Der Reim ist tot?


Eine kritische Beleuchtung des Endreims

 
Von Roland Jordan

Es gibt unzählige Reimformen, die nach der Silbenzahl, nach der Stellung im Vers, nach phonologischer Struktur, nach morphologisch-lexikalischen Besonderheiten und nach der Anordnung am Versende bestimmt werden. Hier sollen nur der häufigste und wichtigste Reim, nämlich der Endreim, also der Reim im engeren Sinn und die krassen Verstöße gegen ihn behandelt werden.

Die Definition dieses Reims ist klar. Im Internet zum Beispiel steht: „Der Reim im engeren Sinne ist der Gleichklang eines betonten Vokals und der ihm folgenden Laute bei verschiedenem Anlaut.“ (Laufender–Saufender).

Der Ursprung des Wortes liegt im altfränkischen „rim“, wo es Reihe oder Zahl bedeutet, und dieses Wort ist über das französische „rime“ in die übrigen europäischen Sprachen gelangt. Die englische Schreibung „rhyme“ beruht auf einer gelehrten, aber unzutreffenden Herleitung aus dem griechischen „rhythmos“.

Ähnlich schlüssig führt das Bertelsmann Universallexikon aus: „Der Reim ist die lautliche Übereinstimmung zweier Wörter vom letzten betonten Selbstlaut ab. Er tritt meist am Ende zweier Verse auf.“ Maßgebend beim Endreim ist also die letzte betonte Silbe und der verschiedene Anlaut.

In einem Kreuzworträtsel wurde einmal ein Wort für „Dichten“ gesucht, gegeben war der Anfang R, gesucht war der Rest. Die Lösung hieß dann „Reimen“, was ein ungeheurer Unsinn ist. Denn Reimen ist nicht gleich bedeutend mit Dichten, eher mit nicht Dichten.

Vorangeschickt sei, dass es gute Reime mit schwachem Inhalt, schlechte Reime mit starker Aussage, aber natürlich auch gute Reime mit gutem Inhalt und schlechte Reime mit schwachem Inhalt gibt. Jungen Schreibenden würde ich jedenfalls – aus hauptsächlich zwei Gründen – empfehlen, den Reim nicht zu verwenden: der Weg zum geschmeidigen Reim ist ungemein dornig, und die Versuchung, den Inhalt um des Reimes willen zu gestalten oder umzugestalten, ist wahnsinnig groß.

Nun aber komme ich zum Kern meiner Sache, zu den Verstößen gegen den reinen Reim. Dabei lasse ich toleranterweise auch den „unreinen“ Reim mit Selbstlaut auf Umlaut (Ä–Ö–E, I–Ü, EI–EU–ÄU) als rein gelten.

Zur genaueren Erfassung der vorliegenden Materie führe ich nun folgende Begriffe ein:

Reimwort:
die zwei Wörter, die sich reimen, in unserem Beispiel also:
Laufender–Saufender

Tonleib:
die letzte betonte Silbe des Reimwortes, ohne Anlaut, aber mit unbetontem Anhängsel, so vorhanden.
in unserem Beispiel also: aufender – aufender

Vorkonsonant:
der Konsonant (oder Doppelkonsonant) unmittelbar vor dem

Tonleib, in unserem Beispiel also L und S

 

Reimkernwort:
Vorkonsonant und Tonleib, dazu eignet sich besser ein anderes Beispiel, weil Laufender–Saufender keine Vorsilben besitzt: Jahrhunderte–Verwunderte
Das Reimkernwort wäre hier: hunderte und wunderte

Nachklang:
unbetonte Silben, hängend an der letzten betonten Silbe, in unserem Beispiel also ender–ender oder erte–erte

Silbenvorglanz:
unbetonte Silben vor dem Tonleib, also im zweiten Beispiel:
Jahr– und ver–

Verstöße

1. Silbensilber

im Gegensatz zu Silbengold: etwas störende (nämlich meist gleiche oder klanglich ähnliche)

Vorsilben vor dem Reimkernwort:

Die Dinge dringen kalt in die Gesichte
und reißen sich der alten Bindung fort,
es gibt nur ein Begegnen im Gedichte,
die Dinge mystisch bannen durch das Wort.

In diesem berühmten Beispiel von Gottfried Benn sehen wir das Silbensilber Ge–Ge (Gesichte–Gedichte)

  • Andere Beispiele: gemacht–gebracht (durch Einfügung einer betonten Silbe vor dem Silbenvorglanz oder eine anders klingende Vorsilbe – um und ver – kann die Störung etwas entschärft werden: gemacht–umgebracht, vermacht–gebracht, was ich als Störungsausweg bezeichnen möchte) gerügt, genügt (Störungsausweg: gerügt–vergnügt) aber auch: be und ge sind störend, begehn, gesehn (Störungsausweg: umgehn–besehn)
  • Weitere Beispiele von Silbensilber: erfreut–erneut, bescheiden, beneiden, geschaut–getraut, geglückt–geschmückt, getagt–gesagt, gepflegt–geprägt, gesagt–getagt–auch beklagt, Befund–gesund, betreuen–bereuen, Gestüt–Geblüt, besinnt–beginnt, gebracht–gedacht–gelacht, Gespinst–gegrinst, Berater–Theater, genügen–besiegen.

2. Doppelreim

ein betontes Wort (oder ein betonter Wortteil) vor dem Reimkernwort, das sich auf ein zweites betontes Wort (oder einem zweiten betonten Wortteil) vor dem zweiten Reimkernwort reimt:

„Macht sich bei der Adelheid
manchmal nicht ein Tadel breit“

oder: er erfuhr im Bruderzwist, dass sie doch ein Luder ist!

Der Doppelreim ist nur wirksam im humoristischen Bereich
und beim Schüttelreim:
Der Schnee, den Du in Flocken siehst,
Dir heimlich in die Socken fließt.

3. Tonleibgeschwür

der zweite Tonleib ist ähnlich, aber nicht ganz gleich.

  • Berühmtes Beispiel: Klabund nach Carl Michael Bellmann:

Holt mir Wein aus vollen Krügen, (Notabene: Wein vom Sundgau)
und ein Weib soll bei mir liegen! (Notabene: eine Jungfrau)
Ewig hängt sie mir am Munde. (Notabene: eine Stunde …)

undgau und ungfrau sind ähnlich, aber nicht ganz gleich.

  • Weitere Beispiele:
  • Dringst–entgegenwinkst, Staate–Marmelade
    (Marmelade–Marmelade, ist der beste Fraß im deutschen Staate)
    Wälder–Feldern
    (Wie bunt angemalt die Wälder,
    Nebel steigt aus den Feldern) Richtig: … überwölbt die Felder.
    Längst–denkst, Klerus–Bär los, vereint–gereimt, zusammen–bangen, Reimer–keiner, Tag–Jagd, verhungern–gelungen, zugepflastert–belastet
    Spindelegger–Vollstrecker

    4. Betonungsschock

    die Tonleiber sind zwar gleich, aber anders betont:

    DJ Ötzi: ich bin so schön, ich bin so toll,
    ich bin der Anton aus Tirol

    • Weitere Beispiele:

    gespart–genarrt, bestraft–abgeschafft, verstehst–lässt,
    Geld–fehlt, könnt–versöhnt, Kloster–Paternoster, verflucht–Sucht,
    gebracht–Macht, Narr–war, erkennen–denen, stoßen–verdrossen,
    gewichen–erschlichen, noch–hoch, Gott–tot, wiederholt–gerollt,
    marschiert–verirrt, Taten–hatten, Feld–erzählt, Buch–Spruch,
    rettet–tätet, Grünen–spinnen, Hütten–verbieten

    5. Reimtäuschung

    offen und versteckt,

    der Vorkonsonant von Tonleib 1 ist auch der Vorkonsonant von Tonleib 2, also 2 absolut gleiche Reimwörter oder

    Reimkernwörter Liebesmacht–zunichtgemacht, (versteckt) haben–haben (offen) haben–erhaben (versteckt)
    Ich zeig Dir die Wälder und Felder, die Berge und Seen, und man kann von den Höhn ins weite Tal hinuntersehn. (Seen–sehn)
    Ernsthaft will ich appellieren Ja nun nicht den Kopf verlieren. (Willibald Zach, Krone)

  • Weitere Beispiele:
    Rum–herum, Vergänglichkeit–Ewigkeit, Politik–Kritik, Rührigkeit–Unabhängigkeit, entschädigt–geschädigt, Kulturen–Agenturen
  • 6. Reimblässe

    Reim auf unbetonten Silben nach der letzten betonten Silbe, auch von mir Nachklangsreim genannt:

    • berühmtes Beispiel:
      Ein Wiesel sitzt auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel, wisst ihr weshalb, das Mondkalb verriet es mir im Stillen, das raffinierte Tier, tat’ s um des Reimes willen.
      Das unbetonte kalb wird auf das betonte halb gereimt.
    • Sonderbeispiel: dabei–Salbei, Reimtäuschung und Reimblässe in einem, hereinbricht–Licht, steht–einlädt.
    • Weiters: kann, Hausmann

    7. Reimklotz

    ein gleiches oder ähnliches betontes Wort oder ein Wortteil vor dem Tonleib 1 und 2:

    Massen gab und Massengrab reimen sich (Josef Konrad Scheuber, Innerschweizer Schriftstellerverein)
    Aber auch: Parlament–transparent (mit Tonleibgeschwür).

    8. Doppelvorkonsonantenbelästigung

    Doppelvorkonsonanten sind gefährlich, wenn im 2. Tonleib ein Konsonant des 1. Tonleibes drinnensteckt:

    brechen–rächen, vorüber–trüber, Briefen–inbegriffen, bedroht–rot, geschmissen–müssen, Spaß–Pass, unverfroren–Rohren, prahlte–strahlte, versprochen–gebrochen, geschritten–gestritten, Kap–knapp, Vertreter–Täter

    9. Reimbruch

    ein Tonleib ist gleich, besteht aber aus 2 Wörtern:

    schau gen–Augen, Windes–sind es, Feder–versteht er,
    Klerus–Bär los, Lugneritis–Hit is
    Erich Kästner: es gibt nichts Gutes, außer man tut es

    10. Auslautsünde

    Reim zum Auslaut eines Reimwortes, der fälschlich betont wird:

    Laufender–Herr (ähnlich auch: Reimblässe)

    11. Vorkonsonantenneckerei

    Ein Konsonant vor dem 1. Vorkonsonanten ist gleich dem 2. Vorkonsonanten und umgekehrt:

    Tirol–toll, (t–t), gerügt–vergnügt, (g–g), Sie–Rapsodie, (S–s)

    12. Reimprahlerei

    Zwei unbetonte Silben reimen sich:

    Wildbach–Ursach (bach–sach)

    13. Reimtrübung

    Ähnlich wie Reimprahlerei, 2 Wörter reimen sich scheinbar, haben aber verschiedene unbetonte Nachsilben:

    Wildbach–Bildsach, auch Tonleibgeschwür.

    14. Vorkonsonantenliederlichkeit

    Vorkonsonanten, die zu ähnlich sind, wirken schlecht:

    Schlierenzauer–sauer, Nacht–Macht, Kompliment–nennt, vermeint–verneint
    (z–s, N–M, m–n, m–n)

    15. Wortverstümmelungen

    Ein Reimwort wird verlängert oder verkürzt oder verunstaltet, des Reimes wegen
    (geht auch nur im satirischen und humorvollen Feld)

    entflamm–zusamm, gern–hörn

    • berühmtes Beispiel:
      Joachim Ringelnatz:
      Lieber Gott, ich liege
      in meinem Bett, ich wiege
      seit gestern fünfundvierzig Pfund,
      halte Ma und Pa gesund,
      und bin ein armes Zwiebelchen,
      nimm mir das nicht übelchen!
      Ma–Pa, Zwiebelchen–übelchen

    16. Reiminflation

    richtige, aber ziemlich abgegriffene Reime:

    Traum–Baum, Herz–Schmerz, Berg–Zwerg

    17. Antipoesie

    völlig unpoetische oder veraltete Reimwörter:

    Essenz–Lenz

    18. Reimbefleckung

    Reime von e auf ö oder ä, von ei auf eu und äu und von ü auf i:

    Sehn–Höhn, blühn–ziehn, gehn–mähn, Leid–Freud, Leide–Räude

    Roland Jordan ist selbst Poet und Musiker, seit 1986 Präsident der Innsbrucker Gesellschaft für Literatur und Kunst „Turmbund“ sowie Leiter der Konzertcafé-Matineen. Jordans umfangreiches solistisches Zither-Repertoire reicht von Alter Musik über Klassik bis zur Romantik und von regionalen bis zu europäischen Liedsätzen. Außerdem zählte er zum nahen Freundeskreis des legendären Tiroler Sängers und Zitherspielers Sepp Weidacher.

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    Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. Juli 2019

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