Menschenrechte haben eine Geschichte


Von Valentine Zuber

Das Bestreben, den Menschenrechten ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweite Geltung zu verschaffen, traf und trifft auch heute noch auf zahlreiche Hindernisse. Dass die Menschenrechte ihren Ursprung in Europa und seinen westlichen Dependancen haben, ist der Grund dafür, dass sie von anderen Zivilisationen zunehmend in Frage gestellt werden, weil diese in ihnen immer noch das Zeichen für die kulturelle und religiöse Einflussnahme und die politische Vorherrschaft der ehemaligen Kolonialmächte sehen. Ihre Anerkennung durch alle Nationen ohne Ausnahme ist nur zu erreichen, wenn ihre Grundsätze auf globaler Ebene effektiv Geltung erhalten, und dazu müssen sie vor allem in ausschließlich rechtliche Begriffe umgewandelt und ganz allmählich an eine entschieden pluralistische und offene Welt angepasst werden.

Drei wegweisende Dokumente: 1776, 1798 und 1948

1. Die Erfindung der Menschenrechte

Im ausgehenden 18. Jahrhundert erschien in Nordamerika und in Europa eine wahre Flut von Texten, in denen die Menschenrechte in Form von Erklärungen aufgelistet wurden. Diese in Hinblick auf die Verabschiedung einer Verfassung und eines Rechtssystems verfassten Dokumente entstanden zuerst in den verschiedenen amerikanischen Kolonien, die sich auf dem Weg in die Unabhängigkeit befanden, und sie stießen in den Folgejahren sofort auf große Resonanz in der westlichen Welt. Auf die Texte der einzelnen Kolonien – der bekannteste ist die Bill of Rights von Virginia aus dem Jahr 1776 – folgten im selben Jahr die gemeinsame Erklärung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten sowie anschließend die Verabschiedung der Bill of Rights (die Zusatzartikel 1 bis 10) der amerikanischen Verfassung von 1791. In Frankreich hatte inzwischen die Verfassunggebende Versammlung in dem ganz besonders turbulenten Sommer 1789 ihre eigene Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verkündet. Auf Grund der politischen Wirren wurde dieser Vorgang gleich noch zweimal wiederholt, nämlich 1793 und 1795. Andere Völker folgten dem Beispiel; wie etwa die Belgier mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der Bürger von Franchimont im September desselben Jahres, die Genfer mit ihrer Erklärung der Rechte und Pflichten des Menschen in der Gesellschaft von 1793, oder die verschiedenen Erklärungen der Rechte und republikanischen Verfassungen in Italien, Holland oder der Schweiz, die infolge der napoleonischen Feldzüge entstanden (1797–1798).

Im 19. Jahrhundert setzte sich diese Entwicklung in Frankreich mit der Präambel zur französischen Verfassung von 1848 fort. Es folgte nun eine lange Latenzphase, in der die sich neu konstituierenden Staaten es nicht mehr so wichtig erachteten, Erklärungen zu verfassen. Die nationalistische Ideologie hatte die Forderung nach allgemein geltenden Menschenrechten verdrängt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Feuersturm mit seinen mörderischen Folgen, den der auf die Spitze getriebene Nationalismus entfacht hatte, sahen es die Siegermächte wieder als notwendig an, eine weltweite Menschenrechtspolitik zu definieren. Diese Politik führte 1948 im Pariser Trocadéro zur feierlichen Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die zur neuen moralischen Charta der kurz zuvor gegründeten Organisation der Vereinten Nationen wurde…

2. Allgemeine Rechte

Im Gegensatz zur englischen Bill of Rights von 1689, die sich einzig und allein auf die alten Rechte und Freiheiten der freien Engländer bezog, verkündeten die Texte von 1776, 1789 und 1948 ausnahmslos die Gleichheit aller Menschen und deren allgemeinen Anspruch auf die natürlichen Rechte, und das unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit.

Bereits im zweiten Absatz der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 heißt es deshalb: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“

Im ersten Artikel der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 lesen wir: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.“ Und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 wird verkündet, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens bildet“ und dass „diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal (proklamiert wird)“.

Die Frage nach den Ursprüngen

1. Die Vorreiterrolle der Amerikaner

Die Historiker sind sich heute allgemein darin einig, dass die Angelsachsen bei der Entwicklung und praktischen Umsetzung der Theorie von den Menschenrechten im 17. und 18. Jahrhundert die führende Rolle gespielt haben. Die Amerikaner stützten sich auf die Gedanken zeitgenössischer Philosophen. Sie waren über den Atlantik geflohen, um den Religionsstreitigkeiten auf dem alten Kontinent zu entgehen, und zogen die Konsequenzen aus ihren Erfahrungen. Damit wurden sie zu Pionieren und Vorbildern, die man in der übrigen Welt bewunderte und nachahmte. Sie waren tatsächlich die ersten, die völlig andere politische Lösungen propagierten und anwandten, als sie in der Alten Welt üblich waren, um so einerseits ihrer Isolierung zu begegnen und andererseits das Zusammenleben von Menschen zu regeln, die vielen verschiedenen Religionen und Gesellschaftsschichten angehörten. Diese Vorreiterrolle der Amerikaner befreit die Forscher auf dem Gebiet der Ideengeschichte jedoch nicht von der Aufgabe, sich nach den Ursprüngen dieser neuen politischen Grundsätze zu fragen, die dort in der Praxis verwirklicht wurden. Diese Prinzipien haben ihren Ursprung in Europa, doch erst durch einen intensiven Austausch und durch das Aufeinandertreffen der intellektuellen Einflüsse aus der Alten und der Neuen Welt war es möglich, sie so genau zu präzisieren, in Gesetze zu fassen und sie zunächst in Amerika und später auch in Europa in der politischen Praxis weiterzuentwickeln.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts streiten sich die politischen Denker regelmäßig darüber, wo die intellektuellen Wurzeln der Menschenrechte zu suchen sind. Manch einer vertritt die Ansicht, ihr Ursprung sei religiöser Natur und gehe auf die durch die Reformationen im 16. Jahrhundert ausgelösten starken Veränderungen in der Kirche und der Theologie zurück. Andere wiederum heben hervor, dass die Säkularisierung und Individualisierung des philosophischen Denkens von der cartesianischen Revolution bis hin zur Aufklärung die wichtigste Rolle gespielt haben. Diese unterschiedlichen Interpretationen sollten gewiss alle der Erklärung dienen, doch manchmal lagen ihnen auch ideologische Motive zugrunde, die ihre laut verkündete Allgemeingültigkeit beeinträchtigten. Deshalb haben die unterschwellig vorhandenen ideologischen Absichten jener Länder, die die Menschenrechte ganz offen förderten und nach außen trugen, auf jeden Fall stark dazu beigetragen, dass die Verbreitung dieser Grundsätze in der übrigen Welt auf Probleme stieß.

2. Die Reformation, Ursprung der individuellen Rechte

Sowohl die Verfechter liberaler als auch reaktionärer Gedanken im 19. Jahrhundert wollten die Ursprünge für die aktuellen oder bereits abgeschlossenen politischen Umwälzungen in der Religion finden, und für sie kamen deshalb die in diesem Zusammenhang verkündeten Menschenrechtserklärungen neuen, an die moderne Welt angepassten Gesetzestafeln gleich.

In Frankreich war es im 19. Jahrhundert geradezu zu einem Topos geworden, das Werk der Reformation mit dem der Französischen Revolution in Verbindung zu bringen, und nicht nur die reaktionäre, sondern auch die liberale und republikanische Geschichtsschreibung sah in der Reformation und der Revolution parallele Entwicklungen. Jeder suchte nach den religiösen oder theologischen Erklärungen, um die Probleme zu verstehen, die mit der Moderne und ihren Begleiterscheinungen Demokratie, Pluralismus und fortschreitender Säkularisierung der Gesellschaft entstanden waren. Die Gleichsetzung von Reformation und Moderne konnte also auf zwei entgegengesetzte Weisen interpretiert werden, je nachdem, wie die jeweiligen Denker die Entwicklung der Gesellschaft ihrer Zeit beurteilten. Jene, die sich auf das Erbe von 1789 beriefen, sahen in der Reformation im Allgemeinen den Ausgangspunkt für den langen und beschwerlichen Weg hin zur Erreichung der modernen Freiheiten. Zu ihnen zählten im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts liberale, manchmal protestantische oder protestantenfreundliche Denker (angefangen bei Benjamin Constant über François Guizot, Jules Michelet und Alexis de Toqueville bis hin zu Edgar Quinet), aber auch französische protestantische Historiker und Theologen sowie ihre politischen Verbündeten, die Republikaner.

Jene dagegen, die sich gegen die Einführung und gegen die allgemeine Übernahme der Ideale der Aufklärung in die moderne Politik wehrten, sahen in der Reformation die erste revolutionäre Tat, durch die eine Kettenreaktion ausgelöst worden war und das Land mit all dem, was bisher seine Stärke, seine Einheit und seine Identität ausgemacht hatte, ins Verderben gestürzt wurde. Diese Ansicht vertraten reaktionäre und protestantenfeindliche Denker von Joseph de Maistre bis zu Charles Maurras.

Die Gleichsetzung von Reformation und Revolution wurde allerdings immer häufiger von gewissen besonders patriotischen (man könnte auch sagen jakobinischen) republikanischen Historikern erschüttert, denn sie betonten, dass die Ideale und Prinzipien der Revolution rein französischen Ursprungs seien und auf die Philosophie zurückgingen. Dass sich die Forschung in Deutschland (Georg Jellinek und auch Max Weber) unter anderem erneut mit einer Neubewertung des protestantischen Beitrags (in Form des Calvinismus oder des Paracalvinismus) zur politischen und ökonomischen Moderne der westlichen Welt befasste, hat zwar die Protestanten in Frankreich mit Befriedigung erfüllt, wurde aber von den anderen, den französischen Verfechtern einer heroischen und strikt nationalen Sichtweise mit Unbehagen aufgenommen.

3. Ein philosophischer und weltlicher Ursprung?

Eine andere Denkrichtung bestritt nämlich ganz entschieden jeden religiösen Einfluss auf die Entstehung der Theorie von den Naturrechten. Ihren Anhängern zufolge wurde die Entwicklung einer weltlichen und eigenständigen Vorstellung von den natürlichen Rechten des Menschen überhaupt erst möglich, weil man sich vom rein religiösen Denken losgesagt hatte; dadurch seien die natürlichen Rechte zum Allgemeingut aller Menschen geworden, unabhängig von deren jeweiliger Kultur oder Religion. Diese Autoren sind fest davon überzeugt, dass im 18. Jahrhundert eine geistige und kulturelle Revolution in der Wahrnehmung des Individuums stattgefunden hat. Diese neue Geisteshaltung habe sich dann über verschiedene Kanäle in der Bevölkerung verbreitet: über Romane, in denen das Schicksal Einzelner im Mittelpunkt stand (Jean-Jacques Rousseau und Richardson), über den Kampf der Philosophen für die Abschaffung der Folter (Voltaire), sowie über ihren Einsatz für Religionsfreiheit und die Anerkennung individueller Freiheiten (Condorcet). In diesem intellektuellen Klima sei es möglich geworden, dass sich neue gesellschaftliche und politische Vorstellungen wie die von den natürlichen Rechten des Menschen in der Gesellschaft Bahn brachen. Angefangen bei Hugo Grotius und John Locke, über Jean-Jacques Burlamaqui bis hin zu Rousseau haben die verschiedenen Theorien vom Gesellschaftsvertrag das Individuum ins Zentrum der Betrachtung gestellt und dazu beigetragen, dass die wesentliche Rolle der menschlichen Person allgemein anerkannt wurde.

Doch ganz gleich, ob die Menschenrechte nun ihren Ursprung in der Religion oder in der Philosophie haben, über eines sind sich die Wissenschaftler alle einig: Die Menschenrechte sind ihrem Wesen nach ein westliches Phänomen, und sie verdanken ihre Entstehung der allmählichen Säkularisierung der christlich geprägten Gesellschaften.

Die Erklärungen und ihre Anwendungen: ein noch nicht abgeschlossener Prozess

1. Bis zur Anwendung vergeht viel Zeit

Obwohl sowohl die amerikanische Erklärung von 1776 als auch die französische aus dem Jahr 1789 die Allgemeingültigkeit ihrer Grundsätze verkündeten, führten sie nicht dazu, dass die gesamte Bevölkerung in den Genuss dieser Rechte gelangte. Gewiss, mithilfe dieser Rechte konnten die Grenzen der individuellen Freiheiten weiter gesteckt werden. So bedeuteten die allerersten Zivilmaßnahmen der Französischen Revolution, wie etwa die Abschaffung der lettres de cachet (der königlichen Haftbefehle), die Aufhebung religiöser Diskriminierung, die Einführung der Zivilehe und des Rechtes auf Ehescheidung, die beträchtliche Herabsetzung des Volljährigkeitsalters und die Abschaffung des Erstgeburtsrechts, das gleiche Erbrecht für Jungen und Mädchen sowie die Abschaffung der väterlichen Gewalt, dass die Grenzen der persönlichen Autonomie der Bürger sehr stark erweitert wurden. Allerdings gewährten die neuen Rechte immer noch keinen Schutz für Kinder, Geisteskranke, Gefangene, Ausländer und Besitzlose, ebenso wenig für Sklaven und freie Farbige, manchmal auch nicht für religiöse Minderheiten und vor allem nicht für die Frauen.

Die Rechtserklärungen aus dem 18. Jahrhundert beinhalteten im Wesentlichen die sogenannten bürgerlichen und politischen Rechte, die aber zunächst nur politisch und wirtschaftlich freien Menschen männlichen Geschlechts zustanden. Später, nachdem die Rechte auf alle Menschen ausgeweitet worden waren, sprach man von ihnen als von der ersten Generation der Menschenrechte. Gewiss, in den französischen Erklärungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts und in denen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auch wirtschaftliche und soziale Rechte explizit erwähnt (etwa das Recht auf Arbeit und das auf öffentliche Unterstützung, 1793 und 1848), doch nur selten wurden sie auch umgesetzt. Erst durch den Fortschritt in der Gesetzgebung der verschiedenen Nationen zum wirtschaftlichen und sozialen Schutz für die Schwächsten fanden diese ökonomischen Rechte auch Eingang in den Bereich der eigentlichen Menschenrechte.

2. Die internationale Gemeinschaft handelt

Diese neuen Rechte (das Recht auf Arbeit, das Streikrecht, das Recht auf Bildung und soziale Absicherung) wurden im Wesentlichen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in großer Zahl in die verschiedenen nationalen Rechtssysteme aufgenommen. Man sprach nun von den Rechten der zweiten Generation. Seitdem sind wieder neue Rechte definiert worden. Über sie wurden sowohl in als auch zwischen den Staaten umfangreiche Auseinandersetzungen geführt, und noch sind sie nicht alle von den nationalen und internationalen Instanzen abgesegnet worden. Darunter finden sich ziemlich durcheinander alle möglichen Forderungen nach Anerkennung, beispielsweise des Rechts auf Umweltschutz, auf Entwicklung, auf Selbstbestimmung, auf Unterschiedlichkeit, auf Schutz von Minderheiten, auf Frieden usw.

Seit der Verkündung der Charta der Vereinten Nationen (1945) und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) sind diese Menschenrechte noch erweitert und kodifiziert worden, und man hat internationale Einrichtungen geschaffen, die über ihre Anwendung wachen.

1966 haben die Vereinten Nationen den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte sowie den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verabschiedet. Im darauf folgenden Jahr richtete die Menschenrechtskommission der der Vereinten Nationen Mechanismen zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in den Mitgliedstaaten ein.

Eine erste internationale Begegnung aller nationalen Institutionen zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte wurde 1991 unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen von der Nationalen Konsultativkommission für Menschenrechte (CNCDH) in Paris veranstaltet. Zwei Jahre später, 1993, verabschiedete die Generalversammlung das sogenannte „Wiener“ Aktionsprogramm. Darin werden der Demokratie und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung als integralen Bestandteilen der Menschenrechte große Bedeutung zugemessen. Auf Grund dieser Erklärung wurde das Hohe Kommissariat der Vereinten Nationen für Menschenrechte ins Leben gerufen, und außerdem wurden alle Unterzeichnerstaaten aufgefordert, Einrichtungen zu schaffen, die die Einhaltung der Menschenrechte auf nationaler Ebene garantieren. Im Jahr 2006 wurde die Menschenrechtskommission durch den Menschenrechtsrat abgelöst.

Infolge der Unterzeichnung der internationalen Verträge zum Schutz der Menschenrechte entstanden auf regionaler Ebene ebenfalls ähnliche Instanzen. Sie stützen sich im Allgemeinen auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. So ist etwa die Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, allgemein bekannt unter der Bezeichnung Europäische Menschenrechtskonvention, ein internationaler Vertrag, dem die Mitgliedstaaten des Europarates (1950–53) beigetreten sind. Ziel dieses Vertrages ist es, die Menschenrechte und Grundfreiheiten durch eine gemeinsame gerichtliche Kontrolle zu schützen. Deshalb wurden nach der Annahme der Konvention das Ministerkomitee des Europarates und vor allem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gegründet. Letzterer hat seit 1959 seinen Sitz in Straßburg und ist dafür zuständig, über die Einhaltung der Konvention durch die Unterzeichnerstaaten zu wachen. Die Konvention wurde inzwischen erweitert und durch mehrere Protokolle ergänzt und präzisiert.

3. Eine gelegentlich umstrittene Allgemeingültigkeit

Abgesehen davon, dass die Menschenrechte in allen Gesellschaften weltweit üblicherweise nur sehr langsam effektiv umgesetzt wurden, ist auch die Definition dieser Rechte auf Vorbehalte gestoßen und hat Kontroversen ausgelöst, die bis heute nicht beigelegt sind. Auf regionaler Ebene wurden deshalb zahlreiche ergänzende Dokumente verfasst. Manche Länder, aber auch Gruppen von Ländern, hielten es gelegentlich für notwendig, die Erklärung von 1948 zu präzisieren oder zu ergänzen. Es gab auch schärfere Proteste, die die „universale“ Geltung des Menschenrechtsmodells an sich in Frage stellten. Zu dieser Infragestellung kam es, je mehr die Vorherrschaft des Westens im Schwinden begriffen war und die übrige Welt sich gleichzeitig immer weiter entwickelte. Im Widerstand gegen die Menschenrechte offenbarte sich der Wille, sich von dem zu befreien, was als Diktat der westlichen Kultur empfunden wurde.

Manche Länder, deren politische Ordnung sich radikal von dem liberalen westlichen Modell unterscheidet, bestanden darauf, bestimmte Rechte zu Lasten anderer zu fördern. Während der Zeit des so genannten Kalten Krieges wurde in den Vereinten Nationen erbittert darüber debattiert, wie das Ausmaß der Grundrechte zu definieren sei. Dabei stand der westlichen Auffassung, der zufolge die Menschenrechte auf den bürgerlichen und politischen Freiheiten beruhen, die Sichtweise der sozialistischen Blockstaaten entgegen, die den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten und der Befriedigung der Grundbedürfnisse mehr Gewicht beimaßen. Dieser Einwand gegen die Menschenrechte wird auch heute noch sehr häufig von China oder Nordkorea vorgebracht. Diese Länder geben theoretisch der Entwicklung der ökonomischen Rechte den Vorzug vor der Garantie der individuellen und politischen Rechte, zu der sie aber regelmäßig aufgefordert werden. Die Menschenrechte wurden manchmal als eine moderne Erfindung des Westens dargestellt.

Einige Länder erheben nämlich den Vorwurf, die so genannten „westlichen“ Länder würden die Menschenrechte auf Kosten der übrigen Nationen der Welt allein zu ihrem Vorteil instrumentalisieren. Manche sehen in diesen Rechten sogar eine Ideologie, die den kulturellen und religiösen Besonderheiten schadet. Ihrer Ansicht nach sind sie ein neokolonialistisches und globales Modell, das den anderen Nationen aufgezwungen wird, indem diese in (wirtschaftlicher und kultureller) Abhängigkeit gehalten werden. Einige Kulturräume haben deshalb versucht, sich von den internationalen Regeln zu befreien, weil sie sich durch diese eingeengt fühlen und weil sie angeblich ihrer eigenen Kultur widersprechen, und haben Formulierungen der Menschenrechte vorgeschlagen, die den jeweiligen Umständen und Kulturen gerecht werden. Dieser Widerstand gegen die globale Ausweitung allgemeiner Vorschriften wurde im Nachhinein manchmal durch historisch-politische Vorstellungen gerechtfertigt, denen zufolge der Zusammenprall der Zivilisationen ein unvermeidliches Kapitel in der Menschheitsgeschichte darstellt.

Einige regionale Organisationen wollten der Allgemeinen Erklärung ihre eigenen Menschenrechtserklärungen entgegenstellen. Die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) verkündete 1981 eine Afrikanische Charta der Menschen- und Völkerrechte. Dabei stützte sie sich auf die Allgemeine Erklärung von 1948 und ergänzte diese durch Rechte, die ihrer Ansicht nach bisher ausgelassen worden waren, wie beispielsweise das Selbstbestimmungsrecht der Völker oder die Pflicht der Staaten, alle „Formen ausländischer wirtschaftlicher Ausbeutung“ zu bekämpfen.

Auch die Organisation der islamischen Konferenz (seit 2011 Organisation für islamische Zusammenarbeit) hat ihre eigene Menschenrechtserklärung verfasst (1990), in der es heißt, dass der Islam die „natürliche Religion des Menschen“ ist (Artikel 10).

Schlussfolgerung: Die neue Lage

Wie wir gesehen haben, ist in der Zeit vom 18. bis zum 21. Jahrhundert die Zahl der anerkannten Menschenrechte enorm angestiegen. Von den Rechten der ersten bis zu denen der dritten Generation (manche Autoren sprechen sogar von Rechten der vierten Generation) hat sich der Katalog ungeheuer erweitert. Dieses fast exponentielle Wachstum beweist aber auch, dass der Umfang der Menschenrechte je nach Zeit und Ort immer noch sehr stark schwankt, und dass eine genaue Definition dessen, was sie beinhalten, auch weiterhin zu heftigen Debatten führen wird. Dadurch wird die selbst verkündete Allgemeingültigkeit dieser Rechte immer wieder gefährdet und erscheint deshalb eher wie ein Dogma und nicht so sehr wie ein wirklich rationales Faktum.

Angesichts dieser Inflation besteht die Gefahr, dass manche Rechte im Vergleich zu anderen relativiert werden. Sie kann auch dazu führen, dass immer häufiger unterschiedliche Rechte miteinander in Konflikt geraten. Das macht es den Staaten (insbesondere den ärmeren) sehr viel schwerer, über die Einhaltung dieser Rechte zu wachen und sie zu schützen.

Die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte wird häufig auch von Menschen in Frage gestellt, die sich für die Gleichberechtigung aller Kulturen aussprechen, auch jener, die den westlichen Ansprüchen an die Achtung der menschlichen Person nicht genügen. Manch einer bezichtigt sie sogar, eine Art fremde Zivilreligion zu sein, die dem Rest der Welt von einem viel zu weltlichen und materialistischen Westen aufgezwungen wird. Es muss allerdings eingeräumt werden, dass die Verwendung von starken und religiös gefärbten Formulierungen wie „universal“ oder „heilige Rechte“ all jene zu Recht stören kann, die den Begriff des Heiligen nicht mit dem Menschen an sich in Verbindung bringen, sondern allein mit dem Gott (den Gottheiten) oder den übernatürlichen Kräften, zu denen sie sich bekennen.

Meiner Ansicht nach besteht die einzige Möglichkeit, aus dieser Debatte wieder herauszukommen, darin, den Begriff Menschenrechte strikt weltlich zu definieren. Dazu muss man sich mit ihrer Geschichte und immer wieder mit ihren philosophischen Grundlagen auseinandersetzen. Es ist höchste Zeit, dass wir die großen Menschenrechtsdokumente in ihren historischen Rahmen stellen: Sie spiegeln eine ganz besondere historische Lage wider, sie sind unter ganz bestimmten Bedingungen entstanden. Gewiss, sie sind großartig, aber wir dürfen ihn ihnen nichts anderes sehen als ein kulturelles Zeugnis der Vergangenheit. Wenn die Menschenrechte allgemein gültig sein sollen, müssen sie deshalb drei Bedingungen erfüllen: Sie müssen natürliche Rechte sein, die jedem einzelnen gleichermaßen zustehen und die auf alle Menschen anwendbar sind. Außerdem sind sie keine Rechte für den Menschen im Naturzustand, sondern für den in der Gesellschaft lebenden Menschen. Es handelt sich nicht um Rechte des Menschen im Gegensatz zu den Rechten Gottes oder denen der Tiere. Sie müssen sich in einer politisch säkularen Welt weiterentwickeln können und bedürfen zu ihrer Umsetzung der Mitwirkung aller.

Die Säkularisierung der Menschenrechte hat bereits begonnen: Ihr parareligiöser Anstrich und ihr Anspruch, eine allgemeine Moral für alle sein zu wollen, müssen aufgegeben werden. So etwas mag vielleicht in der Geschichte der westlichen Welt notwendig gewesen sein, doch heute stellt es eher eine Bremse für ihre weltweite Verbreitung dar. Die Menschenrechte sollten zu einem schlichten Katalog von Rechtsvorschriften werden, die auf Grund internationaler Verträge oder Konventionen ausnahmslos jedem vorgehalten werden können. In zahlreichen Ländern gibt es diese Rechts- und/oder Verfassungstradition bereits, für andere ist sie die Vorbedingung für ihre Aufnahme als neuer Staat in regionale Gemeinschaften, beispielsweise für die Länder, die Mitglieder der Europäischen Union werden wollen. Die Achtung der Menschenrechte ist also ein Prozess, der kontinuierlich weitergeführt werden muss, und keine ausschließliche „Wahrheit“, zu der sich alle bekennen und die allein von den entwickelten Ländern dem Rest der Welt präsentiert wird.

Quellen

Antoine de Baecque (Hrsg.): L’ An 1 des droits de l’homme, Paris 1988.

Marcel Gauchet: La Révolution des droits de l’homme, Paris 1989.

Christine Faure: Les Déclarations des droits de l’homme de 1798, Paris 1988.

Dies.: Ce que déclarer des droits veut dire, Paris 2011.

Lynn Hunt: Inventing Human Rights : A History, New York 2007.

Wikipedia (französisch): Droits de l’homme (die Seite wurde am 24. Juli 2011 aufgerufen). https://fr.wikipedia.org/w/index.php?title=Droits_de_1%27homme&oldid=67474450

 
Valentine Zuber ist Historikerin und Dozentin an der Abteilung für Religionswissenschaften der Ecole Pratique des Hautes Etudes sowie Mitglied der Forschungsgruppe „Sociétés, Religions, Laïcités“ am Pariser Centre national de la recherche scientifique (CNRS, deutsch: Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung). Das CNRS ist als nationale Forschungsorganisation dem Forschungsministerium unterstellt und widmet sich der Grundlagenforschung. Es ist vergleichbar mit der deutschen Max-Planck-Gesellschaft, allerdings wesentlich größer und weniger eng fokussiert. Das CNRS bildet mit einem Etat von 3,4 Milliarden EUR und 32.000 Beschäftigten (2013) die zweitgrößte Forschungsorganisation in Europa nach der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Quelle des vorstehenden Textes: „Gewissen und Freiheit 68“, Bern, S. 25–37.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. März 2019

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
c/o Mag. Erich Wachernig, Hegergasse 3/7, 1030 Wien, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft