Zitaten-Truhe


Von Bernd Stracke

Der kleine Braune

Im Café beim kleinen Braunen
Zwei Rechtsanwälte sich zuraunen:
„Der Prozess hat keine Eile!“
„Der dauert wohl noch eine Weile!“
„Für die Klienten wird das teuer!“
„Reich mir doch den Zuckerstreuer!“
„Danke vielmals, Herr Kollege!“
„Der Richter ist ’ne Nervensäge!“
„Indes ist eine Augenweide
Seine Schreibkraft, Fräulein Heide!“
„In diesem Sinn freu ich mich ganz
auf’s Wiederseh’n in der Instanz!“

Nutella

Wenn wir nicht bremsen, wird schon bald
Verschwunden sein der Regenwald.
Da wär’ der Nutella-Kult
In hohem Maße mit dran schuld:
Von dieser Paste weiß die Welt,
Dass sehr viel Palmöl sie enthält.
Das spornt an die Geldmagnaten
Zu irren Umwelt-Übeltaten.
Für Palmöl wird ja unbestritten
Der arme Urwald umgeschnitten.
Die „rote Karte“ dem gebührt,
Der dieses Zeug auf’s Brot drauf schmiert.
Ich bitte euch, zwingt in die Knie
Die ganze Palmöl-Industrie!
Auch kommt dazu ja noch ins Spiel:
Dem Erbgut schadet’s Glycidyl!

Kantwurst

Wenig sind im Land bekannt
Die Thesen von Immanuel Kant.
Bekannt war’n Kanten’s alten Tanten
Indes die Würste mit vier Kanten.
Da lag es nahe, zu benennen
Die Würste, die wir heute kennen,
Nicht nach ’nem Metzger, einem doofen,
Nein, nach dem großen Philosophen.
Und mancher Schüler seither pfiff
Auf den kat’gor’schen Imp’rativ.

Schoggitaler

Wohlstand ist stets zugeflossen
Unsern teuren Eidgenossen.
Ihren Reichtum sie verdanken
Dem ziemlich harten Schweizer Franken.
Doch gibt’s noch eine zweite Währung,
Dem Kind dient sie als Schulwegzehrung:
Es ist das Schoggitaler-Geld,
Das den Kleinen so gefällt.
Des Talers Außenhülle hat
Zwar keine achtzehn Goldkarat,
Doch kann ich wohl mein Wort dir geben:
Stets kommt es an aufs Innenleben!
Spaß macht schon der erste Biss,
Denn innen ist der Taler süß!

Grillen

Auf einem Roste, der gerillt,
Wird sommerabends gern gegrillt.
Verantwortlich für Saft und Würze
Ist der Meister mit der Schürze.
Mit dickem Bauch und großem Durst
Legt er ins Heiße Fleisch und Wurst.
Jedes Filet und alle Lenden
Muss er ein- bis zweimal wenden.
Ihm assistiert beim Glut-Anfächeln
Das Töchterlein mit holdem Lächeln.

Hagebuttentee

Sehr gerne trank Ulrich von Hutten
Heißen Tee aus Hagebutten.
Womit uns dieser große Geist
Gewiss Gesundheitssinn beweist.
Doch wusst’ sehr gut auch der Poet,
Woher die Luft der Freiheit weht.
Wer freilich nicht konnt’ ruhig schlafen
Zu seiner Zeit, das war’n die Pfaffen.
Noch heute steht im Walde stumm,
Und hat ein Purpurmäntlein um,
Ein Männlein, auf nur einem Bein.
Sagt, wer mag das Männlein sein?

  • Aus: Bernd Stracke, Tischgedichte (2016–2019)
Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. Juli 2019

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