Beispiele für eine latente Erinnerungskultur


Eine ergiebige Analyse der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur

 
Helmut Herman Bechtel, Eine interkulturelle, literarische Landschaft. Die Repräsentationen des Fremden in der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur. Hamburg 2018; IBSN 978-3-95935-460-8; 163 Seiten

 

Eine Buchbesprechung von Peter Wassertheurer

Die deutsche Literatur in Ostmittel- und Südosteuropa hat zahlreiche Zäsuren und Brüche erleben müssen. Mancherorts – wie etwa im ehemaligen Jugoslawien – ist die deutsche Literatursprache durch die Katastrophe von 1945 beinahe gänzlich verschwunden. Die deutsche Sprache wurde pauschal zur Sprache des faschistischen Feindes erklärt und die deutsche Literatur aus dem öffentlichen Raum verbannt. In Rumänien oder Ungarn konnte sie jedoch überleben und sich durch einen radikalen politischen Anpassungsprozess an die sozialistischen Verhältnisse sogar eigenständig entwickeln.

Die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur im Kontext einer interkulturellen, kulturwissenschaftlichen Interpretation zu analysieren, war eine ebenso interessante wie ergiebige Aufgabe, der sich Helmut Herman Bechtel unterwarf. Bechtel ist promovierter Germanist, Jahrgang 1979 und stammt aus Bonnhard/Bonyhád, wo er bereits in der Kindheit mit ungarndeutschen Texten in Berührung kam. 

Die Arbeit gliedert sich in zwei Abschnitte. Zunächst untersucht Bechtel den Begriff Minderheitenliteratur und ist dabei bestrebt, den Lesern die theoretischen Ansätze einer kulturwissenschaftlichen Literaturanalyse vorzustellen. Dieses Unterfangen ist mit zahlreichen methodischen Fragezeichen versehen, weil, wie Bechtel anführt, der Begriff Minderheitenliteratur in der interkulturellen Literaturwissenschaft höchst umstritten ist und lediglich auf phänomenologischer Ebene bestimmbar gemacht werden kann. Bechtel versucht daher die Charakteristika der ungarndeutschen Minderheitenliteratur einerseits über die „außersprachlich(e) kulturelle Realität“ und andererseits über konventionelle, literaturwissenschaftliche Interpretationsverfahren zu beschreiben. Er macht dabei auch die Unterschiede zwischen Minderheiten- und Migrantenliteratur deutlich. Im darauffolgenden Kapitel widmet sich der Autor den Aspekten einer interkulturell orientierten Literaturwissenschaft, wobei er sich in seiner Darstellung vielfach auf die Thesen von Werner Biechele bezieht, für den sich literaturwissenschaftliche Erkenntnisse durch den wechselseitigen Austausch von Kulturgütern gewinnen lassen, wobei es dabei um zweierlei Dinge geht: einmal um eine Auseinandersetzung mit Fremdheit und das andere Mal um eine Konfrontation mit der Sprache des Anderen. 

Spätestens an dieser Stelle stellt sich Bechtel die Frage, ob die ungarndeutsche Literatur im 21. Jahrhundert sprachlich und inhaltlich überhaupt noch über die Wahrnehmung von Fremdheit analysiert werden kann. Bechtel greift hier auf Ergebnisse der ungarischen Mentalitätsforschung zurück und entdeckt bei Imre Solymár zwei Eigenschaften, die den Ungarndeutschen (Donauschwaben) auch noch im 20. Jahrhundert zugeschrieben wurden, nämlich der Fleiß und die Sparsamkeit. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität im Spiegelbild der Fremdheitserfahrung ist, wie es der Grazer Historiker Gerhard Seewann anführt, kein einfaches Unterfangen, weil die Entwicklung des Ungarndeutschtums seit 1867 (und dann vor allem nach 1945) eine doppelte und singuläre Identität herausgebildet hat. Gerade bei der doppelten Identität bestehen kulturelle Bezüge zu beiden nationalen Identitäten, was das polyseme Spektrum von Fremdheitserfahrungen einschränkt und relativiert. Dennoch scheinen sich ethnisch-nationale Stereotypisierungen bis in die Gegenwart und zeitgenössische, ungarndeutsche Literatur erhalten zu haben. Sie tauchen vermehrt vor allem in der ungarndeutschen Literatur der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration auf.

Bechtel grenzt die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur auf die Epoche nach der Wende von 1989 ein. In ihrem inhaltlichen Mittelpunkt sieht Bechtel eine intensive Auseinandersetzung mit der kulturellen und sprachlichen Identität sowie deren Bedrohung in einem soziokulturellen Umfeld, das sich radikal verändert hat. Das ungarndeutsche Dorf als Stätte der eigenen kulturellen Identität gibt es immer weniger. Diese Änderungen sieht Bechtel auch im Alltag der ungarndeutschen Minderheit. Die zunehmende Urbanisierung führt zu einer Abkehr traditioneller Verhaltensnormen in einer nicht mehr existierenden Lebenswelt. Das Beziehungsgeflecht zwischen Muttersprache und kultureller Identität ist brüchig geworden und verliert seine historische Zuordnung. Für Bechtel gehört der Bilingualismus zur Folge dieses identitätsstiftenden Transformationsprozesses. Als Beispiele nennt er die Arbeiten von Valeria Koch und Nelu Bradean-Ebinger. Neben diesen beiden zählt Bechtel auch Claus Clotz, Joseph Michaels, Robert Becker und Béla Bayer zur dritten Generation ungarndeutscher Gegenwartsliteraten seit 1945. 

Bechtel stellt in seinen literarischen Analysen eine Vielzahl von Textbeispielen vor, die als Repräsentationen der ungarndeutschen Kultur und Geschichte gelten und als Beispiele für eine latente Erinnerungskultur betrachtet werden können. Die intensive Reflexion mit der eigenen Geschichte ist für Bechtel ein kollektiver Aufarbeitungsprozess einer verdrängten Geschichte, die nach 1945 verschwiegen wurde. Robert Becker formulierte dazu einmal in seinem Prosagedicht „Volk. Erinnerung“ folgende Fragen: „Was soll ein Volk ohne Erinnerung? Und was soll ein Volk, dem mehr Erinnerungen bleiben, als Worte, um sie auszusprechen?” Auch in der Erzählung „Der Maulbeerbaum“ von Stefan Raile stellt sich der Protagonist in den Mittelpunkt seiner Kindheitserlebnisse, die er in Form einer Projektion auf einen Baum zu interpretieren versucht. Der Baum wird zum Symbol der Identitätssuche und zum Sinnbild der verlorenen Kultur. In der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur geht es nach Bechtel immer noch um eine rückwirkende Betrachtung der eigenen Vergangenheit, die mit dem sich ständig wandelnden Selbstbild in einem engen Zusammenhang steht. 

Neue Erkenntnisse für die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur kann, so Bechtel abschließend, die komparative Analyse von Einzelwerken im Kontext anderer Minderheitensprachen oder im Bezug zur deutschen und ungarischen Literatur liefern.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. November 2018

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