Menschliche Einsichten und die eigentliche Wahrheit


Wolfgang Caspart

Die Schilderung geschichtlicher Ereignisse hängt vom Standpunkt der jeweils Beteiligten ab. Kriegsabläufe werden von den Beteiligten jeweils anders erlebt und schließlich in der Regel vom Sieger in seinem Sinne kanonisiert. Einzelne politische Aktionen und Betrachtungen sind ideologieabhängig und werden gerne von parteiischen Interessen und Ambitionen geleitet. Religiöse Heilserfahrungen pflegen von Jüngern, Aposteln, Gefährten und Schülern nie völlig identisch und leicht anders erlebt zu werden. Schon die Zeugenaussagen eines Unfalls divergieren in der Regel, auch wenn sie dasselbe Ereignis beschreiben. Nicht minder unterliegen selbst Naturwissenschaften sich laufend verfestigender Grundannahmen, Axiome, Konventionen oder Moden, bis es endlich zu einem Paradigmenwechsel kommt (Kuhn 1967).

Hermeneutik und Heuristik

Herrschende Meinungen marginalisieren kontroversielle Standpunkte, schieben sie beiseite, unterdrücken sie und machen sie zu Apokryphen, also nebensächlich. Spitzen sich die Widersprüche in den dominanten Anschauungen immer weiter zu, schlagen die Moden um, die bislang abgewürgten Betrachtungsweisen treten wieder hervor und werden interessant. Die früheren Apokryphen übernehmen das Ruder und verändern oder verdrängen sogar das bisherige Dogmengebäude. Menschliche Einsichten wandeln auf dünnem und brüchigem Eis. Obwohl die äußere Umwelt „objektiv“ unverändert blieb, wechselte selbst die Physik von Aristoteles über Newton zu Heisenberg. Sogar Götter können „sterben“ und Einzelreligionen verschwinden, allerdings nie völlig, sondern tauchen immer wieder mehr oder weniger verändert und verfremdet erneut auf (Mensching 1959). Dasselbe gilt für manche Völker und Kulturen.

Die Axiome oder grundlegenden Vorannahmen der Naturwissenschaften – Logik, Beobachtbarkeit, Wiederholbarkeit, Mathematisierbarkeit und Experimentierbarkeit (Pietschmann 1980) – kommen nicht in der Natur selbst vor, sondern wurden zuerst von Menschen entwickelt. Ihre Postulierungen wurden aufgrund von „heuristischen“ Überlegungen gefunden, die ihrerseits in der gründlichen, einfühlsamen und psychologischen Beschäftigung mit den grundlegenden Problemen „hermeneutisch“ erarbeitet worden sind. Ein Großteil der Phänomene, mit denen wir es laufend zu tun haben, sind nicht durchgängig logisch, beobachtbar, wiederholbar, mathematisierbar oder experimentierbar. Fehlt eines dieser Elemente, entzieht sich ein solches Phänomen der naturwissenschaftlichen Prüfbarkeit. Beispielsweise lassen sich historische Ereignisse nicht wiederholen, moralische Fragestellungen nicht beobachten oder ästhetische Anschauungen nicht berechnen, sondern sind „bloß“ heuristisch zu begründen. Geisteswissenschaften bewegen sich immer auf heuristischem Niveau. Ständig sind wir mit den unterschiedlichsten Aspekten unseres Bewusstseins und seiner Möglichkeiten konfrontiert (Wilber 1980).

Hypothesen und Theorien

Hermeneutisch grundgelegte heuristische Hypothesen müssen überprüfbar sein. Ergibt sich kein Widerspruch, so werden sie zu Theorien. Diese sind nie endgültig valide oder gültig, sondern gelten immer nur vorläufig oder provisorisch, bis sie revidiert werden (Popper). Von Naturwissenschaften absolute Sicherheiten zu erwarten oder zu behaupten, sind Ausdruck grober Unwissenschaftlichkeit. A posteriori oder erfahrungswissenschaftlich steht nichts schlussendlich fest, sondern wird a priori oder metaphysisch bestimmt. In allen beobachtungswissenschaftlichen Erkenntnissen schwingen immer ihre hermeneutisch-heuristischen Voraussetzungen mit und entkommen nie dem hermeneutischen Zirkel (Gadamer 1960). Vom Entstehungsablauf her gesehen ist die Königin der Wissenschaften die Hermeneutik und nicht wie vielfach geglaubt die Naturwissenschaft. Die deduktive Hermeneutik will verstehen und die induktive Naturwissenschaft beweisen.

Der Materialismus ist ein unvollständiger und seiner eigenen Wurzeln unbewusster Idealismus. In Wahrheit definiert der ideelle Überbau den materiellen Unterbau und nicht umgekehrt. Technik, Ökonomie oder Neurophysiologie sind geistige Produkte, auch wenn in weiterer Folge zwischen der Immanenz und der Transzendenz Rückkoppelungen bestehen. Die junghegelianische Dialektik drehte zwar den absoluten Idealismus Hegels in den absoluten Materialismus um (Tucker 1963), ignoriert aber gleichzeitig den intelligiblen Charakter der Dialektik selbst. Ein alles Andere als ein materiell hervorgerufener Vorgang führte zu dieser „kopernikanischen Wende“, sondern theologische Überlegungen (Strauss 1835/1836)! Nicht die Religion ist Opium fürs Volk, sondern der historische und dialektische Materialismus samt seiner angeblich „naturwissenschaftlichen Notwendigkeit“.

Transzentierungsfähigkeit

Wie immer Erfahrungen und Entdeckungen gefunden oder erlernt werden, gehören sie überhöht. Sonst führen wissenschaftliche Theorien zu Ideologien, moralische Anliegen zu Utopien und religiöse Konfessionen zum Dogmatismus. Als fixe Ideen bekämpfen sie einander wechselseitig und sind aus den Gründen innerer Glaubwürdigkeit und Rechtfertigung friedensunfähig (Caspart 1991). Ohne Selbsttranszendierung unterdrücken sie die jeweils anderen oder widersprechenden Ansätze und machen sie zu Apokryphen. Die kulturelle und politische Geschichte ist leider voll mit solchen Beispielen.

Selbst unter materialistischen Vorzeichen triumphiert das Geistige. Schon der Streit um die richtige Parteilinie unterstreicht die Dominanz des Willens über die angeblich alles bestimmenden Strukturen. Ansonsten hätte der Leninismus nicht die „revisionistischen“ Sozialdemokraten, die Sozialrevolutionäre oder die Trotzkisten unterdrückt (Wolkogonow 1993), Moskau mit Belgrad und Peking gestritten oder im Westen die „kritische“ Theorie (Horkheimer 1968) den gramscistischen Kurs beschritten (Gramsci 1980). Auch innerhalb des Idealismus ist man nur über die Grundsätze einig, geht aber verschiedene Wege. Nicht zuletzt erkennt man im Religiösen übereinstimmend das göttliche Prinzip, bekämpft sich im Detail jedoch untereinander.

Die Apokryphen im engeren Sinn kennzeichnen vor allem den binnenreligiösen Streit. Innerhalb des Christentums geht es seit den frühen Konzilen um die richtiges Auslegung der frohen Botschaft, der Buddhismus spaltete sich in verschiedene Schulen, und im Islam ringt man von Anfang an um die wahre Interpretation des Korans (Mouradgea d’Ohsson, 1. Teil 1787) – jeweils mit unterschiedlicher Verfolgung der ins Apokryphe, d. h. ins Nebensächliche verdrängten Gegner. Kirchenkritikern sind diese Auseinandersetzungen der Grund für Agnostizismus und Atheismus. Was ihnen dabei entgeht, ist der menschliche Anteil in den Auseinandersetzungen, von denen aber letztlich Gott als das Unbedingte und Absolute selbst unberührt bleibt. Die religiöse Substanz wird vom akzidentiellen Streit nicht tangiert.

Die Antwort auf das Numinose

Fasst man nämlich Religion als die Begegnung der Menschen mit dem Numinosen und die menschlichen Antworten auf dieses Begegnungserlebnis auf (Mensching 1957), gehört all das Unangenehme und Störende dem humanen Bereich an und nicht dem alles Bestimmenden. Was kümmert es die hohe Eiche, wenn sich das Borstenvieh an ihr wetzt? Re-ligio(n) heißt das Bemühen um Wiederverbindung des Bedingten und Abhängigen mit dem sie Bedingenden und Unabhängigen. Dies mag mehr oder weniger und auf verschiedenem Wege gelingen, die Anerkennung oder Ablehnung von Apokryphen ist dazu peripher. Gott drückt fundamentaltheologisch das Synonym für das immer Gültige, Ewige, Unsterbliche und Allmächtige aus. Als natürliche Religion ist es allen Menschen mit einiger Empathie zugänglich, erst seine kulturelle und geschichtliche Abwandlung und Manifestation bereitet Probleme.

Die menschliche Antwort auf die Begegnung mit dem Numinosen schafft die für alle Religionen typischen Spannungen: Mystik und juristische Fixierung, unmittelbare Verbundenheit und Konfessionalisierung, Dogmatisierung und Reformation, Gnade und Verdienst, Selbsterfahrung und Gemeinschaft, Tradition und Erneuerung, Form und Geist, Barmherzigkeit und Strenge, Autorität und Freiheit, Vorherbestimmung und Selbstverantwortung, Toleranz und Wahrheit, Einheit und Vielgestaltigkeit, um nur einige zu nennen. Alle Kulturen und Gesellschaften kennen die Religion als Wiederverbindung, Erkennung und Interpretation des hinter allen Erscheinungen eigentlichen Wirkens, und seien es Ersatzreligionen. Ihnen zu Grunde liegt das Bewusstsein der Abhängigkeit des Zeitlichen vom Überzeitlichen und der schlechthinigen Abhängigkeit von höheren Mächten und Gewalten (Schleiermacher 1799). Kanonisierte oder apokryphe Überlieferungen und Erklärungen verlieren angesichts der hinter dem Schleier der Erscheinungen oder „Maya“ verborgenen eigentlichen Wahrheit ihre grundlegende Bedeutung. In der „unio mystica“ trifft alles zusammen.

Die Wandlung der Kernbotschaft

Alle vier kanonisierten Evangelien des Christentums schildern dieselbe Kernbotschaft, ohne völlig identisch zu sein, und bestätigen psychologisch ihre Richtigkeit. Dasselbe lässt sich über die apokryphen Evangelien sagen, welche nur noch andere und weitere Aspekte zum Ausdruck bringen. Solange die unmittelbare Verbundenheit der Jünger mit ihren Meistern und ihren Zeitzeugen wirkt, bedarf es noch keiner kanonisierten Fixierung der Überlieferung, erst für die Nachgeborenen wird sie wichtig. Dasselbe gilt auch in anderen Weltreligionen wie dem Buddhismus oder dem Islam, hier bei der Verfassung der Hadithen. Jede Kanonisierung bringt bereits eine gewisse Auswahl der Berichte mit sich, in der eine Absicht der Kanonersteller zum Tragen kommt. Die Beseitigung der zu Apokryphen gewordenen nichtkanonisierten Evangelien (und Apostellegenden, Dobschütz 1912) aus dem Kanon dürfte die Abschwächung der negativen Voraussagen und Mitteilungen vom Ende und der Verworfenheit der Welt zu Gunsten und Verstärkung der Frohbotschaft der Erlösung bezweckt haben. Dadurch verlieren die kanonisierten Evangelien allerdings nicht an historischer Bedeutung oder Gültigkeit, sondern erhalten einen bekräftigenden Akzent.

Ohne klar zu machen, was oder wer Gott ist, bringen einzelreligiöse Mythendarstellungen wenig. Oft erschlägt dann das lumen speziale (die Einzeloffenbarung in den Konfessionen) das lumen generale (die allgemeine Offenbarung der natürlichen Religion). Über die wahren Hintergründe wissen wir einiges, werden in Zukunft noch weiteres erfahren und werden dennoch nie alles vollständig verstehen können. Offenbarungen und Meditation können weiterhelfen, ohne einander exakt zu entsprechen. Um erfassbare Klarheit zu schaffen, bedarf es der hermeneutischen, philosophischen und geisteswissenschaftlichen Einbindung.

Ganzheitlicher Sinnzusammenhang

Rein induktiv vorzugehen, führt in die Endlosschleife der infiniten Iteration: Hinter jeder Frage und ihrer Beantwortung taucht sofort die nächste Frage auf, ohne je zu einem Ende zu kommen. Eine immer enger werdende Spezialisierung führt dazu, dass hochspezialisierte Wissenschafter sich laufend schwerer tun, auch nur den Überblick über ihr eigenes enger werdendes Fachgebiet zu behalten. Wenn benachbarte Einsichten der eigenen fixen Idee widersprechen, werden sie zu Apokryphen gemacht. Von der Gewinnung eines ganzheitlichen Sinnzusammenhanges kann auf diesem Weg keine Rede mehr sein. Die Frage des Pilatus, „was ist Wahrheit“, kann nicht von der falschen Seite her angegangen werden.

Die „Weltformel“ wird nicht durch eine analytische Zerstückelung einzelner Objekte gefunden, sondern aus einer allumfassenden Idee entwickelt (Capra 1986). Durch Ideologien, Utopien oder vorweggenommene Dogmen ins Apokryphe geschickte Halbeinsichten dienen keiner Wahrheitsfindung.

Literaturnachweis

Fritjof Capra: Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild. Aus dem Amerikanischen von Erwin Schuhmacher. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Scherz Verlag, Bern 1986.

Wolfgang Caspart: Idealistische Sozialphilosophie. Ihre Ansätze, Kritiken und Folgerungen. Universitas Verlag, München 1991.

Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophie. Zuerst 1907. Mit einer Einleitung herausgegeben von Otto Poeggeler. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1984 (Philosophische Bibliothek 370).

Ernst von Dobschütz: Das Decretum Gelasianum de Libris recipiendis et non recipiendis. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1912.

 
(Veröffentlicht in: Neue Ordnung II/19, Ares Verlag, Graz 2019, S. 7–8)

Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. Juli 2019

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