Neue Erkenntnisse zur Geschichte des Rassismus


James Q. Whitman, Hitlers American Model, The US and the Making of Nazi Race Law, Princeton University Press 2017, ISBN 978-0-691-18306-0, Paperback 208 Seiten

 
Von Bertram Schurian

Dieses Buch von James Q. Whitman[1] ist für mich eines der interessantesten Werke, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Im Oktober 2010 habe ich auf einer Tagung einen Vortrag über die „Evolution, und was man davon halten soll”, gehalten. In diesem Vortrag wurde u. a. auf die Idee von Charles Darwin, die ohne die göttliche Entstehungsgeschichte des Menschen und der Arten auskam, die den Begriff der Konkurrenz unter den Arten als „survival of the fittest” darstellt und die schließlich in seiner Evolutionstheorie gipfelte, eingegangen. Auf einen Aspekt, der sich aus Darwins Theorien entwickelt und große politische wie menschliche Auswirkungen gezeitigt hat, muss man besonders hinweisen. Dieser betrifft die Eugenik, einen aus dem Griechischen abgeleiteten Begriff, der „gut” und „Geschlecht” zusammenführt. Eugenik oder Eugenetik bezeichnet einen vom englischen Gelehrten Francis Galton (1822–1911), einem Zeitgenossen Darwins, im Jahre 1883 formulierten Begriff, der die Anwendung humangenetischer Erkenntnisse auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik bezeichnet, mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu heben bzw. zu vergrößern und den Anteil negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.

Diese Ideen haben in England, im britischen Imperium und in den USA besonderen Anklang gefunden. Auch in vielen anderen Ländern wurden diese Ideen angenommen und teilweise in Politik umgesetzt. Auf besonders fruchtbaren Boden fielen diese Ideen jedoch in England und den USA selbst. Galton und andere ließen sich stark beeinflussen durch die damals herrschenden Klassen- und Rassenunterschiede. Und welche Konsequenzen diese Ideen in England, in den Vereinigten Staaten von Amerika sowie in Europa und hier in der Hauptsache in Deutschland hatten, konnte man in den darauffolgenden Jahrzehnten sehen. Der Grund, warum Whitman dieses Buch geschrieben hat, liegt vermutlich in seiner Wahrnehmung, dass sich in der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft Tendenzen zum Rassismus zu entwickeln scheinen. Der Autor glaubte zunächst, dass diese Entwicklungen überwunden schienen und der Vergangenheit zuzuschreiben waren. Er ist jetzt aber offenbar der Meinung, dass dem nicht so ist.

Wohl deshalb widmete er sich in seinem Werk intensiv der Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten und stellte in diesem Kontext auch Überlegungen darüber an, welcher Zusammenhang mit den Entwicklungen im nationalsozialistischen Deutschland in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bestand.

Amerika war für Nationalsozialisten zunächst kein ideologischer Feind

Zunächst muss festgestellt werden, dass Adolf Hitler einen positiven, wenn auch kritischen Blick auf Amerika hatte. In vielen Dingen waren die Vereinigten Staaten für ihn beispielgebend, obwohl er die amerikanische Demokratie als Staatsform ablehnte und mehr Nachteile als Vorteile in ihr sah. In den Anfangsjahren des Regimes von 1933 bis 1937 betrachteten die Nationalsozialisten Amerika nicht als ideologischen Feind. Ganz im Gegenteil, in Wirtschaftssachen war Amerika für sie ein positives Beispiel, dem man nacheifern sollte. Dies änderte sich jedoch schlagartig nach einer Rede, der „Quarantane Speech“, von Franklin D. Roosevelt im Jahre 1937. Aber bis zu diesem Zeitpunkt war das Verhältnis zwischen NS-Deutschland und Amerika gut, und der Austausch von Ideen war von vielfältiger Art. In der Einleitung des Buches berichtet der Autor über den US-amerikanischen Einfluss auf etliche der schlimmsten NS-Programme, im Besonderen auf das eugenische Programm und den mörderischen Eroberungskrieg in Osteuropa. Die NS-Expansion in Osteuropa und der Sowjetunion wurde gerechtfertigt und quasi gleichgestellt mit der Eroberung des amerikanischen Kontinents. Die Nationalsozialisten hatten in gewisser Weise eine zwanghafte Vorstellung vom Lebensraum im Osten von Europa, meint Whitman. Andere Autoren haben hierüber eine nuancenreichere Meinung. Aber für Hitler war Amerika das Landimperium par excellence. Die USA waren tonangebend im Errichten von auf Rasse basierenden Gesetzen in der Welt. Die USA waren tonangebend im Konzipieren von Vorschriften, die aus Schwarzen, Filipinos, Chinesen und anderen de facto und de jure Bürger zweiter Klasse in den USA machten. Die Rassenmischung durch Heirat zwischen Weißen und Farbigen wurde auf sehr ingeniöse Art und Weise verhindert bzw. wurden ihr kaum zu überwindende Hindernisse in den Weg gelegt.

Hindernisse für Ehen zwischen Weißen und Farbigen

Die USA waren das einzige Land der Welt, in dem die Nationalsozialisten Gesetze finden konnten, die die Heirat zwischen Weißen und Farbigen hintertrieben. Die deutschen Konzipienten der Nürnberger Gesetze waren bis 1935 offensichtlich nicht darauf aus, Juden zu vernichten, sondern, nach amerikanischem Beispiel, sie zu Bürgern zweiter Klasse zu machen. Einer der berühmtesten Rechtsgelehrten in Amerika, der zeitweise große Sympathien für Hitler entwickelte, war Roscoe Pound (1870–1964), Dekan der Harvard Law School, und eine Ikone der amerikanischen fortschrittlichen Rechtsgelehrtheit. Hiermit soll nicht dem Gedanken Vorschub geleistet werden, dass Amerika ein nationalsozialistischer Staat war. Es gab jedoch Ansätze von Rassismus, die wiederum von egalitären bzw. humanitären Zügen kompensiert wurden. Die Nationalsozialisten fanden im amerikanischen Rassenrechtssystem viele Beispiele, die sie sehr schätzten, andererseits waren sie erstaunt über die liberalen Züge im politischen System und den offen gezeigten und sanktionierten Rassismus in der Gesellschaft. Die Nürnberger Rassengesetze bestanden aus zwei unterschiedlichen Ansätzen, dem „Reichsbürgergesetz“, worin der Unterschied zwischen Reichsbürger und Staatsangehörigem herausgearbeitet wurde, und dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Diese Gesetze waren das Produkt aus monatelangen Diskussionen und Debatten, die auf seriösen deutschen und amerikanischen Studien der US-amerikanischen Rassengesetze basierten. Whitman schreibt mit Überzeugung, dass seinerzeit also in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die USA der „global leader“ in rassistischen Immigrationsgesetzen war. Gewisse rassistische Tendenzen gab es schon in den Anfängen der USA, als in Virginia im Jahre 1691 ein Gesetz zur Verhinderung von Mischehen erlassen wurde, und im Jahre 1790, als der Erste Kongress ein Naturalisationsgesetz verabschiedete für „any alien, being a free white person“ (für jeden Fremdling, der eine freie weiße Person ist). Bestimmend für diese Geisteshaltung war auch die Tatsache, dass die USA ursprünglich Teil des britischen Weltreiches waren, und dass England ein Netzwerk von „free white men´s democracies around the globe“ favorisierte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Überzeugung der weißen Amerikaner von ihrer Überlegenheit gegenüber allen anderen Menschen und überhaupt die weiter gespannte anglophone Überlegenheitsidee der fruchtbare Grund war, aus dem die NS-Ideologen für die Nürnberger Rassengesetze ihre Ideen bezogen. Aber nicht nur für NS-Deutschland waren die USA Ideengeber, auch für Länder wie Brasilien, Australien und Südafrika. Aber es gab auch eine inneramerikanische Kontroverse zwischen Thomas Jefferson und Abraham Lincoln. Jefferson, Präsident von 1801 bis 1805, war nämlich der Überzeugung „that it is certain that the two races (white and black), equally free cannot live in the some government“. Und Lincoln, Präsident von 1861 bis zu seiner Ermordung im Jahr 1865, meinte in seiner Deklaration von 1863, dass die einzige reale Hoffnung für eine gedeihliche Entwicklung in Amerika darin bestünde, die schwarze Bevölkerung in ein anderes Gebiet umzusiedeln. Dazu kam es jedoch nie.

Für Leser, die an dieser Problematik interessiert sind, ist dieses Buch in vieler Hinsicht ein Augenöffner erster Klasse.

Anmerkung

[1] Der US-Amerikaner James Q. Whitman, Jahrgang 1957, studierte Jura an der Yale University sowie an der Columbia University und wurde an der University of Chicago promoviert. Er war im Jahr 2010 Guggenheim Fellow. Aktuell arbeitet er als Rechtsanwalt und ist Hochschullehrer für Ausländisches Recht und Rechtsvergleichung an der Yale University. In seiner 2017 veröffentlichten Untersuchung zur deutschen Rassegesetzgebung in der NS-Zeit stellt Whitman die These auf, dass durch die Arbeit des deutschen Juristen Heinrich Krieger, der Anfang der 1930er-Jahre einen Forschungsaufenthalt in Arkansas absolvierte, die US-amerikanischen Rassengesetze und ihre pragmatische Handhabung in die juristische Vorbereitung der Nürnberger Gesetze eingeflossen sind. 2017 wurde Whitman in die American Academy of Arts gewählt.

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Bearbeitungsstand: Freitag, 29. März 2019

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