„Nationalismus bedeutet Krieg“


Eine köstliche Kombination aus zeitgeistigen Vorurteilen und historischer Ignoranz

 
Von Lothar Höbelt

„Nationalismus bedeutet Krieg.“ So hat irgendein abtretender EU-Parlamentarier den französischen Präsidenten Macron zitiert. Für den ORF war der Auftritt selbstverständlich unwiderstehlich. Es ist zwar wahrscheinlich müßig, den schönrednerischen Etüden in Bedrängnis geratener Politiker irgendwelche historische Erkenntnisse entlocken zu wollen[1]. Wollen wir es diesmal vielleicht doch versuchen, weil der auf den ersten Blick vielleicht sogar plausibel klingende Satz eine so köstliche Kombination aus zeitgeistigen Vorurteilen und historischer Ignoranz darstellt.

Natürlich kann man auch im Zeichen des Nationalismus Krieg führen, wie im Zeichen jedes anderen -ismus (oder auch ehrlicherweise ohne jeden -ismus, aus reiner Eroberungslust). Zuweilen taucht auch immer wieder das reizende Paradoxon auf, dass Kriege im Zeichen des Pazifismus geführt werden, im Sinne von „wars to end all wars“. Der Nuklearkrieg, der uns bisher erspart blieb, wäre in der Beziehung vermutlich sogar von Erfolg gekrönt gewesen. Aber beim Verhältnis von Nationalismus und Krieg, wie es in obigem Zitat anklingt, geht es ja nicht um propagandistische Federn, die sich der eine oder andere „Warlord“ an den Hut steckt, sondern wohl doch eher um Kriegsursachen.

Das 19. Jahrhundert – eine vergleichsweise höchst friedliche Epoche

Da ergibt sich hingegen ein ganz eindeutiger Befund: Das 19. Jahrhundert gilt in Europa wohl zurecht als das Jahrhundert des Nationalismus. Die Habsburgermonarchie konnte ein Lied davon singen. Doch gerade das post-revolutionäre 19. Jahrhundert, von 1815 bis 1914, war ein höchst friedliches Jahrhundert, verglichen sowohl mit den Jahrhunderten davor, als auch mit der Ära des „Dreißigjährigen Krieges“[2] danach, von 1914 bis 1945. Die europäischen Großmächte waren ganz selten und dann bestenfalls in äußerst kurze Kriege verwickelt. Es gab nationale Aufstände in Polen und am Balkan; die Kriege des Risorgimento gegen die Habsburger, aber sie dauerten jeweils nur ein paar Wochen (der von 1849, mit Radetzkys Sieg von Novara, sogar nur 100 Stunden). Keine andere Epoche in Europa vor 1945 konnte auf eine so unkriegerische Bilanz verweisen, mit einer Ausnahme: Die Großmächte führten Kolonialkriege sonder Zahl – aber gerade die waren nicht von ethnischen Konflikten zwischen benachbarten Sprachgruppen ausgelöst, sondern von strategischen oder wirtschaftlichen Interessen, von Lobbyismus und Prestigedenken, wie sie seit eh und je zu den vornehmsten Kriegsursachen zählten.

Der Erste Weltkrieg entstand im Spannungsfeld dreier supranationaler Großreiche, Österreich-Ungarns, des Zarenreichs und des Osmanischen Reiches. Nicht der Nationalismus war es, der sie alle antrieb, sondern allenfalls die Furcht vor dem Nationalismus. Die Entscheidung für den Krieg in Österreich-Ungarn wurde von einer Handvoll Personen getroffen, die vom Nationalismus so weit entfernt waren wie nur möglich: Kaiser Franz Joseph, der mährische Graf Leopold Berchtold, der sich aus allen deutsch-tschechischen Konflikten heraushielt, der Graf Alec Hoyos, aus einer spanischen Familie, mit einer englischen Frau und ihrer Firma in einer italienischen Stadt in Ungarn. Entscheidend waren strategische Momente (Wettrüsten, Eisenbahnbau, Meerengenfrage). An nationale Gefühle wurde bloß nachträglich appelliert, um die Massen bei den Fahnenstangen zu halten. (Ein polnischer Abgeordneter im Wiener Reichsrat z.B. rief aus, auf diesen Krieg hätten die Polen seit 140 Jahren gewartet.) Die patriotische Hochstimmung mag die Beendigung des Krieges erschwert haben, an seinem Ursprung hatte sie keinen Anteil.

Im Zweiten Weltkrieg hatten nationale Parolen einen bloß instrumentalen Charakter

Was den Zweiten Weltkrieg betrifft, würden wohl nur sehr naive Gemüter tatsächlich behaupten, er sei auf Grund der deutsch-polnischen Reibereien im sogenannten Korridor entstanden, weil Hitler die dortigen Deutschen „heim ins Reich“ holen wollte. Nationale Parolen im Sinne der Vollendung eines (groß-)deutschen Nationalstaates hatten wiederum einen bloß instrumentalen Charakter, um eine Expansion zu legitimieren, die viel weitergehende imperiale Ziele verfolgte. Die imperialen Ziele waren gefährlicher, sobald sich die technischen Möglichkeiten der Moderne mit totalitären Systemen verbanden. Mit nationalen Reibungsflächen hatten sie nichts zu tun: Das deutsche und das russische Siedlungsgebiet wiesen genauso wenig Berührungen auf wie das anglo-amerikanische und das japanische. Auch die Gefahr einer Landnahme durch fremde Zuwanderer, wie sie heute nationale Gegenreaktionen auslöst, war damals für niemanden gegeben. Nationale Bewegungen waren tragende Säulen der Widerstandsbewegungen – gegen beide totalitären Regime. Das geschichtsträchtigste Beispiel dafür ist wohl die Polnische Armia Kraiowa, auch unter den Ukrainern gab es Strömungen, die gegen beide Seiten Front machten.

Natürlich kann auch der Nationalismus wie jeder -ismus zu Spannungen führen, wenn er verabsolutiert wird. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn das natürliche Bestreben ethnischer Gruppen nach weitgehender Selbstbestimmung allzu flagrant missachtet wird. Die Entkolonialisierung hält dafür eine Menge Beispiele parat, die Geschichte des Zerfalls multinationaler Staatswesen nach 1989 ebenfalls. Es ließe sich durchaus argumentieren, dass weite Teile Afrikas unter britischer Verwaltung eine friedlichere und wohl auch wirtschaftlich ertragreichere Entwicklung genommen hätten, als sie es als unabhängige Staaten taten, die meist wiederum Vielvölkerstaaten waren. Aber diese Entscheidung kann ihnen eben niemand abnehmen. Ein Diktat von außen und von oben wirkt da meist kontraproduktiv, wenn es mit den lokalen Eliten nicht sehr gut akkordiert ist.[3]

Wenn gerade aus deutschem oder französischem Mund heute so oft die Warnung vor dem Gespenst des Nationalismus erklingt, erhebt sich vielmehr ein anderer Verdacht. Denn Deutsche und Franzosen waren die einzigen Nationen, deren Gegensätze tatsächlich sehr häufig in große Kriege mündeten. Beide haben ein kurioses Verhältnis zu ihrer Vergangenheit: Die Franzosen haben es geschafft, den größten Betriebsunfall ihrer Geschichte zur zivilisatorischen Großtat hochzustilisieren. Deutsche Vergangenheitsbewältigung hingegen mündet immer wieder in die reizende Dialektik: Wir haben soviel Schuld auf uns geladen; darum haben wir so sehr umlernen müssen; deshalb wissen wir jetzt alles soviel besser – und daher muss am deutschen (Antifa-)Wesen einmal mehr die Welt genesen (oder wenigstens die EU).

Deutsches und französisches Warnungsmantra vor nationalen Bestrebungen

Wenn gerade Deutsche und Franzosen immer wieder vor nationalen Bestrebungen warnen, so ließe sich dieses Mantra zwischen den Zeilen auch als versuchte Erpressung lesen. Entweder ihr lasst uns Europa regieren und tanzt nach unserer Pfeife, oder wir schlagen wieder einmal alles kurz und klein. Aber so war’s wohl nicht gemeint, oder?

P. S.:
Jimmy Carter sprach in den siebziger Jahren einmal selbstkritisch von der amerikanischen „inordinate fear of communism“. Dahinter stand die Überlegung, der Vietcong und viele andere „Befreiungsbewegungen” in der Dritten Welt seien doch bloß Nationalisten gewesen, die man überflüssigerweise den Sowjets in die Arme getrieben habe. Wer weiß, ob heutigen Sonntagsrednern – zumindest im europäischen Establishment – die Kommunisten nicht bereits viel sympathischer wären als nationale Bewegungen?

Anmerkungen

[1] Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte Macron natürlich keineswegs für einen dummen Politiker. Vielleicht ist die Idee, seine Gegner dergestalt zu dämonisieren, grobschlächtig, aber angesichts einer verängstigten Öffentlichkeit gar nicht einmal so schlecht. Auch die Strategie, die Gelbwesten-Demonstrationen eskalieren zu lassen, um dann – wie de Gaulle, mit umgekehrten Vorzeichen 1968 – einen Law & Order-Wahlkampf zu gewinnen, erscheint aussichtsreich.

[2] Der Begriff soll von de Gaulle noch im Londoner Exil erstmals in diesem Sinne verwendet worden sein.

[3] Die Habsburgermonarchie wäre unter Joseph II. beinahe zerfallen, als sie auf rigorose Vereinheitlichung und Gleichmacherei setzte. Das Einlenken seines Bruders und Nachfolgers Leopold II. – dem mein Lehrer Adam Wandruszka mit seiner zweibändigen Biographie ein Denkmal setzte – bewahrte sie vor diesem Schicksal.

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Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. Juli 2019

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