Zitaten-Truhe


Durch Barbarei, Arabia

Durch Barbarei, Arabia,
durch Hermani in Persia,
durch Tartari in Suria
durch Romani in Türggia,
der sprüng han ich vergessen.
Durch Reussen, Preussen, Eiffenlant,
gen Litto, Liffen, übern strant,
gen Tennmarkh, Sweden, in Prabant,
durch Flandern, Frankreich, Engelant,
und Schottenland
hab ich lang nicht gemessen (…)
Auff einem runden kofel smal,
mit dickem wald umbfangen,
vil hoher berg und tieffe tal,
stain, stauden, stöck, sneestangen
der sich ich teglich ane zal.
noch aines tuet mich pangen,
das mir der klainen kindlin schal
mein oren dick bedrangen (…) 

  • Oswald von Wolkenstein, ca. 1377–1445, geboren vermutlich auf Burg Schöneck im Pustertal, war Sänger, Dichter, Komponist und Politiker. Das vorstehende Gedicht ist zitiert nach: Karl Kurt Klein (Hrsg.): Die Lieder Oswalds von Wolkenstein (= Altdeutsche Textbibliothek. Bd. 55). 4. Auflage. neu bearbeitet von Burghart Wachinger. de Gruyter, Berlin 2015, S. 138–140.

Säben

Der Tauwind blies, die Wasser schwollen,
Es wurde Lenz. Die Eisackwelle
Sprang munter von der Brennerscheide
Nach Süden in das Land der Helle.

Sie grüßte links und rechts geschmeidig,
Bald überschäumend, bald auch leise;
Die Bächlein hüpften zu ihr nieder,
Neugierig auf die Südlandschneise.

„Zieht nur von hinnen“, sprach die Fichte,
„Ihr loses Volk, zu öden Meeren!
In Welschland büßet ihr den Leichtsinn,
Wo euch die Gluten rasch verzehren!“ (…)

Die Bächlein alle und die Bäche
Erzählten von der Heimat Treiben;
Es war nichts Gutes, was sie summten,
Und keines wollt zu Hause bleiben.

Sie raunten von verwich’nen Zeiten
Unholdem Spiel, von grausen Dingen,
Die noch die finstre Zukunft deckte;
Ihr Flüstern ward ein rauschend Singen. (…)

  • Johann Steck, geb. 1859 in Tschengels, 1893 Redakteur des Tiroler Tagblattes in Bozen, gestorben 1934 in Leifers, Pfarrer in Margreid und Landtagsabgeordneter, schrieb und dichtete unter dem Pseudonym Hans Etschwin. Die hier ausschnittweise wiedergegebene Ballade wurde 1902 veröffentlicht. Der Säbener Berg ist eine im Eisacktal aufragende Anhöhe oberhalb von Klausen und gilt schon seit dem 4. Jahrtausend v. u. Z. als besiedelt. 

2018 – Hoffnungsbaum am Brenner

Wachse, kleines Bäumchen, werde!
Aber nicht im fremden Land.
Überschatt’ Tiroler Erde
Einst im österreich’schen Land!

Wachse, kleiner Baum, gedeihe!
Aber so, wie ich es will.
Schau einst auf Tiroler, freie
Frau’n und Männer, froh und still.

Wachsen sollst du, Bäumchen, grünen!
Folge aber nicht dem Feind; –
Lieber, als dem Feind zu dienen,
Stirb, o Bäumchen, still beweint!

Großer Gott im Himmel droben,
Segne dieses Bäumchen wohl, –
Lass es einstens, hoch erhoben,
Schau´n aufs freie Süd-Tirol.

  • Ing. Winfried Matuella, geb. 1937, Obmann des Andreas-Hofer-Bundes Innsbruck, dichtete diese Zeilen für eine Baumpflanzung auf dem Brennerpass zum Gedenken an die Brennerbesetzung durch italienische Truppen vor hundert Jahren am 11. November 1918, wodurch die Teilung Tirols vorbereitet wurde, die am 10. Oktober 1920 mit der Annexion Süd-Tirols durch Italien vollzogen wurde. 
Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. November 2018

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