Welcher Islam?


Viele heutige Muslime akzeptieren die westliche Technik, aber nicht mehr

 
Von Wolfgang Caspart

Gerne wird von dem Islam, dem Christentum, dem Judentum oder dem Buddhismus gesprochen. Wie es nicht die Demokratie, das akademische Korporationswesen oder die Freimaurerei als solche gibt, existieren all diese Begriffe nur generell oder allgemein und manifestieren sich erst in der Differenzierung. Der Buddhismus kennt drei Hauptgruppen (Hinajana, Mahajana und Vajrajana), das Judentum die Orthodoxie, den Zionismus und diverse liberale Gruppen, das Christentum die (griechische) Orthodoxie, den römischen Katholizismus und verschiedene Ausprägungen der Reformation (Luthertum, Calvinismus und Freikirchen). Bei näherer Betrachtung splittern sie sich noch in weitere Untergruppen oder Richtungen auf.

Historische Entwicklung

Beim Judentum zu und nach Christi Geburt beginnen die Differenzierungen im Angesicht der römischen Herrschaft. Soziologisch differenzierten sich die Hebräer in Sadduzäer (priesterliche Oberschicht), Pharisäer (gebildete Mittelschicht), Essener (in Nähe zum Urchristentum) und Heloten (Eifer gegen die römische Fremdherrschaft). Im Islam, der „Hingabe in den Willen Gottes“, stellt sich schon bald die Frage nach der richtigen Interpretation von Koran und Hadithen (Überlieferung der Taten und Aussagen des Propheten Mohammed in der Sunna) sowie seiner Nachfolger in den Kalifen. Die Auseinandersetzungen der Muslime (Unterwerfer unter den Willen Gottes) verliefen schon kurz nach dem Tode des Propheten recht blutig. Zunächst spaltete sich die Partei (Schia) Alis vom Hauptzweig ab, aber auch bei den Schiiten bildeten sich unterschiedliche Richtungen aus. Im sunnitischen Islam entwickelten sich allmählich vier Rechtsschulen (Hanafiten, Schafiiten, Malikiten und Hanbaliten), die sich gegenseitig als rechtmäßig anerkennen. Andere Rechtsschulen verschwanden, darunter vor allem die Zahiriten. Daneben existieren noch die Ibaditen (in Oman und Ostafrika), die Aleviten (zwischen Schiiten und Sunniten) und die Drusen. Der Wahabimus stellt eine rigorose Weiterentwicklung des strengen Hanbalimus dar und wird heute von Saudi-Arabien in der ganzen muslimischen Welt stark gefördert.

Der kurz nach Mohammeds Tod 632 n. u. Z. redigierte Koran aus 114 Suren enthält die heiligen und authentischen Worte Gottes (Al Lah = der Gott) und ist unabänderlich in Hocharabisch verfasst. Interpretiert wird er in der Sunna, der Handlungsanweisung und dem gültigen Brauch der vorbildlichen Lebensweise Mohammeds. Daraus wieder wurde die Scharia als Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften entwickelt. Recht gesprochen wird von den islamischrechtlich ausgebildeten Kadis (Richtern) bzw. Imamen (Gemeindevorstehern). Muftis sind die Erteiler islamischer Rechtsgutachten (Fatwa) nach der Fiqh, der Erkenntnis und dem Verständnis des islamischen Rechts. Seit alters her gibt es umfangreiche Fatwasammlungen zu den verschiedensten Fragen in allen Lebensbereichen.

Das muslimische Rechtsverständnis

Im engeren Sinn gelten als Rechtsquellen zuvorderst Koran und Sunna, im weiteren die Übereinstimmung der Gelehrten (Idschma), der Analogieschluss (Qiyas oder Asch-Schāfi‘ī), die Nachahmung (Taqlid), das Bemühen um ein eigenes Urteil (Idschtihād), das Für-besser-Halten (Istihsan), der allgemeine Nutzen (Istislah) und die Entscheidung im eigenen Ermessen (Ray). Eine Quelle für innermuslimische Auseinandersetzungen sollte bei der Einschätzung des Islams berücksichtigt werden. Die lange nicht mehr praktizierte Rechtsschule der Zahiriten (vor allem im Maghreb und al Andalus) leitete ihre Fatwas aus einem wörtlichen Verständnis von Koran und Sunna ab und scheint im puristischen Salafismus (Orientierung an den frommen Altvorderen) eine gewisse Wiedergeburt zu erleben. Sie verwarfen strikt die Methoden der Analogie wie der freien Argumentation und duldeten den Konsens nur in wenigen Fällen, vor allem lehnten sie ein anthroposophisches bzw. verweltlichtes Gottesbild strikt ab, da Gott nur durch seine Eigenschaften begriffen werden könne. König Abdullah II. von Jordanien bemüht sich gegenwärtig um die offizielle Anerkennung von insgesamt acht Rechtsschulen.

Die menschlichen Handlungen werden kanonisch nach fünf Kategorien (Faklif oder Verpflichtungen) beurteilt: 1) pflichtgemäße Handlungen (fard), 2) empfehlenswerte Handlungen (mandub), 3) erlaubte bzw. indifferente Handlungen (halal oder mubāh), 4) verwerfliche bzw. missbilligte Handlung (makruh) und 5) verbotene und zu bestrafende Handlung (haram). Auch die „weltlichen“ oder politischen Gesetze der Herrscher (Kanun) dürfen keinesfalls den religiösen Geboten widersprechen (z. B. Steuer- und Finanzrecht oder Staatsorganisation), sondern sollen aus ihnen abgeleitet werden, meist entsprechen sie dem für besser Gehaltenen und dem allgemeinen Nutzen in eigenem Ermessen, sind also halal.

In Europa und im Nahen Osten war das Osmanische Reich maßgeblich, es folgte dem ursprünglich „liberalen“ und dann immer konservativer werdenden Hanafismus. Dieser wurde auch in der Habsburger Monarchie (den Bosniaken geschuldet) anerkannt. Neben dem Hanafismus erkannten die Türken auch die drei anderen Rechtsschulen als rechtmäßig an. Strikt bekämpften sie die schiitischen Perser. Sofern Christen und Juden als Besitzer heiliger Schriften die Herrschaft des Islam anerkannten, wurden diese als Schutzbefohlene (Dhimmis) gegen die Zahlung einer Kopf- oder Wehrersatzsteuer auch toleriert, hatten aber keinen Zugang in die osmanische Hierarchie. Nur die von der Regierung ernannten Leiter der geduldeten Buchreligionen (z. B. der Patriarch von Konstantinopel) hatten quasi die Funktion von osmanischen Staatsbeamten. Auch die orthodoxen Woiwoden der Walachei und Moldau wurden von der „Hohen Pforte“ (dem Amtssitz des Großwesirs) als christliche Vasallen eingesetzt.

Kann es einen „Euro-Islam“ geben?

Ob es heutzutage einen „Euro-Islam“ ohne systematische Bindung an die strengen Regeln der islamischen Rechtslehre (Madhhab) geben oder überleben kann, bleibt anzuzweifeln und jedenfalls abzuwarten. Soll er nur für Zugewanderte oder auch für ihre Herkunftsländer gelten? Die hohe Fertilität und der laufende Zuzug von Muslimen fördern die Segregation der abendländischen Gesellschaften, aber nicht die Assimilierung. Da die muslimischen Migranten in den kulturchristlichen Ländern auch in den schon hier geborenen Generationen ihre Fremdheit merken, verstärkt dies vielfach die Abgrenzungserscheinungen und vermindert die Angleichungsbereitschaft. Dazu kommt noch jene islamistische Kulturpropaganda, die mehr oder weniger offen die Unterwanderung des Abendlandes zu seiner Übernahme fordern. Die Zahl der Anpassungswilligen ist gering, sodass der „clash of civilizations“ bereits hier stattfindet und sich die außenpolitischen Zusammenstöße vermehren werden. Wie wäre es mit einer Rückwanderung in die Länder des islamischen Friedens (Dar as-Salam)?

Muslimische Rechtsgelehrte lehnen in der Regel die abendländische „Aufklärung“ als gottlos ab und halten solche Europäer für dekadente Atheisten. Wer sich dem Willen Allahs bedingungslos hingibt und ihn für das oberste Gesetz ansieht, ist gefeit vor westlichen Anbiederungsversuchen. Zumal es nicht nur Türkengräuel, sondern auch solche von Abendländern gab. Die Trennung von Staat und Religion ist nach muslimischer Tradition unvorstellbar, wie auch noch für die heutige Minderheit der konservativen Christen. Nach dem Ende des Kolonialismus wäre es fast schon verwegen, die politische Fremdherrschaft abgeschüttelt zu haben, aber das ideologische und soziologische Rechtssystem der ehemaligen Kolonialherren beibehalten zu wollen. Wie schon die Osmanen in ihren letzten zweieinhalb Jahrhunderten zwar die europäische Militärtechnik geschätzt und nachzuahmen versucht haben, so akzeptieren die heutigen Muslime die westliche Technik, aber nicht mehr. Einen Schutz vor dem politisch aggressiven Islamismus besteht nicht in dem hoffnungslosen Versuch, Muslime zur Demokratie, Feminismus und gender mainstreaming bekehren und an die Stelle der Theokratie setzen zu wollen, sondern in der bewussten Pflege und Weiterentwicklung der eigenen europäischen Kultur.

Literaturhinweise:

Peri J. Bearman (Herausgeber): The Islamic school of law: evolution, devolution and progress. Cambridge Mass., Harvard Univ. Press, 2005.

Josef von Hammer: Des Osmanischen Reichs Staatsverfassung und Staatsverwaltung. 2 Bände, Camesianische Buchhandlung, Wien 1815.

Josef von Hammer: Geschichte des Osmanischen Reiches. 10 Bände. Verlag C. A. Hartleben, Pest 1827–1835.

Nikolae Jorga: Geschichte des Osmanischen Reiches. 5 Bände. Verlegt bei Friedrich August Perthes, Gotha 1908–1913.

Richard F. Kreutel (Herausgeber): Kara Mustafa vor Wien: Das türkische Tagebuch der Belagerung Wiens 1683, verfasst vom Zeremonienmeister der Hohen Pforte. Verlag Styria, Graz 1955.

Thomas J. Moser: Politik auf dem Pfad Gottes: Zur Genese und Transformation des militanten sunnitischen Islamismus. Innsbruck University Press, Innsbruck 2012.

Ignatius Mouradgea d’Ohsson: Allgemeine Schilderung des Othomanischen Reichs. Zuerst Paris 1788 ff. Übersetzt von Christian Daniel Beck, 2 Bände. Weidmannische Buchhandlung, Leipzig 1788/1793.

Osman Aga: Der Gefangene der Giauren. Die abenteuerlichen Schicksale des Dolmetschers Osman Aga aus Temeschwar, von ihm selbst erzählt. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Richard Franz Kreutel und Otto Spies, in der Reihe Richard Franz Kreutel (Herausgeber): Osmanische Geschichtsschreiber, Band 4. Verlag Styria, Graz 1962.

Gerhard Schweizer: Abkehr vom Abendland. Östliche Traditionen gegen westliche Zivilisation. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1986.

Bassam Tibi: Euro-Islam: die Lösung eines Zivilisationskonfliktes. Primus Verlag, Darmstadt 2009.

Johann Wilhelm Zinkeisen: Geschichte des Osmanischen Reichs in Europa. 7 Bände. Verlegt bei Friedrich August Perthes, Gotha und Hamburg 1863.

(Als „Welcher Islam ist gemeint? Große Herausforderungen für Europa.“ In Zur Zeit 32/2019. W3-Verlag, Wien August 2019, S. 40–42).

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Bearbeitungsstand: Freitag, 27. September 2019

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