Der Beginn einer neuen Epoche


50 Jahre Mondlandung – Die Menschheit hielt den Atem an

Von Gerulf Stix

„Ein kleiner Schritt für einen Mann, ein riesiger Schritt für die Menschheit“ – Diese wahren Worte sprach Neil Armstrong auf Englisch, als er am 21. Juli 1969 als erster Mensch überhaupt den Mond betrat. In sieben Wochen jährt sich dieses epochale Ereignis zum 50. Mal.Mit diesem Ereignis hat erstmals in der Geschichte ein Vorgang außerhalb des Planeten Erde stattgefunden, der sich mit größter Wahrscheinlichkeit in das Bewusstsein der gesamten Menschheit auf der Erde eingeprägt hat. Deshalb liegt es nahe, grundlegende Gedanken über unsere Zeitrechnung anzustellen.

In den Mythen spielte der Mond immer schon eine große Rolle. Das gilt für die überlieferte Geschichte genauso wie für alle Kulturen, insbesondere auch für unsere Literatur. Wer kennt nicht das Gedicht „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius? Oder den „Mann im Mond“ als scheinbares Gesicht im Mond in ungezählten Kindergeschichten oder gar als Schlager von Gus Backus? Am 21. Juli 1969 wurde der nicht vorhandene „Mann im Mond“ tatsächlich zum „Mann auf dem Mond“! Ein überwältigendes Erlebnis. Wie sehr wir Menschen von dieser Mondlandung berührt wurden, mag eine kleine Episode aus meiner eigenen Familie belegen. Drei Tage nach der Mondlandung kam eine meiner Töchter zur Welt und wir alle betrachteten dieses Baby als „unser Mondmädchen“. Das war einfach so.

Mittlerweile gab es weitere fünf bemannte Mondlandungen. Insgesamt setzten zwölf Menschen ihren Fuß auf den Erdtrabanten. Und das Rennen zum Mond geht weiter. Dabei stehen weniger die Menschen als Mondreisende im Mittelpunkt des Interesses, obwohl an der TU Wien an einem unterirdischen Mond-Dorf gebastelt wird, als vielmehr alle Arten von Robotern zur intensiven Erkundung der Beschaffenheit des Mondes. Erst Anfang dieses Jahres landete ein chinesischer Roboter auf der für uns ständig abgewandten Rückseite des Mondes. Ebenso wie die Inder, deren Sonde schon einmal dort war, wollen auch die Israelis und andere Staaten zum Mond. Schwerpunkt aller Ambitionen aber ist der Mond als möglicher Rohstofflieferant und insbesondere als Zwischenstation für weitere Vorstöße ins All wie beispielsweise zum Mars.

Wie es zur ersten Mondlandung kam

Aber der schon Jahrzehnte vorher begonnene Wettlauf kam erst im Zweiten Weltkrieg wirklich in Fahrt. Damals entwickelte Wernher von Braun in Peenemünde eine Rakete, die bis in den erdnahen Weltraum hochstieg (Gipfelhöhe 80–90 km). Als Kriegswaffe V 2, die London erreichte, wurde sie weltbekannt. 1945 setzte sich Wernher von Braun samt seinem Mitarbeiterstab zu den siegreichen Amerikanern ab. In den USA wurde er später Direktor des Marshall Space Flight Centers in Alabama, wo er, wie schon davor, für das US-amerikanische Raumfahrtprogramm arbeitete.

Einen regelrechten Schock für die Amerikaner bedeutete es, als die Russen im Oktober 1957 den ersten Satelliten starteten, der erfolgreich die Erde umkreiste. Heute noch klingt mir das im Radio oft wiederholte Piepsen dieses „Sputnik“ in den Ohren. Als wenige Wochen danach mein erster Sohn geboren wurde, lag es auf der Hand, dass die Familie von ihm als von „unserem Sputnik“ sprach. Ab diesem Erfolg der Russen gaben die USA erst so richtig Gas in der Weltraumfahrt. In einer Rede 1961 kündigte US-Präsident John F. Kennedy an, dass die USA innerhalb von zehn Jahren einen Mann auf den Mond senden würden. So kam es dann auch – und Wernher von Braun wirkte daran mit. Mit der Landung des ersten Menschen auf dem Mond 1969 hub eine neue Epoche für ein planetarisches Bewusstsein der Menschheit an.

Der „Krieg als Vater aller Dinge“ – ein Wort des griechischen Philosophen Heraklit – stand also selbst beim Aufbruch der Menschen in den Weltraum Pate. Die Situation mutet paradox an. Einerseits umkreist die international bemannte Weltraumstation, bezüglich der sogar die verfeindeten Großmächte USA und Russland zusammenarbeiten, unsere Erde. Andererseits gaben jüngst erst die USA bekannt, dass sie eine eigene Weltraumtruppe (d. h. eine neue Waffengattung) schaffen werden. Von den Russen und von Rot-China ganz zu schweigen.

Der Mond und das bunte Kalenderwesen

Der Mond war Jahrhunderte lang vielen Völkern auch als Taktgeber für deren Mondkalender vertraut. Erst Julius Cäsar führte im Jahr 45 v. u. Z. den julianischen Kalender als Sonnenkalender ein. Daraus wurde durch Papst Gregor XIII. mit Unterzeichnung der Bulle „Inter gravissimas“ ab 1582 unser heute noch gebräuchlicher gregorianischer Kalender. Aber selbst in diesem Sonnenkalender spielte der Mond, z. B. für die Festlegung des katholischen Osterfestes auf den Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühjahr, eine maßgebliche Rolle.

Ronald Weinberger bezeichnet die gregorianische Kalenderreform als „großen Wurf“ und schreibt weiter: „Es wäre verlockend, sich hier über die zahllosen Schwierigkeiten bei der Verbreitung dieses Kalenders alleine in Europa auszulassen, da das Gemenge aus religiösen plus politischen plus sonstigen Widerständen eine hochinteressante Melange gebar … Nur so viel: Unmittelbar, am 15. Oktober 1582, übernahmen nur eine Handvoll Staaten den reformierten Kalender, darunter Portugal, Spanien und ein Teil Italiens – und es sollte in Europa bis zum Jahre 1923 beziehungsweise 1926 dauern, bis sich Griechenland und schlussendlich die Türkei zur Einführung des gregorianischen Kalenders bemüßigt fühlten.“[1]

Heute wird der noch auf Jahrtausende hinaus taugliche gregorianische Kalender praktisch weltweit verwendet. Das darf uns aber nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass es neben dem gregorianischen Kalender noch viele weitere Kalender gibt. Einige davon besitzen nur mehr geschichtlichen Wert, andere genießen religiöse Bedeutung und wieder andere ziehen sogar in unserer medialen Welt die Aufmerksamkeit an sich; so etwa der chinesische Kalender mit seinem chinesischen Neujahr. Ihm zufolge befinden wir uns gegenwärtig im Jahr des „Erde-Schweins“. In Wikipedia findet sich unter dem Stichwort Kalenderkunde eine schier unübersichtlich lange Liste verschiedenster Kalender aus allen Kulturkreisen und auch aus vorgeschichtlicher Zeit. Religiös gebräuchlich sind nach wie vor der hebräische Kalender, der mit der Schöpfung der Welt im Jahr 3761 v. Chr. beginnt, der buddhistische Kalender, der auf dem Todesjahr 453 v. Chr. des Siddhartha Gautama – genannt Buddha – aufbaut, oder der islamische Kalender, der ein Mondkalender ist und mit der Hidschra des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina 622 n. Chr. anfängt. Die Welt der Kalender ist ebenso bunt wie die der Völker und Religionen.

Die Vielzahl der Jahresanfänge

Ist schon die Einteilung der Jahre nach den verschiedenen Kalendersystemen schwierig genug, so geht es dann noch vielfältiger bei dem Tag zu, der den Beginn eines neuen Jahres markiert. Lassen wir dazu Weinberger selbst zu Wort kommen:

„In Großbritannien (mit Ausnahme von Schottland) etwa wurde der 1. Januar als Jahresbeginn, beinahe gleichzeitig mit der Einführung des gregorianischen Kalenders, etabliert: vorher – ab dem 12. Jahrhundert – war der gesetzliche Jahresbeginn der 25. März … In Frankreich hatte man 1564, in Spanien und Portugal 1556, in Venedig 1522, im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 1544 und in Schweden 1559 den 1. Januar als Jahresbeginn festgelegt. In etlichen anderen Ländern verfuhr man eher nach politischer Lust und Laune: Der Jahresanfang wurde mal auf diesen, dann auf jenen Tag verlegt … Für unsereins ist es schwer verständlich, wie man nach dem Ende des Mittelalters mit einem solchen Jahresanfangstohuwabohu zurande kommen konnte. Noch dazu, da doch bereits in der Römischen Republik ab 153 v. Chr. und später in der Kaiserzeit der 1. Januar als erster Tag eines neuen Jahres fest verankert war.“[2]

Vom Beginn des chinesischen Neujahrs war bereits die Rede. Bleibt noch der Hinweis auf das Neujahrsfest bei der orthodoxen Christenheit, nämlich den 14. Januar.

Um unsere Leserschaft nicht völlig zu verwirren, sollen die vielen astronomischen Abweichungen in ganzen Tagen, beispielsweise alle vier Jahre ein Schaltjahr, in Minuten, in Sekunden, bei Erdumläufen und weiteren astronomischen Irregularitäten gar nicht erwähnt werden. Für die Weltraumtechnik und darüber hinaus für die anhebende Weltraumerkundung ist eine hochpräzise Zeitmessung natürlich von größter praktischer Bedeutung. Derzeit dienen dafür mehr als 260 Atomuhren, die über die ganze Erde verteilt sind. Als Messgröße für die Zeit wurde eine Strahlungsfrequenz des Elements Cäsium definiert. Um die astronomischen Ungenauigkeiten auszugleichen, wird dann nach einer Reihe von Jahren eine so genannte Schaltsekunde eingefügt.

Eine neue Zeitrechnung ist geboten

Es ist also hoch an der Zeit, sich für eine kalendarische Grundlage einzusetzen, die sowohl den technischen Erfordernissen des Aufbruchs des Menschen in den Weltraum als auch dem neuen planetarischen Bewusstsein der Menschheit entspricht. Ronald Weinberger sieht in der ersten Mondlandung den entscheidenden Anknüpfungspunkt. Er plädiert dafür, den Jahresbeginn u. s. w. wie beim Gregorianischen Kalender zu belassen, jedoch das Jahr der Mondlandung als das Jahr Nummer 1 eines neuen Kalenders festzulegen. Er geht noch einen Schritt weiter und will den neuen Kalender mit dem Auftreten des Homo Sapiens vor rund 200.000 Jahren verbinden. Dabei würde die Datierung des genauen Auftrittes keine praktische Rolle spielen. Demnach wäre das Jahr der Mondlandung in der neuen Zeitrechnung das Jahr 200.001. Diese Schreibweise hätte zusätzlich den Vorteil, dass die übliche Zurechnung v. Chr. oder n. Chr., also vor oder nach der (ebenfalls nicht genau datierbaren) Geburt des Jesus von Nazareth, entfallen könnte. Angemerkt sei, dass auf diese Weise die – das sei zugegeben – eurozentrische und deshalb überholte Fixierung des gregorianischen Kalenders in einem weltumspannenden Sinn überwunden wäre.

In Weinbergers eigenen Worten liest sich das so: „Ich bin überzeugt: Das Bewusstsein, eine ,kosmische Menschheit’ zu sein, ist im Wachsen. Es wird sich zudem verstärken. Selbst wenn es in Zukunft wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erneut diverse Katastrophen, von Menschen verursachte oder ,nur’ von der Natur verursachte, geben wird: Nie wieder wird es so wie früher sein, als sich die weitaus meisten Menschen einzig ihrer unmittelbaren Mitwelt und Umwelt und/oder noch dazu einer ,höheren’ Macht verpflichtet fühlten. Ein ,kosmischer Mensch’ ist im Werden.“[3]

Diese Worte sind als weit voraussehend zu verstehen. Die praktische Umsetzung einer neuen Zeitrechnung wird ein langer und mühevoller politischer Prozess werden. Wie sagen doch die Chinesen: „Möge die Übung gelingen!“

Anmerkungen

[1] Vgl. Seite 25 in Ronald Weinberger, „Ist unsere Zeitrechnung noch zeitgemäß?“, Studia Universitätsverlag, Innsbruck 2012. Der Autor ist Astronom und war Universitätsprofessor in Innsbruck. Er lebt heute in Zirl. In seinem Büchlein befasst er sich mit vielen Fragen unserer kalendarischen Zeitrechnung, für deren Neuanfang er das Jahr der Mondlandung vorschlägt. Der Verfasser des vorliegenden Genius-Lesestückes bezieht sich in allen Fragen der Zeitrechnung auf dieses anregend geschriebene Buch von Ronald Weinberger.

[2] Vgl. Weinberger, a. a. O., Seite 50.

[3] Vgl. Weinberger, a. a. O., Seite 63.

Wenn Ihnen dieser Artikel besonders gefallen hat, können Sie uns gern eine kleine Spende überweisen: An die Genius-Gesellschaft für freiheitliches Denken, Wien, IBAN: AT28 6000 0000 9207 5830 BIC: OPSKATWW. Auch über kleine Spenden wie € 5,– oder € 10,– freuen wir uns und sagen ein herzliches Dankeschön.

Bearbeitungsstand: Freitag, 24. Mai 2019

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft