Zitaten-Truhe


Von Hermann von Gilm

Natur und Liebe

Wenn du dies liest – nicht wahr, du wirst es lesen? –
So ist ein Sommertag dahin; du sahst die Pracht
Desselben, als ein überirdisch Wesen,
Du auf dem Söller standst. Gabst du nicht acht
Wie zugewinkt dir hat in stiller Wonne
Der Baum, die Blume und die junge Frucht?
Gewiss, gäb’s Neid im Himmel, hätt‘ die Sonne
Verdüstert sich voll Eifersucht.

Die Blumen beten sonst, wenn rings die Schatten
Der Berge dunkeln und die Wälder ruh‘n;
Doch heut‘ vergaßen sie‘s, denn ach sie hatten
Zu viel mit deinem Bildnisse zu tun.
Und erst wenn sie dem Stern – ich seh‘ ihn glühen –
Von dir erzählen, der wird schnell sein Licht
Neugierig stellen an die Jalousien
Und küssen dich ins Angesicht.

Hörst du den Donner wohl? Warum er rollte,
Du weißt es nicht? Es war ein Wölkchen klein
Und milchweiß, und das sah dich und es sollte
Entfernen sich; da gab der Sehnsucht Pein
Ihm jene wilde Sprache, dass die Kehle
Der Nachtigall verstummt, du glaubst es nicht?
So sieh‘ jetzt wie sein Schmerz um deine Seele
In tausend Tropfen niederbricht!

Raphaele

Wohin, o Mensch? Woher bist du gekommen?
Das sind die metaphysisch dunkeln Fragen,
Die manches edle Menschenherz benagen,
Von sternenloser Zweifelsnacht beklommen.

Was dich in unser Erdenthal getragen,
Das weiß ich längst; aus deinen himmlisch frommen
Und schönen Augen hab‘ ich es genommen,
Die kindlich plaudernd das Geheimnis sagen.

Sei mir nicht böse, wenn ich’s nacherzähle!
Du warst die einz‘ge Frauenengelseele,
Dass auch im Himmel Weiblichkeit regiere.

Nicht herrschen, – lieben wollte Raphaele;
Da wies der Schöpfer ängstlich ihr die Türe,
Dass sie ihm seine Engel nicht verführe.

Unsere Berge

Es ziehen die Nebel durchs blühende Tal,
Lasst ziehen das graue Gewimmel!
Es leuchten die Berge im Sonnenstrahl
Und zeigen die Wege zum Himmel.
Die kriechenden Schatten ereilen uns nicht,
Wir trinken hoch oben das rosige Licht
Auf unsern ewigen Bergen.

Es welken die Blumen des Frühlings so schnell,
Lasst unten die Blumen verwelken!
Hoch oben gibt’s Primeln am sprudelnden Quell,
Und Rosen und brennende Nelken.
Weicht unten der Frühling dem reifenden Halm,
Zieht er mit der klingenden Herde zur Alm
Auf unseren ewigen Bergen.

Und macht verschmähte Liebe dich krank,
Lass liegen den Kummer im Tale:
Es reicht hoch oben die Freude den Trank
Aus bergkristallener Schale;
Denn zwischen den Sternen und zwischen dem Firn
Da neigt sich zum Kusse die stolzeste Stirn
Auf unseren ewigen Bergen.

Und wenn man das Lied zu Boden tritt,
So lasst es zertreten, zertreten,
Bevor der Roggen steht im Schnitt,
Ruft Gott die neuen Poeten
Aus jeglichem Wald, aus jeglichem Hag’,
Um einzusingen den neuen Tag
Auf unsern ewigen Bergen.

Und brechen die Feinde herein ins Land,
Lasst tausend kommen und tausend;
Wir haben pfeifendes Blei zur Hand
Und Eisen singend und sausend.
Und zöge die Freiheit aus dieser Welt,
Wir bau’n der Verbannten ein sicheres Zelt
Auf unsern ewigen Bergen.

  • Hermann von Gilm, * 1812 in Innsbruck, † 1864 in Linz, war ein österreichischer Jurist und Dichter. Nach ihm sind Straßen in Innsbruck und Bozen sowie eine Gasse in Wien benannt.

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Bearbeitungsstand: Freitag, 24. Mai 2019

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