Leiden an der industriellen Entfremdung gesetzt. Wilhelm Reich (1929 und 1966) entwickelte einen „Freudomarxismus“ zur Destruktion der Familienbeziehungen. Die sexuelle Revolution erlöst nach Wilhelm Reich (1966) die Menschheit vom Gewissen als „dem Schandmal einer unfreien Gesellschaft“ (Adorno 1966, S. 270). 

Für Horkheimer (1947) ist die Ehe geschichtlich überholt, sie verliere immer mehr an Bedeutung. In der Ehe räume die Lust vor der Pflicht das Feld, in der gegenwärtigen Gesellschaft sei die Lust in die Zote und in die Prostitution verbannt. Diese Kritik versteigt sich zu der These Horkheimers, die Familie sei die massenpsychologische Grundlage des Faschismus. In der Familie werde nämlich mit Autorität erzogen und aus dieser autoritätsbezogenen Erziehung gehe der „autoritäre Charakter“, die autoritäre Persönlichkeit, der Typus des Untertanen und Undemokraten hervor, der schon in der Familie gelernt habe, nach „oben“ zu katzbuckeln und nach „unten“ seine Untergebenen zu treten.

Gramscismus

Etwa zur selben Zeit fand der italienische Kommunistenführer Antonio Gramsci heraus, dass nicht allein die Herrschaft über die Produktionsmittel zur Weltrevolution führen könne, sondern dazu der kulturellen Hegemonie über die Bourgeoisie bedürfe. Der Kampf um die Macht muss auf der Ebene der kulturellen Hegemonie gewonnen werden (Gramsci 1967). Gramscis Analyse, dass die Herrschaft über die Geister die eigentliche Wurzel der Macht sei (Gramsci 1980), bedeutet letztlich, dass nicht mit Marx das materialistische Sein das Bewusstsein, sondern quasi idealistisch das Bewusstsein das Sein gestaltet. Ein merkwürdiger Materialismus!

Die Psychologie hat die Bedeutung der Ökonomie völlig verdrängt. Das Bewusstsein muss verändert werden, um das erwünschte Sein zu schaffen. Von den seinerzeit angeblich alles bestimmenden sozio-ökonomischen Mechanismen ist mittlerweile keine Rede mehr. Der Kulturbolschewismus wurde zum Ersatz für die verloren gegangene Kompetenz in der politischen Ökonomie. Das richtige kulturbolschewistische Bewusstsein gilt es seitdem auszubreiten, worin sich Frankfurter völlig mit dem Gramscisten treffen (Caspart 2003). Am besten merzt man die „bürgerliche“ Gesellschaft in ihren familiären Wurzeln aus. Pietät spielt bei den neuen Barbaren keine Rolle mehr.

Gender-Mainstreaming

Laut der 4. UN-Frauenkonferenz 1995 wird deshalb konsequenterweise gewünscht, die Geschlechterdifferenzierung von Mann und Frau und die Heterosexualität als Norm offiziell aufzuheben. Der Amsterdamer Vertrag hat 1997 tatsächlich das „Gender-Mainstreaming“ zum offiziellen Ziel der EU gemacht. Seitdem fungiert es unter dem harmlosen Titel einer längst selbstverständlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau als „social engineering“ zur Schaffung des neuen, unitarischen und nun sogar geschlechtsvariablen Menschen (Kuby 2006). Grundvorstellung ist, dass die gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschlechtsrollen und –verhalten von Männern und Frauen erlernt und damit veränderbar seien. Jeder soll ein neues kulturelles, „soziales Geschlecht“ bekommen, ein „Gender“, das er selbst bestimmen kann, und dies völlig unabhängig von seinem biologischen Geschlecht. Ohne Geschlecht aber keine Familie, also weg mit dieser.

Gender Mainstreaming (GM) dient dem Irrwitz aller Utopisten, dem kompletten Umbau der Gesellschaft und der Neuerfindung der Menschheit. Das ideologische Programm zur Einebnung der Geschlechterunterschiede im Zeichen des GM wird rücksichtslos und mit Milliardenaufwand durchgedrückt. Staatlicherseits werden „Genderkompetenz-Zentren“ errichtet, in möglichst alle öffentlichen Einrichtungen (z. B. Universitäten) eingebaut und mit „Gender-Budgeting“ finanziert, um dieses neue „Leitprinzip“ als „Querschnittsaufgabe der Politik“ voranzutreiben. GM-Denken und Handeln soll in den Mainstream, den „Hauptstrom“, von Politik, Verwaltung, Programmen und Maßnahmen gebracht und zu einem selbstverständlichen Handlungsmuster werden (Caspart 2007). Vor lauter sexualpathologischer Verkommenheit hat Familie in einem überzeitlichen Sinn keinen Platz mehr und spielt höchstens noch eine Restrolle zur Alimentierung.

Der unnatürliche Wahnsinn hat freilich die Natur selbst zum Gegner. Und gegen sie lässt sich nicht auf Dauer versündigen. Auch die penetranteste mentale Dekadenz kann den unauslöschlichen Zusammenhang der Generationen nicht dauerhaft ignorieren. Im praktischen Kulturkampf ist das familiäre Zusammengehörigkeits- und Einheitsbewusstsein die stärkste Waffe gegen die Gender-Perversion. Daher: Hoch lebe die Familie, hoch leben die Ahnen!

Literaturnachweis

Theodor W(iesengrund) ADORNO: Negative Dialektik. Verlag Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966.

Franz Bömer: Ahnenkult und Ahnenglaube im alten Rom. Verlag Teubner, Leipzig 1943.

Wolfgang Caspart: Der Marxismus. Von der Weltrevolution zur Politischen Korrektheit. Eckartschrift 165. Österreichische Landsmannschaft, Wien 2003.

Wolfgang Caspart: Gender Mainstreaming: Perversion als „Querschnittsaufgabe der Politik“. Aula 11/2007, S. 34–35.

Nahum Goldmann: Der Geist des Militarismus. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1915.

Antonio GRAMSCI: Philosophie der Praxis. Eine Auswahl. Herausgegeben und übersetzt von Christian RICHERS mit einem Vorwort von Wolfgang ABENDROTH. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1967.

Antonio GRAMSCI: Zu Politik, Geschichte und Kultur. Ausgewählte Schriften. Aus dem Italienischen herausgegeben von Guido ZAMIS. Übersetzt von Maria-Louise DORING u. a. Philipp Reclam Verlag, Leipzig 1980.

J(ohann) J(akob) (Maria) de GROOT: Universismus. Die Grundlage der Religion und Ethik des Staatswesens und der Wissenschaft Chinas. Verlag Georg Reimers, Berlin 1918.

Max HORKHEIMER: Eclipse of Reason (deutsch: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft). Englisch New York 1947, deutsch 1967. Gesammelte Schriften (herausgegeben von Alfred SCHMIDT), Band 6. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 300 f.)

Gabriele KUBY: Die Gender Revolution. Relativismus in Aktion. FE-Medienverlag, Kißlegg 2006.

Gustav MENSCHING: Die Religion. Eine umfassende Darstellung ihrer Erscheinungsformen, Strukturtypen und Lebensgesetze. Zuerst 1959. Ungekürzte Lizenzausgabe. Wilhelm Goldmann Verlag (Gelbes Taschenbuch 882–883), München 1962.

Wilhelm REICH: Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse. In: Unter dem Banner des Marxismus 3/1929, 736–771, Verlag für Literatur und Politik, Wien 1929. Neuauflage im Verlag für Sexualpolitik, Kopenhagen 1934.

Wilhelm REICH: Die Sexualität im Kulturkampf, 1936, rev. Neuauflage als „Die sexuelle Revolution“, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1966.

Barbara Rosenkranz: MenschInnen. Gender Mainstreaming – Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen. Ares Verlag, Graz 2008.

 
(ohne Fußnoten in: Aula 9/2012, S. 48–49)

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. November 2018

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