Kriegsende in Syrien?


Die EU zeichnet sich durch weitgehende Verhandlungs-Absenz aus

 
Von Peter Toplack

Am 14. Oktober 2019 trat der russische Präsident Wladimir Putin seinen Staatsbesuch in Saudi-Arabien an. Wenig ist bisher über die Gespräche bekannt geworden. Auf dem Rückflug machte Putin eine kurze Station am russischen Militärflugplatz Hmeimim bei Latakia in Syrien und traf sich dort mit dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad. Vor den versammelten Offizieren der Militärbasis hielt Putin eine Ansprache, in der er verkündete, dass der Krieg in Syrien beendet sei und im Laufe der Zeit das russische Militär bis auf die notwendige Besatzung des Flugplatzes (für 49 Jahre von Syrien gepachtet) und des Militärhafens in Tartus abgezogen werde.

Es war mir schon seit einiger Zeit klar, dass sehr intensiv von fünf Staaten an Friedensbemühungen gearbeitet wurde, wobei letztlich die Wahrung des Gesichts und die Erzielung der jeweils größtmöglichen politischen Erfolge bei möglichst geringem finanziellen Aufwand bei der Einsicht der notwendigen Beendigung der kriegerischen Handlungen das tatsächliche Ende erst schleichend herbeiführen kann. Meine Quellen haben mir nur „fünf Staaten“ genannt, dass diese aber nur USA, Russland, Syrien, der Iran und die Türkei sein können, lag nach dem Verlauf der langjährigen Gespräche auf der Hand.

Ich habe nun am 16. Oktober 2019 von einer Quelle aus Damaskus die Bestätigung für die fünf „verdächtigten“ Staaten und für Putins Aussage erhalten. Dadurch werden auch das anscheinende derzeitige Durcheinander im Norden Syriens sowie die Eroberungen der syrischen Armee im Gebiet von Idlib verständlich. Wann nun endgültig mit dem letzten Schuss zu rechnen sein wird, hängt von den genannten Bedingungen mit „Gesicht und politischem Erfolg“ zusammen.

Übrigens, ist irgendein Land der so stolzen und ihre Werte verteidigenden EU unter den Ländern, die für den Frieden einzutreten versuchen, zu finden? Frankreich hat sich im ersten Syrienkrieg von März/April 2011 bis Juni 2012 (Friedensabkommen Genf I, von den NATO-Ländern bereits im Juli 2012 gebrochen) vor allem aus wiedererwachten kolonialen Gefühlen sehr stark beteiligt, dann aber im zweiten Krieg viel stärker zurückgehalten und mehr Hintergrundarbeit geleistet als die Unterstützung der außersyrischen „Regierung“ der Moslembrüder Syriens in Istanbul, Waffenschiebereien, Unterstützung der „White Helmets“ etc., aber mit der Agitation nie aufgehört.

Bevor auf die informellen Einigungen zwischen den fünf Staaten eingegangen wird, soll gerade ein Teil der Agitation Frankreichs kurz beschrieben werden.

Ein französischer Konzern als Unterstützer der Terroristen

Als nach der Ankündigung von Präsident Trump im Dezember 2018, die amerikanischen Truppen aus Syrien abzuziehen, dieses Vorhaben immer konkreter wurde, tauchten natürlich Bedenken auf, weil sich im kurdischen Nordsyrien eine Kommandostation der sogenannten Koalition gegen den IS, deren Mitglieder verschiedene NATO-Länder sind, befindet. In dieser Station machten bis vor kurzer Zeit Militärs aus den USA, aus Frankreich und aus Norwegen Dienst. Die Briten haben Nordsyrien schon vor einiger Zeit verlassen. Diese Station befand sich in der vor wenigen Jahren aufgegebenen französischen Zementfabrik von Lafarge-Holcim.$2 Am 17.10. kamen Meldungen, dass erstens die USA mit zwei F-15-Kampfflugzeugen ihren Teil der Station zerbombt hätten, um restliche Unterlagen und Munition zu zerstören. Zweitens aber kam gleich danach die Meldung, dass die französischen samt den norwegischen Militärs sich schleunigst hinter den Amerikanern auf den Weg in den Irak gemacht hätten, nicht ohne große Teile des Werkes in Brand zu setzen. Insgesamt hatten die Franzosen neun Militärstationen, über Nord- und Ostsyrien verteilt, inne, die aber bereits alle verlassen sind.

Was hat es aber so Besonderes mit dieser zum Teil zerstörten Zementfabrik an sich? Im Jahre 2017 tauchten in Frankreich Nachrichten auf, die eine Verstrickung des Konzerns Lafarge-Holcim in die Finanzierung des IS (Daesh) offenzulegen schienen. Die Zeitung „Le Monde“ musste in Eile einen Artikel veröffentlichen, der das so gut wie möglich in Abrede stellen sollte. Aber es blieb nicht abzuleugnen, dass sich der Konzern seit Ende 2012 zur Gänze im Bereich von ständig wechselnden, aus der Türkei nach Syrien gekommenen internationalen Terroristengruppierungen befand und trotzdem durchschnittlich jährlich 2,6 Millionen Tonnen (!) Zement produzierte und auslieferte. Privat hat kaum jemand so viel Zement für einen Wohnbau in diesem kriegerischen Gebiet benötigt, wo doch große Teile der Zivilbevölkerung vor den wenig zimperlichen Terroristen in die Türkei geflohen sind.

Dieser Zement wurde an den IS (Daesh), bei uns auch unter „Islamischer Staat“ oder „Kalifat“ bekannt, ausgeliefert. Damit wurden die riesigen Bunkeranlagen oberirdisch, vor allem aber auch unterirdisch gebaut. Kilometerlange Tunnelanlagen wurden von der syrischen Armee eingenommen, aber die Terroristen waren in diesen Anlagen trotzdem sehr gut geschützt und dadurch zu Gegenangriffen jederzeit bereit. Die militärische Lage im Land wurde bis Ende 2015 für die syrische Regierung brisant. Erst als Russland ab September 2015 seine Spezialflugzeuge in Syrien einsetzte und diese mit den speziellen tiefgehenden Bomben diese Anlagen fast alle sprengten, war es der syrischen Armee möglich, große Teile des Landes wieder in Besitz zu nehmen und die Bevölkerung entsprechend zu schützen.

Wer hat Lafarge-Holcim dafür und auch für die bekannt gewordenen Schmiergelder an den IS finanziert? Das weiß wahrscheinlich niemand, am wenigsten jemand in der EU! Übrigens war bis zum Antritt der Präsidentschaft ihres Mannes Hillary Clinton im Aufsichtsrat dieser Firma.

Was ist so wichtig an Nordsyrien?

Um die Probleme, die die Türkei mit der Kurdenorganisation YPG (die in Syrien tätige Version der PKK) und der SDF hat, verständlich zu machen, würde der Platz für diesen Artikel nicht ausreichen. Es wird für Interessierte auf einen Artikel desselben Autors hingewiesen,$2 aus dem zum besseren Verständnis ein Bild gezeigt werden soll. Es werden in den letzten Monaten, aber besonders in den letzten Tagen in unseren Medien etwas undifferenzierte Berichte über die Lage „der Kurden“ in Nordsyrien gebracht, die vor allem in der linksgerichteten Meinungsbildung unserer Medien begründet sind. Außerdem wird Präsident Erdogan als besonders böse dargestellt, weil man ganz einfach nicht weiß, wie man ihm begegnen kann. Man hat in den letzten Jahrzehnten im Umgang mit vielen türkischen Politikern, die sich nicht wesentlich anders als er verhalten haben, versäumt, eine stabile und unveränderliche Position aufzubauen und diese vor allem konsequent zu vertreten. Ganz im Gegenteil haben Politiker der EU-Länder ebenso wie die EU-Führung selbst ständig von Werten fabuliert, die aber selbst immer wieder gebrochen wurden.

Bild 1

Gegen Ende des Jahres 2014 kam es zum Kampf um die Grenzstadt Kobane, die vom IS bedroht wurde. Um der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, Widerstand zu leisten, wurden Kämpfer der PKK aus dem Irak in diese Stadt geschleust, wobei die Türkei einen Transport über ihr Staatsgebiet nicht gestattete. Die Stadt konnte gehalten werden, wobei die USA den Kurden etwas mehr half als dem IS, denn sie warf Waffenlieferungen aus Flugzeugen an beide ab, viel mehr aber an die Kurden!

Nachdem der IS etwas von der Grenze zur Türkei weggedrängt war und die PKK-Kurden nicht in den Irak zurückkehrten (auch dort bestand kein Interesse an ihnen), wurde ihre starke Militärmacht ausgenutzt, um das Loch im Korridor zwischen den ostsyrischen und den westsyrischen Kurden zwischen Juli und August 2015 zu schließen. So entstand der Landstrich, der als vermeintliches kurdisches Staatsgebiet Rojava genannt worden ist, benannt nach der Bezeichnung eines letztlich nicht realisierten Gebietes in Syrien, das in einem schwärmerischen Versuch zur Zeit der französischen Mandatsherrschaft in der Zwischenkriegszeit als Kurdengebiet mit gewissen Freiheiten entstehen hätte sollen. Erst in der Zeit der eher linken Präsidentschaften mit immer stärkerer Ausrichtung nach der Political Correctness hat man sich daran erinnert und immer stärker die Partei eines kurdischen Rojava ergriffen, die Mainstream-Medien der EU und auch die Regierung der Bundesrepublik mitziehend.

In diesem Gebiet begingen die von PKK in YPG umbenannten Kurden aber schwere Vergehen gegen die Menschenrechte, bedrängten und verdrängten christlich-arabische und sunnitisch-arabische Familien und setzten sich in deren Besitz fest. Der Schulunterricht wurde trotz arabischer Mehrheit nur mehr in Kurdisch geführt etc. Die YPG wurde im Oktober 2015 von den USA mit arabischen Milizen aus Bewohnern der Ostseite des syrischen Euphrats zu den SDF (Syrian Democratic Forces) vereinigt, die bei geringer Bodenunterstützung vor allem aus der Luft gesichert wurden. Durch sie und durch europäische sowie amerikanische NATO-Truppen wurden die Reste des IS vertrieben, und die SDF übernahmen als Art Proxytruppen den Schutz dieses Gebiets.

Europa – vor allem aber Frankreich – jubelte ob des Sieges der Kurden

Der Nordteil dieses von den SDF (inklusive YPG) besetzten Gebiets bildete heute den Knackpunkt in den Verhandlungen der fünf genannten Länder, und irgendwie ist es auch bezeichnend, dass es bei der hoffentlich baldigen Beilegung der Krise zu Menschenrechtsverletzungen und sicher auch zu Verbrechen kommen wird. Was aber mit Verbrechen von allen Seiten begonnen hat, mit Verbrechen vor allem einer Seite fortgeführt wurde, scheint nur auf diese Weise zu beenden zu sein.

Wieder einmal haben Kurden, wie schon in den letzten 130 Jahren, zu leiden, weil sie sich politisch verzockt und auf das falsche Pferd gesetzt haben.

Das offensichtliche Übereinkommen der fünf Länder

Seit langer Zeit versucht Russland, die syrische Regierung, die nur wenig Freiheiten hat, trotzdem behutsam auf seine Linie zu bringen. Schwieriger war es aber, die Türkei auf eine Position zu bringen, aus der vernünftige Abschlüsse von Verhandlungen erreicht werden konnten. Leichter war es da mit dem Iran, der keine Gebietsansprüche hatte, sondern um die Sicherheit der Schiiten in Syrien und dem Libanon besorgt ist. Es gab unzählige Verhandlungsrunden in Sotschi und auch in Ankara sowie in Teheran, oft auf Ebene der Präsidenten, sehr oft der von hohen Beamten. Dazu kamen Gipfeltreffen zwischen Russland und den USA im Juni 2019 in Tel Aviv (hohe Beamte, Sicherheitsberater) und im August in Genf (Präsidenten). Bei den meisten Treffen war die syrische Regierung nicht anwesend, wurde aber immer sehr eng in Kenntnis gesetzt.

Sehr wichtig war für die Fortschritte der Gespräche die Ankündigung von Präsident Trump am 17. Dezember 2018, die Truppen der USA aus Syrien abzuziehen. Diese Ankündigung wurde im Sommer 2019 präzisiert, indem jenes kleine Gebiet ausgenommen wurde, welches at-Tanf genannt wird und im Grenzgebiet Jordanien-Irak-Syrien liegt. Von diesem Gebiet aus kann man die Straße, über die man den Iran bzw. den Libanon in jeweils direkter Linie erreicht, gut überwachen. Damit konnten israelische Einwände zum Abkommen überwunden werden.

Hier hakte die Türkei ein, indem sie die Besetzung des Grenzstreifens von 20 Meilen (heute 32 km) Tiefe südlich der türkisch-syrischen Grenze als Bedingung für den amerikanischen Abzug machte.

Syrien hat signalisiert, dass ein türkischer Vormarsch in diesen Streifen nicht sofort militärisch begegnet wird. Dafür hat Syrien von der Türkei die Zusicherung erhalten, in der Provinz Idlib einen etwa gleich großen Gebietsstreifen wie den jeweils aktuell von der Türkei besetzten, den dortigen Terroristen abringen zu können. Diese Provinz Idlib ist das letzte Refugium der Terroristen, die das ganze Land über acht Jahre an den Rand des Untergangs gebracht haben. Auf internationale Vereinbarung hin wurden diese Leute samt ihren Familien aus Gebieten, wo ihr Widerstand gegen die Syrische Arabische Armee zwecklos geblieben ist, als Überlebensangebot in die Provinz Idlib transferiert, wo sich schon seit 2012 die schlimmsten terroristischen Vereinigungen (al-Nusra, später al-Qaida etc.) niederlassen konnten. Heute steht dieses Gebiet unter Schutz der Türkei.

Vor wenigen Wochen gab es im südlichen Bereich dieser Provinz einen Vormarsch von syrischen Truppen, durch den die Terroristen zurückgeschlagen wurden und türkische Truppenposten dabei zugesehen haben. Heute kann man verstehen, warum das so einfach möglich war. Der Gebietsgewinn der Syrer erfasste den südlichen Teil der Provinz bis knapp südlich von Maarat an Numan (etwa bis zur ersten in Bild 2 innerhalb von Idlib von West nach Ost führenden Straße).

Bild 2: Ausschnitt einer Syrienkarte/cartedumonde.net

Dabei kamen die USA der Syrischen Arabischen Armee zu Hilfe, indem sie am 31. August nördlich der Provinzstadt Idlib ein Treffen von Führern der al-Qaida bombardierten, wobei sie die Koordinaten des Ziels vom türkischen Geheimdienst bekommen hatten. Es soll 40 Tote gegeben haben. Man muss dazu noch sagen, dass das Ziel im russischen Einflussbereich des Luftwaffenstützpunktes Hmeimim bei Latakia lag und keine russische Reaktion zu vermerken war. Diese Aktion war unter den fünf Ländern abgesprochen und war für mich damals schon das Hauptzeichen, dass sich etwas in Richtung auf die Beilegung der Krise bewegt.

Aus dem oben Geschilderten kann man ersehen, dass der Einmarsch der türkischen Truppen in einen Teil des syrischen Kurdengebietes am 9. Oktober bei vorhergegangenem Rückzug der geringen Kräfte der USA aus diesem Gebiet in den Irak nicht eine Gewalttat auf Befehl Erdogans war, sondern im Zusammenspiel der bei den verschiedensten Geheimtreffen erzielten Kompromisse.

Das Einmarschgebiet ist etwa gleich groß wie der zuvor erzielte Gebietsgewinn der syrischen Truppen in Idlib und erstreckt sich (siehe Bild 2) von Ost nach West genau von der Westgrenze der Provinz al-Hasakah bis auf die Höhe von Ras al-Ain. Im Norden begrenzt von der Ländergrenze erstreckt sich das Gebiet bis zur über viele hundert Kilometer parallel zur türkischen Grenze verlaufenden wichtigen Straße M4, die im Bild als rote Linie zu erkennen ist und etwa 30 km von der Grenze entfernt verläuft. Bezeichnend für die erzielten Abmachungen ist auch, dass die syrische Armee im Zuge des Beginns des türkischen Einmarsches von Süden über al-Hasakah nach Tal Tamir vorgestoßen ist, ohne in das türkische Wunschgebiet einzudringen.

Es wurden diese letzten Vorgänge deshalb etwas ausführlicher dargestellt, um dem Leser, der nicht unbedingt über die syrische Geografie Bescheid weiß, die Möglichkeit zu geben, die interessanten Vorgänge zu verstehen und auch Abstand zur europäischen Berichterstattung zu gewinnen.

Zu den ernsten Vorgängen gehört aber meiner Meinung nach auch das theaterreife Spiel wie z. B. der kollegiale Brief von Präsident Trump an Präsident Erdogan, in dem dieser klarmachte, dass weitere US-Sanktionen als die bereits verkündeten schwachen (Wiedereinführung eines 50-prozentigen Zolls auf türkischen Stahl, der erst in diesem Jahr gestrichen worden war) zu erwarten seien, dann der kolportierte Wurf dieses Briefes durch Erdogan in den Papierkorb, danach der Besuch von Vizepräsident Mike Pence in Ankara, wo beide Seiten einander mit ernsten und steifen Mienen gegenübersaßen, und die daraus folgende Aussetzung der Sanktionen und als angeblicher Erfolg eine fünftägige Ruhe der militärischen Aktionen erarbeitet wurde. Es sind zweifellos noch lange nicht die Kampfflugzeuge durch Friedenstauben ersetzt, aber die ersten Schritte zu einer Lösung wurden – und das vor allem durch den Einsatz der russischen Diplomatie, was gerade die EU-Europäer nicht einsehen wollen – gemacht.

Der Iran war an Aktionen im Kurdengebiet uninteressiert, solange nur die Schiiten in Syrien – in welcher Form auch immer, Zwölfer-Schiiten$2 oder Alaviten etc. – und im Libanon geschützt blieben. Er hat sich auch mit der Überwachung der Fernstraße, über die der Iran mit Damaskus bzw. Beirut eine Verbindung aufbauen kann, abfinden müssen. Dass aber der Iran in diese Gespräche eingebunden war, ist ein Zeichen, dass sich auch großflächig im Nahen Osten oder Mittleren Osten auf mittlere oder längere Sicht etwas zu friedlicheren Zeiten hin ändern könnte. Ausschlaggebend dafür kann der Staatsbesuch von Präsident Trump in Saudi Arabien 2017 gewesen sein, bei dem er die arabischen Staaten am Persischen Golf aufgefordert hat, die Finanzierung von Terroristen und die Waffenspenden an die in Syrien tätigen Terrororganisationen einzustellen: Der erste Schritt zu einem möglichen Frieden.

Auch hier haben viele Medien in Europa in Befolgung des Auftrages der Führerschaft der Political Correctness und in Anlehnung an die Agitationen der Demokratischen Partei gegen den Präsidenten Trump offenbar völlig den Hintergrund übersehen.

Auch der russische Präsident Putin hat anlässlich seines Staatsbesuchs in Riad die Führung von Saudi-Arabien um mehr Respekt gegenüber den Iran gebeten, was sicher nicht ungehört bleiben wird.

Was kann mittelfristig für Syrien erwartet werden?

Auf jeden Fall werden in der nahen Zukunft die Friedenstauben noch ein schusssicheres Gefieder brauchen. So leicht lässt sich die Lage nicht beruhigen, obwohl sich die nichtkämpfende Bevölkerung schon innig Frieden herbeiwünscht.

Zuerst gilt es, die ausländischen Kämpfer, die sich in der Provinz Idlib als Mitglieder der verschiedenen Kampfgruppen aufhalten, außer Landes zu bringen, ebenso die in verschiedenen Lagern im Gebiet der SDF inhaftierten Kämpfer des IS samt deren Familien. Dazu gehören auch einige tausend Staatsbürger europäischer Länder. Über einen langen Zeitraum waren sich hauptsächlich die EU-Länder überhaupt nicht im Klaren, was sie mit diesen Menschen machen sollen. Das Problem wurde immer dringender, weil die Türkei den Zeitpunkt ihres Einmarsches in das Kurdengebiet mit einem Tag im Oktober 2019 festgelegt hatte. Vor einigen Monaten, am 22. Juli, setzte die Türkei die Europäische Union von der einseitigen Aussetzung des Abkommens zur Eindämmung des Migrantenstroms in Kenntnis, das vor allem deswegen, um einen Strom von Kämpfern des IS und anderer Gruppen nach dem Einmarsch gleich nach Europa umlenken zu können. Europa blieb im angenehmen Schlaf und träumte von einer glorreichen Besetzung der wichtigen Posten der EU-Kommission und Verwaltung und von einer möglichen Hintertreibung eines Volksentscheides bezüglich des Austritts Großbritanniens, ganz nach den hohen Demokratiewerten.

Am 23. August ordnete das Pentagon die Zerstörung bzw. Demontage der YPG-Befestigungen im Norden Syriens an, damit vereinbarungsgemäß den einmarschierenden türkischen Truppen nicht zu viel Widerstand entgegengesetzt werden kann. Am 5. Oktober forderten die USA die in der Koalition zur Bekämpfung des IS mitarbeitenden europäischen Länder zur Rücknahme ihrer Staatsbürger auf, die als IS-Kämpfer samt Familien im Bereich des Rojava gefangen gehalten wurden. Am 6. Oktober erklärten die USA ihre Unzuständigkeit für diese Gefangenen, und tags darauf begannen sie mit dem Abzug ihrer Truppen aus Syrien. Am 9. Oktober marschierte die türkische Armee in Gebiete Nordsyriens ein, wobei die Leitung absichtsvoll auch kurdischen Generälen (!) übergeben wurde. Die Milizen, die die Armee begleiteten, bestehen zum großen Teil aus syrisch-turkmenischen Gruppen.

Die syrische Armee rückte von Süden her in das von den USA verlassene Gebiet nach und besetzte Städte wie Manbidj oder al-Hasakah, die nicht in dem von der Türkei beanspruchten Gebiet liegen. Dort, wo die Truppen einander nahekamen, fuhren Kontingente der russischen Militärpolizei zur Trennung auf. Am 13. Oktober kam es in der russischen Luftwaffenbasis Hmeimim bei Latakia zu einem Treffen von SDF- (bzw. YPG-) Politikern mit russischen Vermittlern und syrischen Politikern. Die Kurden ordneten sich zum Großteil den Syrern unter. Jene Teile, die sich den Forderungen (Eingliederung in die syrische Armee, Rückgabe der Ländereien, Häuser und Wohnbereiche, die Christen und Sunniten entwendet wurden, an die ursprünglichen Besitzer bzw. an aus der Türkei rückkehrende Flüchtlinge).

Nochmals muss betont werden, dass die Umsetzung der Vereinbarungen nicht völlig reibungsfrei verlaufen wird. Auch hier wird Russland der Hauptteil des Einbremsens von Übergriffen oder überschießenden neuen politischen Absichten zukommen. Da ist es sehr günstig, dass Russland sowohl zu Syrien (weniger problematisch) als auch zur Türkei (eher problematisch) gute Beziehungen unterhält. Außerdem kommt im Gesamten Russland der seit 2015 stetig zunehmende Prestigegewinn im Nahen Osten zugute. In diesen Tagen trifft sich Präsident Erdogan mit Präsident Putin in Russland, um verschiedene aufgetretene Ansichtsdivergenzen auszubügeln.

Abschließend muss nochmals bemerkt werden, dass – außer als Zielrichtung möglicher flüchtiger Kämpfer – Länder der Europäischen Union weder als Teilnehmer der Verhandlungsgespräche (einziger europäischer Ort blieb Genf) noch beim Versuch der Umsetzung genannt werden.

Anmerkungen

[1] Die Lafarge-Holcim Ltd. mit den Marken Holcim und Lafarge gehört mit 82.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von ca. 26 Mrd. Schweizer Franken zu den größten Baustoffherstellern der Welt und hat ihren Hauptsitz im eidgenössischen Rapperswil-Jona. Der Name Holcim leitet sich aus der früheren Unternehmensbezeichnung Holderbank (nach dem gleichnamigen Ort) und vom französischen ciments für Zement ab.

[2] Genius-Lesestück Nr. 5/November–Dezember 2015: „Das Dilemma der Türkei“

[3] Die Zwölfer-Schiiten (nach deren Lehre es zwölf Imame gibt) bilden mit 80 Prozent Anteil die überwältigende Mehrheit der Schiiten, weshalb man sie häufig ganz allgemein als die Schiiten bezeichnet. Ihre Gesamtanzahl wird auf 175 Millionen und ihr Anteil an der muslimischen Bevölkerung weltweit auf elf Prozent geschätzt. Im Iran, in Aserbeidschan, im Irak und in Bahrain stellen die Zwölfer-Schiiten die Bevölkerungsmehrheit.

Bearbeitungsstand: Montag, 25. November 2019

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