Geografie der Revolte


Wie Christophe Guilluy die Proteste der Gelbwesten voraussah

 

Von Jan Mahnert

Seit Mitte November 2018 halten in Frankreich die wöchentlichen Protestaktionen der Gelbwesten-Bewegung an. Es ist über diese Bewegung bereits viel Tinte verspritzt worden, weshalb ich mich in diesem Beitrag nicht primär mit der Frage „Wer sind die Gelbwesten?“, sondern eher mit der weit mehr interessanten Frage „Woher kommen die Gelbwesten?“ beschäftigen will. Denn die Revolte ist nicht irgendwo, sondern in einem bestimmten Raum entstanden. Raum bedeutet Orte und Fahrten zwischen diesen Orten. Und dafür brauchen viele Menschen ein Auto. Es ist daher kein Zufall, dass eine von Präsident Emmanuel Macron zur Finanzierung und Durchsetzung der Energiewende geplante höhere Besteuerung von fossilen Kraftstoffen die Revolte auslöste. Die Menschen protestieren nicht, weil sie Autonarren wären, sondern ganz einfach weil sie auf ein Auto angewiesen sind, um zur Arbeit zu fahren, und weil sie infolge ihres niedrigen Einkommens jede Steuererhöhung bitter zu spüren bekommen. Diese Menschen sind die Bewohner des „peripheren Frankreichs“.

Das „periphere Frankreich“

Viele Experten gingen davon aus, dass, sollte es jemals zu einer größeren Revolte kommen, diese in den berühmt-berüchtigten „Banlieues“ (Vororten) der französischen Städte ausbrechen würde, die mit ihrem hohen Migrantenanteil und ihrer hohen Arbeitslosigkeit als heißes soziales Pflaster gelten. Doch ein Mann, der heute als Kronzeuge der Gelbwesten-Bewegung gilt, vertrat schon vor Jahren die These, dass die Revolte aus einer ganz anderen Ecke kommen würde. Der Geograf Christophe Guilluy, der bereits vier Bücher zu dieser Thematik veröffentlicht hat (siehe Liste nach diesem Beitrag), ist der Meinung, dass die Bewohner der Banlieues aufgrund der räumlichen Nähe letzterer zu den Metropolen bessere Chancen haben, eine Arbeitsstelle zu finden, als die Menschen, die im „peripheren Frankreich“ leben. „Metropolen“ und „peripheres Frankreich“ sind zwei Schlüsselbegriffe in den Werken Guilluys. Der Geograf zeichnet darin das Bild eines Landes, in dem die Politik jahrzehntelang darauf hinarbeitete, die Metropolen zu festen Bestandteilen der globalisierten, vernetzten Welt zu machen, während die anderen Landesteile vernachlässigt wurden. In diesen Metropolen sind die meisten Arbeitsstellen angesiedelt, nachdem zahlreiche Arbeitsplätze nach Asien und andere Gegenden verlegt worden sind. Doch diese Stellen kennzeichnen sich durch eine zunehmende Lohnkluft. Guilluy erklärt, die globalisierte Wirtschaft brauche einerseits hoch qualifizierte Arbeiter (Finanz, Informatik usw.), andererseits – in der Regel eingewanderte – Arbeiter im Tieflohnsektor. Die Mittelschicht und die Arbeiterklasse gehen hingegen zunehmend leer aus und verlassen nach und nach die Metropolen für das periphere Frankreich, weil die schlechten beruflichen Aussichten und die steigenden Immobilienpreise sie dazu zwingen. Das periphere Frankreich ist mit anderen Worten der Ort, an dem wirtschaftlich „unbrauchbare“ Menschen entsorgt werden.

Flucht vor Multikulti

Ein weiterer Grund, weshalb die Mittelschicht und die Arbeiterklasse zunehmend die Metropolen und Banlieues verlassen, ist die außereuropäische Einwanderung. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird dieses Phänomen „white flight“, Flucht der Weißen, genannt, doch Guilluy zeigt, dass nicht nur weiße Franzosen, sondern auch Einwanderer, sowohl europäischer als auch außereuropäischer Abstammung, die ethnisch durchmischten Wohngebiete verlassen oder meiden. Der Grund dafür ist nicht etwa Rassismus, sondern der Wunsch, weiterhin die Mehrheit zu bilden. Niemand will zur Minderheit werden, denn Minderheiten sind immer auf das Wohlwollen der Mehrheit angewiesen – eine unbequeme Lage. Christophe Guilluy widmet dieser Frage viele Seiten und zeigt insbesondere anhand zahlreicher Beispiele aus der ganzen Welt, wie universal der Wunsch, Mehrheit zu bleiben, ist. Er erklärt noch, dass diese freiwillige Segregation in Frankreich womöglich größere ethnische Spannungen, gar Konflikte, verhindert hat und noch verhindert. Die Menschen gehen sich lieber aus dem Weg als sich zu bekämpfen. Guilluy unterstreicht in diesem Zusammenhang die Heuchelei zahlreicher Angehöriger der herrschenden Klassen, die Vielfalt für alle predigen und sogar erzwingen wollen, aber selbst in Stadtteilen leben und ihre Kinder in Schulen schicken, in denen es kaum Ausländer gibt.

Christophe Guilluy erklärt, dass das Leben innerhalb einer homogenen Gemeinschaft für das Sozialkapital sehr wichtig sei. Er stützt sich dabei auf die Arbeiten des amerikanischen Soziologen Robert D. Putnam. Putnam hatte in seiner berühmten Studie „E Pluribus Unum“[1] gezeigt, wie sich das Leben in ethnisch heterogenen Gemeinschaften auf die verschiedenen Gruppen und auf die Einzelnen auswirkt. Im Rahmen seiner Studie untersuchte er 41 Gemeinschaften unterschiedlicher Größe in allen Teilen der Vereinigten Staaten; insgesamt wurden etwa 30.000 Menschen befragt. In einem ersten Schritt stellte Putnam fest: Je größer die ethnische Vielfalt, desto geringer das Vertrauen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen. Anhand weiterer Variablen (Vertrauen zu den Nachbarn und Vertrauen zur eigenen Ethnie) stellte sich aber zusätzlich heraus, dass Menschen, die in heterogeneren Gemeinschaften leben, ihren Nachbarn – egal welcher Ethnie – weniger vertrauen als Menschen, die in homogeneren Gemeinschaften leben. Bei zunehmender ethnischer Vielfalt verhalten sich die Menschen, so Putnam, „wie Schildkröten“: Sie ziehen den Kopf ein. Sie haben weniger Vertrauen in die lokalen Regierungen, in die Behörden und in die Medien; sie wählen weniger, nehmen aber öfters an Protestaktionen teil; sie rechnen weniger mit der Hilfe ihrer Mitmenschen; ihre Spendenbereitschaft nimmt ab; sie haben weniger enge Freunde; ihre Lebensqualität erachten sie als niedriger; sie verbringen mehr Zeit vor dem Fernseher und sehen darin ihre wichtigste Unterhaltungsform. Ethnische Vielfalt trägt, kurz gesagt, zur sozialen Auflösung bei.

Als Gegenreaktion auf die Auflösung der französischen Gesellschaft ist, so Guilluy, im peripheren Frankreich ein Erstarken des lokalen Lebens und der Sesshaftigkeit zu beobachten. Weil sie allgemein weniger mobil sind (es fehlt ihnen oft das Geld für Reisen) und ihre Aussichten alles andere als rosig sind, legen die Bewohner des peripheren Frankreichs umso mehr Wert auf lokale Solidarität innerhalb von kleineren Gemeinschaften, in denen sich alle kennen und vertrauen. 

Die neuen Zitadellen

Christophe Guilluy weist neben Robert D. Putnam auch immer wieder auf einen anderen amerikanischen Autor, Christopher Lasch, dessen Buch The Revolt of the Elites and the Betrayal of Democracy schildert, wie die herrschenden Klassen je länger je mehr den kleinen Leuten den Rücken kehren. Die Metropolen werden in diesem Zusammenhang zunehmend zu Zitadellen, in denen es gilt, die Bewohner des peripheren Frankreichs fern zu halten. In seinem neusten Buch No Society zeigt Christophe Guilluy, wie fortgeschritten dieser Prozess bereits ist. 

Die Eliten der Metropolen empfinden sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft oder einer historisch gewachsenen Gemeinschaft. Sie sind die „Anywheres“, von denen der britische Autor David Goodhart spricht[2]. Ihr Wunsch, sich von den „Somewheres“, also von denjenigen Menschen, die noch an einem Ort, an Traditionen und an einer Identität hängen, zu trennen ist so stark, dass sie so weit gehen, an Sezession zu denken. Nachdem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde, erhoben sich beispielsweise in Kalifornien linksliberale Stimmen, die den „Calexit“ forderten, um nicht mehr im selben Land wie Donald Trump leben zu müssen. Einzelne Promis hatten auch vor der Wahl angekündigt, die Vereinigten Staaten verlassen zu wollen, sollte Donald Trump gewählt werden. An dieser Stelle sieht man, wie (un)ernst diese Menschen das eigene Geschwätz von Demokratie, Pluralismus, Vielfalt, Toleranz und Zusammenleben nehmen. Sie wollen in Wirklichkeit unter sich bleiben. Ebenfalls zu erwähnen in diesem Zusammenhang ist die Petition, die ein Brite namens James O’Malley nach der Annahme des Brexits durch das britische Volk an Londons Bürgermeister Sadiq Khan richtete: O’Malley bat Khan, London für selbstständig zu erklären und für die Stadt den EU-Beitritt in die Wege zu leiten. Immerhin haben über 180.000 Menschen diese Petition unterschrieben. Khan wirbt seinerseits für eine zweite Volksabstimmung zum Brexit – selbstverständlich in der Hoffnung, diesen rückgängig zu machen. Man fühlt sich unweigerlich daran erinnert, wie das irische Volk, nachdem es im Juni 2008 den Vertrag von Lissabon abgelehnt hatte, im Oktober 2009 ein zweites Mal darüber abstimmen musste.

Das Untereinander-Bleiben der Metropolen-Bewohner nimmt zu. Guilluy zeigt unter anderem, wie schwierig es für junge Leute aus dem peripheren Frankreich wird, in den Metropolen ein Studium zu machen, weil ihnen das Geld dafür fehlt. Dies führt dazu, dass zunehmend vor allem Kinder aus gutverdienenden Familien ein Studium an großen Universitäten absolvieren können. Dadurch verstärkt sich das Phänomen, das der Soziologe Pierre Bourdieu soziale Reproduktion nannte, und vertiefen sich die Trennlinien innerhalb der französischen Gesellschaft. Guilluy schreibt diesbezüglich, dass wir hinter dem Mythos der offenen und egalitären Gesellschaft der kosmopolitischen Metropolen in Wirklichkeit die Rückkehr der Zitadellen, der geschlossenen Stadt und die Konsolidierung eines inegalitären Modells angelsächsischer Prägung erleben. 

Warum Marine Le Pen nicht gewählt wurde

Christophe Guilluy erklärt in La France périphérique, dass die Bewohner des peripheren Frankreichs rund 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Mehrheit der Franzosen sind mit anderen Worten Verlierer der Globalisierung. Angesichts der Tatsache, dass in den Vereinigten Staaten Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, weil er sich während seiner Wahlkampagne für die Interessen der Arbeiterklasse stark machte, ist es etwas überraschend, dass in Frankreich 2017 nicht Marine Le Pen, die sich ebenfalls für die kleinen Leute stark machte, sondern Emmanuel Macron, der Vertreter der Hochfinanz, zum französischen Staatsoberhaupt gewählt wurde. Viele Beobachter führten Le Pens Nichtwahl auf ihre schlechte Leistung anlässlich des letzten Fernsehduells mit Macron zurück, doch Guilluy sieht einen weiteren Grund dafür: Macron wurde gewählt, weil er sich auf die Stimmen der Schützlinge des herrschenden Systems stützen konnte: Beamten und Rentner. Guilluy schreibt, dass in Frankreich insbesondere die Rentner derzeit den Schutzwall gegen Populismus bildeten, während Jugendliche eher bereit seien, links- oder rechtspopulistische Politiker und Parteien zu wählen. Doch wie lange wird der Schutzwall halten? Die liberale Logik des globalisierten Wirtschaftssystems wird, so Guilluy, früher oder später dazu führen, dass auch die Rentner und andere, zurzeit noch geschützte Kategorien der Bevölkerung geopfert werden, wenn sich herausstellt, dass auch sie nicht mehr gebraucht werden.

Warum Donald Trump so verhasst ist

Christophe Guilluy erklärt in seinem neuesten Buch No Society, dass die Erfolgsaussichten einer Revolte, die nur von unten kommt, gering sind. Es sei notwendig, dass Angehörige der herrschenden Klassen sich den Problemen der Arbeiterklasse annehmen. Nur wenn „unten“ und „oben“ wieder miteinander reden, kann sich die Gesellschaft als Ganzes regenerieren. Und genau das ist es, warum die herrschenden Klassen Donald Trump so hassen und bekämpfen: Er gehört als Milliardär zu ihnen, hat aber in ihren Augen gesündigt, indem er mit dem linksliberalen Narrativ brach und sich für die Interessen seiner Landsleute aus der Arbeiterklasse einsetzte – und damit gewann. Christophe Guilluy hat diesbezüglich eine interessante These: Populistische Politiker werden nicht gewählt, weil es ihnen gelungen wäre, die Massen zu manipulieren, sondern weil ihr politisches Programm den Erwartungen einer wachsenden Zahl von Bürgern und Wählern entspricht. 

In Frankreich werden die Erfolge des Front National (seit Juli 2018 umbenannt in „Rassemble­ment National“, RN) in den Medien immer wieder auf eine angebliche „Lepenisierung der Köpfe“ zurückgeführt. In Wirklichkeit, so Guilluy, hat der Front National immer mehr Wähler gewonnen, weil dieser sich aufgrund ihrer Lebensverhältnisse zunehmend vom Programm der Partei angesprochen fühlten. Marine Le Pen gab diesem einen entschieden sozialen Anstrich und bescherte der Partei damit die besten Ergebnisse ihrer Geschichte. Wie man es inzwischen weiß, wählen viele frühere Sozialisten den Front National, genauso wie in Deutschland nicht wenige ehemalige Sozialisten die AfD wählen. Die Linken haben ganze Teile ihrer Wählerschaft vergrault, indem sie eine Politik machten, die sich nicht mehr genügend der Sorgen der kleinen Leute annahm. Die Linken kümmern sich heutzutage mehr um gesellschaftliche Fragen als um die soziale Frage, d. h. mehr um Minderheiten als um die Mehrheit. Wie lange sich dieser Kurs halten lässt, ist fraglich, gerade von dem Hintergrund, dass sich ethnische Minderheiten nicht zwingend für die Rechte von sexuellen Minderheiten begeistern. Christophe Guilluy weist darauf hin, dass in Frankreich viele Einwanderer eher konservative Ansichten haben und sich dementsprechend zunehmend von den linken Parteien abwenden.

Mythos Mittelschicht

Macht es noch Sinn, von einer französischen Mittelschicht zu sprechen, wenn 60 Prozent der Landesbewohner im peripheren Frankreich leben müssen? Christophe Guilluy erklärt in seinen Büchern, dass die sukzessiven Regierungen alles darangelegt haben, den Mythos der Mittelschicht aufrecht zu halten, um der Bevölkerung das wahre Ausmaß der sozialen Frage zu verheimlichen, während sie in das periphere Frankreich verbannt wurde. Und viele Franzosen haben sich eingeredet, dass sie noch zur Mittelschicht gehörten, weil ihnen der Gedanke des sozialen Abstiegs unerträglich war. Mit der Revolte der Gelbwesten kam alles auf den Tisch. 

Bücher von Christophe Guilluy

  • Fractures françaises, Paris 2010, 208 S.
  • La France périphérique. Comment on a sacrifié les classes populaires, Paris 2014, 192 S.
  • Le crépuscule de la France d’en haut, Paris 2016, 256 S.
  • No Society. La fin de la classe moyenne occidentale, Paris 2018, 240 S. 

Anmerkungen

[1] Robert D. Putnam, „E Pluribus Unum: Diversity and Community in the Twenty-first Century“, in: Scandinavian Political Studies, Volume 30 Issue 2, S. 137–174 (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-9477.2007.00176.x/abstract).

[2] David Goodhart, The Road to Somewhere. The New Tribes Shaping British Politics, London 2017, 282 S.

 
Mag. Jan Mahnert, Jg. 1973, hat Geografie an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Genf studiert. Er ist als Übersetzer, Lektor und Publizist tätig. 2011 erschien sein Buch Demokratie und Homokratismus. Wie die Gleichheitsideologie der Menschenrechte die Demokratie und die Völker bedroht (Edition Genius, Wien).

Bearbeitungsstand: Sonntag, 27. Jänner 2019

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